Essstörungen sind komplexe psychosomatische Krankheitsbilder, die oft von tiefgreifenden seelischen Belastungen begleitet werden. Diese können sowohl Folge als auch Ursache anderer psychischer Erkrankungen sein und werden häufig erst spät erkannt, oft aufgrund von Scham und mangelnder Krankheitseinsicht. Zu den bekannten Essstörungen zählen Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und die Binge-Eating-Störung (Essattacken ohne kompensatorische Maßnahmen). Allerdings gibt es auch weniger bekannte Formen wie ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) und Orthorexie (zwanghaft gesundes Essverhalten), die ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben können.
Psychologische Faktoren bei Essstörungen
Essstörungen wie Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating-Disorder sind oft Ausdruck tiefer liegender psychologischer Probleme. Perfektionismus, geringes Selbstwertgefühl, Kontrollverlust oder traumatische Erfahrungen können zugrunde liegende Faktoren sein. Die Erkrankung dient häufig als Bewältigungsmechanismus für emotionale Belastungen.
Symptome und Erscheinungsformen
Anzeichen einer Essstörung können vielschichtig sein, wobei das äußere Erscheinungsbild nicht immer ein eindeutiges Signal gibt. Obwohl Veränderungen in der Körperfigur möglicherweise auf gestörtes Essverhalten hinweisen können, manifestiert sich nicht jede Essstörung ausschließlich durch äußere Gewichtsveränderungen. Bei Bulimie beispielsweise sind die Auswirkungen oft nicht offensichtlich.
Eine langfristige Beeinträchtigung der Nahrungszufuhr beeinflusst das gesamte Körpersystem, unabhängig davon, ob es zu Übergewicht oder zu einer Essstörung wie Magersucht führt. Die Störung gilt als eher selten und wird häufig nicht richtig diagnostiziert. Sie kommt in allen Altersstufen vor, tritt häufiger bei Frauen auf und wird oft mit Angst- und Panikstörungen sowie Zwängen assoziiert. Auch treten depressive Züge und vegetative Störungen auf. Belastende Lebensereignisse sind ebenfalls häufig und die Betroffenen weisen eine hohe Sensibilität, Irritierbarkeit und Leistungsbereitschaft auf. Die Betroffenen sind zunehmend in allen Lebensbereichen eingeschränkt. Dies führt meist zu Gewichtsverlust, ist mit großen Ängsten verbunden und kann lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Durch die Angst kommt es zu einer vermehrten Atmung (Hyperventilation), welche die Panikgefühle wie Schwindel, Herzrasen, Engegefühl im Hals verstärkt. Stress kann ein Mitauslöser oder Verstärker sein: „viel am Hals haben“. Ungelöste, teils unbewusste Probleme sind „unverschluckbar“ und schnüren den Hals zu oder Probleme „bleiben im Halse stecken“. Es ist oft auch die sprichwörtliche „Kröte“, die man schlucken soll, aber nicht kann oder will.
Ursachen und Risikofaktoren
Fast immer wirken mehrere Faktoren zusammen, die das Risiko für eine Essstörung erhöhen:
Lesen Sie auch: Schlaganfall und Angst: Was Sie wissen müssen
- Geschlecht: Das Risiko ist für Mädchen oder Frauen deutlich höher, insbesondere bei Magersucht und Bulimie.
- Zwillingsstudien belegen, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen.
- Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt, gesundheitliche Probleme in der Kindheit und früh einsetzende Reifung erhöhen das Risiko für eine Erkrankung. Magersüchtige litten als Säugling und Kleinkind häufiger an Magen- und Darm-Beschwerden.
- Essstörungen sind in westlichen Industrienationen deutlich häufiger. Deshalb wird angenommen, dass das dortige Schönheitsideal von einem schlanken Körper das Erkrankungsrisiko erhöht.
- Magersüchtige beschäftigen sich übermäßig mit Figur und Körpergewicht.
- Familienfaktoren scheinen sich vor allem auf die Schwere der Erkrankungen auszuwirken.
- Sexueller Missbrauch und Vernachlässigung sowie psychische Krankheitsanfälligkeit und geringer Selbstwert in der Jugend erhöhen das Risiko für eine Bulimie, ebenso ein eingeschränktes Essverhalten.
