Faszien-Gehirn-Verbindung: Forschungsergebnisse und ihre Bedeutung

Das Fasziengewebe, lange Zeit von Medizinern unterschätzt, rückt zunehmend in den Fokus der Forschung. Dieses allgegenwärtige Netzwerk aus Bindegewebe umhüllt Muskeln, Organe und Knochen und verbindet sie miteinander. Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Faszien nicht nur eine passive Stützstruktur sind, sondern eine aktive Rolle in der Körperwahrnehmung, Schmerzentstehung und sogar in der Verbindung zwischen Körper und Geist spielen.

Was sind Faszien? Eine Definition

Faszien sind ein komplexes Netzwerk aus Bindegewebe, das den gesamten Körper durchzieht. Sie bestehen hauptsächlich aus Kollagen- und Elastinfasern, die für Stabilität und Flexibilität sorgen. Man unterscheidet drei Hauptschichten:

  • Oberflächliche Faszien: Diese Schicht befindet sich direkt unter der Haut und enthält lockeres Bindegewebe sowie Fettgewebe. Sie umgibt Organe, Drüsen und neurovaskuläre Leitbahnen und hat eine speichernde und regulierende Funktion.
  • Tiefe Faszien: Diese dichten, faserreichen Schichten umhüllen Muskeln, Knochen, Nerven und Blutgefäße. Sie können sich in verschiedenen Formen wie Sehnenplatten, Ligamente, Retinacula und Gelenkkapseln organisieren.
  • Viszerale Faszien: Diese umhüllen die inneren Organe und bestehen aus Bindegewebsmembranen, die den Organen spezifische Namen geben, wie Meningen im Gehirn oder Pericardium im Herz.

Die Zwischenräume zwischen den Faszienschichten sind mit einer schleimigen Substanz gefüllt, die hauptsächlich aus Hyaluronsäure und Proteoglykanen besteht. Diese Schmiere ermöglicht es den angrenzenden Schichten, übereinanderzugleiten und sorgt für eine gute Polsterung.

Faszien als Sinnesorgan

Lange Zeit wurden Faszien als bloße "Verpackung" der Muskeln betrachtet. Inzwischen hat die Forschung jedoch gezeigt, dass sie reich an Nervenendigungen sind und eine wichtige Rolle bei der Körperwahrnehmung spielen. Robert Schleip von der Technischen Universität München schätzt, dass die Faszien eines Erwachsenen etwa 250 Millionen Nervenenden enthalten - ähnlich viele oder sogar mehr als die Haut.

Die Nerven in den oberflächlichen Faszien sind auf Druck, Temperatur und Bewegung spezialisiert, während die tiefen Faszien an der Propriozeption beteiligt sind, also der Wahrnehmung der Körperposition im Raum. Darüber hinaus können Faszien auch Schmerzen wahrnehmen (Nozizeption).

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Einige Wissenschaftler betrachten die Faszien aufgrund ihrer sensorischen Funktion als eigenes Organ, das Botschaften aus dem Körperinneren übermittelt.

Faszien und Schmerz

Die Erkenntnis, dass Faszien Schmerzen wahrnehmen können, hat zu einem neuen Verständnis von chronischen Schmerzerkrankungen geführt. Studien haben gezeigt, dass Schmerzen in den Faszien großflächiger und schwerer zu lokalisieren sind als Schmerzen in Haut oder Muskeln. Dies könnte erklären, warum chronische Schmerzen wie Fibromyalgie oft so schwer zu behandeln sind.

Entzündungen in den Faszien können ebenfalls zu Schmerzen führen. Studien haben gezeigt, dass die thorakolumbale Faszie, eine rautenförmige Struktur im unteren Rücken, bei Menschen mit chronischen Rückenschmerzen steifer ist als bei schmerzfreien Personen.

Die Faszien-Gehirn-Verbindung

Die enge Verbindung zwischen Faszien und Nervensystem bedeutet, dass Spannungen oder Probleme im Fasziennetzwerk Auswirkungen auf die Signalübertragung im Nervensystem haben können. Ein gesundes Fasziennetzwerk kann die Übertragung von Nervensignalen verbessern und somit die kognitive Funktion und das allgemeine Wohlbefinden steigern.

