Schlafstörungen und Lärmbelästigung sind bekannte Probleme auf Intensivstationen und können die Genesung der Patienten erheblich beeinträchtigen. Studien untersuchen, wie sich die Schlafqualität verbessern lässt und welche Auswirkungen dies auf den Verlauf von Erkrankungen hat. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung von Schlaf auf der Intensivstation, die Ursachen für Schlafstörungen und mögliche Lösungsansätze, einschließlich der Anwendung von Active Noise Cancelling (ANC) Technologie.
Einführung
Erholsamer Schlaf ist für die Regeneration und Genesung unerlässlich, besonders im Krankenhaus. Viele Patienten berichten jedoch von schlechtem Schlaf aufgrund von Lärm, Helligkeit und medizinischen Interventionen. Schlafstörungen können zu einer Vielzahl von Problemen führen, darunter Delir, verlängerte Genesungszeiten und erhöhte Mortalität.
Schlafstörungen auf der Intensivstation: Ein Teufelskreis
Schlafstörungen und lärmbedingte Schlafveränderungen sind bekannte Probleme auf Intensivstationen. Diese führen über vielfältige Wechselwirkungen zu Störungen physiologischer und psychologischer Funktionen und fördern so die Entstehung eines Delirs. Lärm- und Lichtverhältnisse in Krankenhäusern sind oft so katastrophal, dass sie fast schon einem Schlafentzug gleichkommen. Schlafstörungen können das Risiko von Schlaganfällen erhöhen, gleichzeitig lösen Schlaganfälle mitunter Schlafstörungen aus: Bei manchen Patienten ist hinterher der Schlaf-wach-Rhythmus gestört; fast die Hälfte der Schlaganfallpatienten leidet unter einer obstruktiven Schlafapnoe. Das führt zu einer Schlaffragmentierung - und die beeinträchtigt wiederum die Arbeit unseres glymphatischen Systems.
Ursachen für Schlafstörungen
Die Gründe für schlechten Schlaf im Krankenhaus sind vielfältig:
- Äußere Umgebungsfaktoren: Lärm, Helligkeit, ungewohnte Umgebung. Eine 24-stündige kontinuierliche Lärm- und Lichtmessung zeigte, dass auf einer Stroke Unit zu jeder Tages- und Nachtzeit der von der WHO empfohlene Lärmpegel überschritten wurde. Sprechen, Schnarchen von Zimmergenossen und Knallgeräusche lösen Weckreaktionen aus. Auch die Beleuchtung ist oft ungünstig, tagsüber zu dunkel und nachts zu hell.
- Innere Faktoren: Schmerzen, Ängste, bereits bestehende Schlafstörungen. Viele Patienten kommen mit vorbestehenden Schlaferkrankungen in die Klinik. Studien zeigen, dass Schlafstörungen bei Schlaganfallpatienten häufig vorkommen. Rund 50 % leiden an einer Schlafapnoe, 25 bis 40 % an Ein- oder Durchschlafstörungen und das Restless Legs Syndrom (RLS) wird mit zunehmendem Alter immer häufiger.
Negative Folgen von Schlafstörungen
Negative Folgen von Schlafstörungen auf der Intensivstation sind:
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- verlangsamter Heilungsprozess
- geringere Wirksamkeit von Medikamenten
- erhöhtes Delir-Risiko
- erhöhtes Risiko für eine Post-Stroke-Depression oder Post-Stroke-Fatigue
- übermäßige Tagesmüdigkeit
Schlaf und das glymphatische System
Wie man inzwischen weiß, werden im Schlaf Stoffwechsel-Abfallprodukte aus dem Gehirn herausgespült. Nicht nur unser Körper, sondern auch unser Gehirn besitzt ein Lymphsystem, das Proteinreste und andere Abfallstoffe abtransportiert. Diese nächtliche „Müllabfuhr“ (in der wissenschaftlichen Fachsprache als „glymphatisches System“ bezeichnet) kann während des Schlafs am besten arbeiten, weil sich dann die Zellzwischenräume vergrößern. Aber das funktioniert eben nur dann, wenn man gut und ungestört schläft! Bei schlechtem, fragmentiertem Schlaf sammeln sich Abbauprodukte im Gehirn an, verschlechtern die Gehirnleistung und können zu Entzündungsprozessen führen.
