Ischämie und Migräne: Ursachen und Zusammenhänge

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die verschiedene Formen und Ausprägungen annehmen kann. Während die meisten Menschen Migräne mit intensiven Kopfschmerzen assoziieren, gibt es auch Fälle, in denen andere Symptome im Vordergrund stehen oder der Kopfschmerz sogar ganz fehlt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen und Zusammenhänge von Migräne, insbesondere im Hinblick auf ischämische Ereignisse und Migräneformen ohne Kopfschmerzen.

Migräne: Eine vielschichtige Erkrankung

Migräne ist eine komplexe, neurovaskuläre Erkrankung des Gehirns, von der etwa 15 % der Bevölkerung innerhalb eines Jahres betroffen sind. Sie steht weltweit an zweiter Stelle der am meisten beeinträchtigenden Krankheiten und kann für Betroffene und die Gesellschaft eine enorme Belastung darstellen. Migräne ist ein chronisches Leiden, das über viele Lebensjahrzehnte bestehen und bei einigen Patienten progressiv verlaufen kann. Dies bedeutet, dass sowohl die Häufigkeit als auch die Intensität und Dauer der Migräneattacken zunehmen können. Auch Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen sowie Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit können sich verstärken.

Verschiedene Migräneformen

Mediziner unterscheiden verschiedene Migräne-Arten, je nach Auftreten und Ausprägung der Symptome. Die wichtigsten Untergruppen sind:

  • Migräne ohne Aura: Dies ist die häufigste Form, von der 80-85 % der Patienten betroffen sind. Hier stehen Kopfschmerzen und die typischen autonomen Begleiterscheinungen im Vordergrund.
  • Migräne mit Aura: Bei dieser Form treten vor (und selten auch während) der Kopfschmerzphase neurologische Reiz- oder Ausfallerscheinungen auf. Sie betrifft circa 10-15 Prozent der Migräne-Patienten.
  • Chronische Migräne: Von chronischer Migräne spricht man, wenn Patienten an 15 und mehr Tagen im Monat Kopfschmerzen haben, wobei an mindestens acht Tagen die Kopfschmerzen die Merkmale einer Migräne erfüllen.
  • Migränekomplikationen: Hierzu zählen seltene, aber schwerwiegende Komplikationen wie der migränöse Infarkt.
  • Wahrscheinliche Migräne: Diese Kategorie umfasst Fälle, die nicht alle Kriterien für eine Migräne erfüllen, aber dennoch stark darauf hindeuten.
  • Episodische Syndrome, die mit einer Migräne einhergehen können: Hierbei treten bestimmte Symptome oder Erkrankungen zusammen mit Migräne auf.

Migräne ohne Kopfschmerzen: Ein paradoxes Phänomen

Eine Migräne ohne Kopfschmerzen, auch bekannt als "migraine sans migraine", mag zunächst paradox klingen. Tatsächlich nehmen Betroffene hierbei eine Aura wahr, die sie oft gar nicht als solche erkennen. Die Aura dauert meist 15 Minuten bis maximal eine Stunde und kann auch eher schwach ausfallen. Die visuellen Probleme werden zwar wahrgenommen, aber nicht mit einer Migräne assoziiert.

Normalerweise entwickeln Patienten mit einer Aura Migräne-Kopfschmerzen. Bei manchen Menschen bleiben diese aber hin und wieder aus. Mit höherem Lebensalter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Migräne ohne Kopfschmerzen auftritt, vor allem bei Männern. Warum das so ist, ist bisher ungeklärt.

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Für Ärzte ist die Diagnose dann schwierig, da die Gefahr besteht, isolierte Auren mit Symptomen für einen Schlaganfall oder anderen neurologischen Erkrankungen zu verwechseln.

Die Aura: Visuelle und andere Störungen

Bei einer Aura kommt es zu neurologischen Symptomen, die sich oftmals durch Blitze, Zickzack-Linien oder blendende Kreise im Sehfeld auswirken. Diese können einzeln auftreten oder sich durchs Blickfeld bewegen. Für einige Patienten erscheint eine Aura schlierenhaft, als würden sie durch eine verschmutzte Brille blicken. Andere empfinden die Sehveränderungen, als würden sie ein Spiegelbild auf einer welligen Wasseroberfläche sehen. In der Regel verbinden sich die gesehenen Strukturen zu einem sogenannten Migräne-Skotom, welches am Rand oft scharfe Zacken aufweist. Häufig fällt auch die Sehkraft teilweise oder ganz aus. Darüber hinaus klagen manche Betroffene über Schwindel, Kribbeln, Taubheitsgefühle in Armen und Beinen oder Sprachstörungen.

