Schwindel ist ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem, das viele Menschen betrifft. Etwa jeder sechste Patient klagt beim Hausarzt über Schwindel. Oftmals gestaltet sich die Diagnose schwierig, und Betroffene suchen verschiedene Ärzte auf, ohne eine klare Ursache für ihre Beschwerden zu finden. Die Ursachen für Schwindel können vielfältig sein, und es ist wichtig, diese zu verstehen, um eine effektive Behandlung zu ermöglichen.
Das komplexe Gleichgewichtssystem
Der menschliche Körper verfügt über einen eingebauten "Kompass", der für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts unerlässlich ist. Dieser Kompass ist ein komplexes System, das das Innenohr, die Augen und das Gehirn umfasst. Diese Komponenten müssen optimal zusammenarbeiten, damit wir uns im Raum orientieren und geradeaus laufen können.
Schwindelattacken durch Nervenirritationen im Gehirn
In einigen Fällen liegt die Ursache für Schwindel im Gehirn selbst. Am Klinikum Großhadern in München wurde bei einem Patienten festgestellt, dass Gleichgewichtsnerven im Gehirn durch den Kontakt mit einer Arterie gereizt wurden. Diese Irritation kann zu plötzlichen und heftigen Schwindelattacken führen, bei denen die Betroffenen die Orientierung verlieren und stürzen können.
Professor Thomas Brandt, ein Neurologe, erklärt, dass das Pulsieren der Arterie die Schutzhülle des Nervs schädigen kann. Dies führt dazu, dass die blank liegenden Nervenfasern durch das pulsierende Gefäß erregt werden und dem Körper eine Beschleunigung vortäuschen. Als Folge kommt es ohne Vorwarnung zu Stürzen.
Die Behandlung solcher Fälle kann Medikamente umfassen, die das pulsierende Gefäß beruhigen. Diese Medikamente werden niedrig dosiert verabreicht und ähneln Mitteln, die bei epileptischen Anfällen eingesetzt werden. Es ist wichtig zu beachten, dass es sich nicht um epileptische Anfälle handelt, sondern um verwandte, unnatürliche Erregungen eines Nervs. Dieses Krankheitsbild ist jedoch noch wenig bekannt.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Mechanische Ursachen: Kalksteinchen im Gehörgang
Eine häufigere Ursache für Schwindel liegt in mechanischen Problemen im Innenohr. Dabei kann ein Kalksteinchen an eine Stelle des Gehörgangs gelangen, wo es nicht hingehört. Dies führt zu Turbulenzen und Schwindelgefühlen.
Die Ohrensteinchen sind eigentlich wichtig für den Gleichgewichtssinn, da sie uns helfen, uns im Raum zu orientieren und Beschleunigungen wahrzunehmen. Wenn sie jedoch in die mit Flüssigkeit gefüllten Bogengänge des Innenohrs gelangen, können sie dort hin und her schwappen und Bewegungen vortäuschen.
Für diese Art von Schwindel hat Professor Brandt eine spezielle Therapie entwickelt. Dabei wird das Steinchen durch eine bestimmte Lagerung des Patienten an eine andere Stelle im Gehörgang bewegt, sodass es aus dem Bogengang herausfällt. Dadurch kann der Schwindel beseitigt werden.
Migräne als Auslöser von Schwindel
Migräne kann ebenfalls eine Ursache für Schwindel sein. Ärzte haben diesen Zusammenhang eher zufällig entdeckt, als sie Patienten helfen wollten, die gleichzeitig an Schwindel und Migräne litten. Durch die vorbeugende Behandlung von Migränepatienten konnten sie auch den Schwindel reduzieren.
Bei diesen Patienten sprechen die Schwindelgefühle auf Migränemedikamente an. Diese Medikamente helfen, die Gehirnzellen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wenn sie sich krankhaft verändert haben. Mithilfe bildgebender Verfahren lässt sich mittlerweile recht genau erkennen, was in den Nervenzellen vor sich geht.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Hydrocephalus (Wasserkopf)
Ein Hydrocephalus, oft auch als „Wasserkopf“ bezeichnet, ist eine Erkrankung, bei der sich übermäßig viel Liquor (Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit) im Schädelinneren ansammelt. Das Gehirn und Rückenmark sind von Hirnwasser umgeben, das in den Ventrikeln (Hirnkammern) produziert wird und normalerweise frei um das Hirn und entlang des Rückenmarks fließt. Die Hauptursache eines Hydrocephalus ist eine Störung in der Zirkulation des Liquors im Gehirn.
