Die Forschung zum weiblichen Gehirn hat in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht. Trotzdem gibt es noch viele offene Fragen, insbesondere im Hinblick auf die Auswirkungen von Hormonschwankungen, Schwangerschaft und Menopause auf die kognitiven Funktionen und die Gesundheit des Gehirns. Dieser Artikel fasst den aktuellen Stand der Forschung zusammen, beleuchtet geschlechtsspezifische Unterschiede und gibt Einblicke in mögliche Schutzmaßnahmen.
Hirnerkrankungen bei Frauen: Ein erhöhtes Risiko?
Frauen sind deutlich häufiger von degenerativen Hirnerkrankungen betroffen als Männer. So sind beispielsweise zwei Drittel aller Alzheimer-Erkrankten Frauen. Lange Zeit wurde dies vor allem auf die höhere Lebenserwartung von Frauen zurückgeführt. Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass auch biologische Faktoren eine Rolle spielen könnten.
Lisa Mosconi geht in ihrem Buch "Das weibliche Gehirn" den Ursachen für Hirnerkrankungen bei Frauen auf den Grund und zeigt Möglichkeiten zur Prävention auf. Sie betont, dass mindestens ein Drittel aller Alzheimer-Fälle durch Veränderungen der Lebensweise vermieden werden könnten.
Das Wechseljahrs-Gehirn: Hormonelle Veränderungen und ihre Auswirkungen
Ein zentrales Thema in der Forschung zum weiblichen Gehirn ist die Menopause und die damit verbundenen hormonellen Veränderungen. Die Hormonschwankungen in der Perimenopause (der Phase vor der letzten Menstruationsblutung) und in der Postmenopause (danach) wirken sich auf das weibliche Gehirn aus. Insbesondere der sinkende Östrogenspiegel kann zu einer Reihe von Symptomen führen, die oft als "Wechseljahrs-Gehirn" bezeichnet werden.
Symptome des Wechseljahrs-Gehirns
Frauen erleben während der Wechseljahre eine Reihe von körperlichen und neurologischen Veränderungen, darunter:
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- Hitzewallungen
- Stimmungsschwankungen
- Schlafstörungen
- Abnahme der Libido
- Brain Fog (Gehirnnebel): Konzentrationsschwierigkeiten, Vergesslichkeit, Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung, Wortfindungsprobleme
Diese Symptome können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und im Berufsleben zu Problemen führen.
Was passiert im Gehirn?
Die weiblichen Sexualhormone Östrogen, Progesteron und teilweise auch Testosteron spielen eine wichtige Rolle für die Funktion des Gehirns. Vor allem Östrogen geht bereits bis zu zehn Jahre vor der eigentlichen Menopause in einen latenten Achterbahn-Modus über, bis es irgendwann den unkontrollierten Sturzflug einleitet.
Der sinkende Östrogenspiegel kann verschiedene Regionen des Gehirns beeinflussen:
- Hypothalamus: Der sinkende Östrogenspiegel kann zu Hitzewallungen führen.
- Hippocampus: Der Östrogenverlust wirkt sich auf Gedächtnis und Kognition aus.
- Amygdala: Das emotionale Zentrum des Gehirns wird gestört.
- Präfrontaler Kortex: Der präfrontale Kortex, der an Entscheidungsfindung, Aufmerksamkeit, Multitasking und Sprache beteiligt ist, kommt durcheinander.
- Hirnstamm: Der Hirnstamm, der den Schlaf-Wach-Zyklus im Schach hält, muss sich neu sortieren.
In Gehirn-Scans wurde zudem festgestellt, dass das Volumen der grauen Substanz in Bereichen des Gehirns, die mit Aufmerksamkeit, Konzentration, Sprache und Gedächtnis zu tun haben, bei menopausalen Frauen kleiner sein kann.
Was hilft gegen das Wechseljahrs-Gehirn?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Symptome des Wechseljahrs-Gehirns zu lindern:
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- Bioidentische Hormone: Zur Linderung schwerer Hitzewallungen tragen nachweislich sogenannte bioidentische Hormone bei.
