Multiple Sklerose und Spina Bifida: Neurogene Blasen- und Darmfunktionsstörungen im Fokus

Multiple Sklerose (MS) und Spina Bifida (offener Rücken) sind neurologische Erkrankungen, die das zentrale Nervensystem (ZNS) beeinträchtigen können. Ein häufiges Problem bei Patienten mit diesen Erkrankungen ist die neurogene Blasenfunktionsstörung (nBFS) und neurogene Darmdysfunktion (NBD), die erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität haben können.

Einführung in die Neurogene Blasenfunktionsstörung (nBFS)

Als neurogene Blasenfunktionsstörung (nBFS) wird eine Störung der Harnspeicherung bzw. der Harnleerung bezeichnet, verursacht durch neurologische Veränderungen im Bereich des Rückenmarkes, in Zentren des Gehirns oder auch in der Peripherie, die eine normale nervale Signalübertragung zur Steuerung der Harnblase behindern. Sie kann zu unangenehmen Symptomen wie Harninkontinenz, erhöhter Häufigkeit des Wasserlassens (Pollakisurie), Nykturie (nächtliches Wasserlassen) und verstärktem Harndrang führen. Die Symptomatik der nBFS kann je nach zugrunde liegender Störung unterschiedlich ausgeprägt sein. Bei der Therapiewahl sind die im jeweiligen Fall vorherrschende Symptomatik sowie mögliche Nebenwirkungen und Komplikationen zu bedenken und die individuellen Besonderheiten und Bedürfnisse des Patienten zu beachten.

Pathophysiologie der Blasenfunktion

Die Harnblase wird zwischen zwei Funktionszuständen unterschieden: einer Füll- und einer Entleerungs- bzw. Miktionsphase. Die Steuerung der Harnblasenfunktion beruht auf der Übermittlung afferenter Signale von Dehnungs- und Volumenrezeptoren an spinale und höher gelegene Zentren. An der Blasenkontrolle beteiligt sind verschiedene Neurotransmitter und Neuropeptide wie das Acetylcholin (parasympathisches Nervensystem), das Noradrenalin (sympathisches Nervensystem) und weitere Mediatoren wie Adenosintriphosphat (ATP), Stickoxid und 5-HT (Serotonin).

Klassifikation neurogener Blasenfunktionsstörungen

Der oben dargestellte Ablauf kann auf mehreren Ebenen gestört bzw. unterbunden und geschädigt werden. Entsprechend lassen sich durch die verschiedenen Kombinationen von Hyperaktivität und Hypoaktivität von Detrusor und Sphinkter unterschiedliche Störmuster ableiten.

Lokalisation neurologischer Läsionen und ihre Folgen

Läsionen im Bereich des ZNS können über mehrere Mechanismen zu Blasenfunktionsstörungen führen. So kann der Informationsfluss zum Gehirn (afferente Störung) und/oder die Art und Weise, wie das Gehirn die Informationen verarbeitet, gestört sein ebenso die Fähigkeit, angemessene Signale zum Organ zurückzusenden (Störung der Efferenz). Suprapontine Läsionen führen vorrangig zu einer gestörten Harnspeicherung, die sich urodynamisch als hyperaktiver Detrusor bei vorwiegend normaler Sphinkterfunktion manifestiert, und lassen sich häufig nach zerebrovaskulärem Trauma, bei Vorliegen einer Parkinsonerkrankung oder nach Schlaganfall beobachten. Auch Läsionen innerhalb des Ponses, in der das suprasakrale Koordinationszentrum der Blasenentleerung lokalisiert ist, können zu Harnblasenstörungen führen. Aufgrund der komplexen Funktionen des pontinen Miktionszentrums resultiert v. a. eine Dyskoordination, die Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie bei Läsionen an dieser Stelle. Spinale Läsionen z. B. infolge einer (kompletten) Querschnittslähmung oder bei Multipler Sklerose können zu einer gestörten Harnspeicherung wie auch zu Miktionsstörungen führen (hyperaktiver Detrusor und/oder Sphinkter). Alle nervalen Schädigungen unterhalb des sakralen Miktionszentrums (S2 bis S4), z. B. als Folge einer Operation im kleinen Becken oder bei einer Polyneuropathie, führen zu einer peripheren, also schlaffen Lähmung (hypoaktiver Detrusor oder Sphinkter).

