Die Verbindung zwischen Gehirn und Seele: Aktuelle Forschungsergebnisse

Einführung

Die Frage nach der Verbindung zwischen Gehirn und Seele beschäftigt die Menschheit seit der Antike. Lange Zeit war dies vor allem ein Thema der Philosophie und Religion. Doch die moderne Hirnforschung ermöglicht es, diese Frage auf einer wissenschaftlichen Ebene zu untersuchen. Die jüngsten Fortschritte der Neurowissenschaften in Kombination mit modernen Forschungsmethoden machen es möglich, fundierte Antworten darauf zu geben.

Das SCAN-System: Eine neue Entdeckung

Ein US-amerikanisches Forschungsteam hat ein bisher unbekanntes System in dem Bereich der Hirnrinde entdeckt, der für die Steuerung von Bewegungen zuständig ist. Dieses System, das sie SCAN (Somato-Cognitive Action Network) nennen, scheint abstrakte Pläne, Gedanken und Motivation mit tatsächlichen Bewegungen und unserer Physiologie zu verbinden.

Lokalisation und Funktion des SCAN

Das SCAN befindet sich zwischen einzelnen Bereichen der Hirnrinde, von denen schon lange bekannt ist, dass sie die Bewegungen unserer Hände, unserer Füße und unseres Gesichts steuern. Es wird zum Beispiel dann aktiv, wenn wir an Bewegungen denken. Darüber hinaus steht es in Verbindung mit einem Netzwerk, das an zahlreichen anderen Prozessen beteiligt ist: am Denken und Planen, am Schmerzempfinden, an der Kontrolle von inneren Organen und an Funktionen wie Blutdruck und Puls.

Implikationen der Entdeckung

Die Entdeckung des SCAN könnte eine Erklärung dafür liefern, warum unser Puls steigt, wenn wir nur an eine schwierige Aufgabe denken, oder warum bestimmte Atemübungen helfen, nicht nur den Körper, sondern auch den Geist zu beruhigen. Es liefert eine weitere Erklärung dafür, warum "der Körper" und "der Geist" nicht getrennt beziehungsweise nicht trennbar sind.

Historischer Kontext

Ziel der Studie war eigentlich, eine Karte der motorischen Regionen im Gehirn, die der Neurochirurg Dr. Wilder Penfield in den 1930er-Jahren angefertigt hatte, mit moderneren Methoden zu reproduzieren. Dabei entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass Penfields Karte nicht ganz korrekt war und sich zwischen den Bereichen für die Steuerung von Händen, Füßen und Gesicht noch andere Bereiche befanden: das SCAN.

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Die Seele im Gehirn: Perspektiven der Hirnforschung

Seit dem Altertum wird das Gehirn als Organ der Seele angesehen. Wo und wie aber das Psychische im Gehirn entsteht, wie sich dabei unsere Gefühlswelt, unsere Persönlichkeit und unser Ich formen, kann mit Hilfe der modernen Verfahren der Hirnforschung erst seit kurzem erforscht werden.

Gerhard Roth und die Neurobiologie der Seele

Der renommierte Neurobiologe Gerhard Roth stellt die Erkenntnisse seiner Wissenschaft in eine lange Tradition: Schon die Ärzte der Gladiatoren hätten festgestellt, dass Verletzungen des Gehirns immer mit kognitiven Einbußen einhergingen. Roth zufolge gibt es einen ganz typischen Bereich, den man limbisches System nennt - und der ist der Sitz der Seele im engeren Sinne. Der Rest sind unspezifische Zulieferanten - natürlich notwendig für Bewegung, für das Denken - aber nicht für das Psychische.

Roth betont, dass die Seele nicht immer etwas Religiöses sein muss. Alles, was wir empfinden, das ganze Sammelsurium von Gedanken, Wahrnehmungen und Vorstellungen, nennt er "Seele". Sie umfasst sehr viel mehr als der "Geist". Roth verweist darauf, dass schon Platon vermutet hat, dass die Seele im Gehirn sitzt.

Die Bedeutung von Empfindungen und Gefühlen

Wie wichtig Empfindungen, Selbstreflektion und Gefühle unserem Körper sind, sieht man schon daran, dass diese seelischen Zustände - oder zumindest ihre neurobiologischen Korrelate - sehr viel Sauerstoff und Zucker verbrauchen. Das Gehirn würde für ein Nebenprodukt gar nicht so viele Ressourcen verschwenden. Unser Bewusstsein dient zum einen dem Gedächtnis: An die bewusst erlebten Dinge können wir uns sehr viel besser erinnern als an die unbewussten. Zum anderen wären die sprachliche Kommunikation und Handlungsplanung ohne Bewusstsein völlig unmöglich. Diese beiden Dinge, Handlungsplanung und Sprache, machen uns Menschen zu Menschen.

