Musik ist allgegenwärtig. Sie beeinflusst unsere Stimmung, weckt Erinnerungen und kann sogar Schmerzen lindern. Laut der Encyclopædia Britannica ist Musik die Kunst, Vokal- oder Instrumentalklänge so anzuordnen, dass sie besonders schön oder emotional ausdrucksstark werden. Musik ist also einerseits Schönheit, andererseits aber auch Wirkung. Sie bewegt Menschen auf vielfältige Weise: Sie löst Emotionen aus, weckt Energie, motiviert und bringt Menschen zusammen. Musik kann Erinnerungen wachrufen und Schmerzen lindern. Dass Musik wirkt, ist also klar. Aber wie genau funktioniert das?
Die Wirkung von Musik auf die Psyche
Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, welche Wirkung auf den Menschen betrachtet wird. Musik kann einen starken Einfluss auf die Psyche und verschiedene psychische Prozesse haben. Clemens Wöllner, Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg, erklärt: „Die wohl stärkste psychische Wirkung von Musik ist ihr Einfluss auf unsere Emotionen. Das ist für viele Menschen sogar einer der Hauptgründe, warum sie Musik hören.“ In seinen Vorlesungen stellt er oft die Frage, was Studenten spontan einfällt, wenn sie an Musik denken. „An erster Stelle taucht in den Antworten sehr häufig das Wort ‚Emotionen‘ auf.“
Musik kann dabei alle möglichen Gefühle wecken. Sie kann fröhlich, heiter, ausgelassen oder motivierend wirken und Kraft geben. Andere Lieder stimmen eher sentimental, traurig oder sogar wütend.
Wenn Menschen Musik hören, um Emotionen hervorzurufen, verfolgen sie meist eine von zwei Strategien: Entweder sie wählen Stücke, die zur aktuellen Stimmungslage passen (das sogenannte Isoprinzip), oder sie hören eine bestimmte Musik, die gewisse Emotionen auslöst, die sie zwar gerade nicht empfinden, aber gerne empfinden möchten (das Kompensationsprinzip).
„Vor allem empathische Menschen hören gerne mal traurige Musik, weil sie sich besonders gut in die Gefühle anderer hineinversetzen können, wie Studien gezeigt haben“, sagt Wöllner. „Außerdem ist Musikhören ein sicherer, geschützter Raum, wo man so etwas wie Katharsis erfahren kann. Wir können für eine gewisse Zeit auch eher negative Emotionen wie Traurigkeit oder Angst erleben. Gleichzeitig wissen wir dabei, dass die Situation nicht real traurig oder bedrohlich für einen selbst ist.“
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Die Wirkung von Musik auf das Gehirn
Musik wirkt nicht nur auf die Gefühlslage, sondern auch auf eine ganze Reihe weiterer Prozesse und Funktionen. „Ganz besonders stark ist der Einfluss von Musik auf das Gedächtnis“, sagt Wöllner. Im Gehirn aktiviere Musik fast immer das limbische System. Und dort seien vor allem die mit Emotionen zusammenhängende Amygdala oder der an Gedächtnisprozessen beteiligte Hippocampus aktiv, wenn Menschen Musik hörten.
„Binnen Bruchteilen von Sekunden findet da ein Abgleich statt, ob man das Stück schon mal gehört hat, ob es mit einer spezifischen Situation oder Lebensphase verknüpft ist. Manchmal muss man nur ein paar Töne hören und kommt sofort man in die Stimmung, die man vor 20, 30 Jahren hatte. Das ist in der Forschung als ‚Casablanca-Effekt‘ bekannt, benannt nach dem Film, in dem dasselbe Musikstück die Protagonisten immer wieder an vergangene Zeiten erinnert.“
Neben dem limbischen System sind beim Musikhören aber noch viele andere Gehirnregionen aktiv. Das Bewegungszentrum etwa: Scheinbar instinktiv beginnt man hier oder dort mal im Takt zu schnipsen oder mit dem Fuß zu wippen. Auch das Sehzentrum kann aktiviert werden, zum Beispiel, weil ein bestimmtes Lied gewisse Bilder in einem weckt, die man mit dem Stück verbindet.
