Internet und Gehirn: Auswirkungen sozialer Medien auf die kognitive Funktion und psychische Gesundheit

Soziale Medien sind allgegenwärtig und beeinflussen unser Leben in vielfältiger Weise. Es wird oft behauptet, dass sie die Nutzer "verdummen" oder sogar krank machen. Obwohl die Forschungslage noch nicht vollständig ist, deuten die vorhandenen Daten darauf hin, dass die Gefahren überschaubar sind. Richtig eingesetzt, können soziale Medien sogar die "Verschaltungen" im Gehirn fördern. Im alltäglichen Gebrauch sollten jedoch Tracker möglichst abgeschaltet werden.

Soziogene Erkrankungen durch soziale Medien

Ein extremes Beispiel für die potenziellen negativen Auswirkungen sozialer Medien ist der Ausbruch einer soziogenen Erkrankung in Deutschland im Jahr 2019. Diese "Mass Social Media-Induced Illness" (MSMI) manifestierte sich in funktionellem Tourette-ähnlichem Verhalten. Forschende der Washington University School of Medicine in den USA beobachteten, dass Jugendliche, die krankheitsbezogene Inhalte von Influencern in sozialen Medien konsumierten, ähnliche Symptome entwickelten. Einige suchten deswegen sogar klinische Hilfe oder outeten sich in den sozialen Medien als Betroffene. Zu den häufigsten reproduzierten Krankheiten gehörten die dissoziative Identitätsstörung und das Tourette-Syndrom.

Es wird vermutet, dass neu auftretende Tics durch soziale Netzwerke begünstigt werden können. Eine Hypothese ist, dass die Betroffenen ein Konversionsphänomen aufweisen, eine andere, dass sie an einer durch soziale Medien unterstützten artifiziellen Störung (Münchhausen-Syndrom) leiden. Zwischen 2019 und 2021 berichteten 86 Menschen in Deutschland über neue Bewegungen oder Lautäußerungen mit abruptem Beginn und/oder Tourette-ähnlichen Symptomen ("functional Tourette-like behavior", FTB). Geschulte Interviewerinnen und Interviewer ermittelten, dass wahrscheinlich 33 der 86 Personen von MSMI-FTB betroffen waren, wobei das Durchschnittsalter 30,5 Jahre betrug. US-amerikanische Daten zeigen, dass sich die Zahl funktioneller Tic-ähnlicher Störungen während der COVID-19-Pandemie um 60 % erhöht hat (um 90 % bei Kindern und Jugendlichen, um 51 % bei Erwachsenen).

Obwohl dieses Beispiel eines "Ansteckens" mit Tourette in sozialen Medien oft als Beleg für Gesundheitsgefahren durch Social Media angeführt wird, sind die absoluten Fallzahlen gering. Prof. Dr. Lars Timmermann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, betont, dass dies die Neurologie nicht beunruhigt. Funktionelle neurologische Störungen, bei denen keine körperlichen Ursachen gefunden werden, werden bei etwa 15 % der Vorstellungen in neurologischen Sprechstunden diagnostiziert. Die Symptome sind jedoch weder vorgetäuscht noch eingebildet und bedürfen einer gezielten Behandlung.

Neuropsychiatrische Auswirkungen des Medienkonsums

Neben den genannten Extremfällen gibt es auch Berichte über neuropsychiatrische Auswirkungen des (sozialen) Medienkonsums. Eine aktuelle Studie in BMC Public Health ergab, dass lange Bildschirmzeiten bei Kindern mit Störungen wie Angst, Somatisierung und vor allem Depression assoziiert waren, allerdings mit geringer Effektstärke. Auch Schlafstörungen können auftreten: Eine kanadische Auswertung von über 12.000 Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren zeigte, dass intensive Social-Media-Nutzung mit schlechter Schlafqualität und Anzeichen von Schlafstörungen verbunden ist. Schlaf ist jedoch gerade auch für die lebenslange Hirngesundheit enorm wichtig.

