Ich weiß, ich nerve aber: Bedeutung und Hintergründe eines allgegenwärtigen Gefühls

Das Gefühl, zu nerven, ist ein weit verbreitetes Phänomen, das in unterschiedlichen Kontexten und Beziehungen auftreten kann. Es kann sich in subtilen Beobachtungen, direkten Aussagen oder auch in der eigenen Selbstwahrnehmung manifestieren. Die Ursachen und Auswirkungen dieses Gefühls sind vielfältig und reichen von vorübergehenden Irritationen bis hin zu tiefgreifenden Selbstzweifeln. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Nervens, die psychologischen Grundlagen, die Rolle von Persönlichkeitseigenschaften und Beziehungen sowie Strategien, um mit diesem Gefühl umzugehen.

Das Gefühl, nicht dazuzugehören: Eine Frage der Selbstwahrnehmung

Kennst du die Situation, dass du inmitten anderer Menschen bist und dich fremd fühlst? Dieses Fremd-fühlen entspringt jedoch weniger der Tatsache, dass du diese Menschen nicht kennst. Ganz im Gegenteil. Du kannst dich sogar sehr fremd fühlen, obwohl du unter Menschen bist, die dir bekannt sind.

Viele Menschen kennen das Gefühl, nicht in die Welt zu passen, sich von anderen unterschieden zu fühlen und keinen gemeinsamen Nenner zu finden. Gespräche bleiben oberflächlich, Begegnungen höflich, aber nicht freundschaftlich. Dieses Gefühl der Fremdheit kann dazu führen, dass man sich selbst in Frage stellt und sich als "falsch" bewertet.

Man beginnt, sich als zu schüchtern, zu zurückhaltend, zu langweilig, zu unscheinbar, zu tiefgründig, zu sensibel oder zu nachdenklich wahrzunehmen. So entsteht und festigt sich ein schwaches Selbstwertgefühl. In dem Versuch, in die Welt zu passen und Verbundenheit zu spüren, passt man sich an andere Rollen und Meinungen an, nimmt andere Ansichten und Interessen an, kleidet sich und benimmt sich wie die Menschen, die man bewundert und zu denen man gehören möchte.

Der größte „Erfolg“ ist für viele, als sie in einer angesagten Clique aufgenommen werden. Endlich fühlt man sich zugehörig, ist endlich angekommen! Doch man gibt vor, etwas zu sein, was man nicht ist, und genau das ist der Fehler, der einen die Seele kostet. Man fühlt sich fremder und einsamer als je zuvor.

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Von außen sieht das niemand. Man fühlt sich immer unwohler unter Menschen und zieht sich immer mehr zurück, sofern das möglich ist. Innerlich zerbricht man an dieser Maske - an der Lüge, jemand zu sein, der man nicht war. Man weiß irgendwann nicht mehr, wer man eigentlich wirklich ist, wo man hingehört und wo das (innere) Zuhause ist. Es beginnt die schlimmste Zeit des Lebens - ein Leben im Krieg mit sich. Man wollte nicht sein, wie man ist, und konnte auch nicht sein, wie man sein wollte.

Hochsensibilität als Ursache für das Gefühl der Fremdheit

Ein Schlüsselerlebnis kann sein, wenn man im Internet auf das Thema Hochsensibilität stößt, mit dem man zuvor noch nie in Kontakt gekommen war. Sich fremd fühlen auf der Welt ist ein Gefühl, das viele hochsensible Menschen kennen. Der Grund liegt in ihrem feineren Gespür für Energien, Reize und Wahrnehmungen und ihrem oft tiefgründigen Wesen. Sie sehnen sich oft nach einem tieferen Austausch, beschäftigen sich viel mit Sinnfragen und brauchen oft viel Zeit für sich, um die ganzen (viel intensiver wirkenden) Eindrücke zu verarbeiten.

Für viele hochsensible Menschen war der Schlüssel zu einem Leben in Frieden und Verbundenheit mit anderen Menschen, in Verbindung mit sich selbst zu kommen und in Verbundenheit mit sich zu leben. Denn für sie wurde etwas Wichtiges deutlich: Der Ursprung des (Haupt)Problems lag in ihnen selbst! Sie begriffen, dass der wichtigste Ort, an dem sie ankommen müssen, wenn sie inneren Frieden finden möchten, in ihnen selbst liegt. Wenn sie mit sich verbunden sind, können sie selbstbewusst und selbstbestimmt ihren Weg gehen. Sie durften erkennen, dass sie so, wie sie sind, genau richtig sind und sie ihren Platz in der Welt und inmitten Menschen finden werden. Sie arbeiten an ihrem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Sie lernen, sich in ihrem Körper und ihrem sensiblen Wesen wohlzufühlen und gut für sich zu sorgen.