Ebenso kann der präfrontale Cortex beteiligt sein, wenn man konzentriert einem Lied folgt, um etwa seine Ästhetik zu bewerten. Bildgebende Verfahren können zeigen, was im Gehirn beim Musikhören passiert. Die Bilder lassen erahnen, wie viele Hirnareale beim Musizieren beteiligt sind. Und es gibt Auffälligkeiten im Hirn von Klassik- oder Jazzpianisten. Beim Musizieren oder Musik hören werden Endorphine ausgeschüttet. Das sind körpereigene Glückshormone, die auch beim Essen und Sport, bei Sex und durch Drogen produziert werden.
Ein Blick ins Hirn: Bildgebende Verfahren
Zu sehen, was beim Musikhören passiert, sozusagen der Blick ins Hirn, wurde erst möglich durch bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT). Hört ein Mensch Musik, werden die Strukturen zuerst im Hirnstamm verarbeitet. Auf dieser Ebene ist die Musik noch nicht ins Bewusstsein gedrungen. Das geschieht erst, wenn die Reize das Hörzentrum, den sogenannten Hörkortex, erreichen.
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Welche Musik wir hören, verrät das Muster unserer Hirnaktivität. Ob und wie sich das Muster der Aktivität auch zwischen verschiedenen Musikgenres unterscheidet, hat ein Forscherteam um den Studienleiter Vinoo Alluri von der Universität von Iyväskylä in Finnland untersucht. Für ihre Studie spielten sie Probanden mehrere unterschiedliche Musikstücke vor, darunter Ausschnitte aus einem Vivaldi-Konzert, ein Jazzstück von Miles Davis, Blues, einen argentinischen Tango und ein Stück von den Beatles. Während die Teilnehmer der Musik lauschten, zeichneten die Forscher ihre Hirnaktivität mittels der fMRT auf.
Wie erwartet, gab es einige Areale, die von allen Musikarten aktiviert wurden: Bereiche in der Hörrinde, im Emotionen verarbeitenden limbischen System und im motorischen Kortex. Aber es gab auch Unterschiede: Besonders komplexe Musikstücke lösten eine höhere Aktivität im rechten Schläfenlappen aus. Mithilfe der Schnittbilder des menschlichen Gehirns zeigte sich, dass in Musikerhirnen die Verbindung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte, das sogenannte Corpus callosum, deutlich kräftiger ausgebildet ist.
Musik und Anhedonie: Wenn Freude fehlt
Während Musikliebhaber in den höchsten Tönen von ihren schönsten Konzerten schwärmen, lässt das andere völlig kalt. Neurowissenschaftler um Josep Marco-Pallarés von der Universität Barcelona haben herausgefunden, dass einige Menschen völlig immun gegen jede Wirkung von Musik sind. Die Forscher sprechen von Anhedonie - der Unfähigkeit, Freude zu empfinden. In Tests erkannten die Teilnehmer zwar, ob Musik fröhlich oder traurig war, aber sie ließen sich von den Gefühlen nicht anstecken. Die Forscher gehen davon aus, dass ihr Belohnungssystem im Gehirn anders arbeitet. Denn die Probanden waren durchaus zur Freude fähig, beispielsweise, wenn sie in einem Spiel Geld gewinnen konnten.
Das Musikergehirn: Eine Klasse für sich
Es gibt nicht das eine Musikzentrum im Hirn. Musik aktiviert die unterschiedlichsten Hirnregionen gleichzeitig. Denn Musik zu machen beansprucht ein kompliziertes Zusammenspiel sehr verschiedener Fähigkeiten: den Hörsinn, den Sehsinn, den Tastsinn, die Feinmotorik. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass bei der Verarbeitung von Musik sogar das Broca-Areal beteiligt ist, eines der beiden Sprachzentren.
Forscher der Universität Jena haben in Zusammenarbeit mit Gottfried Schlaug von der Harvard Medical School in Boston herausgefunden, dass sich die Gehirne von Berufsmusikern auffällig von jenen der Nichtmusiker unterscheiden. Bereiche, die für das Hören, das räumliche Sehen und das Umsetzen von Bewegung zuständig sind, waren bei Musikern deutlich vergrößert.
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Musik und Gedächtnis: Eine starke Verbindung
Musik beeinflusst nicht nur unsere Gefühle, sondern auch unsere Erinnerungen. Der Hippocampus, der für Erinnerungen zuständig ist, arbeitet eng mit der Amygdala zusammen. Emotionale Erlebnisse bleiben uns besonders gut im Gedächtnis - und Musik kann diese Emotionen intensivieren. Und auch unsere Vorliebe für bestimmte Musik - oder unsere Abneigung - spielt eine große Rolle dabei, wie unser Gehirn reagiert. Das wurde in einer Studie von Julia Merrill, Taren-Ida Ackermann und Anna Czepiel untersucht.