Die Faszienforschung fand bei Menschen mit Depressionen eine höhere Steifigkeit in der Brust- und Halswirbelsäule und eine geringere Elastizität im Bindegewebe vor, als bei der Kontrollgruppe.

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Was beeinflusst die Faszien?

Verschiedene Faktoren können die Gesundheit der Faszien beeinflussen:

  • Bewegungsmangel: Mangelnde Bewegung kann dazu führen, dass die Faszien verkleben und versteifen.
  • Stress: Stress kann das sympathische Nervensystem aktivieren und zu einer Kontraktion der Faszien führen. Schleip zufolge erhöht Adrenalin die Expression einer entzündlichen Substanz namens TGF-Beta. Diese wird in den losen Faszien gespeichert, um den Körper auf den nächsten Stress vorzubereiten. Wenn das geschieht, »trinken die Fibroblasten [TGF-Beta] und werden binnen weniger Stunden zu Myofibroblasten«, sagt Schleip. Das mache sie viermal so stark. »Sie sind Kontraktionsmaschinen.«
  • Verletzungen und Entzündungen: Verletzungen und Entzündungen können zu Verwachsungen und Steifheit in den Faszien führen.
  • Ernährung: Eine ungesunde Ernährung und ein Mangel an Flüssigkeit können sich negativ auf die Faszien auswirken.
  • Hormone: Östrogen macht die Faszien elastischer, während andere Hormone sie beeinflussen können.

Was hilft den Faszien?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Gesundheit der Faszien zu fördern:

  • Bewegung: Regelmäßige Bewegung, insbesondere solche, die multidirektional und dynamisch-federnd ist, tut den Faszien gut.
  • Dehnen: Dehnen kann die Fibroblasten verändern, die das Gerüst der areolären Fibroblasten bilden und die Entzündung beeinflussen. Langevin beobachtete, dass Dehnen die Fibroblasten verändert, die das Gerüst der areolären Fibroblasten bilden. Sie werden um ein Vielfaches größer, länger und flacher. »Die Dehnung des Gewebes ermöglicht es ihm, sich zu entspannen«, fügt sie hinzu.
  • Faszientraining: Spezielle Übungen mit Faszienrollen können helfen, Verklebungen zu lösen und die Elastizität der Faszien zu verbessern.
  • Massagen: Massagen können die Durchblutung fördern und die Faszienmatrix weniger zähflüssig machen.
  • Ernährung: Eine gesunde und ausgewogene Ernährung sowie ausreichend Flüssigkeit sind wichtig für die Gesundheit der Faszien.
  • Stressmanagement: Stressreduktionstechniken wie Yoga, Meditation oder Atemübungen können helfen, die Spannung in den Faszien zu reduzieren.
  • Wärme: Wärmetherapie vor dem Faszientraining oder Massagen kann hilfreich sein, die Durchblutung zu erhöhen und die Elastizität der Faszien zu verbessern. Entzündete Faszien sollte man allerdings eher mit Kälte behandeln.

Faszientherapie

Es gibt verschiedene Therapieformen, die sich auf die Behandlung der Faszien konzentrieren. Dazu gehören:

  • Faszienmanipulation: Eine Form der physikalischen Therapie, die darauf abzielt, Versteifungen in den Faszien durch Massage zu lösen.
  • Osteopathie: Eine ganzheitliche Behandlungsmethode, die den Körper als Einheit betrachtet und versucht, Blockaden im Gewebe zu lösen.
  • FDM (Fasziendistorsionsmodell): Eine Therapieform, die aus den USA stammt und bei der der Therapeut gezielt Druckpunkte auf die Faszien ausübt, um Verklebungen zu lösen.

Die Zukunft der Faszienforschung

Die Faszienforschung steht noch am Anfang, aber die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass dieses Gewebe eine viel größere Rolle spielt, als bisher angenommen. Zukünftige Studien werden sich darauf konzentrieren, die genauen Mechanismen der Faszien-Gehirn-Verbindung zu verstehen und neue Therapieansätze für chronische Schmerzen und andere Erkrankungen zu entwickeln.

Indem wir uns bewusst mit unseren Faszien auseinandersetzen und sie gezielt behandeln, können wir eine neue Ebene der Gesundheit erreichen, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele einschließt.

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