Erhöhter Hämatokrit und Multiple Sklerose: Ursachen, Bedeutung und Zusammenhang

Der Hämatokrit (Hkt) ist ein wichtiger Blutwert, der den Anteil der festen Blutbestandteile (hauptsächlich rote Blutkörperchen) am Gesamtblutvolumen angibt. Er beeinflusst die Fließfähigkeit des Blutes und somit die Sauerstoffversorgung des Körpers. Ein erhöhter Hämatokrit kann verschiedene Ursachen haben und das Risiko für Komplikationen wie Thrombosen und Schlaganfälle erhöhen. Obwohl der Hämatokritwert nicht direkt zur Diagnose von Multipler Sklerose (MS) verwendet wird, kann er im Rahmen von Blutuntersuchungen bei MS-Patienten bestimmt werden und wichtige Informationen liefern.

Was ist der Hämatokrit?

Der Hämatokrit (Hkt, HCT oder HK) beschreibt den prozentualen Anteil der zellulären Bestandteile im Blutvolumen. Zu diesen Bestandteilen gehören rote Blutkörperchen (Erythrozyten), weiße Blutkörperchen (Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten). Da die Erythrozyten den größten Anteil der Blutzellen ausmachen (über 95 Prozent), spiegelt der Hämatokritwert hauptsächlich den Anteil der roten Blutkörperchen im Blut wider. Der Hämatokrit wird in Prozent angegeben.

Sinkt der Flüssigkeitsanteil des Blutes, steigt der Hämatokrit. Das Blut wird zähflüssiger und fließt langsamer. Dies kann das Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln (Thrombosen) erhöhen, die Blutgefäße verstopfen und zu einem Schlaganfall führen können. Umgekehrt ist der Hämatokrit erniedrigt, wenn das Blut zu "dünnflüssig" ist.

Wann wird der Hämatokrit-Wert bestimmt?

Der Hämatokrit wird im Rahmen einer Routineblutuntersuchung im sogenannten "kleinen Blutbild" bestimmt. Er liefert erste Informationen über die Beschaffenheit des Blutes und den Wasserhaushalt des Patienten. Der Hämatokritwert wird in Prozent angegeben. Er kann entweder in einem Blutzellzählgerät berechnet oder durch Zentrifugation der Blutprobe bestimmt werden.

Die Bestimmung des Blutbilds wird im Rahmen vieler Routineuntersuchungen vorgenommen, wie z.B. bei der Gesundheitsvorsorge, bei Verdacht auf Blutarmut, einer gestörten Blutbildung oder vor einer Operation. Diese Routinechecks gehören zur Bestimmung des kleinen Blutbilds. Ein großes Blutbild wird gemacht, wenn eine zusätzliche Bestimmung der verschiedenen Leukozyten notwendig ist, z.B. bei Verdacht auf Infektionen. Daher wird das große Blutbild auch gerne Differentialblutbild genannt. Typisch für die Anforderung eines Blutbildes ist, wenn unspezifische Symptome vorliegen wie z.B.

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Hämatokrit-Normalwerte

Die Hämatokrit-Normwerte (in Prozent) richten sich nach Alter und Geschlecht:

Alterweiblichmännlich
bis 2 Wochen39,6 - 57,2 %39,8 - 53,6 %
3 bis 4 Wochen32,0 - 44,5 %30,5 - 45,0 %
1 Monat27,7 - 35,1 %26,8 - 37,5 %
2 bis 5 Monate29,5 - 37,1 %28,6 - 37,2 %
6 bis 24 Monate30,9 - 37,9 %30,8 - 37,8 %
2 bis 5 Jahre31,2 - 37,8 %31,0 - 37,7 %
6 bis 11 Jahre32,4 - 39,5 %32,2 - 39,8 %
12 bis 15 Jahre33,4 - 40,4 %33,9 - 43,5 %
ab 16 Jahre36,6 - 44,0 %40,0 - 49,5 %

Ursachen für einen erhöhten Hämatokrit-Wert

Ein erhöhter Hämatokrit-Wert (Polyglobulie) kann verschiedene Ursachen haben:

  • Flüssigkeitsmangel (Dehydration): Bei Flüssigkeitsverlusten, z. B. durch starkes Schwitzen, Durchfall oder unzureichende Flüssigkeitsaufnahme, sinkt der Flüssigkeitsanteil im Blut, wodurch sich der Hämatokrit erhöht.
  • Sauerstoffmangel: Chronischer Sauerstoffmangel, z. B. durch Lungenerkrankungen, Rauchen oder einen längeren Aufenthalt in großer Höhe, kann den Körper dazu anregen, mehr rote Blutkörperchen zu produzieren, um den Sauerstofftransport zu verbessern. Dies führt zu einem erhöhten Hämatokrit.
  • Polyglobulie: Bei der Polyglobulie ist die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut erhöht.
  • Polycythaemia vera: Die Polycythaemia vera ist eine seltene Erkrankung des Knochenmarks, bei der es zu einer Überproduktion von Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten kommt.
  • Blutdoping: Die Einnahme von Erythropoetin (EPO) oder anderen Substanzen zur Steigerung der Erythrozytenproduktion führt zu einem erhöhten Hämatokrit.
  • Nierenerkrankungen: Einige Nierenerkrankungen können die Produktion von Erythropoetin steigern und somit die Erythrozytenproduktion ankurbeln.

