Die irreversible Hemiplegie, auch bekannt als halbseitige Lähmung, ist eine schwerwiegende neurologische Erkrankung, die durch den Verlust der willkürlichen Bewegungsfähigkeit auf einer Körperseite gekennzeichnet ist. Dieser Zustand entsteht durch Schädigungen im Gehirn, die die motorischen Bahnen unterbrechen, welche für die Steuerung der Muskeln verantwortlich sind. Die Folgen einer irreversiblen Hemiplegie können tiefgreifend sein und das tägliche Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.
Einführung
Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die irreversible Hemiplegie, einschließlich ihrer Definition, Ursachen, Diagnoseverfahren und Behandlungsansätze. Ziel ist es, ein tiefes Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu vermitteln und Betroffenen, Angehörigen und medizinischem Fachpersonal gleichermaßen wertvolle Informationen an die Hand zu geben.
Definition und Klassifikation
Hemiplegie bezieht sich auf eine Lähmung, die eine Körperhälfte betrifft, entweder links oder rechts. Die irreversible Hemiplegie zeichnet sich dadurch aus, dass die Lähmung dauerhaft ist und keine wesentliche Verbesserung der motorischen Funktion erwartet wird.
Abgrenzung zu Hemiparese
Es ist wichtig, die Hemiplegie von der Hemiparese zu unterscheiden. Während die Hemiplegie eine vollständige Lähmung darstellt, bezieht sich die Hemiparese auf eine Schwäche oder unvollständige Lähmung einer Körperhälfte.
Ursachen und Risikofaktoren
Die irreversible Hemiplegie kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, die zu Schädigungen im Gehirn führen. Zu den häufigsten Ursachen gehören:
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Schlaganfall
Ein Schlaganfall ist eine plötzlich auftretende zerebrovaskuläre Minderdurchblutung, die oft zu langandauernden Funktionseinschränkungen führt. Ein Schlaganfall (ICD-10 I63) ist eine zeitkritische Erkrankung des Gehirns, die mit einer plötzlich auftretenden Schädigung von Hirngewebe aufgrund eines Gefäßverschlusses (ischämischer Insult) oder einer Hirnblutung (hämorrhagischer Insult) assoziiert ist. Abhängig von der Lokalisation und dem Ausmaß des unterversorgten Hirnareals kommt es zu kognitiven, sensorischen und motorischen Funktionsstörungen.
Es gibt zwei Haupttypen von Schlaganfällen: ischämische und hämorrhagische. Ischämische Schlaganfälle entstehen durch eine Verstopfung eines Blutgefäßes im Gehirn, während hämorrhagische Schlaganfälle durch eine Blutung im Gehirn verursacht werden.
Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind unter anderem:
- Hoher Blutdruck
- Hoher Body-Mass-Index (BMI) bzw. Übergewicht
- Diabetes
- Umwelt- bzw. Luftverschmutzung
- Rauchen
- Hoher Salzkonsum
- Bewegungsmangel
- Hyperlipidämie
- Vorhofflimmern
- Stress
- Alkoholkonsum
- Arteriosklerose
- Karotisstenose
- Ovulationshemmer
- Polyglobulie
- Endometriose
- Alter und Geschlecht
- Genetische Prädisposition
Hirnverletzungen
Schwere Kopfverletzungen können zu irreversiblen Hirnschäden führen, die eine Hemiplegie verursachen können. Eine „schwere Kopfverletzung“ im Sinne der Dread-Disease-Versicherung setzt voraus, dass durch eine äußere Einwirkung eine Kopfschädigung mit dauerhaften neurologischen Ausfällen verursacht wird.