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Multiple Sklerose und Neurogene Detrusorüberaktivität (NDO)

Die Multiple Sklerose (MS) wird meist im Alter von 20 bis 40 Jahren diagnostiziert. Bis zu 80 % der MS-Patienten berichten über mindestens ein Symptom der Harninkontinenz wie beispielsweise die Pollakisurie. Die Blasensymptome von MS-Patienten werden häufig nicht angemessen behandelt. So wird nur etwa jeder zweite Patient mit mäßigen bis schweren Symptomen des unteren Harntraktes mit Anticholinergika behandelt. Jene, die medikamentös behandelt werden, brechen die Therapie frühzeitig ab. Ein amerikanisches Forscherteam um Anna D'Souza fand in einer retrospektiven Datenbankanalyse heraus, dass nur 13,2 % der Patienten ihre initiale Therapie mit Oxybutynin oder Tolterodin über den Zeitraum von mindestens ein Jahr fortgesetzt hatten. Die mittlere Einnahmedauer bis zum Absetzen betrug 31 Tage.

Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (DSD) bei MS

Typisch für die Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (DSD) sind ein häufig unterbrochener Harnstrahl und Startschwierigkeiten bei der Miktion sowie Pollakisurie mit Restharnbildung. 20 bis 25 % der MS-Patienten können unter einer DSD leiden. Dabei kontrahiert die Blase unwillkürlich (Detrusorüberaktivität, DÜ) und versucht, häufiger Urin auszuscheiden als normal. Gleichzeitig erschlafft der Sphinkter nicht ausreichend, wodurch die Urinausscheidung eingeschränkt ist. Die DSD ist für den Patienten oft sehr unangenehm, da der Harndrang trotz Miktion persistiert. Der resultierende RH kann zudem Harnwegsinfekten Vorschub leisten. Die DÜ im Rahmen einer DSD geht oftmals mit hohen intravesikalen Drücken einher und stellt eine Gefahr für den oberen Harntrakt dar, da es zu einer Nierenschädigung kommen kann.

Weitere Dysfunktionen der unteren Harnwege

Bei einem hypokontraktilen Detrusor stehen ein schwacher Harnstrahl, ein Restharngefühl und rezidivierende Harnwegsinfektionen im Vordergrund. Bei einem hypoaktiven Sphinkter kommt es zum Verlust der reflektorischen Kontraktion des Sphinkters bei Anstieg des abdominellen Druckes und Belastungsinkontinenz, z. B. unter Husten, Niesen oder Lachen.

Rückenmarkschädigung und NDO

Eine Rückenmarkverletzung (RMV) kann großen Einfluss auf die Speicher- und Ausscheidungsfunktion der Blase haben. Sie kann zu einer Unter- oder Überaktivität der Blasenwand und der Sphinktere führen und dadurch zu einer Inkontinenz bis zum vollständigen Verlust der Fähigkeit zu Blasenentleerung. Die Form der Blasenfunktionsstörung wird von der Höhe der RMV bestimmt. Je höher die RMV, desto ausgeprägter die resultierende Detrusorüberaktivität. Der Anteil der Patienten, die eine NDO entwickeln, ist abhängig von der Lokalisation und Schwere der Schädigung. Mehr als 98 % der Patienten mit vollständiger Paraplegie und mehr als 99 % mit Tetraplegie weisen eine dauerhafte Dysfunktion der unteren Harnwege auf.

Spina Bifida und Blasenfunktionsstörungen

Neben den klassischen neurourologischen Erkrankungen multiple Sklerose und Querschnittlähmung/Spina bifida existieren viele und auch weit verbreitete Erkrankungen des neurologischen Spektrums, die erhebliche Harntraktfunktionsstörungen nach sich ziehen können.