Die Evolution der Seele

Roth geht davon aus, dass die Entwicklung der Seele ein langer evolutionärer Prozess war, der eine Reihe von Tieren hervorgebracht hat, von denen wir mit ziemlicher Sicherheit sagen können, dass sie ein Bewusstsein, vielleicht sogar ein Selbstbewusstsein und natürlich auch bewusste Gefühle haben. Einen entscheidenden Sprung gab es mit der Erfindung der menschlichen Sprache vor etwa 100.000 Jahren. Man kann sie als Intelligenzverstärker ansehen.

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Die Grenzen der Hirnforschung

Roth betont, dass die Hirnforschung die Philosophie nicht überflüssig machen kann, wenn es um Fragen des Bewusstseins, der Seele und des Menschseins geht. Stattdessen geht es darum, ob man philosophische Annahmen mit Befunden der Naturwissenschaft in Einklang bringen kann. Die Hirnforschung behauptet nichts, was philosophisch nicht schon gedacht war, aber sie kann sagen, was davon naturwissenschaftlich fundierbar ist und was nicht.

Das Leib-Seele-Problem: Dualismus vs. Monismus

Das Leib-Seele-Problem ist eine der ältesten philosophischen Fragen. Es geht darum, wie Körper und Geist (oder Seele) zusammenhängen.

Dualismus

Der Leib-Seele-Dualismus besagt, dass Körper (insbesondere Gehirn) und Geist beziehungsweise Seele verschiedene Dinge sind; philosophisch gesagt, verschiedene "Substanzen", die aus sich heraus bestehen. Das schließt die Möglichkeit ein, dass Körper/Gehirn und Geist/Seele unabhängig voneinander existieren können. Dieser Standpunkt war und ist traditionell in vielen Religionen von Bedeutung.

Monismus

Der Monismus hingegen geht davon aus, dass es nur eine Substanz gibt. Im Materialismus ist diese Substanz die Materie, im Idealismus der Geist. Die Hirnforschung neigt eher zu einem materialistischen Monismus, der davon ausgeht, dass alle psychischen Prozesse auf neuronalen Prozessen im Gehirn beruhen.

Die Schwierigkeit der experimentellen Überprüfung

Es ist schwierig, den Dualismus oder Monismus experimentell zu belegen oder zu widerlegen. Die Abwesenheit gemessener Gehirnunterschiede beweist nicht die Existenz einer Seele, noch widerlegt ihre Anwesenheit diese. Der Gedanke, die Seele im Gehirnscanner zu finden, ist in etwa so geistreich wie die Vorstellung, den "lieben Gott im Himmel" mit einer Weltraumsonde zu suchen.

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Die Entwicklung des Gehirns im Laufe des Lebens

Unser Gehirn wandelt sich unentwegt. Neurowissenschaftler der Universität Cambridge haben nun fünf wichtige Phasen der neuronalen Vernetzung im Laufe eines Menschenlebens identifiziert. Ende einer Phase und Beginn einer neuen Phase sind gekennzeichnet durch vier wichtige Wendepunkte, in denen die Entwicklung rasante Kurven nimmt und das Gehirn seine Strategie ändert, um sich neu zu konfigurieren.

Die fünf Phasen der Gehirnentwicklung

  1. Kindheit: Das Gehirn lernt so viele neue Dinge wie nie im weiteren Leben. Das Gehirn eines Babys produziert übermäßig Synapsen, also Verbindungen zwischen den Neuronen. In der Kindheit wird diese Fülle reduziert, und nur die aktiveren Synapsen bleiben übrig. Benachbarte Regionen vernetzen sich enger und spezialisieren sich.
  2. Pubertät: Diese Phase erstreckt sich bis kurz nach dem 30. Geburtstag. Das Volumen der weißen Substanz wächst weiter, und die Organisation der Kommunikationsnetzwerke verfeinert sich zunehmend. Das Gehirn optimiert die Pfadlänge der Verbindungen und arbeitet insgesamt zunehmend effizienter.
  3. Erwachsenenalter: Diese ist die längste Phase, die über drei Jahrzehnte andauert. Die Gehirnarchitektur stabilisiert sich. Die Hirnregionen werden langsam stärker voneinander abgegrenzt.
  4. Mittleres Alter: Die weiße Substanz wird zunehmend abgebaut, die topologischen Muster werden einfacher, und das Netzwerk wird ausgedünnt. Zugleich beobachteten die Forschenden eine weitere Zunahme der Trennung und Spezialisierung der einzelnen Regionen - das Gehirn arbeitet modularer.
  5. Hohes Alter: Dem Netzwerk fällt es zunehmend schwer, über weite Strecken effizient zu kommunizieren. In dieser Phase konnten die Forschenden das Lebensalter der Probanden am schlechtesten an der Gehirnentwicklung festmachen.