Die am Wortlaut der Bestimmung orientierte Interpretation, wonach für eine Kopfverletzung eine äußere Einwirkung auf den Kopf stattfinden muss, durch die eine Hirnschädigung verursacht wird, ist überzeugend und korrespondiert mit einer vom Landgericht zitierten Entscheidung des OLG Nürnberg (Beschl. v. 04.05.2021 - 8 U 91/21 - VersR 2021, 1227). Es genügt also nicht, dass eine Hirnschädigung durch innerkörperliche Vorgänge wie z.B. ein Blutgerinnsel oder - wie hier - durch eine Einwirkung auf andere Körperteile als den Kopf herbeigeführt wird.
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Eine Hirnprellung, also ein Schädelhirntrauma Typ 2, nennt der Mediziner Contusio cerebri. Es entsteht durch Stöße und Aufpralle, bei denen das Gehirn eine Prellung erleidet. Die gegenüberliegende Seite wird meistens betroffen. Schädigungen des Gewebes, Blutungen und Narbenbildungen können entstehen. Die äußere Hirnhaut (Dura mater) wird definitionsgemäß dabei nicht beschädigt. Der Betroffene ist dabei mindestens eine halbe Stunde bewusstlos, die Atmung und Pupillenreflexe können eine Beeinträchtigung aufweisen. Neurologische Ausfälle sind möglich und ggf. irreversibel. Eine Epilepsie oder ein Wachkoma können als Folge einer Hirnprellung entstehen. Das Hirnödem, welches entstehen kann, ist eine mögliche akute Komplikation und lebensbedrohlich.
Zerebralparese
Zerebralparese ist eine Gruppe von Erkrankungen, die die Bewegung und die Muskelkoordination beeinträchtigen. Sie wird durch Schädigungen des sich entwickelnden Gehirns verursacht, meist vor, während oder kurz nach der Geburt.
Hirntumore
Hirntumore können Druck auf das umliegende Hirngewebe ausüben und die motorischen Bahnen schädigen, was zu einer Hemiplegie führen kann.
Infektionen
Bestimmte Infektionen des Gehirns, wie z. B. Enzephalitis oder Meningitis, können zu Hirnschäden und einer Hemiplegie führen.
Hypoxischer Hirnschaden
Der hypoxische Hirnschaden (hypoxisch-ischämische Enzephalopathie, auch HIE) beim Erwachsenen ist eine Hirnschädigung aufgrund eines schweren Sauerstoffmangels im Gehirn (Hypoxie). Häufig tritt er nach einem Kreislaufstillstand mit erfolgreichen Wiederbelebungsmaßnahmen (Reanimation) auf. In der Folge kommt es zu individuell unterschiedlich stark ausgeprägten neurologischen Störungen bis hin zu Komazuständen oder einem Wachkoma. Die Nervenzellen des Gehirns, vor allem die für höhere Funktionen des Bewusstseins wie Wahrnehmung, Gedächtnis und Koordination zuständigen und besonders empfindlichen Zellen an der Oberfläche des Großhirns, sterben aufgrund des Sauerstoffmangels innerhalb weniger Minuten ab. Da sich diese Nervenzellen nicht wieder nachbilden, wird das Gehirn irreparabel geschädigt und es entsteht ein hypoxischer Hirnschaden. Das Ausmaß des hypoxischen Hirnschadens hängt unter anderem davon ab, wie lange die Sauerstoffversorgung des Gehirns unterbrochen war. Bei einer kurzen Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff können Symptome wie Koordinations-, Wahrnehmungs- oder Gedächtnisstörungen auftreten, die sich in der Regel wieder zurückbilden. Eine längere Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff von mehr als fünf Minuten führt zu einer tiefen Bewusstlosigkeit, dem Koma.
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Symptome und Anzeichen
Die Symptome einer irreversiblen Hemiplegie können je nach Ausmaß und Lokalisation der Hirnschädigung variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Muskelschwäche oder Lähmung auf einer Körperseite: Dies kann sich in Schwierigkeiten beim Gehen, Greifen oder Bewegen des betroffenen Arms oder Beins äußern.
- Spastik: Erhöhter Muskeltonus und Steifheit in den betroffenen Gliedmaßen.
