Die Parkinson-Krankheit, eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen, betrifft in Deutschland etwa 400.000 Menschen. Sie ist durch Symptome wie verlangsamte Bewegungen (Akinese), Zittern (Tremor) und Muskelsteifheit (Rigor) gekennzeichnet. Ursächlich für diese Symptome ist der Verlust von Dopamin produzierenden Nervenzellen im Gehirn. Dopamin, ein wichtiger Neurotransmitter, spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung von Bewegungen, Motivation und Gefühlswahrnehmungen. Die Forschung zu den Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten der Parkinson-Krankheit ist daher von großer Bedeutung.
Dopamin und seine Rolle bei Parkinson
Dopamin ist ein lebenswichtiges Hormon und Botenstoff im Nervensystem. Es steigert die Motivation, die Vorfreude und fördert den Antrieb. Daher ist Dopamin auch als Glückshormon bekannt. Als Botenstoff überträgt Dopamin über die Nerven elektrische Impulse vom Gehirn zu den Muskeln. Dadurch werden beispielsweise Bewegungen gesteuert.
Dopamin wird im Nervensystem und im Nebennierenmark gebildet, dem inneren Teil der Nebenniere. Die Nebenniere ist eine pyramidenförmige Drüse, die auf jeder Niere sitzt. Wird es ausgeschüttet, steigt unter anderem der Blutdruck und das Herz schlägt schneller.
Bei der Parkinson-Krankheit sterben Dopamin produzierende Nervenzellen in der Substantia nigra, einer Hirnregion im Mittelhirn, ab. Dies führt zu einem Dopaminmangel, der das empfindliche Gleichgewicht der Nervenbotenstoffe stört. Der Körper gleicht diesen Mangel lange Zeit aus, aber erst wenn etwa 60 Prozent der Dopamin-produzierenden Nervenzellen abgestorben sind, macht sich der Dopaminmangel durch die Bewegungsstörungen bemerkbar, die für Parkinson so typisch sind.
Der Dopaminmangel ist jedoch nicht die einzige Ursache von Parkinson. Weil immer weniger Dopamin vorhanden ist, steigt zum Beispiel die Menge des Botenstoffes Acetylcholin an. Experten vermuten, dass dies der Grund für das Zittern (Tremor) und die Muskelsteifheit (Rigor) bei Parkinson ist.
Lesen Sie auch: Der Zusammenhang: Wechseljahre, Hormone, Demenz
Tiefe Hirnstimulation und Dopamin-Nachahmung
Die Behandlung von Parkinson erfolgt in der Regel mit Medikamenten, die das fehlende Dopamin ersetzen. Nach einigen Jahren lässt die Wirkung jedoch nach und stark beeinträchtigende Nebenwirkungen stellen sich ein. Für einige Patient:innen kommt in dieser Situation eine tiefe Hirnstimulation infrage.
Mittels tiefer Hirnstimulation können elektrische Impulse die Wirkung des Dopamins nachahmen, wie Forschende der Charité - Universitätsmedizin Berlin jetzt zeigen konnten. In der Fachzeitschrift Brain* beschreiben sie den Einfluss des Botenstoffs auf Hirnnetzwerke, die die Absicht einer Bewegung weiterleiten. Ziel ist es, die tiefe Hirnstimulation weiterzuentwickeln.
Ein Forschungsteam um die Neurowissenschafter:innen Prof. Andrea Kühn, Prof. John-Dylan Haynes und Prof. Wolf-Julian Neumann an der Charité hat sich die Frage gestellt, was im Gehirn in den Sekunden passiert, bevor sich ein Arm hebt oder eine Hand schließt, welche Rolle der Botenstoff Dopamin bei der Kommunikation der verantwortlichen Hirnschaltkreise hat und ob sich möglicherweise durch eine gezielte Stimulation von Hirnarealen der Effekt von Dopamin nachempfinden lässt. Im Sonderforschungsbereich ReTune unter Federführung des Nachwuchswissenschaftlers Richard Köhler sowie gemeinsam mit internationalen Kolleg:innen arbeitet das Team daran, die Behandlung von Patient:innen mit Bewegungsstörungen durch tiefe Hirnstimulation voranzubringen. Hierbei werden feine Elektroden ins Gehirn eingesetzt. Sie senden elektrische Impulse an Nervenzellen, die bestimmte Bewegungen beeinflussen. Realisiert werden die dazu notwendigen neurochirurgischen Eingriffe unter anderem an der Charité.