Die Rolle des Delirs auf der Intensivstation
Ein Delir ist ein akuter Verwirrtheitszustand, der häufig auf Intensivstationen auftritt. Es ist eine organisch begründete Psychose, bei der Patienten die Realität nicht mehr richtig wahrnehmen. Sie sehen Monster, riesige Tiere oder böse Menschen an ihrem Krankenbett, haben Existenzängste oder erkennen in ihren Angehörigen bedrohliche Figuren.
Ursachen und Folgen des Delirs
Das Delir kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, darunter Narkosemittel, Schmerzmittel, Entzündungen, Stress, Angst und Schlafmangel. Es kann langfristige Folgen haben, wie kognitive Störungen, körperliche Behinderungen und seelische Erkrankungen. Studien zeigen, dass ein Delir Körper, Geist und Seele schädigt. Ärzte haben deshalb die Pflicht, diese "akute Dysfunktion des Gehirns" einzudämmen. Es zu übersehen, sei nichts anderes als ein Behandlungsfehler. "Man muss sich klarmachen, dass die Türen zur Intensivstation wie ein Rangiergleis sind", sagt Nathan Brummel, ein Mitarbeiter Elys. "Nach dem Durchtritt wird das Leben vieler Patienten für immer verändert sein."
Prävention und Behandlung des Delirs
Es gibt verschiedene Maßnahmen, um ein Delir zu verhindern oder zu behandeln. Dazu gehören:
- Orientierungshilfen: Eine gut lesbare Uhr, ein Kalender und persönliche Gegenstände helfen dem Patienten, sich in der Realität zu verorten.
- Reduktion äußerer Reize: Lärm und Helligkeit sollten reduziert werden.
- Frühzeitige Mobilisierung: Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns und kann helfen, ein Delir zu verhindern.
- Kognitive Stimulation: Rätsel lösen, sich Uhrzeit und Datum bewusst machen.
- Medikamentöse Behandlung: Es gibt Medikamente, die helfen können, das ursprüngliche Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn wiederherzustellen.
Studie zur Verbesserung der Schlafqualität auf der Intensivstation
Um die Schlafqualität auf der Intensivstation zu verbessern, wird eine Studie durchgeführt, die den Einsatz von Active Noise Cancelling (ANC) Kopfhörern untersucht.
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Ziel der Studie
Die geplante Studie dient der Prüfung der Hypothese, dass es zu einer messbaren Steigerung der Schlafqualität bei postoperativen Patienten auf einer operativen Intensivstation bzw. Intermediate Care Station, durch die Anwendung eines elektronischen Kopfhörers mit Active Noise Cancelling Technologie im Vergleich zu einer Kontrollgruppe (etablierte Routinemaßnahmen) kommt. Ferner soll durch ein regelmäßiges Delir Screening überprüft werden, ob es durch die Verwendung von Active Noise Cancelling Kopfhörern zu einer Reduktion von Inzidenz und Dauer eines Delirs kommt.
Methodik
Patienten der Interventionsgruppe erhalten nach einer Einschlussuntersuchung für die erste postoperative Nacht auf der Überwachungsstation einen Kopfhörer mit "Active Noise Cancelling" Technologie (ANC). Die Entscheidung, wann und wie lange der Kopfhörer getragen wird liegt beim Patienten selbst. Die Messung der Ruhephasen erfolgt über einen am Handgelenk angebrachten Aktinigraphen. Während der Überwachungszeit werden der Schallpegel sowie die Helligkeit in Patientennähe kontinuierlich überwacht. Zur Selbsteinschätzung der Schlafqualität wird am ersten postoperativen Morgen der Richard Campbell Sleep Questionnaire (RCSQ) eingesetzt. Daneben erfolgt die weitere Erfassung von Routinebehandlungsdaten, eine Schmerzmessung (Numerische Rating Skala) und ein Delirscreening (Confusion assessment method for the intensive care unit CAM-ICU). Patienten der Kontrollgruppe erhalten nach einer Einschlussuntersuchung für die erste postoperative Nacht auf der Überwachungsstation eine Routinebehandlung ohne spezielle Schallschutzmassnahmen. Die Messung der Ruhephasen erfolgt über einen am Handgelenk angebrachten Aktinigraphen. Während der Überwachungszeit werden der Schallpegel sowie die Helligkeit in Patientennähe kontinuierlich überwacht. Zur Selbsteinschätzung der Schlafqualität wird am ersten postoperativen Morgen der Richard Campbell Sleep Questionnaire (RCSQ) eingesetzt. Daneben erfolgt die weitere Erfassung von Routinebehandlungsdaten, eine Schmerzmessung (Numerische Rating Skala) und ein Delirscreening (Confusion assessment method for the intensive care unit CAM-ICU).
