Die Auswirkungen von Alkoholkonsum auf das limbische System

Der Konsum von Alkohol ist ein weit verbreitetes Phänomen mit tiefgreifenden Auswirkungen auf den menschlichen Körper, insbesondere auf das Gehirn. Während die Schädigung von Organen wie Herz und Leber durch Alkohol allgemein bekannt ist, werden die psychischen Folgen des Alkoholkonsums oft unterschätzt. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn, insbesondere auf das limbische System, und die daraus resultierenden psychischen und neurologischen Konsequenzen.

Einleitung

Alkohol ist eine psychoaktive Substanz, die das zentrale Nervensystem beeinflusst und eine Vielzahl von physiologischen und psychologischen Effekten hervorrufen kann. Diese Effekte sind dosisabhängig und variieren von Person zu Person, abhängig von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Körpergewicht, genetischer Veranlagung und individuellem Konsummuster.

Psychische Störungen und Alkoholmissbrauch

Eine Untersuchung der GEK (Gmündner Ersatzkasse) hat gezeigt, dass sich die Behandlungen von Jugendlichen aufgrund psychischer Störungen und Alkoholmissbrauch zwischen 2002 und 2008 verdoppelt haben. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, die Risiken des Alkoholkonsums, insbesondere für die psychische Gesundheit, ernst zu nehmen.

Angriffspunkte des Alkohols im Gehirn

Alkohol wirkt primär auf die Rezeptoren der Nervenzellen, wobei die GABAA- und NMDA-Rezeptoren eine entscheidende Rolle spielen. Ethanol bindet an den NMDA-Rezeptor und vermindert den Calciumeinstrom, was zu einer Drosselung der Reaktionsweiterleitung und einer entspannenden Wirkung führt. Gleichzeitig blockiert Ethanol das Glutamat, einen erregenden Neurotransmitter, der normalerweise an diesen Rezeptor binden würde.

Zusätzlich aktiviert Alkohol das inhibitorische System, was zu einer vermehrten Ausschüttung des Neurotransmitters GABA führt. Dies führt zusammen mit der Ausschüttung von Dopamin, Endorphin und Serotonin zu einer euphorischen Wirkung.

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Die Entstehung eines Suchtgedächtnisses

Regelmäßiger Alkoholkonsum kann zur Ausbildung eines „Suchtgedächtnisses“ führen, das physiologische Veränderungen im Gehirn verursacht und die Entstehung einer Alkoholabhängigkeit begünstigt. Der Konsum von Alkohol bringt das inhibitorische und exzitatorische System aus dem Gleichgewicht, was zu einer Anpassung der Anzahl und Art der Rezeptoren im Gehirn führt.

Infolge einer längeren Alkoholabhängigkeit bilden sich vermehrt NMDA-Rezeptoren und weniger GABAA-Rezeptoren. Dies führt zu einer Überreizung, da das anregend wirkende Glutamat eine erhöhte Anzahl von NMDA-Rezeptoren vorfindet, während GABA nur eine verminderte Anzahl von Rezeptoren vorfindet. Das exzitatorische System erlangt die Überhand, und das inhibitorische System kann nicht mehr ausreichend entgegenwirken, was zum Absterben von Hirngewebe führen kann.

Zudem kommt es infolge der Alkoholabhängigkeit und der damit verbundenen Ausschüttung der belohnenden Hormone zu einer Toleranz der Rezeptoren gegenüber diesen Hormonen. Da die typischen Beschwerden der Alkoholabhängigkeit vor allem beim Absinken des Alkoholspiegels im Blut auftreten, muss der Betroffene für die gewünschte Wirkung mehr Alkohol zu sich nehmen, was das Ungleichgewicht der Rezeptoren verstärkt.