Ein hoher Hämatokritwert kann auf Dauer gefährlich für die Gesundheit sein: Je zähflüssiger das Blut, desto mehr muss das Herz arbeiten, um die Organe zu versorgen. Dickes Blut fließt langsamer und lässt das Risiko für Thrombosen und Schlaganfälle ansteigen.

Ursachen für einen erniedrigten Hämatokrit-Wert

Ein erniedrigter Hämatokrit-Wert kann folgende Ursachen haben:

  • Blutarmut (Anämie): Bei einer Anämie ist die Anzahl der roten Blutkörperchen oder der Hämoglobingehalt im Blut vermindert.
  • Überwässerung: Eine übermäßige Flüssigkeitsaufnahme kann das Blut verdünnen und den Hämatokritwert senken.
  • Blutverlust: Akute oder chronische Blutverluste, z. B. durch Verletzungen, Operationen oder Magen-Darm-Blutungen, können zu einem erniedrigten Hämatokrit führen.
  • Erkrankungen: Nierenschwäche, Schilddrüsenunterfunktion und Herzinsuffizienz.

Ein niedriger Hämatokrit ist aufgrund von Blutarmut wird der Arzt diese je nach Ursache behandeln. Allerdings kann auch eine Überwässerung der Grund sein, wenn der Hämatokrit niedrig ist, etwa infolge von exzessivem Trinken von Wasser. Der Hämatokrit steigt dann normalerweise mit der Zeit wieder von selbst an.

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Was tun bei einem erhöhten oder erniedrigten Hämatokrit-Wert?

Wurde in einer Laborwertkontrolle ein erhöhter Hämatokrit festgestellt, sollte man ausreichend trinken, um den Flüssigkeitsanteil des Blutes zu erhöhen. Kann der hohe Hämatokritwert auf eine Zell-Überproduktion zurückgeführt werden, müssen weitere Untersuchungen folgen. Gegebenenfalls wird ein sogenannter „Aderlass“ durchgeführt. Hierbei wird über eine Nadel in einer Vene Blut abgelassen. Diese Maßnahme kann den Hämatokrit schnell und nebenwirkungsarm senken.

Zusammenhang zwischen Hämatokrit und Multipler Sklerose

Obwohl der Hämatokritwert nicht direkt zur Diagnose von Multipler Sklerose verwendet wird, kann er im Rahmen von Blutuntersuchungen bei MS-Patienten bestimmt werden. Es gibt keine direkten Hinweise darauf, dass MS-Patienten generell einen erhöhten oder erniedrigten Hämatokritwert aufweisen. Der Hämatokritwert kann jedoch durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden, die auch bei MS-Patienten auftreten können, wie z. B.:

  • Medikamente: Einige Medikamente, die zur Behandlung von MS eingesetzt werden, können den Hämatokritwert beeinflussen. Beispielsweise können Beta-Interferone, die häufig zur verlaufsmodifizierenden Therapie von MS eingesetzt werden, in seltenen Fällen zu einer Verminderung der Erythrozyten, des Hämatokrits und des Hämoglobins führen.
  • Begleiterkrankungen: MS-Patienten können Begleiterkrankungen haben, die den Hämatokritwert beeinflussen, wie z. B. Nierenerkrankungen oder Herzinsuffizienz.
  • Flüssigkeitsmangel: MS-Patienten mit motorischen Einschränkungen haben möglicherweise Schwierigkeiten, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, was zu einem erhöhten Hämatokrit führen kann.

Blutuntersuchungen bei Multipler Sklerose

Bei der Diagnose und Verlaufskontrolle von Multipler Sklerose werden verschiedene Blutuntersuchungen durchgeführt, um andere Ursachen für die Symptome auszuschließen, den allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten zu beurteilen und mögliche Nebenwirkungen der Behandlung zu überwachen. Zu den häufigsten Blutuntersuchungen bei MS gehören:

  • Kleines und großes Blutbild: Zur Beurteilung der Blutzellen (Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten) und des Hämoglobins.
  • Leber- und Nierenwerte: Zur Überprüfung der Organfunktionen und zum Ausschluss von Begleiterkrankungen.
  • Schilddrüsenwerte: Zum Ausschluss von Schilddrüsenerkrankungen, die ähnliche Symptome wie MS verursachen können.
  • Vitamin-B12-Spiegel: Zum Ausschluss eines Vitamin-B12-Mangels, der neurologische Symptome verursachen kann.
  • Autoantikörper: Zum Ausschluss anderer Autoimmunerkrankungen.
  • Biomarker: In der Forschung werden verschiedene Biomarker im Blut untersucht, die möglicherweise auf einen MS-Schub oder das Fortschreiten der Erkrankung hinweisen könnten. Ein Beispiel ist der Autoantikörper gegen das Protein Alpha-Fodrin, der bei MS-Patienten während eines Schubs erhöht sein kann.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Diagnose von Multipler Sklerose in der Regel nicht allein auf der Grundlage von Blutuntersuchungen gestellt wird. Vielmehr werden die Ergebnisse der Blutuntersuchungen in Kombination mit anderen diagnostischen Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und Rückenmarks, der Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) und der neurologischen Untersuchung berücksichtigt.

