Hyperkaliämie: Neurologische Symptome, Ursachen und Behandlung

Die Hyperkaliämie, definiert als eine erhöhte Kaliumkonzentration im Blutserum, ist eine häufige Elektrolytstörung, die potenziell lebensbedrohlich sein kann. Dieser Artikel beleuchtet die neurologischen Symptome, die Ursachen und die verschiedenen Behandlungsansätze der Hyperkaliämie.

Einführung

Kalium ist ein essenzieller Mineralstoff für zahlreiche Körperfunktionen, insbesondere für die Aufrechterhaltung des Ruhemembranpotentials von Zellen, die Nervenleitung und die Muskelkontraktion. Eine Hyperkaliämie kann diese Prozesse beeinträchtigen und zu einer Vielzahl von Symptomen führen, von denen einige neurologischer Natur sind. Es ist wichtig, die Ursachen und Symptome der Hyperkaliämie zu verstehen, um eine schnelle und angemessene Behandlung einzuleiten.

Normwerte und Definition der Hyperkaliämie

Der Normbereich für Kalium im Serum liegt üblicherweise zwischen 3,5 und 5,0 mmol/l. Eine Hyperkaliämie wird in der Regel wie folgt definiert:

  • Milde Hyperkaliämie: 5,0-5,4 mmol/l
  • Moderate Hyperkaliämie: 5,5-5,9 mmol/l
  • Schwere Hyperkaliämie: 6,0-6,4 mmol/l
  • Lebensbedrohliche Hyperkaliämie: > 6,5 mmol/l

Es ist wichtig zu beachten, dass ein einzelner Laborwert noch keine Diagnose darstellt. Bei ungewöhnlich hohen oder sehr niedrigen Ergebnissen sollte eine Wiederholung der Messung erfolgen, idealerweise unter Berücksichtigung präanalytischer Faktoren wie Hämolyse.

Neurologische Symptome der Hyperkaliämie

Die klinische Symptomatik einer Hyperkaliämie kann vielfältig sein und umfasst neben kardialen und gastrointestinalen Beschwerden auch neurologische Manifestationen. Zu den neurologischen Symptomen gehören:

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  • Muskelschwäche: Dies ist eines der häufigsten neurologischen Symptome der Hyperkaliämie. Es kann von leichter Schwäche bis hin zu ausgeprägten Paresen reichen.
  • Parästhesien: Kribbeln oder Taubheitsgefühle, insbesondere in den Extremitäten.
  • Hyperreflexie und Krämpfe: In einigen Fällen kann es zu gesteigerten Reflexen und Krampfanfällen kommen.
  • Paresen: Lähmungserscheinungen, die im Extremfall zu Atemversagen führen können.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Symptome nicht immer mit dem Kaliumspiegel korrelieren. Selbst schwere Hyperkaliämien können ohne EKG-Anomalien oder ausgeprägte neurologische Symptome verlaufen.

Ursachen der Hyperkaliämie

Die Ursachen der Hyperkaliämie sind vielfältig und können in folgende Kategorien eingeteilt werden:

  • Verminderte Kaliumausscheidung:
    • Nierenerkrankungen: Akutes oder chronisches Nierenversagen ist eine der häufigsten Ursachen für Hyperkaliämie.
    • Medikamente: Bestimmte Medikamente können die Kaliumausscheidung über die Nieren beeinträchtigen, darunter ACE-Hemmer, Sartane, kaliumsparende Diuretika, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs) und Calcineurin-Inhibitoren.
    • Hypoaldosteronismus: Ein Mangel an Aldosteron, einem Hormon, das die Kaliumausscheidung fördert, kann zu Hyperkaliämie führen. Dies kann durch eine primäre Nebenniereninsuffizienz (Morbus Addison) oder durch Medikamente wie Heparin verursacht werden.
  • Erhöhte Kaliumfreisetzung aus Zellen:
    • Azidose: Eine metabolische Azidose, ein Zustand mit niedrigem pH-Wert im Blut, kann zu einer Verschiebung von Kalium aus den Zellen in den Extrazellulärraum führen.
    • Insulinmangel: Insulin fördert die Aufnahme von Kalium in die Zellen. Ein Insulinmangel, wie er bei Diabetes mellitus vorkommt, kann zu Hyperkaliämie führen.
    • Zellschäden: Verletzungen, Operationen, Tumorlyse, Hämolyse oder Rhabdomyolyse können zu einer Freisetzung von Kalium aus geschädigten Zellen führen.
    • Medikamente: Betablocker, Digitalis, Mannitol und Suxamethonium können den Kaliumaustritt aus den Zellen erhöhen.
  • Erhöhte Kaliumzufuhr:
    • Übermäßige Kaliumzufuhr: In seltenen Fällen kann eine übermäßige Kaliumzufuhr über die Nahrung oder intravenöse Infusionen zu Hyperkaliämie führen.
    • Kaliumhaltige Medikamente: Penicillin G, Kochsalzersatz und Blutkonserven können erhebliche Mengen an Kalium enthalten.