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Diagnostisches Vorgehen bei nBFS

Die Diagnostik der einzelnen Formen der neurogenen Blasenstörung unterscheidet sich kaum. fokussierte neurologische Untersuchung. Miktionstagebücher sind hilfreich, um Miktionsfrequenz und funktionelles Blasenvolumen zu erfassen. Eine Harnanalyse dient der Abklärung des Vorliegens von Harnwegsinfekten. Mittels Ultraschalluntersuchung des Harntraktes lassen sich Komplikationen wie Blasensteine ausschließen sowie RH-Messungen durchführen. Zur vollständigen diagnostischen Abklärung und Aufschlüsselung der exakten neuro-urologischen Situation gehören eine Harnstrahlmessung (Uroflow), eine Urethrozystoskopie, eine (Video-)Urodynamik mit Beckenboden-EMG, eine Nierensonografie sowie die Bestimmung von Kreatinin, Harnstoff und eventuell eine 24-Stunden-Kreatinin-Clearance und ein Furosemid-Isotopen-Nephrogramm.

Therapieansätze bei nBFS

Ziel der Therapie ist es, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern sowie die Funktion des unteren Harntraktes möglichst wiederherzustellen. Eine Detrusorhyperaktivität kann durch ein Blasentraining, durch die pharmakologische Therapie mit einem Anticholinergikum, die chronische Sakralwurzelstimulation, die intravesikale Botulinumtoxin-Injektion sowie durch die Blasenaugmentation oft erfolgreich behandelt werden. Bei der Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie kommen therapeutisch ein Einmalkatheterismus, eine antimuskarinerge Therapie, die intravesikale Botulinumtoxin-Injektion, die sakrale Vorderwurzelstimulation, die Sphinkterotomie sowie die Blasenaugmentation in Betracht. Bei einem hypokontraktilen Detrusor sollte ein Therapieversuch mit einer vorübergehenden suprapubischen Harndauerableitung, eine Therapie mit einem Cholinergikum, mit einem Alphablocker, eine chronische Sakralwurzelstimulation sowie ein sauberer Einmalkatheterismus unternommen werden. Bei einem hypoaktiven Sphinkter kommen Beckenbodentraining, Biofeedbacktraining, die Therapie mit Duloxetin, ein artifizielles Sphinktersystem sowie eine transurethrale Unterspritzung des Sphinkters mit sogenannten „Bulking agents“ infrage. Primär sollte versucht werden, durch Verhaltensänderungen, also durch eine Veränderung des Lebensstils und insbesondere des Trinkverhaltens, Einfluss auf die Störung zu nehmen. Die Patienten können Vorlagen und Urinflaschen nutzen, und bei Blasenentleerungsstörung und erhöhten Restharnwerten kann eine intermittierende Katheterisierung oder ggf. Wird ein adäquater Therapieerfolg durch konservative Maßnahmen nicht erreicht, so sind minimalinvasive Therapien wie Neuromodulation oder Injektion von Botulinumtoxin A in Betracht zu ziehen. Ultima Ratio stellen chirurgische Eingriffe wie Blasen(teil)entfernung mit Harnableitung oder Blasenaugmentation durch Darm oder eine Sphinkterotomie dar. Die Patienten sind in einem angemessenen Inkontinenzschutz zu unterweisen. Außerdem sind im Rahmen einer Rehabilitation ein Blasentraining indiziert und abhängig von den individuellen Gegebenheiten auch Beckenbodenübungen, eine Beckenbodenstimulation sowie Biofeedbackverfahren.

Blasentraining

Ein Blasentraining (oder Toilettentraining) kann sinnvoll sein, um eine überaktive Blase und daraus resultierende Beschwerden besser in den Griff zu bekommen. Es verbindet Willenskraft und Aufgaben. Der Patient wird gebeten, ein Miktionsprotokoll/ Blasentagebuch zu führen, in dem die Menge und die Uhrzeit der Flüssigkeitsaufnahme, die Zeiten des Urinierens sowie aufgetretene Harnverluste täglich erfasst werden. Ziel ist, die Zeit zwischen den Entleerungen allmählich auszudehnen und eine größere Blasenkapazität zu erreichen; dadurch verringert sich der Harndrang, die betroffene Person muss seltener Wasser lassen und auch der nächtliche Harndrang lässt nach.