Das Potential der Musikalität: Angeboren oder erlernt?
Was passiert beim Musizieren in unserem Gehirn? Wieso schämen sich Jugendliche oftmals beim Singen? Warum haben durchschnittlich mehr Chinesen als Europäer das absolute Gehör? Der Neurologe Eckart Altenmüller von der Universität Hannover forscht zum Thema Gehirn und Musik und erklärt die wichtigsten Zusammenhänge.
Die gute Nachricht am Anfang: Fast jeder Mensch ist, mehr oder weniger, musikalisch. Nur zwei Prozent der Bevölkerung haben eine genetisch bedingte Störung und können daher die verschiedenen Tonhöhen nicht wahrnehmen. Für sie klingt es so, als würde ein gesamtes Lied nur auf EINEM Ton geräuschhaft gespielt. Die restlichen 98 Prozent erkennen Melodien und Klangfarben.
Haben wir also alle das Potential in uns, eine Anne-Sophie Mutter zu werden? Leider nein. Erste Voraussetzung: der Genpool spielt eine wichtige Rolle. Die Forschung nimmt an, dass etwa 40 Prozent der musikalischen Leistungsfähigkeit genetisch bedingt ist. Um wirklich eine Virtuosin zu werden braucht es eine frühe Förderung, ein unterstützendes Elternhaus, exzellente Lehrer und natürlich eine Persönlichkeit, die die richtige Portion Gefühl und Ehrgeiz mitbringt. Oder wie es Neurologe Altenmüller formuliert: "Als Musiker ist man nie fertig."
Das absolute Gehör: Ein Mythos?
Laut Forschung können vermutlich alle Menschen zu Beginn ihres Lebens Tonhöhen benennen. Nur verlernen wir diese Fähigkeit meist in den ersten Lebensmonaten wieder. Im Tierreich gibt es dagegen sehr viele "Absoluthörer". "Eine Fledermaus kann man ohne Schwierigkeiten dressieren, ein b von einem Fis zu unterscheiden", so Altenmüller. Aber nicht nur zwischen Tier und Mensch gibt es in dieser Hinsicht erhebliche Unterschiede. Das absolute Gehör kommt beim Menschen bei gewissen Ethnien häufiger vor als bei anderen. Der Grund liegt in der Sprache. Tonale Sprachen, bei denen Melodiekontur und Tonhöhe eine besondere Bedeutung kodieren, fördern den Erhalt des absoluten Gehörs und das verankert sich auch in den Genen. Chinesisch ist eine solche Sprache. Dieser Effekt lässt sich sogar bei Menschen mit chinesischer Herkunft beobachten, die zum Beispiel in Amerika mit der englischen Sprache aufgewachsen sind. Die Gene sind natürlich nicht alles. Auch hier kommt es vor allem auf die Übung an. Das absolute Gehör ist nicht absolut, nicht unumstößlich.
Die Macht der Gewohnheit: Warum wir mögen, was wir kennen
Kurz gesagt: Wir mögen, was wir kennen. Egal ob es um Geschmack, das Visuelle oder die Musik geht. Der Mensch entwickelt eine Vorliebe für das, was er kennt. Und das sind zu Beginn des Lebens vor allem harmonische Klänge: von der Stimme der Mutter bis hin zu harmonisch aufgebauten Kinderliedern. Diese reichen dem Ohr irgendwann nicht mehr und die Harmonien werden immer ausdifferenzierter, die Musik immer komplexer. Das auditive Gedächtnis kann auf alles trainiert werden - auch auf dissonante Musik.
Die menschliche Stimme: Ein Fenster zur Seele
Egal ob harmonisch oder dissonant, die menschliche Stimme wird laut Neurologe Altenmüller besonders intensiv wahrgenommen: "Gesang ist das ursprünglichste Musikinstrument und gibt einen tiefen Einblick in sein Gegenüber." Vollkommen unmaskiert zeigen sich die Emotionen oftmals im Gesang. Das erklärt auch, warum Jugendliche meist Scham vor dem Singen empfinden. Sie fühlen sich bedrängt, wollen nicht so viel von sich preisgeben.