- Verlust der Feinmotorik: Schwierigkeiten bei der Ausführung präziser Bewegungen, wie z. B. Schreiben oder Knöpfe schließen.
- Gleichgewichtsstörungen: Schwierigkeiten beim Halten des Gleichgewichts und erhöhte Sturzgefahr.
- Sprach- und Sprechstörungen (Aphasie, Dysarthrie): Schwierigkeiten beim Verstehen oder Produzieren von Sprache.
- Schluckstörungen (Dysphagie): Schwierigkeiten beim Schlucken von Nahrung oder Flüssigkeiten.
- Sensorische Beeinträchtigungen: Verlust des Tastsinns, der Temperaturwahrnehmung oder des Schmerzempfindens auf der betroffenen Körperseite.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Gedächtnisprobleme, Aufmerksamkeitsdefizite oder Schwierigkeiten bei der Problemlösung.
- Psychische Veränderungen: Depressionen, Angstzustände oder Stimmungsschwankungen.
- Epilepsie: Das wiederkehrende Auftreten von unprovozierten epileptischen Anfällen ist die Definition einer Epilepsie. Mehrere Anfälle, die innerhalb eines Tages auftreten, werden wie ein einzelner Anfall gewertet. Symptomkonstellationen, die ein Anfallsrisiko von über 60 % bedingen (z. B. Läsion in der MRT und pathologisches EEG u. a.), erlauben die Diagnosestellung bereits nach einem Anfall.
Diagnose
Die Diagnose einer irreversiblen Hemiplegie umfasst in der Regel eine umfassende neurologische Untersuchung, bildgebende Verfahren und andere diagnostische Tests.
Neurologische Untersuchung
Der Arzt wird die motorischen Fähigkeiten, die sensorische Funktion, die Reflexe, die Koordination und das Gleichgewicht des Patienten beurteilen.
Bildgebende Verfahren
- Magnetresonanztomografie (MRT): Die MRT des Schädels (kraniale MRT, cMRT) mit Blutgefäßdarstellung (Angiografie) macht Verengungen (Stenosen) oder Verschlüsse von Schlagadern sichtbar.
- Computertomografie (CT): Mit der kranialen Computertomografie (cCT) können wir Gehirn, Hirnhäute und knöchernen Schädel, mit der Thorax-CT die Lunge in Schnittbildern darstellen und beurteilen. Mit der CT-Angiografie und der Koronarangiografie können wir die Blutgefäße sowie die Herzkranzgefäße sichtbar machen.
Elektrophysiologische Tests
- Elektroenzephalografie (EEG): Die EEG-Untersuchung, bei der die Hirnströme gemessen werden, kann helfen, epileptische Aktivität zu identifizieren.
Behandlung
Die Behandlung der irreversiblen Hemiplegie konzentriert sich auf die Verbesserung der Lebensqualität des Patienten, die Maximierung der verbleibenden Funktionen und die Verhinderung von Komplikationen. Da die Schädigung irreversibel ist, zielen die Behandlungsmaßnahmen darauf ab, die verbleibenden Fähigkeiten zu optimieren und den Patienten zu helfen, sich an die Einschränkungen anzupassen.
Physiotherapie
Die Physiotherapie spielt eine entscheidende Rolle bei der Behandlung der Hemiplegie. Sie umfasst Übungen zur Verbesserung der Muskelkraft, der Koordination, des Gleichgewichts und der Beweglichkeit. Die Bobath-Therapie ist ein bewährtes, weltweit verbreitetes und vor allem interdisziplinär angewandtes Bewegungskonzept für Patienten mit Bewegungseinschränkungen ( z.B. durch eine zentrale Schädigung). Grundprinzipien sind die Förderung der Aktivierung des Patienten, die Verbesserung seiner Haltungskontrolle sowie der Körperwahrnehmung.