Eine fehlende und lieblose Beziehung zu sich selbst kann ein weiterer möglicher Grund sein, warum man sich fremd und allein unter seinen Mitmenschen fühlt. Ein anderer Grund kann sein, dass man sich in einem Umfeld aufhält, das ganz und gar nicht der Denk- und Lebensweise entspricht.

Es wird im Leben immer Menschen geben, mit denen man nicht auf einer Wellenlänge liegen wird und unter denen man sich fremd fühlt. Das Umfeld spielt eine wichtige Rolle. Wenn man häufig das Gefühl hat, sich fremd in der Welt zu fühlen oder häufig von Menschen umgeben ist, unter denen man sich unwohl fühlt, lohnt es sich, die Ursache ausfindig zu machen, um sich von dem erdrückenden Gefühl des Getrenntseins befreien zu können.

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Hat man ein mangelndes Selbstwertgefühl und denkt häufig schlecht von sich? Hat man eine besonders feinfühlige Art und ist sehr sensibel? Dann kann ein wichtiger Schritt zu mehr Verbundenheit und Selbstsicherheit darin bestehen, eine liebevolle Beziehung zu sich selbst zu entwickeln. Lerne, dich zu mögen. Dich in allem, was du bist, liebevoll anzunehmen. Dann wirst du eine Sicherheit in dir finden, die dich von innen trägt und schützt. Du wirst deinen Wert in dir finden, der dich dazu befähigt, selbstbewusst und gut für dich zu sorgen.

Die Psychologie des Nervens: Was uns wirklich auf die Nerven geht

Was ist das eigentlich: genervt sein? Eine Emotion? Die Psychologie hat das Thema kaum explizit erforscht. Schon in der Einordnung besteht daher keine Einigkeit. Genervtsein sei eine milde Form von Ärger, meinen einige Psychologen. Andere sagen, es gehe sogar mit leichter Verachtung einher.

Der Psychologe Michael Cunningham definiert "soziale Allergene" als Verhaltensweisen anderer Menschen, die einen anfangs vielleicht nur leicht stören, mit der Zeit aber ganz gewaltig. Je öfter man aber mit dem Verhalten konfrontiert wird, desto sensibler wird man, bis es auf Dauer zu heftigen Reaktionen kommt.

Cunningham hat in einer Studie ermittelt, welche Verhaltensweisen zu sozialen Allergenen werden können. Er kam auf vier Kategorien:

  1. Rüdes, pöbelhaftes Verhalten: etwa Pupsen oder schlechte Tischmanieren.
  2. Unaufmerksamkeit: wenn der Partner beispielsweise sein Smartphone checkt, während man ihm von seinen Problemen erzählt.
  3. Aufdringlichkeit: anderen immerzu ungefragt die eigene Meinung und Ratschläge aufzwingen.
  4. Normverstöße: wenn jemand in verbotenen Zonen raucht oder auf dem Fußweg parkt.

Wann nerve ich? Die Rolle der Selbstwahrnehmung und sozialen Interaktion

Letztendlich geht es doch um die Frage: Weiß ich, was andere über mich denken? Und das ist, wie ich von einem Interview mit dem Psychologen Mitja Back weiß, stark von der Selbstwahrnehmung abhängig. Back meinte, wir gingen davon aus, dass andere uns so sähen wie wir uns selbst. Er hat aber in Studien gezeigt, dass unsere Selbstbilder nicht hundertprozentig genau sind, denn wir möchten uns selbst in einer bestimmten Art und Weise sehen, meistens positiv.

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"Wir sind unglaublich kreativ darin, neu auf uns eintreffende Informationen in unserem Sinne zu interpretieren", hat Back gesagt. Unsere Selbstwahrnehmung unterliegt einer Reihe von Verzerrungen. Oft schätzen wir uns etwas zu positiv ein, wie sich in Studien zeigt. So meint zum Beispiel die Mehrheit der Autofahrer, im Hinblick auf ihr Vermögen am Steuer zu den oberen 50 Prozent zu gehören. Die Mehrheit kann aber nicht zur oberen Hälfte gehören, das geht rein rechnerisch nicht.

Ein weiterer Grund, warum wir nicht exakt wissen können, wie wir wahrgenommen werden, ist die Tatsache, dass wir selbst gar nicht alles von uns wissen. Mitja Back sagte, dass viele Dinge unbewusst in unserem mentalen System abgespeichert sind, an die wir bewusst gar nicht einfach rankommen. Das betrifft auch unser soziales Verhalten. Schließlich stehe ich ja nicht den ganzen Tag vor dem Spiegel und kann mein Verhalten kontrollieren.

