Die Impfung gegen Humane Papillomaviren (HPV) ist ein wichtiger Baustein zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs und anderen HPV-bedingten Erkrankungen. Seit ihrer Einführung hat die HPV-Impfung weltweit Kontroversen ausgelöst, insbesondere im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen und neurologische Komplikationen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über den aktuellen Wissensstand zu diesem Thema, basierend auf wissenschaftlichen Studien, Expertenmeinungen und offiziellen Empfehlungen.
Hintergrund der HPV-Impfung
Humane Papillomaviren (HPV) sind eine Gruppe von Viren, die sexuell übertragen werden können. Es gibt über 200 verschiedene HPV-Typen, von denen einige als Hochrisiko-Typen gelten, da sie Gebärmutterhalskrebs, aber auch andere Krebsarten wie Analkrebs, Peniskrebs und Tumoren im Mund- und Rachenraum verursachen können. Andere HPV-Typen, insbesondere die Typen 6 und 11, sind für die Mehrzahl der Genitalwarzen verantwortlich.
Um die Möglichkeit einer späteren Erkrankung mit Gebärmutterhalskrebs zu reduzieren, hat die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) im Jahr 2007 die generelle Impfung gegen humane Papillomaviren (Typen HPV 16, 18) für alle Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren empfohlen. Mittlerweile wird die Impfung auch für Jungen empfohlen, da sie auch vor anderen HPV-bedingten Krebsarten und Genitalwarzen schützen kann.
Verfügbare Impfstoffe
In Deutschland stehen zwei Arten von HPV-Impfstoffen zur Verfügung:
- Zweifach-Impfstoff (bivalenter HPV-Impfstoff): Schützt vor den Hochrisiko-HPV-Typen 16 und 18 (verantwortlich für ca. 70 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs).
- Neunfach-Impfstoff (neunvalenter HPV-Impfstoff): Schützt vor den Hochrisiko-Typen 16, 18, 31, 33, 45, 52 und 58 (verantwortlich für ca. 90 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs) und vor den Niedrigrisiko-Typen HPV 6 und 11 (Hauptauslöser der Feigwarzen).
Die HPV-Impfstoffe enthalten Eiweiße (Proteine) aus der Hülle des Virus (Kapsid). Gegen diese Eiweiße bildet das Abwehrsystem spezielle Antikörper. Diese ermöglichen eine schnelle und gezielte Abwehr, wenn ein Mensch nach der Impfung mit den Erregern in Kontakt kommt.
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Empfehlungen zur Impfung
Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung für alle Kinder im Alter von neun bis 14 Jahren. Verpasste Impfungen sollten spätestens bis zum Alter von 17 Jahren nachgeholt werden. Die Impfung erfolgt idealerweise vor dem ersten Geschlechtsverkehr, da man sich mitunter schon beim ersten Sex mit HPV ansteckt.
Für Kinder von neun bis 14 Jahren empfehlen Mediziner ein Zwei-Dosen-Impfschema für die Grundimmunisierung: Es werden zwei Dosen der HPV-Impfung im Abstand von mindestens fünf Monaten verabreicht. Wenn weniger als fünf Monate zwischen den beiden Dosen der HPV-Impfung liegen, dann ist nach einigen Monaten eine dritte Impfdosis (also insgesamt drei Teil-Impfungen) zu empfehlen, um die Grundimmunisierung zu vervollständigen. Bei Beginn mit der Impfserie der HPV-Impfung ab 15 Jahren sind grundsätzlich drei Impfdosen für die Grundimmunisierung notwendig.
Neurologische Komplikationen im Zusammenhang mit der HPV-Impfung
Nach der Zulassung der HPV-Impfstoffe gab es Berichte über mögliche neurologische Komplikationen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung. Diese Berichte haben zu Bedenken und Verunsicherung in der Öffentlichkeit geführt. Es ist wichtig, diese Bedenken ernst zu nehmen und die verfügbaren wissenschaftlichen Daten sorgfältig zu prüfen.
Fallberichte und Studien
Einige Fallberichte und Studien haben einen möglichen Zusammenhang zwischen der HPV-Impfung und dem Auftreten von neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose (MS), akuter disseminierter Enzephalomyelitis (ADEM), Armplexusneuritis und dem Guillain-Barré-Syndrom untersucht.
- Armplexusneuritis: Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) berichtete über den Fall einer jungen Frau, die acht Wochen nach der zweiten Injektion von Gardasil® ein Schweregefühl in den Extremitäten verspürte und schließlich die Diagnose einer vorwiegend rechtsseitigen Neuritis des Plexus cervicobrachialis erhielt. Ein weiterer Fall einer Armplexusneuritis nach Impfung mit Gardasil® wurde publiziert.
- Demyelinisierende Erkrankungen des ZNS: Sutton et al. berichteten über fünf Fälle entzündlicher Erkrankungen des ZNS, die innerhalb von 28 Tagen nach Impfung mit Gardasil® aufgetreten sind. Drei Patientinnen hatten bereits zuvor erstmals klinische Symptome einer demyelinisierenden Erkrankung im Sinne eines sogenannten klinisch-isolierten Syndroms (KIS), sodass bei der jetzigen neuerlichen Symptomatik eine multiple Sklerose (MS) diagnostiziert wurde. Die beiden anderen Patientinnen zeigten nach Impfung erstmalig neurologische Symptome, eine hat inzwischen eine MS entwickelt.