Musik als Medizin: Heilende Klänge
Musik bewegt. Diesen Reiz, diese Emotion macht sich auch die Medizin mehr und mehr zu Nutze, zum Beispiel um die gesamte Körperspannung hinabzusetzen. Die passende Musik kann die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol dämpfen und gleichzeitig die Aufmerksamkeit nach Außen hinwenden - weg vom Schmerz, hin zur Musik. Der Schmerzeindruck entsteht im Gehirn im limbischen System, dort, wo die Emotionen sitzen. Musik belegt die gleiche Stelle und kann somit als eine Art Filter gegen Schmerzen fungieren.
Beim Musikmachen, aber auch beim Hören, vollbringt das Gehirn Höchstleistungen. Hirnregionen verbinden sich und das kommt besonders Schlaganfallpatienten zu Gute. Vor allem im Bereich Gedächtnistraining, Aufmerksamkeit und Motorik führt die Therapie mit Musik oft zu schnelleren Erfolgen. Nicht zu vergessen: die Stimmung der Betroffenen. Musizieren belebt und schafft bestenfalls positive Emotionen. Das klappt natürlich nur mit individualisierter Lieblingsmusik. Was kennt der Patient, welche Musik mag der Patient wirklich? Erst die persönliche Musikauswahl schafft gute Stimmung sowie Motivation und damit einen verbesserten Lerneffekt.
Musik und Gedächtnis: Sind Musiker Gedächtnisakrobaten?
In der Neurowissenschaft sind Musikerinnen und Musiker schon lange ein beliebter Gegenstand der Forschung. Diese möchte herausfinden, was das langjährige, intensive Musizieren für einen Einfluss auf das Gehirn hat. Dabei deutet bislang sehr viel auf eines hin: Musikerinnen und Musiker scheinen im Schnitt ein besseres Gedächtnis als Nicht-Musiker zu haben. Sind also alle Musiker Gedächtnisakrobaten?
Der Aufbau des Gedächtnisses
Schauen wir uns erst einmal an, wie unser Gedächtnis überhaupt aufgebaut ist. Grob wird das Gedächtnis zunächst in Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis gegliedert. Das Langzeitgedächtnis besteht aus dem expliziten und dem impliziten Gedächtnis und speichert Informationen, die wir langfristig - teils über unser ganzes Leben hinweg - erinnern. Das explizite Gedächtnis umfasst persönliche Erlebnisse (episodisches Gedächtnis) sowie Faktenwissen, Sprachkenntnisse usw. (semantisches Gedächtnis). Das implizite Gedächtnis unterdessen beinhaltet verschiedene Hard und Soft Skills, die wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen. Dazu gehören etwa motorische Fähigkeiten wie das Fahrradfahren (prozedurales Gedächtnis).
Das Kurzzeitgedächtnis hat hingegen die Aufgabe, kleine Mengen von Informationen kurzfristig zu behalten. All das, was du gerade gelesen hast, befindet sich zum Beispiel in deinem Kurzzeitgedächtnis. Nur ein Teil davon wird vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen. Ähnlich, wenn auch etwas anders, ist hier der Begriff Arbeitsgedächtnis, wo Informationen ein wenig länger behalten werden. Das Arbeitsgedächtnis bildet die Schnittstelle zwischen unserer Wahrnehmung, dem Langzeitgedächtnis und schließlich unserem Verhalten.
Musiker und ihr Kurzzeitgedächtnis
Eben diese verschiedenen Bereiche des Gedächtnisses und weitere kognitive Fähigkeiten wurden in zahlreichen Studien bei Musikerinnen und Musikern genauer betrachtet. Dabei kommen viele zu dem Ergebnis, dass Menschen, die intensives musikalisches Training hinter sich haben, tatsächlich in Aufgaben rund um das Gedächtnis besser abschneiden. Musiker erkennen zum Beispiel besser, ob eine zuvor gehörte Melodie schneller oder langsamer, höher oder tiefer als zuvor gespielt wird. Auch erkennen sie besser, ob ihnen falsche oder schiefe Töne untergejubelt werden, die der Erinnerung nach anders sein müssten.
Spannend wird es allerdings, wenn sich diese Ergebnisse auf andere Bereiche übertragen, die nicht direkt etwas mit Musik zu tun haben. Auch in Aufgaben zur Sprachwahrnehmung scheinen Musikerinnen und Musiker einige Vorteile zu haben, etwa bei der Sprachverarbeitung. Oft erkennen sie die Prosodie besser, sprich die Sprachmelodie, Akzentuierung, Rhythmus oder Lautstärke des Gesprochenen, was viel über die Intention der Sprecherin oder des Sprechers sagt und somit einen wichtigen Teil der Kommunikation ausmacht. Ebenso sind Musikerinnen und Musiker häufig besser darin, Gesprochenes aus Lärmgeräuschen herauszufiltern und zu verstehen.
