Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden kann. Alkoholmissbrauch ist eine der Hauptursachen. Die Behandlung der Polyneuropathie richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. In diesem Artikel werden die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Polyneuropathie, insbesondere im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch und der potenziellen Rolle von Medikamenten wie Lorazepam (Tavor), beleuchtet.
Einführung in die Polyneuropathie
Der menschliche Körper ist von einem komplexen Netzwerk aus Nervenzellen durchzogen, das in das zentrale und periphere Nervensystem unterteilt wird. Das zentrale Nervensystem umfasst Gehirn und Rückenmark, während das periphere Nervensystem alle Nerven außerhalb davon einschließt. Bei einer Polyneuropathie sind mehrere dieser peripheren Nerven geschädigt, was zu Funktionsstörungen der motorischen, sensiblen oder vegetativen Nerven führen kann. Schätzungsweise 5 bis 8 % der erwachsenen Bevölkerung leiden an Polyneuropathien.
Ursachen der Polyneuropathie
Die Polyneuropathie kann durch über 500 verschiedene Ursachen ausgelöst werden. Neben Diabetes mellitus gilt Alkoholmissbrauch und die daraus resultierende Mangelernährung als eine der Hauptursachen. Studien zeigen, dass zwischen 22 und 66 % aller Alkoholiker im Laufe ihres Lebens eine Polyneuropathie entwickeln. Männer sind häufiger betroffen als Frauen.
Weitere mögliche Ursachen sind:
- Vitaminmangel: Insbesondere ein Mangel an B-Vitaminen (B1, B6, B9, B12) kann zu Nervenschäden führen.
- Vergiftungen: Schwermetalle können ebenfalls Neuropathien auslösen.
- Infektionskrankheiten
- Chemotherapie: Nebenwirkungen von Chemotherapeutika können eine Polyneuropathie verursachen.
- Autoimmunerkrankungen
- Medikamente: Einige Medikamente, wie Statine, Amiodaron, Metformin, Vincaalkaloide, Taxane, Platinverbindungen, Bortezomib, Thalidomid und bestimmte Antibiotika, können ebenfalls Polyneuropathien verursachen.
Alkoholbedingte Polyneuropathie
Alkohol ist ein Zell- und Nervengift, das im Körper erheblichen Schaden anrichten kann. Ethanol, der Hauptbestandteil alkoholischer Getränke, ist eine neurotoxische Substanz, die das periphere Nervensystem schädigen kann. Dieser Mechanismus wird als exotoxische Schädigung bezeichnet, da die Schädigung durch eine äußere Substanz verursacht wird.
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Der Verlauf der alkoholbedingten Polyneuropathie ist individuell verschieden. Es ist nicht vorhersehbar, welche Nerven betroffen sind, wie stark die Beeinträchtigungen ausfallen und wann die ersten Symptome auftreten.
Symptome der alkoholbedingten Polyneuropathie
Die Symptome der alkoholbedingten Polyneuropathie können vielfältig sein und reichen von leichten Missempfindungen bis hin zu schweren Beeinträchtigungen:
- Sensible Störungen: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Schmerzen oder Brennen in Händen und Füßen. Störungen in der Temperatur- und Druckwahrnehmung.
- Motorische Störungen: Muskelzuckungen, Muskelkrämpfe, Muskelschwäche oder Lähmungen.
- Vegetative Störungen: In schweren Fällen können lebenswichtige Organe beeinträchtigt werden, was zu Atemstillstand oder Herzrhythmusstörungen führen kann.
Die sensiblen Neuronen sind in der Regel am anfälligsten für Schädigungen. Betroffene verspüren oft zuerst Schmerzen, Kribbeln oder andere Störungen in den Zehen, die meist symmetrisch auftreten.
Diagnose der alkoholbedingten Polyneuropathie
Die Diagnose einer alkoholbedingten Polyneuropathie basiert auf der Anamnese des Patienten (insbesondere des Alkoholkonsums), der neurologischen Untersuchung und gegebenenfalls weiteren diagnostischen Tests wie Elektromyographie (EMG) oder Nervenbiopsie.
Behandlung der Polyneuropathie
Die Behandlung der Polyneuropathie richtet sich nach der identifizierten Ursache. Bei alkoholbedingter Polyneuropathie ist der wichtigste Schritt der Verzicht auf Alkohol. Wer weiterhin Alkohol konsumiert, riskiert eine Verschlechterung des Zustands und chronische Schmerzen.
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Weitere Behandlungsmaßnahmen können sein:
- Vitaminzufuhr: Ausgleich von Vitaminmängeln, insbesondere von B-Vitaminen.