Ischämie und Migräne: Ein möglicher Zusammenhang

Eine Transitorische Ischämische Attacke (TIA), umgangssprachlich auch als Mini-Schlaganfall bezeichnet, ist eine vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns. Dabei wird ein Teil des Gehirns für kurze Zeit nicht mit Blut versorgt, was zu neurologischen Ausfällen führen kann. Die Symptome einer TIA ähneln denen eines Schlaganfalls, bilden sich aber in der Regel innerhalb von 24 Stunden wieder zurück.

TIA: Symptome und Ursachen

Eine TIA zeigt sich mit typischen akuten Symptomen, die auch bei einem Schlaganfall auftreten. Dazu gehören:

  • Gefühlsstörungen in Form von Kribbeln oder einem Taubheitsgefühl in einem Arm, einem Bein oder einer Hälfte des Körpers
  • Lähmungserscheinungen in einem Bein, einem Arm oder einer Körperhälfte
  • Sprach- und Sprechstörungen
  • Schwindel, damit einhergehend: unsicherer Gang, Schwanken, Drehgefühl
  • Vorübergehendes Doppeltsehen
  • Einseitige Erblindung, medizinisch Amaurosis fugax genannt

Ursache einer TIA ist ein vorübergehender Verschluss einer Arterie des Gehirns, meist durch ein Blutgerinnsel. Dieses kann beispielsweise im Bereich des Halses oder des Herzens entstehen, sich lösen und über die Blutbahn ins Gehirn gelangen.

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Migränöser Infarkt: Eine seltene Komplikation

Ein migränöser Infarkt kann als Komplikation bei einer Migräne mit Aura auftreten und gefährlich sein. Dabei kommt es zu Durchblutungsstörungen im Gehirn, die schließlich in einen Schlaganfall münden.

Personen, die unter Migräne mit Aura leiden, haben ein erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Hingegen stellt Migräne ohne Aura kein oder nur ein geringes Risiko dar. Insbesondere bei Frauen unter 45 Jahren mit Migräne mit Aura konnte, im Vergleich zur restlichen Bevölkerung, ein doppelt so hohes Risiko für einen Schlaganfall festgestellt werden.

Weitere Faktoren, die einen migränösen Infarkt wahrscheinlicher machen, sind:

  • Rauchen
  • Einnahme östrogenhaltiger Empfängnisverhütungsmittel (Anti-Baby-Pille)
  • Mindestens eine Migräneattacke mit Aura im Monat
  • Persistierendes Foramen ovale (angeborene Fehlbildung des Herzens, bei der eine Verbindung zwischen rechtem und linkem Vorhof besteht)

Pathophysiologische Mechanismen

Noch ist nicht abschließend erforscht, wie Auren und Kopfschmerzen zusammenhängen. Eine Theorie besagt, dass Auren und Kopfschmerzen durch denselben Mechanismus ausgelöst werden. Dabei sind Zellen der Hirnrinde übererregbar. Diese Hyperaktivität breitet sich wie eine Welle durch das Gehirn aus. Trifft die Welle Zellen des Sehzentrums, bemerken die Betroffenen eine Aura. Die Welle wandert derweil weiter und erreicht schließlich den Trigeminusnerv. Dieser ist unter anderem für die Übermittlung von Schmerzsignalen zuständig. Die Folge: Kopfschmerzen entstehen. Möglicherweise ist bei einigen Menschen die Reizschwelle für die Erregung des Trigeminusnervs höher.

Neurophysiologisch handelt es sich um eine Depolarisationswelle („cortical spreading depression“, CSD), die meist im visuellen Kortex beginnt und sich mit einer Geschwindigkeit von 2-3 mm/min über den Kortex ausbreitet. Dies führt zunächst zu einer kortikalen Erregung mit anschließender für mehrere Minuten anhaltender Untererregbarkeit sowie zu einer Dysregulation von Adenosintriphosphat (ATP), Glutamat, Kalium und Stickoxid (NO). Dabei wird gemutmaßt, ob die Freisetzung dieser Botenstoffe zu einer Aktivierung von meningealen Nozizeptoren führt, wie im Tiermodell nachgewiesen wurde.

