Injektion in den Deltamuskel: Risiken, Technik und Sicherheitsaspekte

Die intramuskuläre Injektion in den Deltamuskel ist eine gängige Praxis in der Medizin, insbesondere bei Impfungen und der Verabreichung bestimmter Medikamente. Obwohl sie im Allgemeinen als sicher gilt, birgt sie dennoch gewisse Risiken, die es zu minimieren gilt. Dieser Artikel beleuchtet die Risiken, die korrekte Injektionstechnik, Sicherheitsaspekte und Alternativen zur intramuskulären Injektion in den Deltamuskel.

Einführung

Die Injektion in den Deltamuskel (Musculus deltoideus) ist eine Form der intramuskulären Injektion, bei der ein Medikament direkt in den Deltamuskel des Oberarms gespritzt wird. Diese Methode wird häufig angewendet, da der Deltamuskel leicht zugänglich ist und eine relativ gute Durchblutung aufweist, was eine schnelle Aufnahme des Medikaments ermöglicht. Die intramuskuläre Injektion wird oft der subkutanen Injektion vorgezogen, da sie eine schnellere Wirkung des Medikaments ermöglicht.

Indikationen für die Injektion in den Deltamuskel

Die Injektion in den Deltamuskel wird in verschiedenen Situationen angewendet:

  • Impfungen: Der Deltamuskel ist ein bevorzugter Injektionsort für viele Impfstoffe, insbesondere bei Erwachsenen und älteren Kindern. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt grundsätzlich die Injektion in den M. deltoideus.
  • Medikamentenverabreichung: Bestimmte Medikamente, wie einige Notfallmedikamente, werden intramuskulär in den Deltamuskel injiziert, um eine schnelle Wirkung zu erzielen.
  • Notfallsituationen: Bei unruhigen oder aggressiven Patienten, bei denen eine intravenöse Verabreichung schwierig ist, kann die intramuskuläre Injektion eine praktikable Alternative sein.

Risiken der Injektion in den Deltamuskel

Obwohl die Injektion in den Deltamuskel im Allgemeinen sicher ist, sind bestimmte Risiken damit verbunden:

  • Nervenverletzungen: Eine der Hauptgefahren ist die Verletzung von Nerven, insbesondere des Nervus axillaris, der in der Nähe des Deltamuskels verläuft. Eine unsachgemäße Injektionstechnik kann zu Nervenschäden führen, die sich in Schmerzen, Taubheit oder sogar Lähmungen äußern können. In seltenen Fällen kann es zu einer Lähmung des N. axillaris kommen.
  • Gefäßverletzungen: Die Injektion kann versehentlich ein Blutgefäß treffen, was zu Blutungen und Hämatomen führen kann. In seltenen Fällen kann es zu einem unbeabsichtigten Anstechen eines Gefäßes kommen.
  • Infektionen: Wie bei jeder Injektion besteht das Risiko einer Infektion, wenn die Injektionsstelle nicht ordnungsgemäß desinfiziert wird. Unhygienisches Arbeiten kann zu Abszessbildung und bakteriell-entzündlichen Komplikationen führen.
  • Schmerzen: Die Injektion selbst kann schmerzhaft sein, insbesondere wenn die Nadel einen Nerv berührt oder der Impfstoff eine Reizung verursacht. Es besteht eine gewisse Schmerzbelastung.
  • Allergische Reaktionen: In seltenen Fällen kann es zu allergischen Reaktionen auf den injizierten Stoff kommen.
  • Nicolau-Syndrom: In sehr seltenen Fällen kann es zu einer Embolia cutis medicamentosa (Nicolau-Syndrom) kommen, einem seltenen, aber schwerwiegenden Ereignis, das durch die versehentliche Injektion eines Medikaments in ein arterielles Blutgefäß verursacht wird.
  • Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS): In sehr seltenen Fällen wurde über das Auftreten eines CRPS nach einer intramuskulären Injektion berichtet.

Korrekte Injektionstechnik

Eine sorgfältige Injektionstechnik ist entscheidend, um die Risiken zu minimieren:

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  1. Vorbereitung:
    • Hände gründlich waschen und desinfizieren.
    • Einmalhandschuhe anziehen.
    • Die Injektionsstelle mit einem geeigneten Desinfektionsmittel reinigen.
    • Die korrekte Kanüle auswählen (siehe Abschnitt "Nadellänge").
    • Das Medikament gemäß den Anweisungen aufziehen und eventuelle Luftblasen entfernen. Nach Aufziehen des Impfstoffs in die Spritze und dem Entfernen evtl. vorhandener Luft sollte eine neue Kanüle für die Injektion aufgesetzt werden.
  2. Injektionsstelle:
    • Den Deltamuskel lokalisieren. Dieser befindet sich am Oberarm, etwa 5-7 cm unterhalb des Schulterdachs (Akromion). Eine Einstichstelle, die zwischen 7 und 13 cm unterhalb des Schulterdachs (Akromion) gelegen ist, ist optimal.
    • Die Injektionsstelle sollte in der Mitte des Muskels liegen, wo er am dicksten ist.
  3. Injektion:
    • Die Haut straffen oder leicht kneifen.
    • Die Nadel im 90-Grad-Winkel in den Muskel einstechen.
    • Aspiration: Obwohl die Aspiration (d.h. das Zurückziehen des Kolbens, um zu prüfen, ob Blut angesaugt wird) früher empfohlen wurde, wird sie heute bei intramuskulären Injektionen in den Deltamuskel nicht mehr als notwendig erachtet, da an dieser Stelle keine großen Blutgefäße verlaufen. Die intramuskuläre Injektion soll unbedingt altersunabhängig ohne Aspiration erfolgen! Die Aspiration ist überflüssig, da an den Körperstellen, die zur Injektion verwendet werden, keine großen Blutgefäße existieren (M. vastus lateralis oder M. deltoideus). Die dabei unvermeidbare Bewegung der Nadel im Muskel verursacht immer Schmerzen.
    • Das Medikament langsam und gleichmäßig injizieren.
    • Die Nadel zügig herausziehen.
    • Die Injektionsstelle mit einem Tupfer abdecken und leicht massieren, um die Verteilung des Medikaments zu fördern. Stichkanal wird kurz mit einem Tupfer komprimiert.
  4. Nachsorge:
    • Die gebrauchte Nadel und Spritze sicher in einem geeigneten Abfallbehälter entsorgen. Materialien werden weggeräumt und ggf. entsorgt.
    • Die Injektion dokumentieren. Injektion wird dokumentiert.
    • Den Patienten auf mögliche Nebenwirkungen oder Komplikationen hinweisen.