Es ist wichtig, die genaue Ursache der Hyperkaliämie zu ermitteln, um eine gezielte Behandlung einzuleiten.

Diagnostik der Hyperkaliämie

Die Diagnose der Hyperkaliämie basiert auf der Bestimmung des Serumkaliums. Zusätzlich sollten folgende Untersuchungen durchgeführt werden:

  • Anamnese: Eine gründliche Anamnese ist wichtig, um Risikofaktoren wie Nierenerkrankungen, Medikamenteneinnahme und Vorerkrankungen zu identifizieren.
  • Körperliche Untersuchung: Eine körperliche Untersuchung kann Hinweise auf den Volumenstatus und mögliche Ursachen der Hyperkaliämie liefern.
  • EKG: Ein EKG sollte bei Patienten mit Verdacht auf Hyperkaliämie abgeleitet werden, um mögliche kardiale Auswirkungen zu beurteilen. Typische EKG-Veränderungen sind zeltförmige T-Wellen, eine Abflachung der P-Welle, eine Verbreiterung des QRS-Komplexes und ein verlängertes P-R-Intervall.
  • Weitere Laboruntersuchungen: Neben dem Serumkalium sollten auch andere Elektrolyte, Nierenwerte (Kreatinin, Harnstoff), Blutzucker, Blutgase und die Serum- und Urinosmolarität bestimmt werden.

Es ist wichtig, Fehlmessungen auszuschließen, insbesondere die Pseudohyperkaliämie, die durch eine zu lange Venenstauung vor der Blutentnahme oder Hämolyse entstehen kann.

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Therapie der Hyperkaliämie

Die Therapie der Hyperkaliämie richtet sich nach der Höhe des Kaliumspiegels, der Geschwindigkeit des Anstiegs, den Symptomen und den Begleiterkrankungen des Patienten. Die Behandlung zielt darauf ab, das Herz zu stabilisieren, Kalium in die Zellen zu verschieben und Kalium aus dem Körper zu entfernen.

Akuttherapie

Bei symptomatischen Hyperkaliämien oder Kaliumspiegeln > 6,0 mmol/l ist eine sofortige Klinikeinweisung erforderlich. Die Akuttherapie umfasst folgende Maßnahmen:

  • Kalziumgluconat i.v.: Kalzium stabilisiert das kardiale Membranpotenzial und schützt vor Arrhythmien. Es senkt jedoch nicht den Kaliumspiegel.
  • Glukose und Insulin i.v.: Insulin fördert die Aufnahme von Kalium in die Zellen und senkt so den Serumkaliumspiegel. Glukose wird hinzugefügt, um eine Hypoglykämie zu verhindern.
  • Vernebeltes Salbutamol: Beta-2-Agonisten wie Salbutamol können ebenfalls die Kaliumaufnahme in die Zellen fördern.
  • Natriumbikarbonat i.v.: Bei metabolischer Azidose kann Natriumbikarbonat verabreicht werden, um den pH-Wert zu erhöhen und Kalium in die Zellen zu verschieben.
  • Schleifendiuretika: Diuretika wie Furosemid fördern die Kaliumausscheidung über die Nieren.
  • Hämodialyse: Bei vital gefährdeten Patienten, insbesondere bei Nierenversagen, ist die Hämodialyse die effektivste Methode zur Kaliumentfernung.