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Positive Impulse durch soziale Medien

Es ist wichtig zu betonen, dass soziale Medien auch positive Impulse für einen gesunden Lebensstil setzen können. Sie können Anregungen zu gesünderer Ernährung, mehr Bewegung und "Physical Fitness" geben und damit die Hirngesundheit fördern. Während der Corona-Pandemie animierten Influencer Menschen zu körperlicher Aktivität und Sport, die sonst weniger aktiv gewesen wären.

Veränderungen der Hirnkonnektivität

Eine koreanische Studie untersuchte die Hirnkonnektivität bei 39 jungen Erwachsenen mit problematischem Social-Media-Gebrauch und 39 gesunden Kontrollen mithilfe von funktioneller MRT im Ruhezustand. Bei den Patientinnen und Patienten mit problematisch hoher Social-Media-Aktivität fand die Arbeitsgruppe eine engere Verbindung zwischen der Sehrinde und der intraparietalen Hirnrinde, jedoch eine geschwächte Verbindung zwischen diesen Arealen und den Arealen für soziale Einordnung und "emotional-kognitive Wertung", dem dorsolateralen präfrontalen Kortex. Diese Verbindung war umso schwächer, je stärker die Social-Media-Sucht ausgeprägt war.

Eine weitere Studie in "Scientific Reports" untersuchte Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren, die durchschnittlich 4 Stunden und 44 Minuten pro Tag mit digitalen Medien verbrachten. Die Ergebnisse zeigten, dass eine intensive Nutzung der sozialen Medien zu einer Entwicklungsverzögerung des Kleinhirns führte. Das Kleinhirnvolumen war bei den Kindern, die sich viel in den sozialen Medien bewegten, minimal kleiner.

Es wird betont, dass dies eine Einzelstudie und eine Momentaufnahme ist und dass die Betroffenen eventuell in der Pubertät aufholen. Der Unterschied war zudem geringfügig und per se kein pathologischer Befund. Interessanterweise wurden eher Veränderungen in anderen Hirnregionen erwartet: in der Hirnrinde (Cortex cerebri, u. a. verantwortlich für Sinneswahrnehmungen, Lesen, Sprechen, Bewusstsein, Denken) und im Striatum, das an der Kognition, an Motivationsvorgängen und am Belohnungssystem beteiligt ist. Stattdessen fand sich der Unterschied im Kleinhirn, der "Kontrollinstanz" für die Koordination und Feinabstimmung von Bewegungsabläufen. Hier könnte sich womöglich der Kreis zu der beobachteten Zunahme von funktionellen Bewegungsstörungen und Tics schließen.

Neuronale Plastizität

Hirnvolumetrische und hirnmorphologische Veränderungen sind generell wohl weniger ein Problem als veränderte funktionelle Verbindungen. Besondere Aufmerksamkeit sollte der neuronalen Plastizität geschenkt werden. In Bezug auf diese können Social Media ein "Good Guy", aber auch ein "Bad Guy" sein - je nach Nutzungsverhalten. Die Forschung steht hier noch am Anfang, aber es gibt bereits erste Studien, die letztlich das widerspiegeln, was physiologisch erwartbar ist bzw. auch aus neurowissenschaftlicher Sicht auf der Hand liegt.

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Eine chinesische Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass die Social-Media-Nutzung die funktionelle Konnektivität erhöht. Sie verglichen gelegentliche Nutzerinnen und Nutzer und häufige Nutzerinnen und Nutzer und "verordneten" den gelegentlichen Nutzerinnen und Nutzern über vier Wochen einen intensiven Konsum sozialer Medien. Alle erhielten vorher und nachher ein funktionelles MRT und es zeigte sich, dass die Phase der intensiven Nutzung die funktionelle Konnektivität, die Interaktion zwischen den Hirnregionen, verstärkt hatte. Dies wird mit der Vielfalt der Stimuli durch die sozialen Medien erklärt, die akustischer, visueller und emotionaler Natur sind, hinzu kommen Aktivierungen des Belohnungssystems und der Aufmerksamkeit. Das Gehirn wird gefordert und gefördert.