Auditive Reize und das Gehirn von Musikern
Musikerinnen und Musiker sind also zum einen besser im Verarbeiten auditiver Stimuli, haben aber auch Vorteile, wenn es um die Aufgaben des Kurzzeit- und Langzeitgedächtnisses geht. Die Gruppe schnitten über diverse Studien hinweg besser ab im Wiedergeben von Zahlen- und Buchstabenfolgen, in visuellen und räumlichen Gedächtnisaufgaben, aber vor allem beim Erinnern auditiver Reize. Während die Ergebnisse zum Langzeitgedächtnis nicht ganz eindeutig waren, zeichnen die Studien zum Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis ein klareres Bild: hier scheinen Musizierende einige Vorteile gegenüber Nichtmusizierenden zu haben, vor allem wenn es um das Hören geht. Das kann nun eine groß angelegte Kooperationsstudie verschiedener Labore bestätigen, die jeweils über 650 Musizierende und Nicht-Musizierende in Sachen Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis auf die Probe gestellt hat. Erneut zeigt sich dieser Effekt vor allem bei auditiven Reizen, musikalisches Training könnte also eine bessere Verarbeitung dieser Reize im Hirn fördern.
Musizieren trainiert Lernfähigkeiten
Ebenso wird vermutet, dass Instrumentalunterricht die aktiven und kontrollierten Lernfähigkeiten verbessert, was sich auch auf Gedächtnisaufgaben außerhalb der Musik auswirkt. Aktive Lernstrategien sind all jene, bei denen Wissen nicht einfach passiv aufgenommen wird, wie beim klassischen Frontalunterricht, sondern die Lernenden etwa durch Schreiben, Diskutieren und Wiedergeben aktiv mit dem Lernstoff interagieren. Dazu zählt zum Beispiel das „Chunking“, wobei das zu Merkende in kleine Päckchen unterteilt wird. Möchte ich mir eine lange Zahlenreihe merken, würde ich diese nach der Chunking-Methode in kürzere Zahlenpäckchen unterteilen. Und schon bräuchte ich etwas weniger mentale Kapazität, um mir diese kleinere Anzahl an „Chunks“ zu merken. Je besser man im Chunking ist, desto größer sind die einzelnen Chunks, die behalten werden. Dadurch schaffen einige Menschen es, sich ellenlange Zahlenfolgen zu merken. Doch auch unbewusst nutzt unser Hirn die Gruppierung einzelner Elemente größerer Informationsmengen, um sich etwas zu merken. Eben diese Fähigkeit wird durch das Musizieren trainiert, da hierbei effektivere Chunking-Strategien erlernt werden können. Die Kapazität des Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnisses wird somit erhöht.
Neuroplastizität: Unser Hirn im Wandel
Unser Hirn ist kein statisches System, das gewissen Grenzen unterliegt. Es ist nicht wie unser Handyspeicher plötzlich voll und kann kein neues Wissen mehr behalten, bevor wir etwas anderes löschen. Vielmehr ist es ein dynamisches Netzwerk von Neuronen, welches sich in ständiger Anpassung befindet und kontinuierlich wächst und sich verändert. Viel genutzte Verbindungen werden gestärkt, selten genutzte gekappt. Diese Fähigkeit, sich ständig zu verändern und entsprechend den äußeren Gegebenheiten zu optimieren, nennen wir Neuroplastizität. Eine hohe Neuroplastizität ermöglicht also schnelles Lernen und bildet die Grundlage für ein gut funktionierendes Gedächtnis.
Musik machen fordert und fördert unser Hirn
Verschiedene Studien gehen von einem Zusammenhang musikalischen Trainings mit erhöhten kognitiven Fähigkeiten und verbesserter Neuroplastizität aus. Ein Instrument zu spielen ist ein anspruchsvolles kognitives Unterfangen. Eine Vielzahl von Sinneswahrnehmungen - taktile, auditive und visuelle Reize - müssen mit dem motorischen System und weiteren höheren kognitiven Prozessen koordiniert werden. Ich sehe vor mir die Noten, muss entschlüsseln, was diese bedeuten und dies wiederum in die Bewegung zum Beispiel der Finger auf den Gitarrensaiten übersetzen. Hinzu kommt die auditive Wahrnehmung der anderen Instrumente, mit denen ich im besten Fall das, was ich spiele, auch noch koordinieren muss. Das Gehirn vollbringt also Höchstleistungen! Viel Übung in diesem Bereich scheint das Potential der Neuroplastizität unseres Hirns zu steigern und das auch über musikalische Aufgaben hinaus. Einige Studien deuten sogar darauf hin, dass Musikstunden den IQ leicht erhöhen könnten.