Multiple Sklerose: Ein Überblick

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark), bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift. Die Myelinscheiden sind Schutzhüllen, die die Nervenfasern umgeben und für eine schnelle und reibungslose Weiterleitung von Nervenimpulsen sorgen. Durch die Entzündung und Zerstörung der Myelinscheiden kommt es zu einer gestörten Nervenleitgeschwindigkeit, was zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen kann.

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Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen der Multiplen Sklerose sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren eine Rolle spielt, darunter:

  • Genetische Faktoren: MS ist keine direkt vererbte Krankheit, aber es gibt eine gewisse genetische Veranlagung. Das Risiko, an MS zu erkranken, ist erhöht, wenn bereits ein Familienmitglied an MS erkrankt ist.
  • Umweltfaktoren: Verschiedene Umweltfaktoren werden mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht, darunter:
    • Vitamin-D-Mangel: Ein niedriger Vitamin-D-Spiegel im Blut wird mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht.
    • Infektionen: Bestimmte Virusinfektionen, wie z. B. das Epstein-Barr-Virus (EBV), werden als mögliche Auslöser von MS diskutiert.
    • Rauchen: Rauchen erhöht das Risiko, an MS zu erkranken und kann den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen.
    • Geografische Lage: MS tritt häufiger in Regionen auf, die weiter vom Äquator entfernt liegen.
  • Immunologische Faktoren: Bei MS richtet sich das Immunsystem fälschlicherweise gegen körpereigenes Gewebe, insbesondere die Myelinscheiden der Nervenfasern.

Symptome

Die Symptome der Multiplen Sklerose sind sehr vielfältig und können von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Sie hängen davon ab, welche Bereiche des zentralen Nervensystems von der Entzündung betroffen sind. Häufige Symptome sind:

  • Sehstörungen: Doppeltsehen, verschwommenes Sehen, Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis).
  • Sensibilitätsstörungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Schmerzen in Armen, Beinen oder im Gesicht.
  • Motorische Störungen: Muskelschwäche, Spastik, Koordinationsstörungen, Gleichgewichtsstörungen.
  • Fatigue: Chronische Müdigkeit und Erschöpfung.
  • Kognitive Störungen: Gedächtnisprobleme, Konzentrationsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite.
  • Blasen- und Darmfunktionsstörungen: Inkontinenz, häufiger Harndrang, Verstopfung.
  • Sexuelle Funktionsstörungen: Erektionsstörungen, verminderte Libido.

Diagnose

Die Diagnose der Multiplen Sklerose basiert auf verschiedenen Kriterien, darunter:

  • Neurologische Untersuchung: Der Arzt untersucht die neurologischen Funktionen des Patienten, wie z. B. dieSensibilität, Motorik, Koordination und Reflexe.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT ist ein bildgebendes Verfahren, mit dem Entzündungsherde (Läsionen) im Gehirn und Rückenmark sichtbar gemacht werden können.
  • Liquoruntersuchung: Bei der Liquoruntersuchung wird Nervenwasser aus dem Rückenmark entnommen und auf bestimmte Entzündungsmarker untersucht.
  • Ausschluss anderer Erkrankungen: Es ist wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome wie MS verursachen können.

Behandlung

Die Behandlung der Multiplen Sklerose zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Schubfrequenz zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Die Behandlung erfolgt in drei Phasen:

  • Schubtherapie: Bei einem akuten MS-Schub werden hochdosierte Glukokortikoide (z. B. Methylprednisolon) eingesetzt, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
  • Verlaufsmodifizierende Therapie: Die verlaufsmodifizierende Therapie zielt darauf ab, die Schubfrequenz zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Hierfür stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung, wie z. B. Beta-Interferone, Glatirameracetat, Natalizumab, Fingolimod, Alemtuzumab, Ocrelizumab, Ofatumumab und Siponimod.
  • Symptomatische Therapie: Die symptomatische Therapie zielt darauf ab, die einzelnen Symptome der MS zu lindern, wie z. B. Fatigue, Spastik, Schmerzen, Blasenfunktionsstörungen und kognitive Störungen. Hierfür stehen verschiedene Medikamente und nicht-medikamentöse Therapien zur Verfügung, wie z. B. Physiotherapie, Ergotherapie undPsychotherapie.

Leben mit Multipler Sklerose

Das Leben mit Multipler Sklerose kann eine Herausforderung sein. Es ist wichtig, sich über die Erkrankung zu informieren, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Bewegung und Stressbewältigung kann ebenfalls dazu beitragen, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

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