Um das Verfahren noch wirkungsvoller und präziser zu gestalten, haben die Neurowissenschaftler:innen dort angesetzt, wo Bewegungen entstehen, und untersucht, wie sie im Gehirn vorbereitet werden. „Wir haben uns eine Kombination recht außergewöhnlicher Methoden zunutze gemacht“, erklärt Andrea Kühn. „Bei Parkinson-Patient:innen, die sich einer neurochirurgischen Operation zur tiefen Hirnstimulation unterzogen hatten, haben wir Hirnsignale von Bewegung auslösenden Arealen der Hirnrinde und aus der Tiefe des Gehirns gemessen, während sie bewusste Bewegungen durchführten. Diese Hirnsignale haben wir anschließend über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle und mit Methoden des Maschinellen Lernens ausgelesen.“ So war es möglich, eine Bewegungsabsicht sehr früh, noch vor der eigentlichen Muskelaktivierung, aufzuspüren. Bereits Sekunden vor der eigentlichen Aktion konnten die Forschenden die Absicht zu einer Bewegung entschlüsseln.
Um dem Einfluss von Dopamin auf die Spur zu kommen, wiederholten sie den Vorgang vor und nach einer Gabe des Botenstoffes - mit erstaunlichem Ergebnis: „Das Dopamin beschleunigt den Prozess von der Bewegungsintention, also dem Zeitpunkt, an dem das Gehirn erstmals anzeigt, dass eine Bewegung in Planung ist, bis zur eigentlichen Durchführung, deutlich. Auch die Frequenz der Hirnsignale ändert sich, was zu einer schnelleren Umsetzung einer Bewegung führt“, so der Hirnforscher John-Dylan Haynes.
Lesen Sie auch: Neurotransmitter und Hormone im Vergleich
Der Verlust von Dopamin beim Parkinson-Syndrom beeinträchtigt die Kommunikation zwischen tiefen Hirnregionen und motorischer Hirnrinde, auch die Kommunikationsfrequenz verschiebt sich. Genau an dieser Stelle setzt das Team therapeutisch an: „Durch gezielte tiefe Hirnstimulation konnten wir den Effekt von Dopamin imitieren. Die Kommunikation im Hirnnetzwerk wurde schneller und die für Parkinson typische Bewegungsverzögerung verkürzte sich“, sagt Wolf-Julian Neumann. „Das ist besonders spannend, weil wir zukünftig die tiefe Hirnstimulation im Sinne einer intelligenten Gehirn-Computer-Schnittstelle einsetzen könnten“, blickt der Neurowissenschaftler nach vorn. „Sobald der Wille zu einer Bewegung ausgelesen wird, ließe sich mittels elektrischer Impulse der Weg bis zu ihrer Ausführung beschleunigen.“
Solche sogenannten Hirnschaltkreisprothesen können krankhaft veränderte Hirnsignalmuster korrigieren - in diesem Fall Bewegungsabsichten in Echtzeit entschlüsseln und eine Hirnstimulation anstoßen, sobald sich Patient:innen bewegen wollen. Weitere Forschungsarbeiten werden sich anschließen, um die Therapieform weiterzuentwickeln.
Progesteron und seine schützende Wirkung
Forschenden ist es gelungen, einen schützenden Einfluss des Steroidhormons Progesteron auf die Nervenzellen im Magen-Darm-Trakt nachzuweisen. Das Enterische Nervensystem (ENS) besteht aus circa 100 Millionen Nervenzellen und erstreckt sich entlang des gesamten Gastrointestinaltrakts. Es steuert Verdauungsprozesse, kommuniziert aber auch mit dem zentralen Nervensystem (ZNS).
Im Fachjournal »Cells« haben Paula Maria Neufeld und Lennart Norman Stegemann von der Ruhr-Universität Bochum die Ergebnisse von Laborexperimenten veröffentlicht. Die beiden Forschenden kultivierten über mehrere Wochen hinweg Nervenzellen aus dem ENS und behandelten sie mit einem Zellgift, um schädliche Bedingungen zu simulieren, die einer Parkinson-Erkrankung ähneln. Dabei stellten sie fest, dass die Nervenzellen, die zusätzlich mit Progesteron behandelt wurden, deutlich seltener abstarben als die unbehandelten Zellen.
