Der Ausdruck „Ich habe nicht die Nerven“ oder „mit den Nerven am Ende sein“ ist im deutschen Sprachgebrauch weit verbreitet. Er beschreibt einen Zustand der Überforderung, Reizbarkeit und emotionalen Belastung. Aber was bedeutet es genau, „keine Nerven“ zu haben, und wie kann man damit umgehen? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieses Zustands, von den zugrunde liegenden neurobiologischen Prozessen bis hin zu den psychologischen Ursachen und möglichen Bewältigungsstrategien.
Die Verbindung zwischen Psyche und Nervensystem
Die Redewendung „jemandem auf die Nerven gehen“ deutet bereits auf eine enge Verbindung zwischen Psyche und Nervensystem hin. Jeder Mensch hat individuelle Reizfilter im Gehirn, die dafür sorgen, dass das Bewusstsein nicht von zu vielen oder störenden Reizen überflutet wird. Diese Reizfilter können jedoch durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden, was dazu führt, dass bestimmte Reize als besonders störend empfunden werden.
Dr. Dr. Wittmann erklärt, dass es sich bei „jemandem auf die Nerven gehen“ um eine höchst individuelle Angelegenheit handelt. Jeder von uns ist schon einmal jemandem auf die Nerven gegangen. Und es gibt Tage, an denen die Schwelle sehr gering sein kann, bei der man auch uns „auf die Nerven geht“. Auf neurobiologischer Ebene haben wir „Reizfilter“ im Gehirn, die dafür sorgen, dass unser „Bewusstsein“ auf Ebene der kortikalen Reizverarbeitung nicht zu vielen oder störenden Reizen ausgesetzt ist.
Schlüsselreize, die aufgrund von Erinnerungen oder Konditionierung die Reizschwelle besonders beanspruchen, spielen ebenfalls eine Rolle. Ein Beispiel hierfür ist die Misophonie, bei der bestimmte Geräusche wie Schmatzen oder Schlürfen als besonders störend wahrgenommen werden. Neben der reinen Überempfindlichkeit bei lauten Geräuschen (Hyperakusis) beispielsweise gibt es die sogenannte „Misophonie“, bei der bestimmte Geräusche, etwa Essgeräusche wie Schmatzen oder Schlürfen, als besonders störend wahrgenommen werden.
Gehirn und Psyche: Ein komplexes Zusammenspiel
Die Psyche umfasst alle geistigen Eigenschaften eines Menschen, einschließlich seiner Persönlichkeitsmerkmale. Das Gehirn, als komplexes Organ, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Vereinfacht ausgedrückt, kann man das Gehirn mit einem Computer vergleichen, der über ein Kurzzeitgedächtnis (RAM) und ein Langzeitgedächtnis (Festplatte) verfügt.
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Entscheidend ist jedoch, dass es im Gehirn zwei verschiedene Systeme gibt: das emotionale System, das Gefühle, Sehnsüchte, Lust, Genuss, Wut und Hass repräsentiert, und das rationale System, das durch die sechsschichtige Gehirnrinde repräsentiert wird und für die Ratio steht.
Störungen im Bereich der Nervenleitungen, Nervenzellen oder des Nervenstoffwechsels können sowohl neurologische als auch psychische Symptome verursachen. Störungen bei den Nervenleitungen und den Nervenzellen, die beispielsweise durch Entzündungen, Tumoren oder Infarkte im Gehirn ausgelöst werden, können zu im Wesentlichen neurologischen Symptomen führen, etwa zu Lähmungen. Störungen des Nervenstoffwechsels oder Veränderungen im Bereich der Botenstoffe hingegen führen meistens zu psychischen Symptomen.
Viele Patienten leiden an psychischen Veränderungen, die ihren Ursprung bereits in der Kindheit haben, so früh, dass das rationale System kaum die Möglichkeit hatte, die Steuerung über das emotionale System zu erlernen.
Neurosen und Psychosen: Unterschiedliche Störungen
Neurosen und Psychosen sind zwei unterschiedliche Arten von psychischen Störungen. Eine Neurose ist eine Störung im Verhalten oder der sozialen Interaktion, die durch Erziehung oder Erlebnisse erworben wird und zumeist einer Psychotherapie zugänglich ist (etwa Höhenangst, Zwangsneurose). Die Psychose hingegen repräsentiert Zustände, bei denen es aufgrund von Störungen im Gehirnstoffwechsel zu Veränderungen im Realitätsbezug oder der Realitätsbeurteilung kommt (beispielsweise Verfolgungswahn).