Schädigung der weißen Substanz

Die weiße Substanz im Gehirn besteht hauptsächlich aus Nervenfasern, die unterschiedliche Areale des Gehirns miteinander verbinden und deren Zusammenarbeit ermöglichen. Diese Fasern sind von Myelin umschlossen, einer fetthaltigen Substanz, die die Nervenfasern isoliert und die Signalübertragung beschleunigt. Alkoholbedingte Hirnschädigungen können zu einer Verlangsamung der Psychomotorik und des Denkvermögens, zu einem Mangel an Konzentrationsvermögen und zu einem Nachlassen der sensorischen und motorischen Funktionen führen.

Komorbiditäten

Komorbiditäten sind Erkrankungen, die im Rahmen einer Grunderkrankung hinzukommen und diagnostisch von dieser abgegrenzt werden können. Psychische Erkrankungen können aufgrund von Alkoholmissbrauch entstehen oder bereits vor der Alkoholabhängigkeit bestanden haben.

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Wahrnehmungsstörungen

Wahrnehmungsstörungen wie die Alkoholpsychose oder substanzinduzierte Psychose gehen mit einer Diskrepanz der Sinneswahrnehmungen des Betroffenen mit der Realität einher und können sich in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen äußern. Die Symptome treten oft auf, wenn der Alkoholspiegel im Blut sinkt und ein Übermaß an Botenstoffen im Blut zirkuliert.

Korsakow-Syndrom

Das Korsakow-Syndrom, auch Morbus Korsakow genannt, ist selten und tritt häufig in Folge einer Wernicke-Enzephalopathie auf. Unbehandelt führt diese Gehirnentzündung zu dem Korsakow-Syndrom, das mit erheblichen Gedächtnis- und Orientierungsstörungen einhergeht.

Delirium Tremens

Das Delirium Tremens, oder auch Alkoholdelir, ist eine akute, lebensbedrohliche Geisteskrankheit, die häufig nach abruptem Entzug des Suchtmittels auftritt, aber auch durch den Rauschzustand getriggert werden kann. Hierbei werden höhere psychische Funktionen gestört. Ohne rechtzeitige Behandlung sterben etwa 20 Prozent aller Erkrankten innerhalb weniger Tage.

Alkoholbedingte Eifersucht

Hierbei kommt es zu unbegründeten Eifersuchtsgefühlen. Betroffene sind ohne jeglichen Grund der Überzeugung, betrogen zu werden.

Affektive Störungen

Durch das exzessive Trinken von Alkohol können affektive Störungen wie Depressionen oder auch bipolare Störungen bedingt werden.

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Angstzustände

Das Trinken von Alkohol kann zu Ängsten führen. Eine entscheidende Rolle hierfür spielen Dopamin, GABA und Glutamat. Nach jahrelanger Alkoholabhängigkeit führt eine Verringerung des Alkoholspiegels zu einer erhöhten Angstreaktion und Verstärkung der Symptome.

Sexuelle Störungen

Wird zu viel getrunken, treten sexuelle Störungen auf.

Schlafstörungen

Hoher Alkoholkonsum führt in der Nacht zu Schlafstörungen. Der Konsument wird in der Nacht unruhig und wacht häufiger auf. Ebenso kann der durch den Alkoholkonsum verursachte Harndrang ein Störfaktor sein. Hypersomnie oder auch Schlafsucht ist eine Bezeichnung für eine Schlafstörung, welche durch eine erhöhte Tagesschläfrigkeit und erhöhtem Schlafdrang gekennzeichnet ist. Trotz angemessenen Schlafes in der Nacht fühlen sich Betroffene am nächsten Morgen nicht ausgeruht.

Restless-Legs-Syndrom

Bei dem Restless-Legs-Syndrom, dem „Syndrom der unruhigen Beine“, kommt es zu einem unangenehmen Bewegungsdrang, der besonders in den Beinen lokalisiert ist. Seltener können auch andere Körperregionen betroffen sein.

Zwangsstörungen

Betroffene führen zwanghaft immer wieder dieselben Handlungen aus oder leiden an ständigen beunruhigenden Ängsten. In der Regel sind sie sich der Irrationalität ihres Handelns bewusst, können diese aber ohne Hilfe nicht ändern. Man hat beobachtet, dass Menschen mit Zwangsstörungen einen gestörten Serotonin-Haushalt aufweisen.