Elektrostimulation

Die Elektrostimulation wird zur Behandlung von Stress-, Drang- und Mischinkontinenz eingesetzt. Ferner kommt diese Therapieform bei Blasenentleerungsstörungen in Frage, die durch einen schwachen Miktionsreflex und einen hypoaktiven Detrusor bedingt sind.

Medikamentöse Therapie

Noch gibt es keine Medikamente speziell für bestimmte Muskeln, wie zum Beispiel den Schließmuskel. Es gibt jedoch Arzneimittelklassen, die Muskelkrämpfe und -zittern reduzieren, sowie andere Arzneimittel, die potenziell Kontraktionen auslösen.

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Pharmakotherapie

Die initiale Therapie des überaktiven Detrusors besteht in der oralen Gabe von Anticholinergika (Syn.: Antimuskarinika). Für diese Medikamentengruppe gibt es eine lange Anwendungserfahrung. Sie stellt eine wirksame Therapieoption für die überaktive Blase dar und kann außerdem die Lebensqualität der Patienten verbessern. Alphablocker wie Tamsulosin oder Terazosin werden in Kombination mit Detrusor-tonisierenden Parasympathomimetika (z.B. Distigmin) zur Behandlung des hypokontraktilen Detrusors u/o RH-Bildung eingesetzt. Beschriebene Nebenwirkungen sind orthostatische Hypotonie, Herzrhythmusstörungen, Übelkeit, Durchfall, Mundtrockenheit, Schwindel und Benommenheit.

Systemische Nebenwirkungen von Anticholinergika

Bei der Verordnung von Anticholinergika ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich. Dabei sind insbesondere die systemischen Wirkungen und damit die potenziellen Nebenwirkungen der Substanzen zu beachten. Diese können infolge der weiten Verbreitung der antimuskarinischen Rezeptoren zu Restharnbildung, Obstipation, Akkommodationsstörung, Mundtrockenheit, Tachykardie, Rhythmusstörungen, Anstieg des Augeninnendruckes, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen führen. Neurogene Patienten benötigen unter Umständen höhere Antimuskarinika-Dosen als Patienten mit einer idiopathischen Detrusorüberaktivität. Unerwünschte Ereignisse infolge einer Aufdosierung können sich jedoch negativ auf die Adhärenz auswirken. Daher sollten auch alternative Darreichungsformen wie z. B. die transdermale Applikation oder eine intravesikale Instillation von Oxybutynin in Betracht gezogen werden, um Nebenwirkungen zu reduzieren.

Katheterisierung

Die Katheterisierung wird angewendet, um eine vollständige Blasenentleerung sicherzustellen.

Minimalinvasive Verfahren

Sind Allgemeinmaßnahmen sowie eine Pharmakotherapie nicht ausreichend effektiv und kommt es auch beim Wechsel auf ein anderes Anticholinergikum nicht zur adäquaten Besserung der Beschwerden und damit verbunden zur Steigerung der Lebensqualität, empfehlen die nationalen und internationalen Leitlinien zwei weitere Therapieoptionen: die Injektion mit Botulinumtoxin A und die sakrale Neuromodulation.

Sakrale Neuromodulation

Die sakrale Neuromodulation (SNM) ist eine minimalinvasive Behandlungsmethode für die überaktive Blase und weitere Beckenfunktionsstörungen. Hierbei gibt ein im oberen Gesäßbereich implantierter Schrittmacher über eine Elektrode schwache elektrische Impulse an die Sakralnerven ab. Durch die hauptsächlich afferent wirkende Stimulation der Sakralnerven werden spinale Reflexe moduliert und neuronale Netzwerke im Gehirn reorganisiert. Kernschritt des minimalinvasiven Verfahrens ist die unter Allgemeinanästhesie durchgeführte Elektrodenimplantation, typischerweise am Sakralnerv S3. Die SNM hat sich als Behandlungsmethode international etabliert und gilt allgemein als sicher. Zudem bietet das Verfahren eine kurzfristige Evaluierung vor einer möglichen Langzeitlösung. Mögliche Komplikationen sind chirurgisch gut beherrschbar. Allerdings liegen im Gegensatz zu nicht neurogenen Blasenfunktionsstörungen bei neurogenen Blasenfunktionsstörungen (noch) keine randomisierten Studien vor; bei kompletter Querschnittslähmung wird die SNM zurzeit (noch) nicht eingesetzt.