Formen von Essstörungen
Es werden vor allem drei Arten der Essstörungen unterschieden:
- Anorexie (Magersucht): Das Körpergewicht liegt mindestens 15 Prozent unter dem normalen Gewicht bzw. der Body-Mass-Index (BMI) liegt unter 17,5. Bei starker Ausprägung kann das Untergewicht lebensbedrohlich werden. Die Erkrankten führen das starke Untergewicht selbst herbei, vor allem dadurch, dass sie wenig oder nicht regelmäßig essen. Häufig nehmen die Erkrankten auch Appetitzügler oder treiben übermäßig intensiv Sport (z. B. exzessives Joggen). Sie meiden Lebensmittel, durch die sie an Gewicht zunehmen könnten. Manchmal erbrechen sie Gegessenes wieder, indem sie sich den Finger in den Hals stecken. Trotz des starken Untergewichts bestehen große Ängste, zuzunehmen oder dick zu werden. Häufig bleibt die erste Regelblutung aus oder die monatliche Menstruation erfolgt nicht regelmäßig. Bei Männern kann es zu Potenzverlust kommen. Erkrankte nehmen ihre Figur verzerrt wahr und sind trotz des Untergewichts überzeugt davon, zu dick zu sein. Ein schlanker Körper ist für sie übertrieben wichtig, um sich selbst akzeptieren zu können. Oftmals wollen die Erkrankten gar nicht wahrhaben, dass sie viel zu wenig Gewicht haben und damit ihre Gesundheit gefährden. Die starke Unterernährung führt häufig auch zu körperlichen Beschwerden: langsamer Puls, niedriger Blutdruck, Beschwerden im Unterleib, niedriger Stoffwechsel, Zahnausfall, Eiweiß- und Mineralienmangel.
- Bulimie (Ess-Brech-Sucht): Das Körpergewicht dieser Patientinnen ist meist normal. Sie sind schlank und sehr gepflegt. Sie sind zwar ständig mit dem Essen beschäftigt, dies ist aber für andere meist nicht zu erkennen. Die Patientinnen erleiden regelmäßig Heißhungeranfälle, bei denen sie in kurzer Zeit sehr viel essen. Um die Kalorienzufuhr rückgängig zu machen, erbrechen sie meist das Gegessene, indem sie sich den Finger in den Hals stecken. Häufig nehmen sie auch Appetitzügler und treiben übermäßig intensiv Sport, z. B. exzessives Joggen. Es besteht eine krankhafte Angst davor, dick zu werden. Die Patientinnen setzen sich eine Gewichtsgrenze, die deutlich unter dem gesunden oder „optimalen“ Gewicht (BMI) liegt. Aus Furcht davor zuzunehmen, halten die Patientinnen zwischen den Essattacken oft eine Dauerdiät ein. Bei langanhaltender Erkrankung kommt es oft zu Zahnschäden und Störungen des Elektrolyt-Haushaltes.
- Binge-Eating-Störung: Die Patient*innen erleiden immer wieder Essattacken, bei denen sie sehr viel essen und die Kontrolle über das Essen verlieren. Sie versuchen nicht regelmäßig, die Kalorienzufuhr durch Erbrechen, Hungern oder exzessive körperliche Aktivität auszugleichen. Die Erkrankten sind deshalb häufig deutlich übergewichtig.
Diagnostik und Therapie
Für die diagnostische Einschätzung der Beschwerden führt die Psychotherapeutin oder der Psychotherapeut ein ausführliches Gespräch mit der Patientin. Psychotherapeutinnen fragen auch danach, welche psychischen Erkrankungen die Eltern schon hatten und wie das Essverhalten in der Familie war. Sie erkundigen sich auch nach möglicher emotionaler Vernachlässigung und Missbrauch. Sie klären, ob weitere psychische Störungen vorliegen, insbesondere Depressionen, Angststörungen, der Missbrauch von Alkohol, Drogen oder Medikamenten sowie Persönlichkeitsstörungen. Liegen andere („komorbide“) Erkrankungen vor, muss der Behandlungsschwerpunkt sorgfältig abgewogen werden. Die vielfältigen körperlichen Risiken der Essstörungen machen eine umfassende ärztliche Untersuchung unbedingt erforderlich.