Nadellänge

Die Wahl der richtigen Nadellänge ist entscheidend, um sicherzustellen, dass das Medikament tatsächlich in den Muskel gelangt und nicht in das Unterhautfettgewebe:

  • Säuglinge unter 2 Monaten: 15 mm
  • Ältere Säuglinge und Kleinkinder: 25 mm
  • Jugendliche und Erwachsene: 25-50 mm

Bei übergewichtigen Personen kann eine längere Nadel erforderlich sein, um den Muskel zu erreichen. Bei Männern, mit einem Körpergewicht zwischen 58 und 118 kg eignet sich eine 25 mm Kanüle um 5 mm tief in den Muskel zu gelangen. Dies trifft auch auf Frauen zu, die zwischen 60 und 90 kg wiegen. Wird bei weiblichen Patienten ein Körpergewicht von 90 kg überschritten kommt eine 38 mm Kanüle zum Einsatz.

Vermeidung von Nervenverletzungen

Um Nervenverletzungen zu vermeiden, ist es wichtig, die Anatomie des Deltamuskels und der umliegenden Strukturen genau zu kennen. Die Injektionsstelle sollte sorgfältig ausgewählt werden, um den Nervus axillaris zu umgehen. Es ist ratsam, die Injektion nicht zu hoch am Oberarm zu setzen, da dies das Risiko einer Nervenverletzung erhöhen kann.

Schmerzreduktion

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Schmerzen bei der Injektion zu reduzieren:

  • Entspannung: Den Patienten bitten, sich zu entspannen und den Arm locker hängen zu lassen. Man kann auch versuchen, das Kind selber zum Lockerlassen der Muskulatur zu bewegen („Lass Deine Muskeln locker wie Wackelpudding.“).
  • Ablenkung: Bei Kindern können Ablenkungsmanöver helfen, die Aufmerksamkeit von der Injektion abzulenken. Bereits ab dem Kindergartenalter kann man, in angepasster Weise, mit den Kindern über die Impfung reden. Erstaunlich effektiv sind, bis ins Erwachsenenalter hinein, entsprechende Ablenkungsmanöver um die Injektion herum.
  • Kühlpads oder Eisspray: Die Anwendung von Kühlpads oder Eisspray vor der Injektion kann die Schmerzempfindlichkeit reduzieren. Zur Schmerzreduktion kann auch Eisspray verwendet werden. Die Aufsprühzeit beträgt zwei bis acht Sekunden und im Anschluss kann, nach entsprechender Desinfektion, sofort geimpft werden.
  • Dünnere Nadeln: Die Verwendung dünnerer Nadeln kann die Schmerzen reduzieren.
  • Langsame Injektion: Das Medikament langsam und gleichmäßig injizieren. Durch eine zügige Injektion können Schmerzen bei der intramuskulären Injektion reduziert werden.

Alternativen zum Deltamuskel als Injektionsort

In bestimmten Fällen kann es ratsam sein, einen anderen Injektionsort als den Deltamuskel zu wählen:

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  • M. vastus lateralis (Oberschenkel): Dieser Muskel eignet sich besonders gut für Injektionen bei Säuglingen und Kleinkindern, da der Deltamuskel in diesem Alter noch nicht ausreichend entwickelt ist. Bei Säuglingen und Kleinkindern ist der Deltamuskel noch nicht ausreichend ausgeprägt. Somit empfiehlt sich hier der Oberschenkel (M. vastus lateralis) als Injektionsort. Dieser befindet sich im äußeren Bereich des mittleren Oberschenkels. Eine Handbreite unterhalb des Trochanter major und eine Handbreite oberhalb der Patella. Die Injektionsmenge kann hier 2-10 ml betragen. Der Patient befindet sich dabei in Rückenlage mit leicht innenrotiertem Bein.
  • M. gluteus medius (Gesäß): Dieser Muskel kann bei Erwachsenen verwendet werden, ist jedoch aufgrund des Risikos von Nervenverletzungen (Nervus ischiadicus) weniger bevorzugt. Bei der Injektion in den Gesäßmuskel wurde früher der "obere äußere Quadrant" als Injektionsgebiet angegeben. Diese Angabe ist sehr ungenau und birgt das Risiko, den Nervus glutaeus superior oder andere wichtige Strukturen zu verletzen.

Rechtliche Aspekte

Nach rechtlichen Maßstäben stellt jede Punktion eine Körperverletzung dar und benötigt deshalb das Einverständnis des Patienten. Hierzu reicht meist ein mündliches Übereinkommen mit dem Patienten. Grundsätzlich liegt die intramuskulöse Injektion im ärztlichen Verantwortungsbereich, kann jedoch auch an Fachpersonal wie medizinische Fachangestellte oder Krankenschwestern wie auch Medizinstudenten delegiert werden.

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