- Nicht-hormonelles Präparat: Im Frühjahr wurde ein nichthormonelles Präparat zugelassen, das die Thermoregulation im Gehirn verbessern soll.
- Hormonersatztherapie (HRT): Die Leitlinie für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland spricht neben der Hormonersatztherapie (HRT) auch Präparaten mit Isoflavonen und Cimicifuga in manchen Fällen eine gewisse Wirkung zu, auch eine kognitive Verhaltenstherapie ist demnach eine Option.
- Bewegung und ein gesunder Lebensstil: Mosconi und auch die Wechseljahres-Expertinnen hierzulande sind sich einig, dass Bewegung und ein gesunder Lebensstil in jedem Fall wirken.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Studienlage zur Wirksamkeit von Hormonersatztherapien auf kognitive Symptome in der Perimenopause noch unklar ist.
Erholung des Gehirns nach der Menopause?
Eine kleine Studie von Mosconi konnte zeigen, dass bestimmte Biomarker des Gehirns sich nach der Menopause weitgehend stabilisierten und sich das Volumen der grauen Substanz in wichtigen Gehirnregionen erholte. Allerdings ist die Zahl der untersuchten Patientinnen recht übersichtlich, so dass die Ergebnisse nicht ohne Weiteres verallgemeinerbar sind.
Das weibliche Gehirn im Menstruationszyklus
Das weibliche Gehirn ist nicht nur in den Wechseljahren hormonellen Schwankungen ausgesetzt, sondern auch während des Menstruationszyklus. Eine Studie hat gezeigt, dass das weibliche Gehirn auf einen ständigen Rhythmus der Hormone eingepegelt ist. Es zeigte sich, dass ähnlich wie bei Ebbe und Flut das weibliche Gehirn auf einen ständigen Rhythmus der Hormone eingepegelt ist. In Folgestudien soll nun geklärt werden, ob diese rhythmischen Veränderungen bei Menschen mit erhöhtem Risiko, an einer Gedächtnis- oder einer affektive Störung zu erkranken, verändert sind. Generell werde das weibliche Gehirn in den Neurowissenschaften immer noch viel zu wenig untersucht, betont die Forscherin.
Das Gehirn während der Schwangerschaft
Während der Schwangerschaft kommt es im Körper der Mütter zu starken Veränderungen. Forschende haben herausgefunden, dass sogar das Gehirn schrumpft. Das Hirnvolumen nimmt bei den schwangeren Teilnehmerinnen ab. "Diese Veränderungen waren so deutlich, dass ein Computeralgorithmus sogar automatisch identifizieren konnte, ob eine Frau zwischen den beiden Untersuchungen schwanger gewesen war oder nicht", sagt die Neurowissenschaftlerin Dr. Erika Barba-Müller, welche die Studie mitverantwortete.
Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen
Schwangere berichten immer wieder über Vergesslichkeit und ein schlechtes Gedächtnis. Doch die Forschenden beider Studien konnten keine Veränderungen kognitiver Funktionen bei den Schwangeren beobachten. "Die Ergebnisse deuten auf einen Anpassungsprozess hin, der mit dem Vorteil einer besseren Erkennung der Bedürfnisse des Kindes verbunden ist, wie zum Beispiel die Identifizierung des emotionalen Zustands des Neugeborenen", sagt Oscar Vilarroya, ein Leiter der Studie in Barcelona.
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Mögliche Ursachen für die Veränderung des Hirnvolumens
Die spanischen Forschenden vermuten, dass bei Schwangeren ein ähnlicher Prozess im Gehirn ablaufen könnte wie bei Jugendlichen in der Pubertät. Bei Teenagern werden Nervenverbindungen, die wenig genutzt und damit überflüssig werden, abgebaut. Häufig gebrauchte Nervenverbindungen werden dafür gestärkt. Die Folge: Bereiche des Gehirns können effizienter arbeiten.