- Schmerzbehandlung: Medikamente zur Schmerzlinderung, wie Antikonvulsiva (z.B. Gabapentin, Pregabalin) oder Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Duloxetin). Opioide sollten aufgrund ihres Suchtpotenzials nur in Ausnahmefällen und nicht bei Alkoholabhängigkeit eingesetzt werden.
- Physikalische Therapie: Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) zur Schmerzlinderung.
- Psychotherapie: Unterstützung bei der Alkoholentwöhnung und der Bewältigung von Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Schlafstörungen.
Alkoholentzug bei Polyneuropathie
Ein qualifizierter stationärer Alkoholentzug ist besonders wichtig, da beim Verzicht auf Alkohol Entzugserscheinungen auftreten können, die in Kombination mit einer peripheren Neuropathie lebensgefährlich sein können. Ein stationärer Entzug beinhaltet eine umfassende psychotherapeutische Begleitung zur Aufarbeitung der Sucht und der alkoholinduzierten Polyneuropathie.
Die Rolle von Lorazepam (Tavor)
Lorazepam (Tavor) ist ein Benzodiazepin, das beruhigend, angstlösend, spannungslösend und schlaffördernd wirkt. Es wird zur kurzzeitigen Behandlung von Angst- und Unruhezuständen, Panikattacken und Schlafstörungen eingesetzt. Aufgrund seiner antikonvulsiven Wirkung kann es auch bei Status epilepticus verwendet werden.
Wirkmechanismus: Lorazepam verstärkt die Wirkung des Neurotransmitters GABA im Gehirn, was zu einer verminderten Erregbarkeit der Nervenzellen führt.
Anwendung bei Polyneuropathie: Lorazepam kann in bestimmten Fällen bei Polyneuropathie-Patienten eingesetzt werden, um Symptome wie Angst, Unruhe oder Schlafstörungen zu lindern, die durch die Erkrankung oder den Alkoholentzug verursacht werden können.
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Wichtige Hinweise:
- Lorazepam sollte nur kurzzeitig und unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden, da es schnell zu Abhängigkeit führen kann.
- Die Dosierung sollte so niedrig wie möglich sein.
- Bei gleichzeitiger Einnahme anderer Medikamente, insbesondere von Opioiden, kann es zu Wechselwirkungen kommen.
- Lorazepam kann die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen, daher sollten in den ersten Tagen der Behandlung keine Fahrzeuge oder Maschinen bedient werden.
- Bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit ist besondere Vorsicht geboten, da Lorazepam das Suchtpotenzial erhöhen kann.
Alternative Medikamente:
Bei der Behandlung von Polyneuropathie-Patienten mit Angst- und Schlafstörungen sollten alternative Medikamente in Betracht gezogen werden, die kein oder ein geringeres Abhängigkeitspotenzial haben. Dazu gehören beispielsweise Antidepressiva oder pflanzliche Präparate.
Medikamenteninduzierte Polyneuropathie
Einige Medikamente können als Nebenwirkung eine Polyneuropathie auslösen. Bei Patienten, die bereits an einer Polyneuropathie leiden oder ein erhöhtes Risiko dafür haben (z.B. aufgrund von Diabetes oder Alkoholmissbrauch), sollte die Therapie mit diesen Medikamenten (sofern möglich) vermieden werden.
Zu den Medikamenten, die potenziell eine Polyneuropathie verursachen können, gehören:
- Statine: HMG-CoA-Reduktase-Inhibitoren
- Amiodaron: Antiarrhythmikum
- Vincaalkaloide: Zytostatika
- Taxane: Zytostatika
- Platinverbindungen: Zytostatika
- Bortezomib und Thalidomid: Mittel zur Behandlung des multiplen Myeloms
- Antibiotika: Isoniazid, Ethambutol, Linezolid, Nitrofurantoin, Metronidazol
Bei zwingender Indikation für diese Medikamente ist auf Symptome einer Polyneuropathie zu achten, um frühzeitig reagieren und unnötige Leiden vermeiden zu können.
Weitere Therapieansätze
Neben den genannten medikamentösen und psychotherapeutischen Maßnahmen können auch alternative Therapieansätze zur Behandlung der Polyneuropathie eingesetzt werden:
- Bewegungstherapie: Regelmäßige Bewegung kann die Durchblutung fördern und die Nervenfunktion verbessern.
- Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und Schmerzen zu lindern.
- Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, den Alltag trotz der Einschränkungen durch die Polyneuropathie besser zu bewältigen.
- Akupunktur: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur bei der Behandlung von neuropathischen Schmerzen wirksam sein kann.