Behandlung mit Botulinumtoxin A

Die intravesikale Injektion von Botulinumtoxin A in den Detrusor vesicae hat sich als Therapie der medikamentenrefraktären neurogenen Detrusorhyperaktivität sowie bei Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie fest etabliert. Das minimalinvasive Verfahren verbessert die urodynamischen und subjektiven Parameter sowie die Lebensqualität der Betroffenen deutlich. Es schließt die Lücke zwischen der medikamentösen und der offenen operativen Therapie und kann letztere potenziell reduzieren. Daher empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie in ihrer „Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von neurogenen Blasenstörungen“ diese Therapieoption. Die Behandlung mit Botulinumtoxin A wurde zum 1. Januar 2018 in den EBM aufgenommen. Die Leistung können Urologen und Gynäkologen abrechnen. Die Honorierung erfolgt extrabudgetär. Voraussetzung für die Abrechnung ist eine Genehmigung der KBV. Diese wird erteilt, wenn einmal pro Jahr die Teilnahme an einer von den jeweiligen Landesärztekammern anerkannten Fortbildung zur Therapie von Blasenfunktionsstörungen im Umfang von mindestens acht CME-Punkten nachgewiesen wird.

Wirkmechanismus von Botulinumtoxin A

Botulinumtoxin A hemmt die Freisetzung von Acetylcholin sowie weiterer Neurotransmitter und senkt damit die Aktivität des Detrusormuskels. eine Reduktion der Miktionsfrequenz.

Klinische Wirksamkeit von Botulinumtoxin A

Im Rahmen des Studienprogramms wurde die Wirksamkeit und Sicherheit von Botulinumtoxin-A-Injektionen bei 858 NDO-Patienten geprüft. Die Behandlung bewirkte eine signifikante Reduktion der Inkontinenzepisoden als primärem Endpunkt, wobei 37 % der Patiente…

Neurogene Darmdysfunktion (NBD)

Stuhlgangsstörungen treten häufig bei Erkrankungen des Nervensystems auf, wie z. B. Rückenmarksverletzungen, Multipler Sklerose, Spina bifida und schwerer Parkinson-Krankheit, und haben große Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, die persönlichen Beziehungen und das soziale Leben. Neurogene Darmdysfunktion (NBD) ist der Begriff, der verwendet wird, um eine Dysfunktion des Dickdarms zu beschreiben, die auf eine gestörte Peristaltik, eine auslösende rektale Dehnung oder eine Verlangsamung des Dickdarms zurückzuführen ist. Verwandte Symptome sind z.B. Verstopfung, Stuhlstörungen und Stuhlinkontinenz. Der schwerste Grad der NBD wird bei Personen mit einer vollständigen Läsion des Rückenmarks beobachtet. Die Mehrheit der Personen mit Rückenmarksverletzungen leidet unter erheblichen Symptomen im Zusammenhang mit NBD, z. B. Stuhlinkontinenz (42 %) und Verstopfung (39-77 %). Darmfunktionsstörungen bei Rückenmarksverletzten hängen oft mit dem Grad der Verletzung zusammen. Verletzungen oberhalb des Conus medullaris führen zu einem oberen Motoneuron-Darm-Syndrom oder hyperreflexivem Darm, das durch Verstopfung und fäkale Retention aufgrund der äußeren analen Schließmuskelaktivität gekennzeichnet ist. Verletzungen am Conus medullaris und an der Cauda equina führen zu einem unteren Motoneuron-Darm-Syndrom oder areflexiven Darm, dass durch Verstopfung und Inkontinenz aufgrund eines atonen äußeren Analschließmuskels und mangelnder Muskelkontrolle gekennzeichnet ist.