Ist das geringe Gewicht der Patientin lebensbedrohlich, muss sie meist im Krankenhaus behandelt werden. Dies kann erforderlich sein, wenn das Körpergewicht sehr deutlich unter dem Normalgewicht liegt oder die Patientin rapide oder anhaltend abnimmt. Das wichtigste Therapieziel ist dann zunächst eine Gewichtszunahme, damit ein stabiles Minimalgewicht erreicht wird, das nicht mehr lebensbedrohlich ist. Dies ist in der Regel die Voraussetzung für eine weitergehende psychotherapeutische Behandlung. Bei allen drei Essstörungen ist eine Psychotherapie die Behandlungsmethode der ersten Wahl. Dabei sollte bei magersüchtigen Patient*innen im Jugendalter die Familie aktiv in die Behandlung einbezogen werden. Die Wirksamkeit der Psychotherapie bei Essstörungen wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen. Lediglich bei Magersucht ist die empirische Studienlage noch unbefriedigend.
Die wichtigsten Ziele der Psychotherapie sind ein normales Essverhalten und Gewicht sowie eine Behandlung der psychischen Beschwerden und Probleme. Dazu gehört, die falschen Schlankheitsideale zu korrigieren und die gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers und Gewichts („Körperschemastörung“) zu ändern. Zu den Zielen der Therapie gehören auch, ein angemessenes Selbstwertgefühl und soziale Kompetenzen zu entwickeln.
Heilungschancen
Die Erfolgsaussichten einer Behandlung sind stark von der Schwere und Dauer der Essstörung abhängig. Die Heilungschancen sind bei der Bulimie und der Binge-Eating-Störung größer als bei der Magersucht. Bisher gelingt es, etwa 50 Prozent der magersüchtigen Patientinnen erfolgreich zu behandeln, bei weiteren 30 Prozent verbessert sich die Erkrankung deutlich. Bei rund 20 Prozent entwickelt sich eine chronische Essstörung, die dauerhaft bestehen bleibt. Liegen die Kontrolluntersuchungen mehr als zehn Jahre nach der Behandlung, steigen die Erfolgsaussichten sogar auf fast 75 Prozent. Für manche Patientinnen besteht ein besonders hohes Risiko, an der Erkrankung zu sterben. Zehn Jahre nach der Erstdiagnose lag die Sterberate von magersüchtigen Patientinnen zehnfach über dem Durchschnitt der Altersgenossinnen. Bei der Bulimie sind 50 bis 70 Prozent der Behandlungen erfolgreich. Allerdings können sich die Beschwerden verändern oder verlagern und es besteht ein erhöhtes Risiko, rückfällig zu werden. Bei Essattacken ohne Hungern und Erbrechen gesunden etwa zwei Drittel der Patientinnen.
Lesen Sie auch: Gehirnstrukturen und Angstreaktionen
Neurologische Ursachen und ARFID
ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder) ist eine wenig bekannte, aber ernstzunehmende Essstörung, bei der Betroffene bestimmte Lebensmittel strikt meiden. Die Folgen reichen von Mangelernährung bis hin zu sozialem Rückzug. Im Unterschied zu anderen Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie steht bei ARFID nicht der Wunsch im Vordergrund, abzunehmen oder ein bestimmtes Körperbild zu erreichen. Vielmehr geht es um eine tief verwurzelte Abneigung gegenüber bestimmten Lebensmitteln oder ganzen Nahrungsgruppen.
Ursachen von ARFID
ARFID ist keine „Phase“ und hat nichts mit wählerischem Essverhalten zu tun. Die Ursachen sind vielschichtig - oft greifen biologische, psychologische und soziale Faktoren ineinander. Wichtig zu wissen: Niemand „entscheidet“ sich freiwillig für dieses Essverhalten, sondern es handelt sich um eine psychische Störung.