Implikationen für die Forschung

Diese Phasen liefern einen wichtigen Kontext dafür, worin unser Gehirn in verschiedenen Lebensphasen am besten ist oder wofür es anfälliger ist. Viele neurologische Entwicklungsstörungen, psychische Erkrankungen und neurologische Erkrankungen hängen mit der Verdrahtung des Gehirns zusammen. In zukünftigen Studien wird es interessant sein, die Veränderungen im Gehirn mit Veränderungen der Persönlichkeit, der kognitiven Fähigkeiten und von Krankheitsrisiken genauer in Verbindung zu bringen.

Psychotherapie und Hirnveränderungen

Wenn Veranlagung, Umweltreize und Erfahrungen die Strukturen und Funktionen des Gehirns prägen, stellt sich die Frage, ob auch Psychotherapie biologische Veränderungen hervorruft. Denn Psychotherapie beruht unter anderem auf Lernprozessen, die ebenso wie andere Erfahrungen zu synaptischen Verbindungen oder einer verstärkten Aktivierung bestimmter Gehirnregionen führen müsste.

Forschungsansätze

Der Versuch, Forschungsansätze aus der Biologie und der Psychotherapie miteinander zu verbinden, steckt noch in den Kinderschuhen. Die klassische Leib-Seele-Trennung hat wesentlich dazu beigetragen, dass Psychologen und Psychoanalytiker einerseits und Psychiater, Biologen und Ärzte andererseits noch kaum versucht haben, interdisziplinär zu diskutieren und zu arbeiten. Doch die Grenzen verwischen immer mehr. Erfolgreiche Psychotherapie beeinflusst Gehirnfunktionen messbar.

Die Bedeutung der Anlage-Umwelt-Debatte

Die Anlage-Umwelt-Debatte erhält durch die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts und die Zuordnung von Persönlichkeitseigenschaften und Störungen zu spezifischen Genen ständig neuen Auftrieb. Ein traumatisierendes frühes Umfeld kann zu einer Unter- oder Fehlentwicklung funktioneller Schaltkreise des Gehirns führen, wobei vor allem das limbische System betroffen ist, das für die höhere neuronale Integration von Kognition und Emotion wie auch für Lern- und Gedächtnisprozesse zuständig ist.

Die Seele als Produkt des Zusammenspiels von Gehirn, Körper und Umwelt

Neurowissenschaftler, Philosoph und Psychiater Georg Northoff betont, dass das Seelenleben mehr als nur Gehirnaktivität ist: Es entsteht aus einem komplexen Zusammenspiel zwischen Gehirn, Körper und Umwelt. Was wir als seelische Zustände beschreiben würden - etwa die Verbindung zu anderen Menschen, Gefühle und auch meditative oder ehrfürchtige Zustände - entsteht also aus der Verbindung zwischen Körper, Umwelt und Gehirn.

Die Seele als räumlich-zeitliches Zusammenspiel

Seelische Zustände sind ein ganz normales Resultat des räumlich-zeitlichen Zusammenspiels zwischen Gehirn, Körper, Umwelt und deren Fluktuation oder Wellen. Man kann seelische Zustände vergleichen mit kleinen und großen Wellen im Meer, die kommen und gehen. Auch Hirnwellen bzw. seelische Zustände sind wahrscheinlich eine Folge von Evolution.

Die Grenzen der empirischen Wissenschaft

Letztlich ist die Frage nach der Seele eine Glaubensfrage. Denn empirische Evidenz dafür erbringen, kann die Wissenschaft nicht - hier stößt die Naturwissenschaft an ihre Grenzen. Sie kann lediglich Hinweise liefern, dass seelische Zustände mit neuronalen Vorgängen und räumlich-zeitlichen Zuständen verbunden sind.

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