Depressionen: Mehr als nur ein Mangel an Botenstoffen
Das vereinfachende Modell der „Monoaminmangelhypothese“ führt die Entstehung von Depressionen auf einen Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn zurück, insbesondere Serotonin und Noradrenalin. Dieses Modell greift jedoch zu kurz. Depressionen werden heutzutage als Veränderungen im Gehirnstoffwechsel verstanden, bei denen es zumeist durch anhaltenden Einfluss von Stress jedweder Art zu Veränderungen kommt. Betroffen ist hier nicht nur der Stoffwechsel der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Auch andere Botenstoffe wie Dopamin oder Glutamat und auch die Produktion von so genannten Neurotrophinen wie beispielsweise BDNF.
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Das Gehirn verfügt bei vielen psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Ängsten oder Depressionen bis in das hohe Alter über erstaunliche Möglichkeiten der Erholung. Allerdings gilt für fast alles, was dem Gehirn an Reizen dargeboten wird: Je öfter ein Reiz oder ein Zustand im Gehirn auftritt, desto mehr verfestigen sich diese Zustände. Dies betrifft positive Reize wie Erfolgserlebnisse genauso wie negative, etwa Schmerzerfahrungen oder Kränkungen. Um eine chronifizierte Depression wieder zu heilen, braucht es verschiedene therapeutische Bausteine und diese möglichst gleichzeitig, damit sich nicht-depressive Zustände wieder verfestigen können.
Ursachen für „Ich habe nicht die Nerven“
Verschiedene Faktoren können dazu führen, dass Menschen das Gefühl haben, „keine Nerven“ zu haben:
- Belastende Kindheitserfahrungen: Eine schwierige Kindheit, in der Vernachlässigung oder mangelndes Vertrauen vorherrschten, kann dazu führen, dass Betroffene Schwierigkeiten haben, mit Problemen und Konflikten umzugehen. Sie lernen nicht, mit Problemen und Konflikten umzugehen. Betroffene sind quasi stets in einer Hab-Acht-Stellung - immer in der Erwartung, dass etwas Schlimmes passieren könnte, dem sie nicht gewachsen sein könnten. Ihnen fehlt das Vertrauen in sich und in andere Menschen.
- Traumatische Erlebnisse: Schwere Belastungen wie Erkrankungen, Missbrauch, emotionale Erpressung, Naturkatastrophen oder Schicksalsschläge können die Nerven blank liegen lassen. Betroffene haben meist über einen längeren Zeitraum schwere Belastungen erlebt, die sie als bedrohlich erlebt haben - z.B. eine schwere Erkrankung, Missbrauch, emotionale Erpressung in der Partnerschaft, eine Naturkatastrophe oder ein Schicksalsschlag. Durch diese Belastungen liegen ihre Nerven quasi blank.
- Geringes Selbstwertgefühl: Betroffene sehen sich oft als weniger stabil und unfähig, angemessen mit Problemen umzugehen, was zu Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen führt. Betroffene sehen sich als im Vergleich zu anderen als weniger stabil und unfähig, angemessen mit auftretenden Problemen umzugehen. Diese Einschätzung führt zu Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen, welche dann wiederum Auswirkungen auf ihr Leben haben.
- Mangelnde soziale Unterstützung: Das Fehlen von unterstützenden Freunden oder Angehörigen kann die Bewältigung von Belastungen erschweren. Betroffene haben ein starkes Bedürfnis, Unterstützung und Ermutigung durch andere zu erhalten. Gleichzeitig aber haben sie wenige oder keine Freunde, die sie unterstützen können.
- Ungeeignete Bewältigungsstrategien: Das Fehlen oder die Anwendung ungeeigneter Bewältigungsstrategien kann zu Problemen in verschiedenen Lebensbereichen führen. Den Betroffenen fehlen Bewältigungsstrategien oder sie beherrschen nur ungeeignete Strategien (wie z.B.
- Alltagsstress: Die Anforderungen des Alltags sind oft hektisch und vielfältig. Ständig drehen sich die Gedanken um To-Do-Listen und Termine, um kommende Ereignisse und vergangene „Kleinigkeiten“. Selbst in der Nacht ist kaum mehr an Ruhe zu denken. Betroffene fahren nachts im Bett hoch, weil ihnen als wichtig empfundene Sachen einfallen. Das Gedankenkarussell spult alle „Wenns“ und „Abers“ ab und Eigenschaften wie Geduld, Mitgefühl und Weitblick gehen immer mehr verloren.