Häufige Auslöser und Hintergründe:
- Sensorische Überempfindlichkeiten: Viele Betroffene reagieren übermäßig stark auf bestimmte Gerüche, Konsistenzen oder Farben. Besonders betroffen sind Personen mit einer anderen Wahrnehmungsverarbeitung, etwa aus dem Autismus-Spektrum oder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).
- Negative Esserfahrungen: Ein einmaliges Erlebnis wie Verschlucken, Erbrechen oder Würgen kann ausreichen, um eine starke Angstreaktion auszulösen - die betroffene Nahrung wird dann dauerhaft gemieden.
- Angststörungen oder Zwangsstörungen: ARFID tritt häufig in Verbindung mit generalisierten Ängsten, sozialen Phobien oder Zwangsverhalten auf. Die Angst vor gesundheitlichen Folgen durch bestimmte Nahrungsmittel kann ebenfalls eine Rolle spielen.
- Familiäre Esskultur und Prägung: Auch das soziale Umfeld, elterliche Vorlieben oder Einschränkungen können das Essverhalten mitprägen. Wenn beispielsweise bestimmte Lebensmittel nie angeboten werden, sinkt die Toleranz für neue Speisen.
Symptome und Diagnose von ARFID
Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder zeigt sich oft schleichend - viele Betroffene oder Eltern merken lange nicht, dass etwas nicht stimmt. Stattdessen fällt das Essverhalten zunächst als „mäkelig“ oder „kompliziert“ auf. Doch hinter der scheinbaren Eigenheit steckt oft eine tief verwurzelte psychische Belastung.
Typische ARFID-Symptome und Verhaltensmuster sind:
Lesen Sie auch: Wie man Angst bewältigt: Eine Anleitung
- Stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl: Es werden nur sehr wenige Lebensmittel gegessen - oft nur 5 bis 10 unterschiedliche Speisen, zum Beispiel nur weiße Nudeln, trockener Toast oder bestimmte Markenprodukte.
- Vermeidung neuer oder unbekannter Lebensmittel (Food Neophobia): Neue Gerichte oder Zutaten werden abgelehnt, teils schon beim Anblick oder Geruch.
- Starke Angst vor dem Essen: Besonders nach negativen Erfahrungen (zum Beispiel Verschlucken) entwickeln Betroffene eine regelrechte Essensphobie.
- Sozialer Rückzug: Gemeinsames Essen mit Freunden oder Familie wird vermieden. Restaurantbesuche, Einladungen oder Mensaessen werden zur Stressquelle.
- Kein Wunsch nach Gewichtsreduktion: Anders als bei Magersucht gibt es keinen Wunsch, dünner zu sein - das Essen wird nicht zur Kontrolle des Körpers eingesetzt.
- Körperliche Mangelerscheinungen: Durch die einseitige Ernährung kann es zu Untergewicht, Wachstumsstörungen (bei Kindern), Konzentrationsproblemen, Müdigkeit oder Hautveränderungen kommen.
Laut Fachliteratur liegt ARFID vor, wenn folgende Bedingungen gegeben sind:
- Deutlich eingeschränkte Nahrungsaufnahme, ohne dass dies durch kulturelle Gepflogenheiten oder Hungerstreiks erklärt werden kann.
- Es liegt mindestens einer der folgenden Punkte vor: Gewichtsverlust oder bei Kindern: mangelhafte Gewichtszunahme, Nährstoffmangel (zum Beispiel Eisen-, Vitamin-, Proteindefizite), Abhängigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln oder Sondennahrung, Psychosoziale Beeinträchtigung, zum Beispiel durch Vermeidung sozialer Mahlzeiten.
- Das Verhalten lässt sich nicht durch eine andere Erkrankung oder eine andere Essstörung (zum Beispiel Anorexie) erklären.
Diagnostische Methoden:
- Anamnese-Gespräch über das Essverhalten, mögliche Auslöser, Ängste und körperliche Beschwerden
- Ernährungstagebücher zur Analyse von Auswahl, Menge und Regelmäßigkeit
- Blutuntersuchungen zur Abklärung von Nährstoffmängeln
- Psychologische Tests oder strukturierte Interviews, zum Beispiel das Eating Disorder Examination (EDE)
Behandlungsmöglichkeiten bei ARFID
Die Behandlung von ARFID erfolgt meist ambulant - in schweren Fällen auch stationär. Je nach Ausprägung und Begleiterkrankungen kommen unterschiedliche Ansätze zum Einsatz:
- Verhaltenstherapie (VT): Besonders effektiv ist die kognitive Verhaltenstherapie. Sie hilft Betroffenen, schädliche Gedanken- und Vermeidungsmuster zu erkennen und abzubauen - etwa durch Expositionsübungen mit neuen Lebensmitteln in geschütztem Rahmen.