„Unsere Forschung liefert wichtige Erkenntnisse zur Vervollständigung des Grundlagenwissens über die Rolle der Progesteronrezeptoren im Enterischen Nervensystem“, sagt Neufeld in einer Pressemitteilung der Ruhr-Universität. Stegemann ergänzt darin, es bestehe „die Hoffnung, dass steroidbasierte Therapieansätze dazu beitragen könnten, neurodegenerative Erkrankungen zu verlangsamen oder sogar zu stoppen“.
Lesen Sie auch: Pferdegesundheit: Druse, Gehirn und Hormone im Fokus
Paula Neufeld und Lennart Stegemann konnten einen schützenden Einfluss des natürlichen Steroidhormons Progesteron auf die Nervenzellen des ENS nachzuweisen. In einer Reihe von Experimenten kultivierten sie über mehrere Wochen hinweg Nervenzellen aus dem ENS und behandelten sie mit einem Zellgift, um schädliche Bedingungen zu simulieren, die einer Parkinsonerkrankung ähneln.
Sie konnten feststellen: Die Nervenzellen, die zusätzlich mit Progesteron behandelt wurden, starben deutlich seltener ab als die unbehandelten Zellen.„Unsere Forschung liefert wichtige Erkenntnisse zur Vervollständigung des Grundlagenwissens über die Rolle der Progesteronrezeptoren im Enterischen Nervensystem. Das eröffnet völlig neue Wege für die Untersuchung der neuroprotektiven Wirkmechanismen von Progesteron in- und außerhalb des Darmtrakts“, sagt Paula Neufeld. Lennart Stegemann ergänzt, dass „diese Studie möglicherweise den Weg für neue steroidhormonbasierte Therapieansätze ebnen könnte. Es besteht zudem die Hoffnung, dass steroidbasierte Therapieansätze dazu beitragen könnten, neurodegenerative Erkrankungen zu verlangsamen oder sogar zu stoppen“.
Die Nervenzellen des Magen-Darm-Trakts kommunizieren mit Gehirn und Rückenmark . Das lässt vermuten, dass das Nervensystem des Verdauungstrakts Einfluss auf Prozesse im Gehirn nehmen könnte, die zu Parkinson führen. Paula Neufeld und Lennart Stegemann von der Ruhr-Universität Bochum haben in den Nervenzellen des Magen-Darm-Trakts Progesteronrezeptoren nachgewiesen und gezeigt, dass Progesteron die Zellen schützt. Ihre Entdeckung eröffnet Perspektiven für die Entwicklung von neuroprotektiven Therapieansätzen, um Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer entgegenzuwirken.
Das Enterische Nervensystem (ENS) und die Darm-Hirn-Achse
Das Enterische Nervensystem (ENS) ist ein komplexes Netzwerk, das sich entlang des gesamten Magen-Darm-Trakts erstreckt. Es besteht aus etwa 100 Millionen Nervenzellen, steuert autonom Verdauungsprozesse und wird oft als zweites Gehirn des Menschen bezeichnet. Seine Funktion geht jedoch weit über die Verdauung hinaus: Neueste Forschungen haben gezeigt, dass das ENS intensiv mit dem zentralen Nervensystem (ZNS), also Gehirn und Rückenmark, kommuniziert.
„Die Verbindung des ENS mit dem ZNS wird aktuell mit der Entstehung verschiedener neurologischer Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Alzheimer, aber auch Depressionen assoziiert“, erklärt Prof. Carsten Theiß, Leiter der Abteilung Cytologie der Ruhr-Universität. Die Darm-Hirn-Achse ist dabei keine Einbahnstraße: Beide Nervensysteme beeinflussen sich wechselseitig.
