Hypochondrie: Wenn die Angst vor dem Hirntumor das Leben bestimmt

Die Angst vor einer schweren Krankheit, insbesondere vor einem Hirntumor, kann das Leben von Hypochondern stark beeinträchtigen. Schon beim kleinsten Kopfschmerz wird ein Hirntumor vermutet, Verdauungsbeschwerden weisen auf Darmkrebs hin, und ein leichtes Stechen in der Brust beim Joggen wird als Anzeichen einer Herzerkrankung interpretiert. Schätzungen zufolge ist rund ein Prozent der Bevölkerung von einer hypochondrischen Störung betroffen.

Was ist Hypochondrie?

Hypochondrie bezeichnet die ständige Angst, krank zu sein. Betroffene achten extrem auf körperliche Symptome und deuten diese stets als Zeichen ernster Erkrankungen. Bei Kopfschmerzen gilt der erste Gedanke einem Hirntumor, ein Kribbeln in den Fingern wird als mögliches Symptom von Multipler Sklerose interpretiert, und bei einem geschwollenen Lymphknoten befürchtet ein Hypochonder eine Krebserkrankung.

Hypochondrie als psychosomatische Erkrankung

Typisch für Hypochondrie ist, dass die Betroffenen selbst dann davon überzeugt sind, erkrankt zu sein, wenn der Arzt keine körperlichen Erkrankungen feststellt. Die Hypochondrie gehört zu den sogenannten somatoformen Störungen. Diese Störungen, die auch als psychosomatische Erkrankungen bezeichnet werden, lösen nicht organische Erkrankungen, sondern seelische Probleme mit körperlichen Beschwerden aus.

Merkmale der Hypochondrie

  • Der Betroffene beschäftigt sich übertrieben mit der eigenen Gesundheit und ist über einen längeren Zeitraum davon überzeugt, an einer oder mehreren schweren körperlichen Krankheiten zu leiden.
  • Die Krankheits-Angst verschwindet nicht, wenn der Arzt körperliche Erkrankungen ausschließt.
  • Auch, wenn verschiedene Ärzte versichern, dass er körperlich gesund ist, zweifelt der Betroffene die Diagnosen an.

Ursachen und Auslöser

Die Ursachen einer Hypochondrie sind vielfältig und oft im Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu finden.

  • Frühere Erlebnisse und Erfahrungen: Ein gesteigertes Angstempfinden kann durch frühere Erlebnisse und Erfahrungen, etwa in der Kindheit, begünstigt werden. Dazu gehören Krankheiten oder Todesfälle in der Familie, aber auch eine überbehütete Erziehung. Auch wer schon einmal die Erfahrung einer bedrohlichen Diagnose gemacht hat, kann unter gesteigerten Ängsten leiden.
  • Stress: Häufig wird die Hypochondrie durch sogenannte Trigger wie Stress ausgelöst.
  • Genetische Veranlagung: Eine höhere Sensibilität für Körperempfindungen oder eine ängstliche Persönlichkeit können ebenfalls eine Rolle spielen.
  • Negative Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem: Fehldiagnosen, Krankheiten oder Tod durch Krankheiten bei Angehörigen können die Entstehung einer Hypochondrie begünstigen.
  • Informationsflut: Der schier unbegrenzte Zugang zu medizinischen Informationen im Internet kann die Angst verstärken, da Betroffene für fast jedes Symptom potenziell bedrohliche Krankheiten finden.

Symptome der Hypochondrie

Die Symptome einer hypochondrischen Störung sind vielfältig und betreffen verschiedene Bereiche:

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  • Körperliche Symptome: Betroffene nehmen verschiedene körperliche Symptome wahr und interpretieren diese als Anzeichen für eine schwere Erkrankung.
  • Gedanken: Die wahrgenommenen körperlichen Symptome werden als gefährlich interpretiert und als Anzeichen für die befürchtete schlimme Krankheit. Die Aufmerksamkeit wird stark auf körperliche Symptome und deren Bedeutung fokussiert.
  • Emotionen: Betroffene empfinden eine massive Angst vor der Erkrankung und den Folgen der Erkrankung (z.B. zu sterben). Da betroffene Personen von Ärzt:innen häufig hören, dass keine ernsthafte Erkrankung vorliegt, kann zudem eine Scham entstehen, dass die Befürchtungen weiterhin bestehen.
  • Verhalten: Auf der Verhaltensebene zeigen sich verschiedene Symptome. Durch die Überzeugung, an einer schlimmen Krankheit zu leiden und das starke Konzentrieren darauf, fangen viele Menschen an, den Körper auf Krankheitsanzeichen zu untersuchen (Body-Checking Verhalten). Zudem suchen Betroffene sehr häufig Ärzt:innen oder andere Hilfseinrichtungen auf (Rückversicherungsverhalten). Da keine ernsthafte körperliche Erkrankung den Symptomen zugrunde liegt, können Betroffene nach einem Arztbesuch kurzzeitig beruhigt sein. Das hält jedoch selten länger an, sodass sie wiederholt Ärzt:innen aufsuchen müssen, um sich sicher zu sein. Rückversicherungen äußern sich auch in Form von Symptome googlen, den Körper untersuchen oder andere Menschen fragen, was diese zu den Symptomen denken.

Umgang mit der Angst vor einem Hirntumor

Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom, das viele Menschen erleben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kopfschmerzen auf einen Hirntumor hindeuten, ist jedoch sehr gering. Ernstzunehmende Warnsignale für einen Hirntumor können Krampfanfälle, Sprachstörungen, Lähmungen und Sehstörungen sein.

Es ist wichtig, Kopfschmerzen ernst zu nehmen, wenn sie über gelegentlichen Spannungskopfschmerz hinausgehen. Dringend untersuchen lassen sollte man sich daher, wenn die Schmerzen sehr stark sind, plötzlich oder erstmalig auftreten.

Behandlungsmöglichkeiten

Hypochondrie wird psychotherapeutisch behandelt, häufig mit einer Verhaltenstherapie oder einer Konfrontationstherapie. Ziel ist, dass sich der Patient mit seinen Ängsten auseinandersetzt und neue Denkmuster entwickeln kann: Positiver zu denken, nicht immer vom Schlimmsten auszugehen und rationale Erklärungen für Beschwerden zu akzeptieren. Ergänzend können bei Hypochondrie Entspannungsmethoden wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung helfen.

Die am besten untersuchte und wirksamste Behandlung bei der Hypochondrie ist die kognitive Verhaltenstherapie. Ein großer Fokus liegt auf der Arbeit an den Gedanken. Betroffene lernen, ihre schädlichen Überzeugungen zu verändern. So lernen sie, dass die körperlichen Empfindungen und gelegentliche Beschwerden Teil eines normalen, gesunden Erlebens sind und nicht unbedingt eine Gefahr oder schwere Erkrankung bedeuten. Zudem werden neue Interpretationen erarbeitet, die Auslöser für bestimmte körperliche Empfindungen sein könnten.

Auch das Verhalten wird in der Therapie angeschaut. Denn vor allem das Sicherheitsverhalten soll durch die Psychotherapie reduziert werden, da es die Ängste in der Regel nur kurzzeitig beruhigt und langfristig aufrechterhält. Betroffene lernen unter Anderem, sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen, anstatt sie zu vermeiden und sich selbst zu beruhigen, anstatt Rückversicherung durch Ärzt:innen oder Familie und Freund:innen zu suchen.

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Tipps für Betroffene

  • Nehmen Sie Ihre Ängste ernst: Auch wenn die Angst unbegründet erscheint, ist sie für den Betroffenen real und belastend.
  • Suchen Sie professionelle Hilfe: Eine Psychotherapie kann helfen, die Ursachen der Angst zu erkennen und Strategien zu entwickeln, um besser damit umzugehen.
  • Vermeiden Sie übermäßige Selbstuntersuchung und Googeln von Symptomen: Dies kann die Angst verstärken.
  • Konzentrieren Sie sich auf positive Aktivitäten: Ablenkung und Entspannung können helfen, die Angst zu reduzieren.
  • Sprechen Sie mit Freunden und Familie: Unterstützung und Verständnis können sehr hilfreich sein.

Unterstützung für Angehörige

Angehörige und Freunde neigen dazu, den Betroffenen beruhigen zu wollen, oder tun seine Symptome ab. Beides ist keine Lösung. Richtig hingegen ist es, den Betroffenen erst zu nehmen und ihm dabei zu helfen, sich um therapeutische Hilfe zu bemühen. Um zu verstehen, was hinter den Ängsten steckt, eignen sich eine kognitive Verhaltenstherapie sowie Therapien mit psychodynamischem Ansatz.

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