- Ernährungsberatung: Geschulte Fachkräfte vermitteln Grundlagen der ausgewogenen Ernährung und begleiten die langsame Einführung neuer Lebensmittel - angepasst an individuelle Bedürfnisse und Ängste.
- Medizinische Begleitung: Bei Mangelernährung oder Untergewicht kann eine Ernährungssubstitution notwendig sein - zum Beispiel durch Trinknahrung, Supplemente oder in Extremfällen Sondenernährung.
- Familientherapie: Besonders bei Jugendlichen kann es hilfreich sein, die Familie in den Prozess einzubeziehen. So werden Konflikte am Esstisch entschärft und gemeinsames Essen wieder positiv besetzt.
- Begleitende Psychotherapie: Wenn zusätzlich Angststörungen, Depressionen oder Zwangssymptome vorliegen, ist eine ergänzende psychotherapeutische Behandlung sinnvoll.
Orthorexie: Wenn gesundes Essen zur Obsession wird
Gesund, gesünder, zwanghaft gesund: Orthorexie, auch genannt Orthorexia nervosa, beschreibt ein zwanghaft gesundes Essverhalten. Betroffene einer Orthorexie beschäftigen sich sehr ausgiebig mit gesunder Ernährung und halten sich strikt an selbstgesetzte Ernährungsregeln. Auf eine gesunde Ernährung zu achten und bewusst zu essen, ist zunächst etwas Positives und weist nicht auf eine Erkrankung an Orthorexie hin. Bei Betroffenen einer Orthorexie lassen sich bestimmte Verhaltensweisen beobachten, die über ein normales gesundes Essverhalten hinausgehen.
Anzeichen und Symptome von Orthorexie
Häufige Anzeichen / Symptome für eine Orthorexie sind:
- Übermäßige Beschäftigung mit Ernährung
- Recherchen zu Nährwerten, Vitamingehalt und Mineralstoffen von Lebensmitteln
- Nahrungsaufnahme ausschließlich zu bestimmten Tageszeiten
- Sozialer Rückzug, insbesondere kein Essengehen oder Essen bei Bezugspersonen, aus Angst, dass das Essen dort nicht den eigenen Anforderungen entspricht. Sozialer Aspekt ist dabei für Betroffene unwichtiger
- Gefühle von Scham und Schuld, wenn eigene Ernährungsregeln gebrochen werden
- Zunehmendes Streichen vieler „ungesunder“ Nahrungsmittel vom Speiseplan
- Einseitige Ernährung
- Inflexibilität im Konsum von ausgewählten Lebensmitteln
- Fixierung auf bestimmte Zubereitungsarten
Ursachen und Abgrenzung zu anderen Essstörungen
Die genaue Entstehung einer Orthorexie ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Es wird davon ausgegangen, dass die Ursachen einer Orthorexie multifaktoriell sind. Es gibt einige Kriterien, um eine Orthorexie von Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie abzugrenzen:
- An Orthorexie Erkrankte achten besonders auf die Qualität von Nahrungsmitteln. Sie versuchen, ausschließlich „reine“ Produkte zu konsumieren. Dies können beispielsweise selbst angebaute Nahrungsmittel sein, Lebensmittel ohne Zucker oder Weizen o.Ä. „Ungesunde“ Lebensmittel werden von Menschen mit einer Orthorexie ausgeschlossen, die Liste wird im Verlauf der Erkrankung dabei meist länger, die Auswahl an Lebensmitteln zum Verzehr weniger. Die Menge der zugeführten Lebensmittel spielt für Betroffene einer Orthorexie eine weniger große Rolle.
