Einführung
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ist eine bedeutende medizinische Fachgesellschaft in Deutschland. Gegründet im Jahr 1842, blickt sie auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. Heute zählt die DGPPN mehr als 7.000 Mitglieder und engagiert sich aktiv für die Belange von Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Die Rolle und Aufgaben der DGPPN
Eine lebendige Fachgesellschaft
Die DGPPN versteht sich als eine lebendige Fachgesellschaft, in der sich zahlreiche Mitglieder ehrenamtlich engagieren. Dies geschieht sowohl im Vorstand als auch in den verschiedenen Fachreferaten. Grundlage der Arbeit der DGPPN ist die Vision einer Gesellschaft, in der Menschen mit psychischen Erkrankungen ohne Vorurteile leben können und die ihnen entsprechende Zuwendung und notwendige Hilfe erhalten.
Engagement in gesundheitspolitischen Entscheidungsprozessen
Die DGPPN setzt sich als medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft dafür ein, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen optimal versorgt werden können. Dazu bringt sie sich unter anderem mit Stellungnahmen und Positionspapieren zu aktuellen Fragen auf dem Gebiet von Psychiatrie und Psychotherapie in gesundheitspolitische Entscheidungsprozesse ein.
Entwicklung medizinischer Leitlinien
Ein wichtiger Schwerpunkt der DGPPN ist die Entwicklung medizinischer Leitlinien. Ziel ist es, Wissen zur Verfügung zu stellen, um psychische Erkrankungen optimal diagnostizieren und behandeln zu können. Vorstand und Mitglieder der DGPPN engagieren sich in der Entwicklung von Leitlinien gemeinsam mit anderen Akteuren - in Federführung oder in Mitarbeit an Leitlinienprojekten anderer Fachdisziplinen. In die Leitlinien fließen vor allem Erkenntnisse ein, die durch gesammelte Daten belegt sind (empirische Evidenz). Diagnose- und Therapiemöglichkeiten, die in den Leitlinien berücksichtigt werden, müssen zudem in der Fachwelt anerkannt sein. Die DGPPN ist hier auf den Seiten der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) e. V. zu finden.
Stellungnahme zu aktuellen Gesetzesänderungen
Die DGPPN nimmt auch zu aktuellen Gesetzesänderungen Stellung, die den Bereich der psychischen Gesundheit betreffen. So warnte sie beispielsweise vor Stigmatisierung und Unvereinbarkeit mit ärztlicher Schweigepflicht im Zusammenhang mit der Änderung des Hessischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes (PsychKHG). Die DGPPN befürchtet, dass diese Änderung ein falsches Signal für die Weiterentwicklung der bestehenden PsychKHGs sendet.
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Wichtige Leitlinien des Fachbereichs Psychiatrie und Psychotherapie
Die DGPPN hat eine Reihe von wichtigen Leitlinien im Fachbereich Psychiatrie und Psychotherapie herausgegeben. Zu den relevantesten gehören:
- S3-Leitlinie Verhinderung von Zwang: Prävention und Therapie aggressiven Verhaltens bei Erwachsenen (2018)
- S3-Leitlinie Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen (2021)
- S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen (2021)
- S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik (2016)
- S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 2: Therapie (2021)
- S2k-Leitlinie Begutachtung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen (2019)
- S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen (2019)
- S3-Leitlinie Behandlung Cannabisbezogener Störungen (2025)
- S3-Leitlinie Demenzen - Living Guideline (2025)
- Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression (2022)
Diese Leitlinien bieten Fachleuten eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die Diagnose und Behandlung verschiedener psychischer Erkrankungen.
Neuropsychiatrie: Ein wichtiger Grenzbereich
Die Bedeutung der Neuropsychiatrie
Die Neuropsychiatrie beschäftigt sich mit organisch bedingten kognitiven und psychischen Störungsbildern und bewegt sich somit im Grenzbereich der Fächer Neurologie und Psychiatrie. Nicht zuletzt wegen deutlicher Fortschritte in der Forschung spielt sie eine zunehmend wichtige klinische Rolle. Das Referat „Neuropsychiatrie“ der DGPPN möchte aktuelle neuropsychiatrische Entwicklungen bekannt machen sowie die Fort- und Weiterbildung in dieser Disziplin stärken.
Krankhafte organische Mechanismen als Ursache psychischer Störungen
Hinter psychischen Störungen können krankhafte organische Mechanismen stecken wie Entzündungen, Infektionen, Stoffwechselstörungen, Mikroblutungen oder Tumore. Zum Beispiel sind aktuellen Studien zufolge möglicherweise bis zu zehn Prozent der Schizophrenien auf eine autoimmun vermittelte Entzündung des zentralen Nervensystems zurückzuführen, bei der sich das Immunsystem gegen körpereigenes Hirngewebe richtet.
Die Kampagne #kopfsache des Spitzenverbandes ZNS
Die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit neurologischen und psychischen Erkrankungen sicherzustellen, ist das Ziel der Kampagne #kopfsache des Spitzenverbandes ZNS. Die grüne Schleife ist das Symbol einer internationalen Anti-Stigma-Kampagne.
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Die Entwicklung der DGPPN im Laufe der Geschichte
Die Anfänge im 19. Jahrhundert
Die Entwicklung der Psychiatrie als eigenständige Wissenschaft und selbständiges Fachgebiet ist in Deutschland eng mit der Geschichte der Fachgesellschaft und der psychiatrischen Fachzeitschriften verknüpft. Die Bezeichnung Psychiatrie geht auf den Mediziner Johann Christian Reil (1759 bis 1813) aus Halle zurück. Die ersten dokumentierten Bemühungen um eine Organisation der Psychiater in Deutschland finden sich 1827 in einer Denkschrift von Joseph Ennemoser (Bonn) und Wilhelm Ruer (Marburg), die zur Gründung eines Vereins zur Verbesserung der praktischen Seelenheilkunde aufriefen. Diese Initiative blieb zunächst - u. a. durch die noch geringe Vertretung der Psychiatrie an den Medizinischen Fakultäten (der erste Lehrstuhl für Psychiatrie wurde 1811 in Leipzig errichtet) - erfolglos.