Messparameter
Neben der objektiven Quantifizierung mittels Aktigraphie und Messung der nächtlichen Rahmenbedingungen (Lautstärke, Helligkeit und Erfassung von Zweitpunkt und Dauer medizinisch-pflegerischer Maßnahmen) erfolgt zusätzlich die Erfassung der subjektiven Schlafqualität mittels validierter Fragebögen.
Die Studie erfasst folgende Parameter:
- Subjektive Schlafqualität in der ersten postoperativen Nacht.
- Auftreten eines postoperativen Delirs.
- Schlafmuster (Schlafdauer, Aufwachen nach dem Einschlafen, Einschlaflatenz, Einschlafdauer, Schlafeffizienz, Anzahl von Aufwachreaktionen).
Ausschlusskriterien
Von der Teilnahme ausgeschlossen sind Patienten mit:
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- Medizinischen Gründen, die das Anbringen eines Aktigraphen (Actiwatch) am Handgelenk verbieten.
- Medizinischen Gründen, die die Benutzung eines Over Ear ANC Kopfhörers verbieten.
- Akuten neurochirurgischen-neurologischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems.
Weitere Maßnahmen zur Verbesserung des Schlafs auf der Intensivstation
Neben dem Einsatz von ANC-Kopfhörern gibt es weitere Ansätze, um den Schlaf auf der Intensivstation zu verbessern:
- Schlaf-Screening: Patienten sollten systematisch auf das Vorliegen verschiedener Schlafstörungen und schlafbezogener Erkrankungen untersucht werden.
- Verbesserung der Beleuchtung: Tagsüber helleres Licht mit hohem Blaulichtanteil, nachts dunkleres, warmrotes Licht.
- Verteilung von Schlafmasken und Ohrstöpseln: Statt Schlafmittel zu geben, können diese Hilfsmittel den Schlaf verbessern.
- Nachtruhekonzept: Zwischen 12 Uhr nachts und 6 Uhr morgens darf nur absolut notwendiger Lärm gemacht werden.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Schlafgestörten Patienten kann eine kognitive Verhaltenstherapie zur Verbesserung ihres Schlafs angeboten werden.
- Noise Display: Ein Noise Display misst den Geräuschpegel auf der Station und stellt ihn optisch dar.
- Lärmschutzdecken: Statt Metalldecken können Lärmschutzdecken installiert werden.
- Raumtemperatur: Die Raumtemperatur sollte sinnvoll gestaltet werden und bei Bedarf Wärmflaschen an Patienten ausgeben, die unter kalten Füßen leiden.
Telemedizin in der Schlafmedizin
Viele Menschen stehen zwar der Telemedizin skeptisch gegenüber, aber es ist nicht zu leugnen, dass in der Digitalisierung enorme Chancen für die Medizin liegen. Vor allem in der Schlaf- und Beatmungsmedizin können sehr viele Patientendaten erfasst werden. Man kann mit diesen Daten die CPAP-Compliance von Schlafapnoe-Patienten dokumentieren, herausfinden, wo ihre Probleme liegen, und ihnen dann gezielt helfen. Man kann die schlafmedizinische Diagnostik vereinfachen und Veränderungen im Krankheitsverlauf frühzeitig erkennen und gegensteuern. Doch es fehlen Nachweise für den Erfolg telemedizinischer Maßnahmen, die man den Kostenträgern vorlegen muss, damit sie auch bereit sind, diese zu finanzieren.
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