Therapieansätze bei NBD

Die verfügbaren Behandlungsoptionen für NBD werden in der Regel in Stufen eingeteilt, die von der Komplexität und Invasivität des Eingriffs abhängen. Dazu gehören Ernährungs- und Flüssigkeitsempfehlungen wie die Erhöhung der Ballaststoff- und Flüssigkeitsaufnahme, aber auch die Steigerung der körperlichen Aktivität und die Bauchmassage. Die Interventionen sind weithin anerkannt und werden genutzt, obwohl die wissenschaftliche Evidenzbasis spärlich und widersprüchlich ist. Umfasst digitale rektale Stimulation, Suppositorium und/oder Biofeedback. Letzteres beinhaltet das Training zur Steigerung der anorektalen Sensibilität und erfordert wiederholte Sitzungen, um gute Ergebnisse zu erzielen und das rektale Gefühl zu erhalten. Daher ist es am besten für Patienten mit weniger schweren Symptomen geeignet. Bestehen aus TAI (auch bekannt als retrograde Dickdarmspülung). Die Methode hat eine lange Geschichte und die Wirksamkeit wurde für mehrere Patientenpopulationen nachgewiesen. Permanentes Stoma oder Kolostomie. Alle Behandlungen haben dokumentierte Auswirkungen auf NBD. Unter den am wenigsten invasiven Alternativen ist TAI eine gut dokumentierte Methode mit berichteter hoher Wirksamkeit. Die Wahl der Behandlung sollte an die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Patienten angepasst werden und den Schweregrad der NBD berücksichtigen.

Psychosoziale Aspekte von nBFS und NBD

Die Auswirkungen von nBFS und NBD auf die Lebensqualität der Betroffenen sind nicht zu unterschätzen.

  • Psychologisch: Menschen mit nBFS können durch ihre Harninkontinenz und den Uringeruch Schuldgefühle, Depression und geringes Selbstwertgefühl entwickeln.
  • Sozial: Patienten mit überaktiver Blase schränken möglicherweise ihre sozialen Aktivitäten ein, weil sie Angst vor Inkontinenz, Pollakisurie und Toilettensuche entwickeln (soziale Isolation).
  • Häuslich/Finanziell: Patienten mit nBFS benutzen nachts Einwegunterlagen auf dem Bett oder spezielle Inkontinenzunterwäsche. Diese Artikel werden evtl. nicht von der Krankenversicherung übernommen (Eigenkosten).
  • Beruflich: Eine überaktive Blase kann zu einer geringeren Produktivität und erhöhten Fehlzeiten am Arbeitsplatz führen.
  • Sexuell: Vor allem bei Frauen führen die Symptome der überaktiven Blase zu Angst vor Inkontinenz mit Einschränkungen im Bereich der Vita sexualis und der sexuellen Intimität.
  • Körperlich: Einige körperliche Aktivitäten wie Sport können aufgrund der häufigen Notwendigkeit zum Wasserlassen oder der Angst vor dem unwillkürlichen Harnabgang eingeschränkt sein.

Reflexinkontinenz oder neurogene Inkontinenz

Reflexinkontinenz oder neurogene Inkontinenz ist die Sammelbezeichnung für unerwünschten Urinverlust, der durch Probleme im Nervensystem verursacht wird. Beispiele sind Multiple Sklerose (MS), eine Paraplegie (Querschnittlähmung) und Spina Bifida (offener Rücken). Reflexinkontinenz tritt sowohl bei Männern als auch bei Frauen und Kindern auf.

Ursachen der Reflexinkontinenz

Neurogene Störungen sind Probleme im Zusammenhang mit dem Nervensystem. Reflexinkontinenz ist eine Folge neurogener Störungen oder Anomalien, daher wird Reflexinkontinenz auch als neurogene Inkontinenz bezeichnet. Neurogenetische Probleme, die zur Reflexinkontinenz führen, können durch angeborene Abweichungen, aber auch durch Krankheit und Unfall verursacht werden. Häufige Ursachen für neurologische Erkrankungen sind Paraplegie, Spina bifida (offener Rücken), Tumore, Multiple Sklerose (MS), Parkinsonkrankheit, Hirninfarkt oder Hirnblutung und geschädigte Nerven als Folge einer Operation.