Die Gründung im Jahr 1842
Das "Pro Memoria an Deutschlands Irrenärzte" (1841) von Heinrich Damerow, Professor der Medizin und Direktor der Irrenanstalt zu Halle, kann als "Gründungsurkunde" der heutigen DGPPN angesehen werden. 1842 gilt als das eigentliche Gründungsjahr der Fachgesellschaft. 1844 erschien die erste Ausgabe der "Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin" unter der Redaktion von Heinrich Damerow (Halle), Carl Friedrich Flemming (Schwerin) und Christian Friedrich Wilhelm Roller (Achern), deren Herausgeber und Mitarbeiter sich als Mitglieder einer noch unverfassten "Gesellschaft von Deutschlands Irrenärzten" verstanden.
Die weitere Entwicklung im 19. Jahrhundert
1846 bildete sich bei der Versammlung der 1822 gegründeten „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte“ in Kiel erstmals eine psychiatrische Sektion, 1860 fand die erste selbständige Tagung der Psychiater in Eisenach statt. Ihre ersten Statuten erhielt die Gesellschaft 1864 und nannte sich seitdem „Verein der Deutschen Irrenärzte", dessen erster Präsident Carl Friedrich Flemming (Schwerin) war. 1903 erhielt die Gesellschaft den Namen „Deutscher Verein für Psychiatrie (DVP)".
Die Zeit bis zum Nationalsozialismus
Bis zum ersten Weltkrieg verzeichnete der DVP 550 Mitglieder. Auf Initiative von Emil Kraepelin (München), der der Gesellschaft von 1906 bis 1920 vorstand, wurde 1917 eine Forschungsanstalt für Psychiatrie in München eingerichtet. Die erste ordentliche Jahresversammlung nach Ende des ersten Weltkrieges fand 1920 in Hamburg statt, wo Karl Bonhoeffer (Berlin) zum Vorsitzenden gewählt wurde und es durch Wiederwahl mit Unterbrechungen bis 1934 blieb.
Die Zeit des Nationalsozialismus
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erfolgte die organisatorische Vereinigung und „Gleichschaltung“ des DVP mit der „Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“ zur „Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater“ (GDNP), deren Vorsitz Ernst Rüdin (München) bis 1945 innehatte. In diese Zeit fällt das dunkelste Kapitel der deutschen Psychiatrie: Die als „jüdisch“ oder „sozialistisch“ deklarierten Psychiater verloren ihre Arbeitsgrundlage und wurden in die Emigration getrieben. Die überwiegende Mehrheit derjenigen, die in Deutschland blieben, wurde in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Psychiater (darunter Ernst Rüdin) waren maßgeblich an der Zwangsterilisierung von mehr als 360.000 vor allem psychisch kranken Menschen beteiligt. Die finanziellen Ressourcen für die Unterbringung und Behandlung von chronisch psychisch Kranken wurden drastisch reduziert. Schließlich wurden zwischen 1939 und 1945 wiederum unter maßgeblicher Beteiligung von Psychiatern - darunter Ordinarien und Anstaltsdirektoren - im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten etwa 300.000 psychisch Kranke und Behinderte als "lebensunwertes Leben" klassifiziert und Opfer der systematischen Krankentötungen („Euthanasie“).
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Die Neuordnung nach 1945
In der Periode des Wiederaufbaus nach 1945 fehlte es an Nachwuchskräften. Im September 1947 lud Ernst Kretschmer (Tübingen) zur Neurologen- und Psychiater-Tagung nach Tübingen, ein Jahr später folgte die „Jahresversammlung Deutscher Neurologen und Psychiater“ in Marburg. Die GDNP wurde wiedergegründet und Kretschmer zum Notvorstand bestellt. 1949 wurde die Gesellschaft entsprechend ihrer neuen Statuten in 4 Sektionen aufgeteilt: Psychiatrie, Neurologie, Psychotherapie mit Medizinischer Psychologie und Neurochirurgie. 1954 wurde auf der 70. Wanderversammlung Südwestdeutscher Neurologen die „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie“ (DGPN) als Nachfolgeorganisation des DVP gegründet. Ein Jahr später erfolgte die Umbenennung in „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde“.
Die Entwicklung nach der Wiedervereinigung
In der ehemaligen DDR löste sich die aus der „Sektion Psychiatrie“ der dortigen „Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie“ 1990 kurz vor der Wiedervereinigung hervorgegangene „Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde in der DDR“ 1991 wieder auf. Die Vorstandsmitglieder wurden von der DGPN kooptiert. 1992 wurde die DGPN in „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde“ (DGPPN) umbenannt. Im Jahr 2012 wurde das Fach Psychosomatik in den Gesellschaftsnamen impliziert und heißt nun „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“ (DGPPN).
Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
Im Jahr 2009 bekannte sich die DGPPN im Rahmen einer Satzungsänderung zu ihrer besonderen Verantwortung, die ihr aus der Beteiligung ihrer Vorläuferorganisationen an den Verbrechen des Nationalsozialismus, an massenhaften Krankenmorden und Zwangssterilisierungen erwuchs. Im Jahr 2010 initiierte sie ein Forschungsprojekt zur „Geschichte des Deutschen Vereins für Psychiatrie, bzw.
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