Daraus erklärt sich auch der Spotlight-Effekt, dem Menschen oft unterliegen: Wir meinen, immerzu im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Ob wir gerade einen genialen Einfall geäußert haben oder auf der Straße ausgerutscht sind - wir sind davon überzeugt: Das kann niemandem entgangen sein!

Wir selbst sind also nicht unbedingt die besten Experten für unser eigenes Verhalten, gerade weil wir in unserer eigenen Haut stecken. Was andere wahrnehmen, bleibt uns zum Teil verborgen.

Interaktionstoxische Verhaltensweisen: Wie man Beziehungen vergiftet

Der Psychologe Rainer Sachse betont, dass das Nerven ein interaktionelles Konzept ist, dazu gehören immer zwei: einer, der nervt, und einer, der sich nerven lässt. Da gibt es ja große individuelle Unterschiede. Der erste Ratschlag zum richtigen Nerven lautet: Suchen Sie sich jemanden, der empfindlich ist, der an bestimmten Stellen leicht zu kränken ist. Dann geht der schon bei minimaler Kritik sofort auf die Palme. Jemand, der zum Beispiel ein bestimmtes Autonomiemotiv hat, der also gewisse Bereiche in seinem Leben in hohem Maß selbst bestimmen möchte, der wird am ehesten genervt sein, wenn Sie ihn einschränken, ihn bevormunden, ihm reinreden.

Sachse: Es gibt ein paar Verhaltensweisen, die immer funktionieren. Wir nennen sie "interaktionstoxisch".

Sachse: Die Nummer eins ist Nörgeln. Nörgeln ist eine geringe Kritik, die aber immer und über eine lange Zeit passiert und die Sie unbedingt machen sollten, wenn Sie eine Beziehung vergiften wollen. Also, Sie haben einen Partner, und Sie haben immer eine Kleinigkeit auszusetzen: Er sitzt falsch, er hat das Besteck falsch hingelegt, und Sie geben ihm ständig die Rückmeldung, dass er das besser machen muss. Wenn Sie die Beziehung ruinieren wollen, dann nörgeln Sie über lange Zeit, das funktioniert mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Eine andere interaktionstoxische Verhaltensweise nennen wir "Rabattmarken-Sammeln". Es gibt Leute, die sammeln Verfehlungen wie andere Leute Rabattmarken. Und sie schmieren diese Verfehlungen anderen Leuten immer und immer wieder aufs Butterbrot. Die Verfehlungen sind unauslöschlich und können nie entschuldigt werden.

Narzissmus als Nervensäge: Wenn das Ego im Mittelpunkt steht

Man könnte sagen, dass Narzissten die größten Nervensägen sind - das haben mehrere meiner Ansprechpartner bestätigt. Das Problem ist nur, dass man das im ersten Moment nicht merkt. Die Sache mit Narzissten ist die: Anfangs wirken sie charmant und unterhaltsam. Auch ich fand besagten Kollegen zunächst nett, er war unbefangen und hat mir sofort das Du angeboten.

Im Laufe der Zeit, wenn die Beziehung enger wird, merkt man, dass der Typ immer nur von sich erzählt, nur auf sich achtet und dass das Charmante, das anfangs wie ein Eisbrecher wirkte, nur noch nervt. Es gibt normative Erwartungen im Verlauf der Beziehung: dass man zuhört, sich austauscht. Eigenschaften wie Verträglichkeit und Hilfsbereitschaft werden mit der Zeit immer wichtiger. Narzissten jedoch streben einzig nach sozialer Anerkennung. Deswegen wechseln sie häufig die Bekanntschaften, damit sie bekommen, was sie suchen. Auf enge und langfristige Beziehungen lassen sie sich selten ein.

Irgendwann meiden die anderen Menschen sie natürlich, weil sie genervt davon sind, dass ihr Gegenüber immer im Mittelpunkt stehen will. Und die Narzissten sind ihrerseits genervt von denjenigen, die genervt reagieren und sich von ihnen abwenden. Denn auch ihre Erwartungen werden verletzt: Sie erfahren in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht genug Wertschätzung.

Wenn Unterwürfigkeit nervt: Das Harmoniebedürfnis als Stolperstein

Es ist erstaunlich, wie viele Eigenschaften nerven können. Es gibt Menschen, die ein unglaubliches Harmoniebedürfnis haben und solche Minderwertigkeitsgefühle, dass sie sich ständig anpassen wollen. Damit nerven sie, schlimmer noch: Sie werden auf Dauer übersehen und von anderen nicht geachtet.