- Die Reduktion von Kalorien ist bei Essstörungen wie einer Anorexie oder Bulimie hingegen das Ziel: Betroffene dieser Essstörungen wollen eine geringere Kalorienzufuhr erreichen und versuchen einen Gewichtsverlust zu erzielen bzw. ein niedriges Körpergewicht. Sie beschäftigen sich neben ihrem äußerlichen Erscheinungsbild eher mit den Kalorien der Lebensmittel als mit der Qualität, wie dies Betroffene einer Orthorexie tun.
Therapie von Orthorexie
Eine Orthorexie kann mit einer Psychotherapie behandelt werden. Dabei können verschiedene psychotherapeutische Verfahren eingesetzt werden wie beispielsweise eine Gesprächspsychotherapie. Psychotherapien können ambulant, teilstationär oder vollstationär stattfinden, sowie im Einzel- und/oder Gruppenformat.
Häufige Inhalte einer Psychotherapie bei Orthorexie sind:
- Essen als Genuss wieder zu etablieren
- Probieren verschiedener Lebensmittel
- Wahrnehmung von Geschmacksrichtungen fördern
- Liste der persönlich „verbotenen“ Lebensmittel abbauen
- „Normalerer“ Umgang mit Ernährung wiederfinden
- Abbau von Ängsten
- Emotionsbewältigung fördern
- Selbstwert aufbauen
- Soziale Teilhabe ermöglichen
Schluckstörungen (Dysphagie)
Bei einer Schluckstörung - medizinisch Dysphagie genannt - ist das Schlucken erschwert oder gestört. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Oft sind Nervenerkrankungen die Ursache (neurogene Dysphagie). Um schwere Folgen wie eine Lungenentzündung durch Verschlucken (Aspiration) oder Mangelernährung zu vermeiden, ist eine ärztliche Abklärung nötig.
Ursachen von Schluckstörungen
Schluckstörungen können sich aus sehr verschiedenen Gründen entwickeln. Die möglichen Ursachen reichen von erhöhtem Alter (Presbyphagie) über Krankheiten von Nerven, Muskeln oder Speiseröhre bis hin zu psychischen Einflüssen (psychogene Dysphagie). Außerdem kann eine Schluckstörung Nebenwirkung bestimmter Medikamente sein.
Es gibt eine Vielzahl von Erkrankungen, bei denen Schluckstörungen als Begleit-Symptom auftreten können. Dazu zählen zum Beispiel:
- Schlaganfall
- Alzheimer-Demenz
- Schädel-Hirn-Trauma
- Parkinson-Krankheit
- Multiple Sklerose
- Amyotrophe Lateralsklerose
- Myasthenia gravis
- Chorea Huntington
- Entzündungen der Skelettmuskulatur (Myositis)
- Muskeldystrophien
- Erkrankungen der Speiseröhre
- Stoffwechselerkrankungen
- angeborene Fehlbildungen
- Krebserkrankungen im Halsbereich
Diagnose und Behandlung von Schluckstörungen
Treten Probleme mit dem Schlucken auf, ist eine hausärztliche Praxis oder HNO-Praxis eine geeignete erste Anlaufstelle. Bei Bedarf erfolgt eine Überweisung an andere Fachärztinnen und Fachärzte - zum Beispiel für Neurologie, Gastroenterologie oder Logopädie. Um die Ursachen weiterabzuklären, kommen unter anderem endoskopische und bildgebende Verfahren zum Einsatz:
- Kehlkopfspiegelung (Laryngoskopie)
- Spiegelung der Speiseröhre (Ösophagoskopie)
- Biopsie
- Fiberendoskopische Schluckuntersuchung (FEES)
- Videofluoroskopie (VFSS)
Eine Dysphagie erfordert meist eine langfristige Betreuung durch ein Team, in dem Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeutinnen und Therapeuten verschiedener Fachgebiete zusammenarbeiten. Ziel der Behandlung ist, betroffenen Menschen das Essen und Trinken bestmöglich zu erleichtern und die Lebensqualität zu verbessern. Therapieoptionen bei Schluckstörungen umfassen:
- Schlucktherapie
- Ernährungsmaßnahmen
- Atemhilfen
- Mundhygiene
- Medikamente
- Operation
- Neurostimulation