Chronische Therapie

Die Behandlung der chronischen Hyperkaliämie zielt darauf ab, die Ursache zu beheben und den Kaliumspiegel langfristig zu senken. Zu den Maßnahmen gehören:

  • Kaliumarme Ernährung: Eine Reduktion der Kaliumzufuhr über die Nahrung ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Patienten sollten über kaliumreiche Lebensmittel informiert und gegebenenfalls an eine Ernährungsberatung verwiesen werden.
  • Überprüfung der Dauermedikation: Medikamente, die die Kaliumausscheidung beeinträchtigen, sollten wenn möglich reduziert oder abgesetzt werden.
  • Kaliumausschwemmende Medikamente: Nicht-kaliumsparende Diuretika können eingesetzt werden, um die Kaliumausscheidung über die Nieren zu fördern.
  • Kaliumbinder: Kaliumbinder wie Patiromer und Natrium-Zirkonium-Cyclosilikat (nur bedingt zugelassen) können Kalium im Darm binden und so die Kaliumaufnahme reduzieren.
  • Mineralokortikoide: In einigen Fällen können Mineralokortikoide wie Fludrocortison eingesetzt werden, um die Kaliumausscheidung zu fördern, obwohl die Evidenz hierfür begrenzt ist.

Neue Kaliumsenker

In den letzten Jahren wurden neue Kaliumbinder entwickelt, die das Management der Hyperkaliämie verbessern sollen.

  • Patiromer: Patiromer ist ein nicht-resorbierbares Polymer, das Kalium im Darm im Austausch gegen Kalzium bindet. Studien haben gezeigt, dass Patiromer den Kaliumspiegel senken und die Fortsetzung der Behandlung mit RAS-Inhibitoren ermöglichen kann. Zu den Nebenwirkungen gehören Hypomagnesiämie, Hypokaliämie und gastrointestinale Beschwerden.
  • Natrium-Zirkonium-Cyclosilikat (ZS-9): ZS-9 ist ein weiteres nicht-resorbierbares Polymer, das Kalium selektiv im Darm bindet. Es zeichnet sich durch eine schnelle Wirksamkeit und ein geringes Nebenwirkungsprofil aus.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Langzeiterfahrungen mit diesen neuen Kaliumbindern begrenzt sind und weitere Studien erforderlich sind, um ihre Auswirkungen auf klinische Endpunkte wie kardiovaskuläre Mortalität und Hospitalisierung zu untersuchen.

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Umstrittene Therapien

Alte Kaliumbinder wie Polystyrolsulfonate (CPS-Pulver) werden aufgrund ihrer umstrittenen Wirksamkeit und potenziellen Nebenwirkungen zunehmend kritisch gesehen. Ein Cochrane-Review konnte keine Kaliumsenkung nach einer CPS-Einzeldosis nachweisen.

Hypokaliämie als Differentialdiagnose

Es ist wichtig, die Hyperkaliämie von der Hypokaliämie zu unterscheiden, einem Zustand mit zu niedrigem Kaliumspiegel im Blut. Symptome der Hypokaliämie können Muskelschwäche, Müdigkeit, Herzrhythmusstörungen und Verstopfung sein. Ursachen können erhöhte Kaliumausscheidung durch Diuretika, Erbrechen oder Durchfall sowie eine verminderte Kaliumaufnahme sein.

Ernährung bei Hyperkaliämie

Die richtige Ernährung spielt eine wichtige Rolle bei der Behandlung und Prävention der Hyperkaliämie. Gefährdete Patienten sollten eine Ernährungsberatung und praktische Schulung zu kaliumarmer Kost erhalten. Die Zufuhr sollte nicht mehr als 40 mmol/l betragen.

Kaliumreiche Lebensmittel, die vermieden werden sollten:

  • Gemüse: Kartoffeln (insbesondere Süßkartoffeln), Tomaten, Spinat, Brokkoli, Pilze
  • Obst: Bananen, Orangen, Aprikosen, Avocados, Kiwis
  • Hülsenfrüchte: Weiße Bohnen
  • Getrocknete Früchte: Pflaumen, Datteln, Feigen
  • Nüsse: Mandeln, Erdnüsse
  • Andere: Milchprodukte, Schokolade, Kaffee

Kaliumarme Lebensmittel, die bevorzugt werden können:

  • Gemüse: Gurken, Paprika, Zwiebeln, Karotten
  • Obst: Äpfel, Beeren, Wassermelone
  • **Reis, Nudeln
  • **Brot (in Maßen)

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