Die an beiden Studien beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die starken hormonellen Veränderungen während der Schwangerschaft Auswirkungen auf das Gehirn haben. Den genauen Grund für den leichten Volumenrückgang konnte beide Studie nicht klären.
Erholung des Gehirns nach der Schwangerschaft
Die Untersuchungen in Barcelona ergaben, dass das Gehirn der Mütter auch zwei Jahre nach der Geburt des Kindes noch kleiner war, als vor der Schwangerschaft. Bei der Studie aus Amsterdam stellten die Forschenden aber fest, dass sich das Hirnvolumen der Schwangeren zu großen Teilen wieder in den Zustand von vor der Schwangerschaft ausgedehnt hatte.
Geschlechtsspezifische Unterschiede im Gehirn: Mythos oder Realität?
Dass Männer im Durchschnitt größere Gehirne haben als Frauen, ist in den Neurowissenschaften weithin bekannt. Wie sich das Gehirn zwischen Geschlechtern jedoch funktionell unterscheidet, ist weniger gut verstanden.
Funktionelle Organisation des Gehirns
Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und des Forschungszentrums Jülich hat untersucht, ob Geschlechtsunterschiede in der funktionellen Organisation des Gehirns auf Unterschiede in der Gehirngröße, der Mikrostruktur und dem Abstand der funktionellen Verbindungen entlang der kortikalen Oberfläche zurückzuführen sind.
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Geschlechtsunterschiede in der funktionellen Organisation des Gehirns eher kleine Unterschiede in den Netzwerken und den Verbindungen dazwischen widerspiegeln.
Die Bedeutung von Hormonen
Eine Studie hat untersucht, inwieweit Sexualhormone die Gehirnstruktur beeinflussen. Sexualhormonrezeptoren sind sowohl in Neuronen als auch in Gliazellen weit verbreitet, was es ihnen ermöglicht, über verschiedene molekulare Mechanismen mit den wichtigsten Zellgruppen des Gehirns zu interagieren. Diese Mechanismen führten zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Gehirnstruktur sowie zu hormonbedingter Plastizität im Gehirn - sowohl durch körpereigene und künstliche Sexhormone.
Das Gehirn als Mosaik
Eine umfangreiche Studie an über 1.400 Gehirnen hat gezeigt, dass geschlechtsspezifische Unterschiede im Gehirn nicht so klar sind, wie angenommen. Die Analyse der grauen Substanz, der weißen Substanz und der Verbindungen zeigt große Überlappungen zwischen den Geschlechtern. Zudem sind Gehirne, die eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können, selten. Stattdessen bestehen die meisten Gehirne aus einer einzigartigen Mischung von Merkmalen, die bei Frauen und Männern unterschiedlich verteilt sind.
Es ist präziser und korrekter, sich bei der Beschreibung von Gehirnmerkmalen quantitativer Maße zu bedienen, anstatt qualitative Labels wie "männlich" oder "weiblich" zu verwenden. Anstelle einer binären Einteilung des Gehirns sollten wir die vielfältigen Muster im Gehirnsmosaik anerkennen.
Kritik an der "Genderneutralität" des Gehirns
Die britische Neurowissenschaftlerin Gina Rippon behauptet, das Gehirn sei „so genderneutral wie die Leber und das Herz“. Dem widerspricht eine andere Sichtweise: Die Emanzipation der Frau ist ein wichtiger und noch immer andauernder, manchmal schmerzhafter Prozess. Manche Menschen, sogar Wissenschaftler, sind jedoch der Meinung, dass Gleichberechtigung nur gegeben ist, wenn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufgehoben sind. Zu diesem Zweck werden geschlechtsspezifische Unterschiede im Gehirn und im Verhalten der Menschen manchmal als unbequeme Wahrheit unter den Teppich gekehrt. Diese Unterschiede zu leugnen, ist jedoch nicht nur für Mädchen und Jungen, sondern auch für Frauen und Männer schädlich. Wenn man die Unterschiede nämlich berücksichtigt, kann man Männern und Frauen besser gerecht werden - so wie dies in der Psychiatrie und auch in anderen medizinischen Disziplinen der Fall ist.