Persönlichkeit: Welcher Teil des Gehirns ist verantwortlich?

Die Frage, welcher Teil des Gehirns für die Persönlichkeit eines Menschen verantwortlich ist, beschäftigt die Wissenschaft seit langem. Während die Phrenologie des 19. Jahrhunderts längst widerlegt ist, hält sich die Idee, dass bestimmte Hirnregionen mit spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung stehen, hartnäckig. Moderne Forschungsmethoden wie die Kernspintomographie (MRT) ermöglichen es, das Gehirn detaillierter zu untersuchen und Zusammenhänge zwischen Hirnstruktur und Persönlichkeit zu analysieren.

Die "Big Five" und ihre Entsprechung im Gehirn

Ein Ansatz zur Beschreibung der Persönlichkeit ist das Modell der "Big Five", das fünf grundlegende Dimensionen unterscheidet:

  • Offenheit: Erfinderisch und neugierig vs. konservativ und vorsichtig
  • Gewissenhaftigkeit: Effektiv und organisiert vs. unbekümmert und nachlässig
  • Extraversion: Gesellig vs. zurückhaltend und reserviert
  • Verträglichkeit: Kooperativ, freundlich, mitfühlend vs. wettbewerbsorientiert, antagonistisch
  • Neurotizismus: Emotional, verletzlich vs. selbstsicher, ruhig

Eine Studie von Luca Passamonti von der Universität Cambridge untersuchte, ob diese "Big Five" mit bestimmten Merkmalen der Hirnoberfläche korrelieren. Die Forscher analysierten MRT-Aufnahmen von 507 Teilnehmern des "Human Connectome Project" mithilfe der "Oberflächen-basierten Morphometrie" (SBM). Diese Methode misst Dicke, Oberfläche, Volumen und Faltung des Kortex. Die Ergebnisse wurden mit den Antworten der Teilnehmer im Fragebogen NEO-FFI verglichen, der die Ausprägung der "Big Five" erfasst.

Die Ergebnisse zeigten tatsächlich Zusammenhänge zwischen bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und Hirnstrukturen. So war Neurotizismus mit einer Verdickung des Kortex und einer Verkleinerung der Oberfläche in präfrontalen-temporalen Regionen verbunden, während Offenheit mit einer verminderten Kortexdicke und einer vergrößerten Oberfläche assoziiert war. Extraversion korrelierte mit einem dickeren Precuneus und einer Verkleinerung des oberen temporalen Kortex, Verträglichkeit mit einer verminderten Dicke des präfrontalen Kortex und einer Verkleinerung des Gyrus fusiformis. Gewissenhaftigkeit zeigte sich in einem dicken Kortex bei Verminderung der Oberfläche und Faltung in präfrontalen Regionen.

Passamonti versuchte, diese Assoziationen plausibel zu erklären, doch solche Überlegungen bleiben spekulativ. Zudem ist zu bedenken, dass sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens verändern kann, was die Interpretation solcher Korrelationen erschwert.

Lesen Sie auch: Der Conus Medullaris: Eine detaillierte Analyse

Persönlichkeitsveränderungen nach Hirnschädigungen

Drastische Persönlichkeitsveränderungen nach Hirnschädigungen, wie Schlaganfällen oder Unfällen, liefern weitere Hinweise auf die Rolle bestimmter Hirnregionen bei der Gestaltung der Persönlichkeit.

Ein Beispiel ist der Fall von Tommy McHugh, einem britischen Bauarbeiter, der nach einem Hirninfarkt ein unwiderstehliches Verlangen verspürte, Gedichte zu schreiben und zu malen. Aus dem aggressiven Schläger war ein feinfühliger Künstler geworden. Auch Fälle von frontotemporaler Demenz, einer seltenen Hirnerkrankung, können zu deutlichen Veränderungen der Persönlichkeit führen. So berichtete der Forscher Bruce Miller von einer dynamischen Maklerin, die sich im Zuge der Erkrankung zu einer schlampig gekleideten Liebhaberin von Fast-Food wandelte. In den meisten Fällen war der rechte Stirnlappen im Gehirn beschädigt.

Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass der Frontallappen, insbesondere der rechte Frontallappen, eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung des Selbstbildes und der Steuerung von Verhalten und Entscheidungen spielt.