Ergotherapie
Die Ergotherapie konzentriert sich auf die Verbesserung der Fähigkeit des Patienten, alltägliche Aufgaben auszuführen, wie z. B. Anziehen, Essen, Baden und Kochen. Die Therapie umfasst auch die Anpassung der Umgebung, um die Selbstständigkeit zu fördern. Experten in der Behandlung von Apraxien sind Ergotherapeuten.
Logopädie
Die Logopädie hilft Patienten mit Sprach- und Sprechstörungen (Aphasie, Dysarthrie) oder Schluckstörungen (Dysphagie).
Hilfsmittel
Verschiedene Hilfsmittel können Patienten mit Hemiplegie helfen, ihre Selbstständigkeit zu erhalten. Dazu gehören Gehhilfen, Rollstühle, Orthesen und adaptive Geräte für den Alltag.
Medikamentöse Behandlung
Medikamente können eingesetzt werden, um Spastik, Schmerzen oder andere Begleitsymptome der Hemiplegie zu behandeln. Botulinumtoxin wird bei zahlreichen Bewegungsstörungen, z. B. Dystonien und Spastik seit vielen Jahren erfolgreich eingesetzt. Die Wirkung der Behandlung mit Botulinumtoxin Typ A setzt im Mittel nach etwa einer Woche ein, die Wirkdauer beträgt - abhängig vom Ort der Injektion und der verwendeten Dosis - 3 - 6 Monate.
Psychologische Unterstützung
Eine irreversible Hemiplegie kann erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit des Patienten haben. Psychologische Unterstützung, wie z. B. eine Therapie, kann helfen, mit Depressionen, Angstzuständen oder anderen emotionalen Problemen umzugehen.
Rehabilitation
Die Rehabilitation ist ein umfassender Ansatz zur Behandlung der Hemiplegie, der verschiedene Therapieformen und Unterstützungsleistungen kombiniert. Ziel der Rehabilitation ist es, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern, die Selbstständigkeit zu fördern und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Komplikationen
Eine irreversible Hemiplegie kann zu verschiedenen Komplikationen führen, darunter:
- Druckgeschwüre: Aufgrund der eingeschränkten Mobilität können Druckgeschwüre entstehen, insbesondere an Stellen, die längere Zeit Druck ausgesetzt sind.
- Kontrakturen: Die Spastik kann zu Kontrakturen führen, d. h. zu einer Verkürzung und Versteifung der Muskeln und Sehnen.
- Schmerzen: Schmerzen können durch Spastik, Nervenschäden oder andere Faktoren verursacht werden.
- Thrombose: Aufgrund der eingeschränkten Bewegung ist das Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln (Thrombosen) erhöht.
- Osteoporose: Die verminderte Belastung der Knochen kann zu Osteoporose führen.
- Aspiration: Schluckstörungen können zu Aspiration führen, d. h. zum Eindringen von Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege, was eine Lungenentzündung verursachen kann.
- Depressionen: Die Einschränkungen und die Veränderungen im Leben können zu Depressionen führen.
Prävention
Während nicht alle Ursachen einer irreversiblen Hemiplegie vermeidbar sind, können bestimmte Maßnahmen dazu beitragen, das Risiko zu verringern. Dazu gehören:
- Kontrolle der Risikofaktoren für Schlaganfall: Dazu gehören die Aufrechterhaltung eines gesunden Blutdrucks, die Kontrolle des Cholesterinspiegels, die Behandlung von Diabetes, die Aufgabe des Rauchens und die Aufrechterhaltung eines gesunden Gewichts.
- Verhinderung von Hirnverletzungen: Das Tragen eines Helms beim Fahrradfahren oder bei anderen Sportarten kann helfen, Hirnverletzungen zu vermeiden.
- Früherkennung und Behandlung von Infektionen: Eine frühzeitige Behandlung von Hirninfektionen kann helfen, Hirnschäden zu minimieren.
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