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Der Trigeminovaskuläre Pfad

Trigeminale Afferenzen aus dem Ganglion trigeminale (insbesondere N. ophthalmicus [V1]) innervieren die Meningen und intrakranielle Gefäße mittels dünn myelinisierten und unmyelinisierten Aδ- und C-Fasern und projizieren zum trigeminozervikalen Kernkomplex (TCC) im Hirnstamm. Die Aktivierung dieses Systems führt zur Ausschüttung von verschiedenen Neuropeptiden, die sich in den axonalen Endigungen dieser Nervenfasern befinden, wie Calcitonin gene-related peptide (CGRP), Neurokinin A und Pituitary adenylate cyclase-activating peptide (PACAP). Der trigeminozervikale Komplex zeigt zahlreiche Verbindungen zu Hypothalamus, Thalamus und Hirnstamm (rostrale ventromediale Medulla, Locus coeruleus, periaquäduktales Grau) sowie zu schmerzverarbeitenden kortikalen Regionen, wo es zu einer Modulation und Bewertung des Schmerzes kommt. Die Nozizeption wird aber auch durch absteigende (hemmende) Schmerzbahnen aus dem Hypothalamus und Hirnstamm beeinflusst.

Diagnose und Behandlung

Die Diagnose einer Migräne, insbesondere der Migräne ohne Kopfschmerzen oder eines migränösen Infarkts, erfordert eine sorgfältige Anamnese und neurologische Untersuchung. Bildgebende Verfahren wie MRT oder CT können eingesetzt werden, um andere Ursachen für die Symptome auszuschließen und einen Infarkt nachzuweisen.

Behandlung des migränösen Infarktes

Sobald ein Mediziner einen migränösen Infarkt feststellt, leitet er schnell die Behandlung ein. Oberstes Ziel ist es, die Durchblutung im betroffenen Hirnbereich wiederherzustellen. Dafür spritzt der Arzt dem Patienten über eine Vene ein Medikament, welches Blutgerinnsel auflöst (Thrombolyse).

Präventive Maßnahmen

Das Risiko für einen migränösen Infarkt beeinflusst die Behandlung der Migräne mit Aura.

  • Triptane gelten als geeignete Therapie. Sie sollten allerdings erst nach Abklingen der Aura eingenommen werden.
  • Patienten, die häufig Migräne-Attacken oder anhaltende Auren haben, können sich über eine medikamentöse Migräne-Prophylaxe informieren. Diese kann der Arzt bei entsprechenden Voraussetzungen verschreiben.
  • Frauen verzichten besser auf das Rauchen und die Einnahme von östrogenhaltigen Verhütungsmitteln.
  • Generell trägt ein gesunder Lebensstil dazu bei, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie häufige Migräne-Attacken zu senken.

Leben mit Migräne: Strategien und Unterstützung

Migräne ist nicht allein eine Schmerzerkrankung, charakterisiert durch die Kopfschmerzphase. Sie betrifft vielmehr die gesamte kreative Lebensspanne der Betroffenen. Die klinischen Merkmale der Migräne sind komplex und zeigen eine umfangreiche Variabilität zwischen den Patienten. Die Häufigkeit, die Charakteristika, die Dauer sowie die Schwere der Symptome sind intra- und interindividuell sehr unterschiedlich. Auch innerhalb der Lebensspanne können die Symptome sich verändern.

Triggerfaktoren und Prodromalsymptome

Immer noch weitverbreitet ist die Annahme, dass Migräneattacken durch spezielle Triggerfaktoren bedingt werden. Eine eindeutige Evidenz für deren Wirkung ist jedoch nicht vorhanden. Nach heutiger Annahme wird davon ausgegangen, dass die Wirkung möglicher Triggerfaktoren bereits Teil der Prodromalsymptome im Rahmen des Migränekomplexes darstellen. Symptome der Prodromalphase werden von Patienten häufig als Trigger fehlinterpretiert und führen so zu einem Vermeidungsverhalten, wie z. B. unnötigen Diäten.

Phasen einer Migräneattacke

Die Migräne verläuft in mehreren Phasen, die aber nicht zwangsläufig sämtlich durchlaufen werden müssen:

  1. Prodromalphase: Diese Phase kann 24-48 h vor den eigentlichen Kopfschmerzen auftreten und Symptome wie Stimmungsschwankungen, Gähnen oder Heißhunger umfassen.
  2. Auraphase: Hier kommt es zu neurologischen Reiz- oder Ausfallerscheinungen, die typischerweise 5 bis 60 Minuten andauern.
  3. Kopfschmerzphase: Diese hat eine typische Dauer von 4-72 Stunden und ist durch einseitigen pulsierenden, pochenden Schmerz von sehr schwerer Intensität charakterisiert. An Begleitsymptomen können Übelkeit, Erbrechen sowie Photo- und Phonophobie auftreten.
  4. Postdromalphase: Hier verspüren die Patienten bis zu 48 Stunden Müdigkeit, Asthenie, erhöhte Reizbarkeit, Reduktion der Denkvorgänge und weiterer kognitiver Funktionen.
  5. Interiktale Phase: Dies ist die kopfschmerzfreie Phase zwischen Kopfschmerzattacken.

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