Alkoholentzug und Therapie

Die Behandlung von Alkoholabhängigkeit umfasst in der Regel mehrere Phasen:

  1. Kontakt- und Motivationsphase: In dieser Phase wird der Betroffene motiviert, sich der Problematik zu stellen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  2. Entzugsphase: Der eigentliche Entzug kann entweder ambulant oder stationär erfolgen. Beim ärztlich unterstützten Entzug werden Medikamente eingesetzt, um die Entzugsbeschwerden zu lindern. Diese Medikamente haben eine krampflösende, beruhigende Wirkung und lindern Ängste.
  3. Entwöhnungsphase: In dieser Phase sollen sich die Betroffenen allmählich an ein Leben ohne den Konsum von Alkohol gewöhnen. Ein großer Vorteil der stationären Behandlung besteht in der ständigen Verfügbarkeit ärztlicher und psychotherapeutischer Hilfe. Eine ambulante Therapie ist für jene sinnvoll und praktisch, die ihren Arbeitsplatz während ihrer Therapie nicht aufgeben können oder aber auch Kinder zu versorgen haben.
  4. Nachsorge: Nach erfolgreicher Rehabilitation ist eine Nachsorge durch Ärzte und/oder Psychotherapeuten anzuraten.

Neuro-Elektrische Stimulation (NES)

Im medizinischen Bereich wird unterstützend die Neuro-Elektrische Stimulation (NES) eingesetzt, eine Art Elektroakupunktur. Hier gilt als gesichert, dass bei einer Suchterkrankung ebenso wie bei depressiven Störungen Abweichungen der Neurotransmitter Serotonin, Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin vorhanden sind. Mittels transkranieller, neuroelektrischer Gleichstromstimulation werden diese Transmitter in den ersten Tagen angeregt.

Medikamentöse Unterstützung

Zur Abmilderung der Entzugserscheinungen werden heute individuell abgestimmte Medikamente verabreicht.

Buprenorphin

Aus der Therapie von Opioidsuchtpatienten zeigte sich, dass auch Buprenorphin (Bup.) das Alkoholtrinkverhalten beeinflussen könnte. Bup. zeigte eine selektive Reduktion des Alkoholtrinkverhaltens, bei gesüßter Lösung sogar mit einem stark signifikanten Effekt. Ebenso wird eine funktionelle Verbindung von zwei topographisch verschiedenen Gehirnregionen, dem des Trinkzentrums in der präoptischen Region und dem des mesolimbischen Systems, erkennbar.

Neurologische Folgeerkrankungen des Alkoholismus

Jährlich sterben etwa 50.000 Menschen an den Folgen des Alkoholismus. Die Ursachen sind neben den internistischen Komplikationen die neurologischen Folgeerkrankungen, die etwa bei jedem fünften Patienten auftreten.

Akute Alkoholintoxikation

Bei einer akuten Alkoholintoxikation kommt es unter einem sehr variablen klinischen Bild zu einer reversiblen exogenen Psychose mit Minderung der Selbstkontrolle und -kritik, Stimulation und Enthemmung sowie einer Euphorie oder auch Depression.

Pathologischer Rausch

Bei diesem sehr seltenen Krankheitsbild kommt es bereits nach Genuss von sehr kleinen Mengen Alkohol zu einem abrupt einsetzenden, maximal eine Stunde anhaltenden Erregungs- oder auch Dämmerzustand mit Sinnestäuschungen, für den insbesondere sonst persönlichkeitsfremde Gewalthandlungen pathognomonisch sind.