Nahrung hat einen direkten Einfluss auf das Darmmikrobiom, das wiederum in Wechselwirkung mit dem ENS steht. Studien zeigen: Die Zusammensetzung des Mikrobioms kann über die Darm-Hirn-Achse, insbesondere über den Vagusnerv, auch Einfluss auf das ZNS nehmen, und Erkrankungen wie Morbus Parkinson begünstigen. Eine ausgewogene Ernährung kann somit nicht nur zum Erhalt der Nervenzellen im Darm beitragen, sondern vermutlich ebenfalls eine Parkinson-Erkrankung um Jahre hinauszögern oder gar verhindern.
Weitere Hormone und Botenstoffe im Fokus
Neben Dopamin und Progesteron rücken auch andere Hormone und Botenstoffe in den Fokus der Parkinson-Forschung.
Irisin: Ein Sporthormon mit Potenzial
Prof. Baltimore - Das Peptid Irisin, das auch beim Menschen nach sportlichen Aktivitäten von Muskelzellen freigesetzt wird, hat in einer experimentellen Studie an Mäusen den Abbau von Alpha-Synuklein in den Lysosomen der Hirnzellen beschleunigt und dadurch die Ausbreitung eines parkinsonähnlichen Krankheitsbildes vermindert.
Vor gut 10 Jahren hatte ein Team um Bruce Spiegelman vom Dana-Faber Institute in Boston entdeckt, dass Muskelzellen nach sportlichen Aktivitäten ein kurzes Polypeptid ans Blut abgeben, das möglicherweise eine hormonelle Wirkung hat.
Die Aminosäuresequenz des Sporthormons, das sie nach der einer griechischen Götterbotin Irisin nannten, ist bei Mäusen und Menschen zu 100 % identisch, was auf eine wichtige Funktion im Stoffwechsel hindeutet. Welche Funktion dies ist, konnte bisher nicht sicher ermittelt werden.
Inzwischen vermuten die Forscher, dass Irisin eine positive Wirkung auf das Gehirn haben könnte. Im Hippocampus soll es die Neubildung von Synapsen fördern, was die günstige Wirkung von sportlichen Aktivitäten auf kognitive Fähigkeiten erklären könnte.
In der aktuellen Studie hat das Team um Ted Dawson von Johns Hopkins Medicine die möglichen Auswirkungen von Irisin auf diese degenerative Hirnerkrankung untersucht.
Ein Modell der Erkrankung sind Mäuse, denen eine Variante von Alpha-Synuklein ins Striatum injiziert wird. Es handelt sich um eine vorgeformte Fibrille (preformed fibril, PFF), die sich im Gehirn wie ein Prion verhält. Sie verändert die Konfiguration von natürlichem Alpha-Synuklein so, dass dieses in den Lysosomen abgelagert wird.
Diese Ablagerungen ähneln den Lewy-Körperchen, die ein Merkmal des Morbus Parkinson sind. Einige Forscher vermuten, dass ein Morbus Parkinson sich im Gehirn in ähnlicher Weise ausbreiten kann wie Prionen, was das Fortschreiten der Erkrankung und die spätere Entwicklung einer Demenz erklären würde.
Die Mäuse erkrankten nach der Injektion der PFF an einem parkinsonähnlichen Krankheitsbild. Dies konnte bei den Tieren durch eine Gentherapie verhindert werden, die eine Kopie des Irisin-Gens in der Leber ablegte. Die Mäuse produzierten dann vermehrt Irisin, das als kleines Peptid die Blut-Hirn-Schranke passiert. Die weiteren Untersuchungen ergaben, dass Irisin in den Nervenzellen den Abbau von PFF fördert und damit eine Akkumulation verhindert.
Diese Wirkung wurde auch im Labor an Kulturen von Gehirnzellen beobachtet. Auch hier verhinderte Irisin, dass es zu einer Anhäufung von PFF und damit zum Absterben der Zellen kam.
Inwiefern die Ergebnisse für Patienten mit Morbus Parkinson klinisch relevant sind, ist unklar. Die Forscher haben sich jedoch bereits ein Patent für die Anwendung beim Menschen gesichert. Da die Halbwertzeit von Irisin kurz ist, käme in erster Linie eine Gentherapie infrage.
Das Gen für Irisin würde dabei in adeno-assoziierte Viren verpackt. Diese würden nach einer einmaligen Infusion die Leber infizieren und dort kontinuierlich das Protein herstellen.
GLP-1-Rezeptor-Agonisten: Diabetesmittel mit Parkinson-Potenzial?