Glückshormone und die Neuroplastizität
Zusätzlich könnte außerdem das Belohnungssystem, das durch Musik und musikalisches Training aktiviert wird, einen positiven Einfluss auf die Neuroplastizität des Hirns haben. Viele Musikerinnen und Musiker werden bestätigen können, dass sich kaum etwas so belohnend anfühlt, wie das Erfolgserlebnis nach stundenlangem Üben diese eine, schwierige Passage endlich gemeistert zu haben. Doch nicht nur beim Spielen, auch schon beim Hören bestimmter musikalischer Passagen konnte in Studien eine erhöhte Ausschüttung von Dopamin - auch bekannt als das „Glückshormon“ - beobachtet werden. Dopamin spielt eine der entscheidenden Rollen in der Modulation neuronaler Plastizität und beeinflusst somit maßgeblich unser Gedächtnis.
Darüber hinaus ist nicht zu unterschätzen, welche Auswirkungen die sozialen Effekte des gemeinsamen Musizierens und Hörens von Musik haben könnten, denn soziales Wohlbefinden hat ebenfalls einen positiven Einfluss auf die Hirnplastizität. Und bekanntlich bringt Musik Menschen zusammen.
Musik und das Altern
Wie wir alle wissen, wird das Lernen umso älter wir werden, etwas schwieriger. Die Hirnplastizität und somit die Fähigkeit schnell neue Verknüpfungen zu bilden und neue Dinge zu erfassen nehmen ab. Der Kopf wird langsamer. Der altersbedingten Abnahme kognitiver Fähigkeiten kann allerdings entgegengewirkt werden. Verschiedene Faktoren sind hier von Bedeutung. Neben allgemeiner körperlicher und geistiger Aktivität, sowie sozialer Interaktion, kann auch speziell musikalisches Training die Hirnplastizität bis ins hohe Alter fördern. Je nachdem, in welchem Alter eine Person begonnen hat, ein Instrument zu spielen, können unterschiedlich starke Effekte beobachtet werden. Vor allem bei Menschen, die schon in jungen Jahren ein Instrument erlernten, sind große langfristige Veränderungen festzustellen. Sie zeigen etwa verbesserte Fähigkeiten, visuelle sowie auditive Reize mit motorischen Handlungen zu koordinieren - sprich Hören, Sehen und Bewegen in Einklang zu bringen. Ebenso finden sich anatomische Veränderungen im Gehirn, was wiederum das Potenzial der Neuroplastizität fördert. Spannend sind hierbei auch ganz spezifische Anpassungen, wie zum Beispiel die bessere Repräsentation der Finger der linken Hand bei Saitenspielern. Auf Streichinstrumenten werden nämlich klassischerweise die Töne mit der linken Hand auf den Saiten gegriffen. Von den Fingern der linken Hand wird daher eine hohe Feinmotorik abverlangt, was sich im Hirn bemerkbar macht und sogar in Hirn-Scans sichtbar wird.
Musik machen schützt vor kognitiven Verlusten
Auch wenn das Musizieren seit den Kindheitsjahren den größten Effekt hat, kann es dennoch in jedem Alter die kognitiven Fähigkeiten fördern, ein Instrument zu spielen. Vieles deutet darauf hin, dass das Spielen eines Instruments mit dem späteren Einsetzen altersbedingter kognitiver Verluste zusammenhängt. Durch derartige Aktivitäten wird nämlich die sogenannte kognitive Reserve vergrößert, was vor den Verlusten schützen kann. Einige klinische Studien lassen sogar darauf schließen, dass Musiktherapie bei Demenz- und Parkinsonpatienten effektiver als herkömmliche Methoden sein kann, wie zum Beispiel Physiotherapie oder Sprechtraining ohne musikalische Komponente. Selbst das passive Hören von Musik half Personen nach einem Schlaganfall bei Gedächtnis und Stimmung.