Gerade bei Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen ist die Abhängigkeit von Feedback aus der "Peergroup" besonders ausgeprägt, was sich auch in einer höheren Hirnaktivität als Reaktion auf soziales Feedback widerspiegelt. Altbekannt ist, dass neue geistige Herausforderungen und Reize die Plastizität des Gehirns fördern. Das Besondere an den sozialen Medien ist aber, dass sie Informationen passgenau auf die einzelne Nutzerin/den einzelnen Nutzer abstimmen und sie filtern. Die Menschen bekommen nur das präsentiert, was sie kennen und mögen, im Endeffekt halten Algorithmen das Gehirn von gegenläufigen Meinungen und anderen Erfahrungswelten fern und geben dann wenig Stimuli für die neuronale Plastizität. Es ist daher ratsam, Social Tracker weitgehend zu blockieren.

Emotionen statt Informationen

Ein weiterer "Pitfall" der sozialen Medien ist die Tatsache, dass in den sozialen Medien häufig mit Emotion statt mit Information gearbeitet wird. Emotionen entstehen im limbischen System, das nicht dem Bewusstsein untergeordnet ist. Emotionale Inhalte erhöhen die Anfälligkeit für Desinformation und Fake News und setzen die Fähigkeit, die Seriosität einer Quelle zu prüfen und kritisch einzubeziehen, herunter.

Medien-Multitasking und Gedächtnis

Medien-Multitasking könnte möglicherweise mit Aufmerksamkeitsstörungen und Vergessenheit einhergehen. Eine Studie der Stanford University ergab, dass Probanden mit geringerer Fähigkeit zur Aufmerksamkeit und intensiverem Medien-Multitasking schlechter bei Gedächtnisübungen abschnitten. Es wird jedoch betont, dass dies eine Korrelation, aber keine Kausalität aufzeigt.

Internetsucht bei Jugendlichen

Bei Jugendlichen mit Internetsucht ist die Signalübertragung in Hirnnetzwerken gestört, die an der Steuerung der Aufmerksamkeit in Verbindung mit intellektuellen Fähigkeiten, dem Arbeitsgedächtnis, der körperlichen Koordination und der emotionalen Verarbeitung beteiligt sind. Neuroimaging-Studien zeigen, dass Internetsucht mit einer gestörten Signalübertragung in den Hirnregionen verbunden ist, die an mehreren neuronalen Netzwerken beteiligt sind.

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Empfehlungen für einen gesunden Umgang mit sozialen Medien

Um die potenziellen negativen Auswirkungen sozialer Medien zu minimieren und die positiven Aspekte zu nutzen, sind folgende Empfehlungen wichtig:

  • Bewusster Umgang: Klare Regeln und Zeiten für die Nutzung digitaler Medien helfen, eine Balance zu finden. Kinder sollten lernen, bewusst mit digitalen Inhalten umzugehen und sich nicht von Algorithmen leiten zu lassen.
  • Medienkompetenz: Medienerziehung durch Elternhäuser und Schulen muss intensiviert werden. Jungen Menschen müssen die positiven wie negativen Seiten sozialer Netzwerke vermittelt werden.
  • Privatsphäre: Regeln zur Privatsphäre festlegen und auf unangemessene Inhalte vorbereiten. Social Tracker sollten weitgehend blockiert werden.
  • Mindestalter: Das Einhalten bestehender Mindestalter als Voraussetzung, die sozialen Medien nutzen zu dürfen, ist wichtig.
  • Forschung: Die neurowissenschaftliche Forschung rund um die Social-Media-Nutzung muss intensiviert und besser finanziert werden.
  • Öffnung der Schnittstellen: Die Tech-Industrie muss ihre Schnittstellen zu den Plattformen öffnen oder offenhalten, damit unabhängige Wissenschaftler untersuchen können, was genau auf den sozialen Netzwerken passiert.

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