Der Morbus Parkinson ist eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen weltweit. In Deutschland sind schätzungsweise 280.000 Menschen betroffen. Statine hingegen sind weit verbreitete Medikamente, die zur Senkung des LDL-Cholesterins verschrieben werden, um das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verringern. Die Frage, ob Statine einen schützenden Effekt auf das Gehirn haben und somit neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson verhindern können, ist Gegenstand aktueller Forschung. Die Ergebnisse sind jedoch widersprüchlich und geben Anlass zu einer differenzierten Betrachtung.
Cholesterin, Statine und Parkinson: Ein komplexes Zusammenspiel
Ein erhöhter Cholesterinspiegel, die Hauptindikation für die Verordnung von Statinen, könnte paradoxerweise mit einem verminderten Auftreten von Morbus Parkinson in Zusammenhang stehen. Dies legt eine Studie nahe, die in der Zeitschrift Movement Disorders veröffentlicht wurde. Die Autoren Xuemei Huang und Guodong Liu analysierten medizinische Schadensfalldaten von 50 Millionen Patienten und stellten fest, dass die Einnahme von Statinen mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten von Parkinson korrelierte. Dieser Zusammenhang war besonders ausgeprägt bei lipophilen Statinen wie Atorvastatin, Fluvastatin, Lovastatin, Cerivastatin, Pitavastatin und Simvastatin, die aufgrund ihrer Fettlöslichkeit leichter in das Gehirn gelangen können.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Studie keinen kausalen Zusammenhang zwischen Statinen und Parkinson beweist. Die Autoren weisen darauf hin, dass weitere Untersuchungen erforderlich sind, um die Ergebnisse zu verstehen. Sie warnen jedoch davor, Statine in der Annahme zu verschreiben, dass sie Parkinson verhindern können.
Metaanalyse sieht Schutzwirkung bei bestimmten Statinen
Im Gegensatz zu den oben genannten Ergebnissen kommt eine umfassende Metaanalyse mehrerer Beobachtungsstudien mit insgesamt 3,7 Millionen Personen zu dem Schluss, dass bestimmte Statine eine Schutzwirkung gegen Parkinson haben könnten. Die Auswertung von Studien, die zwischen Januar 2000 und März 2022 veröffentlicht wurden, ergab, dass die Anwendung von Statinen in der Gesamtkohorte mit einem signifikant verringerten Risiko für Parkinson verbunden war (RR: 0,79). Insbesondere die lipophilen Statine Simvastatin und Atorvastatin reduzierten das Parkinson-Risiko in mehreren Studien um 33 % bzw. 27 %, während hydrophile Statine wie Lovastatin und Pravastatin keine signifikante Risikominderung zeigten.
Diese Metaanalyse deutet darauf hin, dass nicht alle Statine gleich wirken und dass lipophile Statine möglicherweise einen spezifischen schützenden Effekt auf das Gehirn haben könnten.
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Mögliche Mechanismen und Einflussfaktoren
Die widersprüchlichen Ergebnisse der Studien deuten darauf hin, dass der Einfluss von Statinen auf das Parkinson-Risiko komplex ist und von verschiedenen Faktoren abhängen kann.
- Art des Statins: Lipophile und hydrophile Statine unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und somit direkt auf das Gehirn einzuwirken.
- Dosierung und Dauer der Einnahme: Die Höhe der Statin-Dosis und die Dauer der Einnahme könnten ebenfalls eine Rolle spielen.
- Individuelle Risikofaktoren: Genetische Veranlagung, Alter, Geschlecht und andere Risikofaktoren für Parkinson könnten den Einfluss von Statinen beeinflussen.
- Cholesterin-Metabolismus im Gehirn: Störungen beim Cholesterin-Abbau im Gehirn, bedingt durch Veränderungen in Cytochrom P450-Genen, könnten zur Ausprägung der Parkinson-Erkrankung beitragen.
Statine und Diabetes-Risiko
Neben dem möglichen Einfluss auf das Parkinson-Risiko gibt es auch Bedenken hinsichtlich eines erhöhten Diabetes-Risikos durch die Einnahme von Statinen. Eine Studie von Professor Markku Laakso und Kollegen ergab, dass die Statineinnahme das Diabetesrisiko um 46 Prozent erhöhte. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2019 zeigte einen ähnlichen Zusammenhang und wies darauf hin, dass Statine sich besonders negativ bei übergewichtigen Personen und Personen mit bereits bestehenden Blutzuckerproblemen auswirken könnten.
Es ist wichtig zu beachten, dass das Diabetesrisiko nur ein Aspekt bei der Nutzen-Risiko-Abwägung von Statinen ist.
Muskelschmerzen und andere Nebenwirkungen
Muskelschmerzen sind eine häufige Nebenwirkung von Statinen, die oft zu einem Abbruch der Therapie führt. Eine Metaanalyse der „Cholesterol Treatment Trialist’s Collaboration“ ergab jedoch, dass weniger als zehn Prozent der Muskelsymptome tatsächlich auf die Einnahme von Statinen zurückzuführen sind. In den meisten Fällen handelt es sich um einen sogenannten Nocebo-Effekt, bei dem die Erwartungshaltung des Patienten die Symptome verstärkt.
Weitere mögliche Nebenwirkungen von Statinen sind Leberschäden, Grauer Star und ein erhöhtes Risiko für hämorrhagische Schlaganfälle.
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Individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung
Die Entscheidung für oder gegen die Einnahme von Statinen sollte immer in Absprache mit einem Arzt getroffen werden. Dabei ist es wichtig, die individuellen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das potenzielle Parkinson-Risiko, das Diabetesrisiko und mögliche Nebenwirkungen der Statine zu berücksichtigen.
Die Rolle des Cholesterins im Körper
Cholesterin ist ein wichtiger Bestandteil der Zellmembranen und dient als Ausgangsstoff für die Herstellung von Hormonen und Vitamin D. Der Körper kann Cholesterin selbst produzieren, nimmt es aber auch über die Nahrung auf. Für den Transport von Cholesterin im Blut sind die Lipoproteine LDL und HDL verantwortlich. LDL transportiert Cholesterin in die Organe, während HDL überschüssiges Cholesterin abbaut. Ein Ungleichgewicht zwischen LDL und HDL kann zu Ablagerungen in den Blutgefäßen und somit zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.
Alternative Behandlungsansätze
Neben Statinen gibt es auch alternative Behandlungsansätze zur Senkung des Cholesterinspiegels und zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dazu gehören eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung und der Verzicht auf Nikotin. In einigen Fällen können auch natürliche Nahrungsergänzungsmittel wie Coenzym Q10 sinnvoll sein, um den durch Statine verursachten Coenzym-Q10-Mangel auszugleichen und das Risiko für Muskelschmerzen zu verringern.
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