Kleine Marotten, große Wirkung: Die Rolle der Basalganglien

Gerade die kleinen Dinge, die wir gar nicht bewusst tun, nerven andere oft kolossal. Viele Leute knabbern an ihren Fingernägeln, andere fummeln ständig in ihren Haaren rum. Der Hirnforscher Gerhard Roth sagt, es sind die Basalganglien, die alle unsere Gewohnheiten, auch die schlechten, abgespeichert haben. Die Basalganglien liegen tief im Gehirn. Wann immer wir unbewusste Bewegungen machen, sind diese Ganglien dafür verantwortlich. Sie sorgen dafür, dass wir Dinge "wie im Schlaf beherrschen". Oft ist das nützlich, weil man über viele Vorgänge nicht mehr nachdenken muss: beim Autofahren etwa oder beim Klavierspielen.

Innere Unruhe und Angst: Wenn das Nervensystem verrückt spielt

Innere Unruhe ist nicht unbedingt ein Krankheitssymptom, sondern gehört zum Menschsein dazu. So gut wie jeder fühlt sich gelegentlich unruhig, gestresst und nervös. Grund zur Sorge besteht nur, wenn dieser Zustand nicht mehr nachlässt oder allzu oft auftritt.

Wer sich über Wochen hinweg permanent oder immer wieder innerlich unruhig fühlt und darunter leidet, sollte daher in jedem Fall einen Arzttermin vereinbaren. Die Hausärztin oder der Hausarzt kann dabei helfen, den Ursachen auf den Grund zu gehen und einschätzen, welche weiteren Maßnahmen zur Diagnose und Behandlung nötig sind.

Wer seelische Probleme hinter der Unruhe wähnt, kann auch direkt einen Termin bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten machen. Das Erstgespräch ist unverbindlich und dient erst einmal nur der Beratung und Orientierung. Eine Überweisung ist nicht notwendig.

Was hilft bei innerer Unruhe und Angst?

Zur Behandlung von innerer Unruhe und Angstzuständen stehen verschiedene Arten von Beruhigungsmitteln zur Verfügung. Sie lassen sich grob unterteilen in:

  • verschreibungspflichtige Medikamente und
  • pflanzliche Mittel, die es ohne Rezept in Drogerien oder Apotheken zu kaufen gibt.

Allerdings schaffen solche Mittel nicht oder nur vorübergehend Abhilfe. Viele - vor allem die freiverkäuflichen - bringen die erwünschte Wirkung nicht. Andere lindern zwar die Unruhe, bergen aber das Risiko unangenehmer Nebenwirkungen und können abhängig machen.

In vielen Fällen ist es ohnehin weder nötig noch hilfreich, unangenehme Gefühlszustände gleich mit einem Mittel zu bekämpfen. Werden die Gefühle zum ständigen Begleiter, ist es sinnvoll, ärztlichen oder psychologischen Rat einzuholen.

Wenn die Unruhezustände oder Schlafstörungen als Symptome einer psychischen Erkrankung auftreten, kann die Ärztin oder der Arzt - in bestimmten Fällen - vorübergehend Medikamente mit Benzodiazepinen verschreiben.

Dazu zählen verschiedene Arzneistoffe, die auf das zentrale Nervensystem wirken und Unruhe und Angst schnell und unmittelbar lindern können. Die Wirkung setzt schon nach etwa einer halben Stunde ein. Sie eignen sich aber nicht zur längerfristigen Behandlung, weil sie abhängig machen können. Normalerweise sollte die Einnahme spätestens nach drei bis vier Wochen beendet sein.

In Drogerien und Apotheken gibt es eine große Auswahl von pflanzlichen Tees, Tabletten oder Tropfen, die Unruhe und Nervosität sanft und natürlich bekämpfen sollen. Die meisten dieser Präparate enthalten Extrakte aus:

  • Hopfen,
  • Baldrian oder
  • Lavendelöl.

Recht gut belegt ist die beruhigende Wirkung von Baldrian und Lavendelöl.

Selbsthilfemaßnahmen gegen innere Unruhe

Bis dahin - und auch begleitend zur weiteren Behandlung - können verschiedene Selbsthilfemaßnahmen dazu beitragen, das Problem in den Griff zu bekommen. Ein gesundes und schnell wirksames Mittel zum Stressabbau ist Bewegung, am besten in der Natur.

Bewährt haben sich zudem Entspannungstechniken wie:

  • progressive Muskelentspannung (auch progressive Muskelrelaxation genannt) und
  • autogenes Training.

Bei der progressiven Muskelentspannung geht es darum, angespannte Muskeln gezielt zu lockern, um den gesamten Körper zu entspannen.

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