Symptome von „Ich habe nicht die Nerven“
Die Symptome, wenn jemand sagt, dass er "nicht die Nerven hat", können vielfältig sein und sich auf unterschiedliche Weise äußern:
- Erhöhte Reizbarkeit: Kleinigkeiten können bereits zu Wutausbrüchen oder emotionalen Reaktionen führen.
- Nervosität und Unruhe: Betroffene fühlen sich getrieben und können schwer zur Ruhe kommen.
- Konzentrationsschwierigkeiten: Es fällt schwer, sich auf Aufgaben zu konzentrieren und Informationen aufzunehmen.
- Schlafstörungen: Ein- und Durchschlafprobleme sind häufig.
- Körperliche Beschwerden: Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme oder Muskelverspannungen können auftreten.
- Gefühl der Überforderung: Betroffene fühlen sich den Anforderungen des Alltags nicht mehr gewachsen.
- Vermeidung sozialer Kontakte: Der Rückzug von Freunden und Familie kann ein Zeichen sein.
- Emotionale Ausbrüche: Weinen, Schreien oder andere emotionale Reaktionen können auftreten.
Der stille Burnout und der Nervenzusammenbruch
Während der klassische Burnout sich häufig durch eindrückliche Symptome mit schneller Entwicklung zeigt, ist ein „stiller Burnout“ die tückische, schleichende Variante. Bis er sich im umgangssprachlichen Nervenzusammenbruch Bahn bricht. Nicht jeder Burnout zeigt sich durch übersteigerten Arbeitsdrang mit perfektionistischen Ansprüchen, der alsbald durch den hohen Einsatz in sozialen Rückzug, massive Verhaltensänderungen und offensichtliche Erschöpfung wie chronische Müdigkeit mündet. Entsprechend verschleppen viele Betroffene ihren Burnout: Sie machen kurze, aber wenig erholsame Verschnaufpausen und danach weiter in ihrem Tagesprogramm. So gleiten sie langsam aber sicher in einen schweren Burnout, der dann nur scheinbar plötzlich und unerwartet mit einem vollständigen „Nervenzusammenbruch“ zu Tage tritt.
Ein Nervenzusammenbruch ist oft das Ergebnis von langanhaltendem Stress und Überlastung. Er kann sich in verschiedenen Symptomen äußern, wie z.B. emotionalen Ausbrüchen, Panikattacken oder dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Kurzfristig mögen sich Betroffene vielleicht „besser“ oder erleichtert fühlen, nachdem sich ihre Erschöpfung in einem emotionalen Ausbruch Luft gemacht hat. Bleibt der Burnout auch nach dem Nervenzusammenbruch unbehandelt, drohen starke körperliche Symptome, langfristige Arbeitsunfähigkeit und Depression.
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Bewältigungsstrategien und Selbstfürsorge
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit dem Gefühl, „keine Nerven“ zu haben, umzugehen und einem Nervenzusammenbruch vorzubeugen:
- Selbstfürsorge: Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst und tun Sie Dinge, die Ihnen Freude bereiten. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre mentalen Akkus sich immer mehr entleeren, ohne wieder aufgefüllt werden zu können, sollten Sie sich schnellstmöglich um etwas Selbstfürsorge kümmern.
- Entspannungstechniken: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung. Lernen Sie Entspannungstechniken für den Alltag und führen Sie Abendrituale ein, in denen Sie sich nur um sich selbst kümmern.
- Stressmanagement: Identifizieren Sie Stressoren und entwickeln Sie Strategien, um mit ihnen umzugehen.
- Soziale Unterstützung: Suchen Sie den Kontakt zu Freunden und Familie und nehmen Sie Unterstützung an.
- Professionelle Hilfe: Wenn Sie das Gefühl haben, alleine nicht weiterzukommen, suchen Sie professionelle Hilfe bei einem Therapeuten oder Arzt. Eine Psychotherapie - ob in Form einer Verhaltenstherapie - und begleitende Verfahren können Sie aber auch aus den späten Phasen des Burnout herausholen.
- Warnsignale ernst nehmen: Verdrängen Sie Warnsignale wie intensiv auftretende Ungeduld und Gereiztheit nicht und suchen Sie alternative Möglichkeiten, mit denen Sie den Druck des Alltags ablassen können. Nehmen Sie die Warnzeichen nicht ernst oder handeln Sie nicht entsprechend, entsteht immer mehr Druck, der sich irgendwann bei jedem Menschen in einem mentalen Zusammenbruch entlädt.