Alkoholentzugsdelir

Das Alkohol(entzugs)delir wird nach plötzlicher Abstinenz ausgelöst. Früh weisen die Patienten einen mittelfrequenten Tremor (6-8/s), eine Tachykardie, Hypertonie, Mydriasis, Hyperhidrosis und Schlaflosigkeit auf, die beim manifesten Alkoholismus morgendliche Anzeichen des Entzugs darstellen. In dieser Phase treten in etwa einem Drittel der Fälle Entzugs-Grand-Mal-Anfälle auf, die meist zur stationären Aufnahme führen. Weiterhin werden zeitliche und örtliche Desorientiertheit, psychomotorische Erregung mit Perseverieren von vertrauten Handlungen, ein starker Tremor, der bei Intentionsbewegungen oder auch bei passivem Festhalten zunimmt, sowie Halluzinationen, die bevorzugt kleine bewegliche Objekte zum Inhalt haben (Mäuse, Käfer) beobachtet. Das Delir dauert in der Regel 3-10 Tage und endet mit einem Terminalschlaf.

Wernicke-Enzephalopathie und Korsakow-Psychose

Die Wernicke-Enzephalopathie (Polioencephalitis haemorrhagica superior) und die Korsakow-Psychose gelten heute als akute bzw. chronische Verlaufsform derselben Krankheitsentität, treten jedoch häufig isoliert auf. Ursache der Erkrankungen ist ein Thiamin-(Vitamin-B1-)Mangel, der durch Fehlernährung oder mangelnde Resorption entsteht. Bei der Wernicke-Enzephalopathie findet sich eine Trias aus Augenmotilitätsstörung, ataktischer Gangstörung sowie Desorientierung und Vigilanzstörung.

Alkohol und das Belohnungssystem

Alkohol wirkt im Gehirn auf das Belohnungssystem, indem er die Ausschüttung von Endorphinen stimuliert. Diese körpereigenen Rauschmittel werden normalerweise beim Küssen, beim Essen oder beim Sex ausgeschüttet und lösen euphorische Gefühle aus. Alkohol im Blut führt ebenfalls zur Ausschüttung von Endorphinen, was ein Schlüssel bei der Entstehung der Abhängigkeit zu sein scheint.

Kognitive Verzerrungen und Sucht

Sucht verändert Wahrnehmung und Denken bis zur Unkenntlichkeit. Verzerrungen gehören zur Sucht - bei Entstehung und Aufrechterhaltung. Die Illusion der Kontrolle ist eines der wichtigsten kognitiven Einzelphänomene, das es dabei zu beachten gilt.

Die Rolle von Genetik und Persönlichkeit

Menschen, die Alkohol gut vertragen und zunächst einmal weniger Probleme damit zu haben scheinen, geraten leichter in eine Abhängigkeit als jene, die unter den körperlichen Folgen des Konsums leiden. Bei gesteigertem, regelmäßigem Konsum kann sich der Körper jedoch dem Abbau von Alkohol anpassen, ein Gewöhnungseffekt tritt ein.

Die Auswirkungen auf Jugendliche

Das menschliche Gehirn entwickelt sich bis etwa zum 25. Lebensjahr. Wer in dieser sensiblen Entwicklungsphase Alkohol trinkt, setzt sich besonderen Risiken aus. Im Jugendalter ist das Belohnungssystem besonders aktiv, während Kontrollmechanismen wie der präfrontale Kortex noch nicht vollständig ausgereift sind. Das macht Jugendliche empfänglicher für impulsives Verhalten - und besonders anfällig für Alkohol.

Langzeitschäden und Prävention

Wer über Monate oder Jahre hinweg regelmäßig Alkohol konsumiert, setzt das Gehirn einem chronischen Nervengift aus. Die Folge: strukturelle und funktionelle Veränderungen, die sich nicht einfach wieder zurückbilden. Die gute Nachricht: Das Gehirn kann sich - bis zu einem gewissen Punkt - wieder erholen. Dazu braucht es vor allem Zeit, Abstinenz und in manchen Fällen therapeutische Unterstützung.

Mythen über Alkohol

Alkohol ist ein Teil der Alltagskultur - und gerade deshalb ranken sich viele Irrtümer um seine Wirkung. Wer die tatsächlichen Effekte kennt, kann bewusster entscheiden - ohne Selbsttäuschung.

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