Spezifische Gründe für Hydrocephalus können sein:
- Infektionen wie Meningitis oder Enzephalitis
- Blutungen im Hirn, besonders bei Frühgeborenen oder im Rahmen einer Subarachnoidalblutung
- Tumore im Gehirn oder im Rückenmark, die die Liquorpassage behindern
- Kopfverletzungen, die den normalen Fluss von Liquor stören
- Angeborene Fehlbildungen, die den normalen Fluss von Liquor verhindern
- Spinale Zysten oder andere Anomalien
Die Hauptursachen für die übermäßige Ansammlung von Liquor im Gehirn sind:
- Unzureichende Absorption von Liquor
- Behinderung des Liquorabflusses
- Kommunikationsstörung
- Verstärkte Produktion von Liquor
Es gibt verschiedene Arten von Hydrocephalus, darunter der kommunizierende Hydrocephalus, der Normaldruckhydrocephalus, der nichtkommunizierende Hydrocephalus und der Hydrocephalus e vacuo. Die Symptome können je nach Alter, Schweregrad und den betroffenen Gehirnregionen variieren. Die Diagnose erfordert eine sorgfältige medizinische Untersuchung und spezifische bildgebende Verfahren wie MRT und Lumbalpunktion.
Die Vielfalt der Schwindelformen und ihre Auslöser
Schwindel ist ein häufiges Symptom, das viele verschiedene Formen annehmen kann. Es gibt Drehschwindel, bei dem sich die Umgebung dreht, und Schwankschwindel, bei dem man sich wie auf einem schwankenden Schiff fühlt. Die Auslöser für Schwindel sind ebenso vielfältig.
Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick
Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder Schwindel gefährlich ist, aber die Ursachen sollten immer abgeklärt werden, um schwerwiegende Erkrankungen auszuschließen. Viele Betroffene vermuten die Ursache ihres Schwindels in der Halswirbelsäule, aber die meisten Schwindelerkrankungen haben ihre Ursache nicht dort.
Diagnose und Behandlung von Schwindel
Eine korrekte Diagnose ist entscheidend für die Behandlung von Schwindel. Ärzte stellen zunächst fest, ob es sich um Dreh- oder Schwankschwindel handelt. Zielführender für die Diagnose ist jedoch der zeitliche Verlauf der Schwindelsymptome.
- Akut auftretender, anhaltender Dreh- oder Schwankschwindel kann auf einen Ausfall oder eine Entzündung eines Gleichgewichtsnerven hindeuten oder auf eine Durchblutungsstörung in den Gleichgewichtszentren des Hirnstammes oder Kleinhirns.
- Wiederholte Schwindelanfälle mit Auslöser können auf einen gutartigen Lagerungsschwindel hindeuten.
- Wiederholte Schwindelanfälle ohne Auslöser können auf eine vorübergehende Durchblutungsstörung nach einem "Mini-Schlaganfall" (TIA) in den Gleichgewichtszentren des Gehirns hindeuten.
Am häufigsten leiden Betroffene unter einem funktionellen Schwindel. Dieser wird oft durch eine organische Erkrankung im Gleichgewichtssystem ausgelöst, die ursprünglich Schwindel verursachte. Selbst wenn die Krankheit ausgeheilt ist, können die Schwindelbeschwerden bestehen bleiben.
Die Behandlung des funktionellen Schwindels umfasst spezielle Physiotherapie, sogenannte vestibuläre Rehabilitation, einzeln oder zusammen mit einer Verhaltens-Psychotherapie. Bei der Psychotherapie steht zunächst die Aufklärung über das Krankheitsbild im Vordergrund. Dann geht es darum, Ursachen wie Ängste mit verhaltenstherapeutischer Hilfe zu überwinden.
Die vestibuläre Rehabilitation umfasst ein systematisches Training, in dem man das Gleichgewicht durch ständige Bewegungsreize schult. Ein wichtiger Baustein ist ein Desensibilisierungs-Training, bei dem sich Betroffene gezielt und angeleitet mit Schwindel auslösenden Bedingungen und Bewegungen konfrontieren.
Weitere Schwindelformen und ihre Behandlung
- Gutartiger Lagerungsschwindel: Hier tritt plötzlich starker Drehschwindel auf, ausgelöst durch Kopf- und Körperbewegungen. Die Behandlung erfolgt durch ein Befreiungsmanöver, bei dem das losgelöste Steinchen aus dem Bogengang des Gleichgewichtsorgans entfernt wird.