- Multiple Sklerose (MS): In der deutschen Datenbank zu Verdachtsfällen von Impfkomplikationen und Impfnebenwirkungen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) sind zehn Fälle von MS im zeitlichen Zusammenhang mit einer HPV-Impfung erfasst, davon neun nach Gardasil® und einer nach Cervarix® (Stand Mai 2009). In fünf Fällen wurde der Kausalzusammenhang als "unwahrscheinlich" eingestuft, viermal als "nicht beurteilbar" und in einem Fall werden noch zusätzliche Informationen erwartet.
Bewertung des Risikos
Das Risiko schwerwiegender neurologischer Erkrankungen im Zusammenhang mit Impfungen wird insgesamt als extrem gering eingeschätzt (0,1 bis 0,2 Fälle pro eine Mio. Impfungen). Der Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Auftreten einer MS wurde bislang vor allem für Tetanus und Hepatitis B untersucht, ein kausaler Zusammenhang wurde dabei nicht bestätigt.
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Es ist wichtig zu betonen, dass ein zeitlicher Zusammenhang zwischen einer Impfung und dem Auftreten einer Erkrankung nicht zwangsläufig bedeutet, dass die Impfung die Ursache für die Erkrankung ist. Impfungen können genau wie Infektionen die fehlgeleitete Immunreaktion im Rahmen einer MS triggern, sodass eine Auslösung von Schüben möglich ist. Den chronisch entzündlichen Charakter der MS kann dies jedoch allein nicht erklären. Die MS wird als Autoimmunerkrankung angesehen, bei der das Zusammenspiel genetischer und umweltbedingter Suszeptibilitätsfaktoren zusammen mit Fehlregulationen der Immuntoleranz zur Initiierung und Chronifizierung der Erkrankung beitragen.
Aktuelle Studien und Erkenntnisse
Aktuelle Studien und Analysen haben gezeigt, dass die HPV-Impfung nicht mit einem erhöhten Risiko für Multiple Sklerose (MS) oder andere demyelinisierende Erkrankungen des zentralen Nervensystems einhergeht.
- Eine Kohortenstudie aus Skandinavien analysierte die Daten von fast 4 Millionen Mädchen und Frauen (2006-2013), darunter knapp 800 000, die insgesamt zwei Millionen Dosen des tetravalenten HPV-Impfstoffs erhalten hatten. Die Analyse ergab kein erhöhtes MS-Risiko bei der geimpften Gruppe im Vergleich mit Nicht-HPV-Geimpften. Auch die Inzidenz für andere demyelinisierende Erkrankungen war nicht erhöht.
- Eine Studie aus den USA wertete die Krankenakten eines Versicherungsunternehmens von 2008 bis 2011 aus und fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen einer Impfung und einer MS-Erkrankung. Nur in den ersten 30 Tagen nach der Impfung war das Risiko für eine neurologische Erkrankung erhöht, und dies nur bei den unter 50-Jährigen. Die Wissenschaftler gehen allerdings trotzdem nicht von einem ursächlichen Zusammenhang aus, sondern vermuten, dass eine Impfung bei Menschen mit einer bereits vorhandenen, unterschwelligen Erkrankung sichtbare Symptome beschleunigen könnte.
Meldung von Nebenwirkungen
Es ist wichtig, alle beobachteten Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) der AkdÄ zu melden. Dafür kann der Berichtsbogen verwendet werden, der regelmäßig im Deutschen Ärzteblatt abgedruckt wird oder aus der AkdÄ-Internetpräsenz abrufbar ist.
Nutzen und Risiken der HPV-Impfung
Die HPV-Impfung ist ein wirksames Mittel zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs und anderen HPV-bedingten Erkrankungen. Studien haben gezeigt, dass die Impfung das Risiko einer Infektion mit den Hochrisiko-Virustypen, die am häufigsten an der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs beteiligt sind (HPV 16 und 18), deutlich senkt. Der Neunfach-Impfstoff schützt zusätzlich vor weiteren HPV-Typen, die mitunter ebenfalls Gebärmutterhalskrebs auslösen, sowie vor den Hauptauslösern der Feigwarzen (HPV 6 und 11).
Zwei große Studien belegen zudem, dass die seit 2006 in Europa zugelassene HPV-Impfung tatsächlich Gebärmutterhalskrebs (Zervix-Karzinom) verhindern kann:
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- Die schwedische Studie (2020) mit mehr als 1,5 Millionen Mädchen / Frauen ergab: Frauen, die - bevor sie 17 Jahre alt waren - gegen HPV geimpft wurden, hatten ein um 88 Prozent geringeres Risiko für Gebärmutterhalskrebs als ungeimpfte Frauen.
- Die britische Studie (2021) belegte ebenfalls ein deutlich reduziertes Krebsrisiko durch die HPV-Impfung. Dabei zeigte sich: Je jünger die Mädchen bei der Impfung waren, desto geringer war ihr späteres Risiko für Gebärmutterhalskrebs.
Wie bei allen Impfungen können auch bei der HPV-Impfung Nebenwirkungen auftreten. Sehr häufige Nebenwirkungen sind Reaktionen an der Einstichstelle (Rötung, Schmerzen, Schwellung) und Kopfschmerzen. Häufige Nebenwirkungen sind Fieber, Juckreiz, Hautausschlag, Gelenkschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind extrem selten.
Die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die HPV-Impfung nicht mit einem erhöhten Risiko für neurologische Erkrankungen wie MS oder ADEM einhergeht. Das Risiko schwerwiegender neurologischer Komplikationen wird insgesamt als extrem gering eingeschätzt.
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