Das Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit

Gerhard Roth hat auf Basis der Erkenntnisse der Hirnforschung das Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit und Psyche entwickelt. Dieses Modell unterscheidet vier anatomische Gehirnebenen:

  1. Untere limbische Ebene (vegetativ-affektive Ebene): Diese Ebene kontrolliert biologische Funktionen und steuert grundlegende affektive Verhaltensweisen und Handlungen. Sie konstituiert das Temperament und die Kernpersönlichkeit eines Menschen. Prozesse auf dieser Ebene sind unbewusst und kaum veränderbar.
  2. Mittlere limbische Ebene: Diese Ebene entwickelt sich vor und in der ersten Zeit nach der Geburt. Hier werden Erfahrungen durch selektive Bestätigung (Konditionierung) verfestigt und Grundlagen für Selbstkonzept und Sozialität etabliert. Erfahrungen auf dieser Ebene sind späterer Erinnerung nicht zugänglich und lassen sich nur durch gezielte emotionalisierende und bindungsbezogene Maßnahmen verändern.
  3. Obere limbische Ebene: Diese Ebene repräsentiert Aktivitäten bestimmter Areale des limbischen Cortex, die mit Körperwahrnehmung verknüpft sind und das bewusste Selbst, einschließlich sozialer Anteile von Denken, Fühlen sowie Moral und Ethik entwickeln. Diese Ebene sorgt für Anschlussfähigkeit von primärer Persönlichkeit und der Fähigkeit, mit Anforderungen aus dem soziokulturellen Umfeld zurechtzukommen.
  4. Kognitiv-sprachliche Ebene: Diese Ebene ist hauptsächlich im oberen und mittleren Stirnhirn, im präfrontalen Cortex lokalisiert und entwickelt sich zeitgleich mit der dritten Ebene, also etwa ab dem dritten Lebensjahr. Diese Ebene ermöglicht bewusstes Wahrnehmen und Denken, Kompetenzen und Langzeitspeicherung im Rahmen des Erwerbs von Wissen, Erfahrung und Erinnerung sowie Imagination.

Eine Besonderheit ist, dass die vierte Ebene nur wenige direkte Verbindungen zu den drei limbischen Ebenen hat, während deren Verbindungen zur vierten Ebene vielfältig und ausgeprägt sind. Dies erklärt, warum Gefühle und intuitive Bewertungen oft stärkeren Einfluss auf unser Verhalten haben als rationale Erwägungen.

Lesen Sie auch: Risikofaktoren für Schlaganfall in jungen Jahren

Die Rolle des Frontallappens

Der Frontallappen, insbesondere der präfrontale Cortex (PFC), spielt eine zentrale Rolle für Persönlichkeit und Charakter. Er ist massiv vernetzt und wird gemeinhin mit den exekutiven Funktionen assoziiert, wie Aufmerksamkeit, Nachdenken, Entscheidung und Planung.

Der PFC lässt sich grob in den dorsolateralen Präfrontalcortex und den orbitofrontalen Cortex unterteilen. Der dorsolaterale PFC ist primär für die Organisation komplexer Handlungen, die Planung und die fortlaufende Überwachung zuständig, während im orbitofrontalen Cortex die emotionalen und motivationalen Aspekte einer Entscheidung verhandelt werden.

Schädigungen des PFC können zu massiven Persönlichkeitsveränderungen führen, wie der Fall von Phineas Gage zeigt. Je nach betroffenem Bereich können Symptome wie Antriebslosigkeit, Apathie, Unzuverlässigkeit, Impulsivität oder Verlust des Gefühls für soziale Konventionen auftreten.

Neuronale Vernetzung und individuelle Unterschiede

Eine Studie, die im Fachjournal Neuron veröffentlicht wurde, zeigte, dass die Verschiedenheit zwischen Individuen sich in den Verknüpfungen von Gehirnregionen widerspiegelt. Besonders große Differenzen ließen sich in jenen Hirnarealen erkennen, die für das Speichern und Verarbeiten neuer Informationen zuständig sind. Ähnlich waren sich hingegen die für die erste Wahrnehmung von Sinneseindrücken relevanten Hirnbereiche.

Die Forscher konnten exakt jene Hirnregionen bestimmen, in denen individuelle Unterschiede zu beobachten sind. Besonders auffällige Unterschiede zeigten sich in jenen Bereichen des Hirns, die sich im Laufe der Evolution stark vergrößert haben, wie der Assoziationskortex inklusive des lateralen präfrontalen Hirnlappens sowie die Verbindungsstelle zwischen dem Temporal- und Schläfenlappen der Großhirnrinde.

Lesen Sie auch: Wo unser Gedächtnis im Gehirn wohnt

Gliazellen und Konnektom

Neben den Nervenzellen spielen auch die Gliazellen eine wichtige Rolle für die Funktion des Gehirns. Sie bilden die Grundstruktur des Gehirns, versorgen die Nervenzellen mit Nahrung und entsorgen deren Abfallstoffe. Auch die Schicht, die die langen Nervenfasern elektrisch isoliert, wird von Gliazellen gebildet.

Die gesamten Nervenverbindungen eines Lebewesens werden als Konnektom bezeichnet. Das Konnektom des menschlichen Gehirns ist sehr komplex. Wissenschaftler untersuchen die grundlegenden Prinzipien deshalb an einfacher aufgebauten Gehirnen, zum Beispiel bei Mäusen.

tags: #in #welchem #teil #des #gehirns #ist