- Akute unilaterale Vestibulopathie (AUVP): Dabei handelt es sich um eine virale Entzündung des Gleichgewichtsnerven. Für diese Fälle gibt es in der Akutphase wirksame Medikamente.
- Schlaganfall: Schwere Schwindelattacken können auch auf einen Schlaganfall im Hirnstamm oder Kleinhirn hinweisen. Daher sollte man sich bei akut auftretendem Dreh- oder Schwankschwindel unmittelbar ärztlich untersuchen lassen.
- Schwindelmigräne (vestibuläre Migräne): Ein Teil der Menschen mit Migräne erlebt Schwindelanfälle als Symptom. Sie führt zu immer wieder auftretenden Schwindelanfällen und Hörstörungen über einige Stunden hinweg. Schwindelmigräne ist meist heilbar.
Tipps für den Umgang mit Schwindel
- Beobachten Sie die Beschwerden genau und führen Sie ein Schwindeltagebuch.
- Vermeiden Sie es nicht, die Auslöser des Schwindels zu vermeiden, sondern lassen Sie ihn behandeln.
- Seien Sie körperlich aktiv und treiben Sie Sportarten mit schnellen Bewegungen.
- Vermeiden Sie das Führen eines Kfz beim akuten Schwindel.
- Suchen Sie bei akutem oder sehr einschränkendem Schwindel rasch eine Notaufnahme auf.
Schädel-Hirn-Trauma und Schwindel
Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) kann ebenfalls zu Schwindel führen. Es ist ein Sammelbegriff für Verletzungen des Gehirns, die durch äußere Einwirkungen auf den Schädel entstehen. Die Symptome eines SHT können Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Übelkeit, Schwindelgefühl und Sehstörungen umfassen.
Nach einem Kopfstoß können verschiedene physiologische Reaktionen im Körper auftreten, die ernsthafte Folgen haben können, einschließlich Hirnblutungen. Es ist wichtig, nach einem Sturz auf den Kopf die Symptome zu erkennen und gegebenenfalls ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Kreislaufstörungen und Schwindel
Benommenheit und Schwindel können auch durch Kreislaufstörungen verursacht werden. Das Herz-Kreislaufsystem muss jederzeit und in jeder Körperlage Blut mit ausreichendem Druck und Fluss durch den Körper pumpen, auch gegen die Schwerkraft. Ist dieses feinregulierte Gleichgewicht gestört, kann Benommenheit bis hin zum Bewusstseinsverlust auftreten.
Mit der Kreislaufmessung (Finapres-System®) kann das Kreislaufverhalten in unterschiedlichen Körperpositionen bewertet werden. Auf der Grundlage der Ergebnisse können Rückschlüsse auf die Ursachen der Kreislaufstörung gezogen werden. Häufig sind es Störungen des Stoffwechsels oder Medikamente, die zu Kreislaufsymptomen führen.
Computertomographie (CT) bei Schädel-Hirn-Trauma
Die CT-Bildgebung ist bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma in der Notaufnahme fest etabliert. Sie liefert in kurzer Zeit viele wichtige Informationen. Die Wahl der Fensterung ist von Bedeutung, um selbst subtile Frakturen oder Blutungen zu erkennen.
Bei schweren Kopftraumata sollten auch die Schlagadern und Venen unter die Lupe genommen werden. Einige Folgen von Traumata treten nicht akut auf, sondern zeigen sich erst einige Zeit später. Kleine Blutungen wachsen über Stunden unentdeckt an und nehmen lebensgefährliche Ausmaße an. Hier stößt die CT-Bildgebung an ihre Grenzen.
Gutartiger Lagerungsschwindel im Alter
Im hohen Lebensalter leiden sehr viele Menschen an Bewegungs- oder Lagerungsschwindel, ohne dass dafür ein fassbarer Grund gefunden werden kann. Gutartiger Lagerungsschwindel ist eine häufige, harmlose Erkrankung. Bei Seitwärtslage des Kopfs verlagern sich kleinste Steinchen (Otolithen) im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs, das führt zu heftigen, sekundenlangen Drehschwindelattacken.
Homöopathie bei Schwindel
In der Homöopathie wird Belladonna für zahlreiche entzündliche Erkrankungen im Anfangsstadium eingesetzt. Seine wichtigen Kennzeichen sind, dass die Symptome meist plötzlich und sehr heftig auftreten. Dazu zählen Entzündungen der Atemwegsorgane, Hals- und Ohrenentzündungen, Erkältungen und grippale Infekte mit hohem Fieber, Erkrankungen der Augen, des Verdauungsapparates oder heftige, stark pochende Kopfschmerzen.