Gerade ist eine französische Studie zu einem Wirkstoff zur Diabetes-Behandlung erschienen, der möglicherweise auch bei Parkinson hilft. An der Studie nahmen 156 Probandinnen und Probanden mit leichtem bis mittelschwerem Parkinson teil. Die Hälfte bekam das Diabetesmittel, die anderen nur ein Placebo. Alle schluckten außerdem weiter ihre Standardmedikamente. Nach einem Jahr hatte sich die Parkinson-Erkrankung in der Placebogruppe verschlechtert.
Noch ist offen, wie sich der positive Effekt bei Parkinson erklären lässt. Möglicherweise liegt es daran, dass der Wirkstoff Entzündungen bekämpft. Ob Menschen mit Parkinson dieses oder ein anderes Diabetesmittel einmal verordnet bekommen, ist im Moment noch fraglich. Denn der Unterschied zur unbehandelten Gruppe war eher klein, und es gab unerfreuliche Nebenwirkungen, vor allem Übelkeit.
Für David Standaert, einem Neurologen an der University of Alabama in Birmingham, ist es vor allem wichtig, ob der Effekt länger als ein Jahr anhält und ob er mit den Behandlungsjahren zunimmt oder klein bleibt. Das sind alles sogenannte GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Jetzt kommt es auf Langzeitstudien an. Wenn sich Parkinson mit dieser Klasse von Diabetesmitteln über mehrere Jahre stoppen ließe, wäre das ein Riesenfortschritt.
GLP-1 steht für "Glucagon-like peptide 1". Das ist ein Hormon, das natürlich im Körper vorkommt. Es stimuliert die Insulinproduktion und senkt den Blutzuckerspiegel nach den Mahlzeiten.
Weitere Therapieansätze und Erkenntnisse
Neben medikamentösen Therapien und der tiefen Hirnstimulation gibt es weitere vielversprechende Ansätze und Erkenntnisse, die den Alltag mit Parkinson erleichtern können.
Neuroprothesen: Neue Hoffnung für Gehfähigkeit
Ende vergangenen Jahres gab es aufsehenerregende Ergebnisse: Ein französischer Parkinson-Patient kann jetzt dank einer neuartigen Neuroprothese zum ersten Mal seit Jahren wieder weitgehend normal laufen. Eine Chirurgin in Lausanne hat dem Mann mehrere kleine Pulsgeber direkt am Rückenmark implantiert. Und zwar genau an den Stellen, an denen die Nervensignale für die Beinbewegungen abgehen.
Das Problem sind die Informationen, die aus dem Gehirn Richtung Beine losgesendet werden. Genau hier hat das Forschungsteam angesetzt und diese Information durch elektrische Signale korrigiert. Dieses Jahr sollen sechs weitere Menschen mit Parkinson in Lausanne behandelt werden. Danach wissen wir mehr darüber, wie aussichtsreich der Ansatz auch für andere Patienten ist.
Bedeutung von Bewegung und Ernährung
Die neue Behandlungsleitlinie betont unter anderem, dass es neben dem Zittern und den Bewegungsstörungen weitere häufige Probleme bei Parkinson gibt, die aber oft übersehen werden. Dazu gehören niedriger Blutdruck, Verstopfung, Schwierigkeiten mit der Blase und Sprach- oder Schluckstörungen.
Ganz wichtig ist, dass Parkinson sich auch mit Bewegung und Ernährung positiv beeinflussen lässt. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Ausdauersport dem Abbau von körperlichen und geistigen Fähigkeiten bei Menschen mit Parkinson entgegenwirkt. Wer an Parkinson leidet, könnte auch von spezieller Physiotherapie und kognitiven Übungen profitieren. Doch solche maßgeschneiderten Programme erreichen bisher nur wenige Betroffene.
Sportliche Übungen haben sich auch in der Frühphase des Morbus Parkinson als hilfreich erwiesen. In einer Reihe von randomisierten Studien konnte gezeigt werden, dass sich ein Ausdauertraining günstig auf motorische Fähigkeiten, Gleichgewicht und Gangbild der Patienten auswirkt.