Die Rolle des Rückenmarks

Das Rückenmark ist Teil des zentralen Nervensystems. Zusammen mit dem Gehirn spielt das Rückenmark eine wichtige Rolle bei Bewegung und Verhalten. Das Rückenmark ist über die Nerven mit verschiedenen Teilen des Körpers verbunden, wie mit der Blase. Sobald die Blase fast voll ist, geht über das Rückenmark ein Signal zum Gehirn, dass es fast Zeit ist, zur Toilette zu gehen. Auf der Toilette folgt ein Signal aus dem Gehirn, das bewirkt, dass sich der Blasenmuskel zusammenzieht, und dass der Schließmuskel entspannt wird, sodass man Wasserlassen kann. Bei einer neurogenen Störung funktioniert dieser Prozess jedoch nicht richtig, was zu Reflexinkontinenz oder neurogener Inkontinenz führt.

Behandlungen der Reflexinkontinenz

Reflexinkontinenz ist oft schwierig zu behandeln aufgrund der zugrunde liegenden Gesundheitsprobleme, die diese Art von unerwünschtem Urinverlust verursachen. Häufig sind damit auch chronische Beschwerden verbunden. Trotzdem kann in vielen Fällen etwas unternommen werden, um die neurogene Inkontinenz zu reduzieren. Ein (Haus-) Arzt oder Spezialist kann oft feststellen, ob eine Reflexinkontinenz auf der Grundlage der medizinischen Unterlagen einer Person vorliegt. Darüber hinaus kann ein Arzt verlangen, dass ein Urintagebuch geführt wird. In einem Urintagebuch muss der Patient eintragen, wie viel er trinkt, wie oft er urinieren muss und ob und wie viel Urinverlust er erleidet. Im Zweifelsfall kann ein Arzt entscheiden, einen CT-Scan oder MRT-Scan zu planen, um den Beckenboden und das Rückenmark richtig zu untersuchen. Verschiedene Lösungen sind dann möglich, um die Reflexinkontinenz zu reduzieren. Von Medikamenten bis zum Tragen von absorbierendem Inkontinenzmaterial.

Regelmäßiges Entleeren der Blase

Menschen, die ihre Blase nicht vollständig entleeren können oder die die Blase nicht richtig stoppen können, wie dies bei der Reflexinkontinenz der Fall ist, sind von Harnwegsinfektionen und Nierenproblemen bedroht. Regelmäßige Katheterisierung ist notwendig, um den Restharn aus der Blase zu spülen. Dies geschieht über einen Schlauch, durch den der Urin ausläuft, wo er dann in einem speziellen Sammelbeutel landet. Es kann ein einmaliger Blasenkatheter verwendet werden, aber auch ein Katheter, der alle vier bis zwölf Wochen gewechselt werden muss. In vielen Fällen ist eine Selbstkatheterisierung möglich.

Andere Lösungen für die Reflexinkontinenz

Es ist immer ratsam, einen Arzt oder Spezialisten zu konsultieren. In wenigen Fällen kann eine Operation die neurogene Inkontinenz oder die zugrunde liegenden Probleme des Nervensystems beheben. Absorbierendes Inkontinenzmaterial kann das Leben mit Reflexinkontinenz viel erträglicher machen. Gesundes Essen und ausreichendes Trinken hilft, unerwünschten Urinverlust zu begrenzen. Ausreichend trinken (mindestens 1,5 Liter pro Tag) verhindert Austrocknung der Blase. Darüber hinaus ist es wichtig, Alkohol, koffeinhaltige Getränke und scharfes Essen so weit wie möglich zu vermeiden

Inkontinenzmaterial und Reflexinkontinenz

Für neurogene Inkontinenz gibt es kein spezielles Inkontinenzmaterial. Die beste Wahl für Inkontinenzmaterial wird auf der Basis der Schwere des Urinverlustes, der Hüftgröße oder der Produktgröße und der Patientenmobilität bestimmt. Für Menschen, die Hilfe benötigen, ist eine Inkontinenzwindel mit Klebestreifen die logischste Wahl, während Menschen, die viel selbstständiger sind, sich für einen Slip oder eine Einlage entscheiden können. Eine Krankenschwester, eine Apothekenassistentin oder eine Pflegekraft kann bei der Entscheidung helfen.

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