Ursachenforschung: Defekte Kernkörperchen und oxidativer Stress
Wissenschaftler des Nationalen Genomforschungsnetzes NGFN haben nun eine mögliche Ursache für das Sterben der Neuronen gefunden. Bei Parkinson-Patienten enthalten eben diese Dopamin produzierenden Nervenzellen im Zellkern defekte Strukturen, die oxidativen Stress auslösen und so die Neurodegeneration in Gang setzen.
Was ist der Grund dafür, dass im Gehirn von Parkinson-Patienten Dopamin produzierende Nervenzellen absterben? Ein Blick unter das Mikroskop gab den Wissenschaftlern um Prof. Dr. Günther Schütz vom Deutschen Krebsforschungszentrum einen ersten Hinweis: Genau diese Nervenzellen sehen bei Parkinson-Patienten anders aus als bei Gesunden. "Die Dopamin produzierenden Nervenzellen von Parkinson-Patienten enthalten größtenteils defekte Kernkörperchen", berichtet Professor Schütz.
Kernkörperchen, auch Nukleoli oder kleine Kerne genannt, sind winzige Strukturen im Zellkern, die für die Proteinsynthese notwendig sind. "Die Kernkörperchen haben eine wichtige Funktion. In ihnen werden aus RNA-Molekülen und Proteinen die Ribosomen zusammengebaut, die eigentlichen Proteinfabriken der Zelle." Fehlerhafte Kernkörperchen wurden schon bei mehreren seltenen Erbkrankheiten beobachtet.
Um die Rolle der Kernkörperchen bei der Entstehung von Parkinson zu verstehen, veränderten die Wissenschaftler das Erbgut von Mäusen so, dass die Dopamin produzierenden Zellen der Tiere nur defekte Kernkörperchen ausbilden konnten. Das Ergebnis: Die Mäuse zeigten Symptome, die dem Krankheitsbild Parkinson ähneln, also zum Beispiel die charakteristische Bewegungseinschränkung von Parkinson-Patienten, die Akinese. Außerdem starben in den Gehirnen der Tiere die Dopamin produzierenden Nervenzellen ab.
"Somit war klar: Defekte Kernkörperchen rufen im Tiermodell parkinsonähnliche Symptome hervor und haben somit voraussichtlich auch beim Menschen etwas mit der Entstehung von Parkinson zu tun", fasst Professor Schütz die Ergebnisse des Projektes zusammen, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN-Plus) gefördert wurde.
Die fehlerhaften Kernkörperchen verändern die molekularen Abläufe der Nervenzellen. So wird ein wichtiges Enzym, mTOR, in seiner Aktivität gedrosselt. "mTOR ist ein zentrales Schlüsselenzym für viele zelluläre Signalwege und reguliert sowohl Wachstum und Stoffwechsel als auch das Überleben von Zellen", sagt Professor Schütz. Als Konsequenz ist die Funktion der Zellkraftwerke, der Mitochondrien, gestört, und diese Funktionsstörung macht sich durch oxidativen Stress bemerkbar. Hierbei sammeln sich hochreaktive Sauerstoffverbindungen in der Zelle an.
"Defekte Kernkörperchen bewirken also offenbar oxidativen Stress in der Nervenzelle. Dies wiederum kann die Zelle massiv schädigen und ist eine Voraussetzung für die typischen Nervenschäden bei Parkinson", so Professor Schütz. "Denn gerade Dopamin produzierende Nervenzellen reagieren besonders empfindlich auf oxidativen Stress."
Allerdings wissen die Forscher bislang nicht, ob die fehlerhaften Kernkörperchen tatsächlich alleiniger Auslöser für die Neurodegeneration sind. In einem weiteren Forschungsprojekt des NGFN haben sich Professor Schütz und seine Kolleginnen und Kollegen ebenfalls mit dem Absterben von Dopamin produzierenden Nervenzellen befasst. Schalteten sie den Transkriptionsfaktor Pten in Dopamin produzierenden Nervenzellen von Mäusen aus, führte dies zu einer Aktivierung des mTOR-Signalwegs. "Hierdurch wurden die Dopamin produzierenden Neuronen vor dem Zelltod geschützt", sagt Professor Schütz, "und Mäuse, die zuvor Parkinson-ähnliche Symptome zeigten, konnten sich nach Abschalten von Pten wieder ohne Probleme bewegen."