In unserer heutigen Gesellschaft sind wir ständig von akustischen Reizen umgeben. Ob es die Nachrichten beim Aufhängen der Wäsche sind, ein Hörbuch während der Autofahrt oder ein Podcast zum Einschlafen - viele Menschen leben mit einer Art Dauerbeschallung. Doch haben wir verlernt, die Stille zu schätzen, und kann diese permanente Berieselung sogar negative Auswirkungen auf unser Gehirn haben? Dieser Frage widmen wir uns in diesem Artikel.
Entspannung oder Gewohnheit? Die Motive hinter dem Hören
Medienpädagogin Anneke Elsner vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig betont, dass Hörmedien vielen Menschen beim Entspannen helfen. Gerade in stressigen Phasen kann es schwerfallen, Stille auszuhalten, da sich die eigenen Gedanken im Kreis drehen und immer lauter werden. Sich auf etwas anderes zu konzentrieren, beispielsweise durch Hören, kann helfen, diese Gedankenspirale zu durchbrechen. Dies ist sogar mit geschlossenen Augen und ohne Bildschirm möglich.
Allerdings sind Hörmedien nicht pauschal besser als andere Medien wie das Handy oder Fernsehen. Elsner empfiehlt, die Motive hinter der Mediennutzung zu hinterfragen. Auch vermeintlich entspanntes Hören kann problematisch werden, wenn es zur Gewohnheit wird, ständig etwas laufen zu lassen, beispielsweise wenn das Einschlafen ohne Hörbuch nicht mehr möglich ist oder Stille nicht mehr ertragen werden kann. Dr. Friederike Siller, Professorin am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik der Technischen Hochschule Köln, ergänzt, dass die Studienlage hierzu noch dünn sei.
Wer ständig akustische Ablenkung benötigt, um der Stille zu entkommen oder Unruhe und Frustration zu verdrängen, verliert möglicherweise die Fähigkeit, mit solchen Situationen anders umzugehen. Elsner rät, in sich hineinzuhorchen und sich zu fragen, wann Hörmedien wirklich unterstützen und wann sie lediglich ablenken oder sogar Stress verstärken. Gerade beim Einschlafen können Medien zwar helfen, eine Gedankenspirale zu stoppen, doch es stellt sich die Frage, warum es so schwerfällt, das Gedankenkarussell abzustellen. Bei tatsächlichen Einschlafstörungen, die verschiedene psychische oder körperliche Ursachen haben können, sollte man professionelle Hilfe suchen.
Tipps für einen bewussten Umgang mit Hörmedien
Um einen gesunden Umgang mit Hörmedien zu gewährleisten, empfiehlt es sich, folgende Tipps zu beherzigen:
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- Regelmäßiger Körper-Check-In: Sich selbst immer wieder fragen, warum greife ich gerade zu einem Hörmedium? Reflektion hilft dabei, die eigenen Bedürfnisse besser zu verstehen.
- Aktiv zuhören: Anstatt ständig nebenbei etwas laufen zu lassen, gezielt Zeit für Medien einplanen. So bleibt Raum für andere Aktivitäten und Momente der Stille.
- Stille aushalten: Auch wenn es schwerfällt, bewusst Zeit für Stille nehmen. Dazu muss man nicht zehn Minuten still an die Decke starren. Ein Anfang wäre zum Beispiel mal ohne Kopfhörer aus dem Haus zu gehen oder die Autofahrt still zu fahren.
- Lautstärke anpassen: Darauf achten, so leise wie möglich und nur so laut wie nötig zu hören.
Die Auswirkungen von schlechter Audioqualität auf das Gehirn
Eine Studie der globalen Audio- und Videomarke EPOS hat die Auswirkungen von schlechter Audioqualität auf die Produktivität von Remote-Mitarbeitern untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass schlechte Audioqualität das Gehirn stärker beansprucht, um Informationen zu verarbeiten. Hintergrundgeräusche können die Produktivität beeinträchtigen und ein potenzielles Gesundheitsrisiko darstellen, da sie mit einem erhöhten Stressniveau verbunden sein können.
Das psychoakustische Forschungsprojekt von EPOS im Centre for Applied Audiology Research (CAAR) von Oticon in Dänemark hat gezeigt, dass die passive Geräuschunterdrückung von EPOS-Headsets zu einem geringeren Höraufwand, einer besseren Gedächtnisleistung und einer höheren Worterkennung führt. Starke Hintergrundgeräusche können das Verstehen von gesprochenen Inhalten erschweren, was die Aufnahme und Speicherung von Informationen beeinträchtigt und langfristige Probleme verursachen kann. Eine schlechte Audioqualität erhöht den Aufwand beim Zuhören um 35 Prozent, was zu kognitiver Überlastung und Ermüdung des Gehirns führen kann.
EPOS hat basierend auf der psychoakustischen Forschung der Demant Group einzigartige Algorithmen und akustische Technologien entwickelt, um die idealen und natürlichsten Bedingungen für die Interpretation von Klängen durch das Gehirn nachzubilden. Diese Technologien werden als EPOS BrainAdapt bezeichnet. Torben Christiansen, Director of Technology bei EPOS, betont die langfristigen Auswirkungen der ortsunabhängigen Arbeit auf die Produktivität und das Wohlbefinden der Beschäftigten und warnt vor erhöhter Müdigkeit, Unzufriedenheit, Burnout und einer höheren Mitarbeiterfluktuation.
Die Psychologie des Hörbuchkonsums: Mehr als nur Unterhaltung
Hörbücher sind mehr als nur eine angenehme Art, Geschichten zu verarbeiten. Sie können tatsächlich Einfluss auf unsere Gedächtnisleistung und unsere Empathie haben. Beim Hören eines Hörbuchs bleibt das Gehirn engagiert und aktiv. Informationen können besser behalten werden, wenn sie sowohl akustisch als auch visuell präsentiert werden. Studien haben gezeigt, dass das Hören von Hörbüchern die Informationsverarbeitung verbessern und das Erinnerungsvermögen stärken kann.
Hörbücher ermöglichen es uns, uns emotional mehr mit der Geschichte zu verbinden. Die Stimme des Sprechers trägt dazu bei, Emotionen hervorzurufen und eine Verbindung zum Inhalt herzustellen. Geschichten, die uns vorgelesen werden, ermöglichen es uns, die Perspektiven und Gefühle anderer Menschen besser zu verstehen, was unsere Empathie und unser Verständnis für andere fördert. Hörbücher erfordern Konzentration und Aufmerksamkeit, um der Handlung folgen zu können, und können auch als wirksames Mittel zur Entspannung und Reduzierung von Stress dienen.
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Hören oder Lesen: Was ist besser für das Gehirn?
Die Frage, ob Hören oder Lesen besser für das Gehirn ist, wird seit Jahrzehnten diskutiert. Lange galt das gedruckte Buch als anspruchsvoller und lernwirksamer. Eine Studie aus dem Jahr 1977 zeigte jedoch überraschenderweise, dass es keinen Unterschied macht, ob eine Geschichte gelesen oder gehört wird, wenn es darum geht, sie zusammenzufassen. Ein Versuch von 2010 deutete jedoch wieder auf das Gegenteil hin: Leser behielten mehr Lernstoff als Hörer.
Der Psychologe Daniel Willingham teilte den Prozess des Lesens in zwei Schritte auf: Dekodierung (die Verarbeitung der Buchstaben) und die Erfassung der Bedeutung. Beim klassischen Lesen gibt es beide Schritte, beim Hörbuch fällt die Dekodierung weg. Ist das Lesen jedoch automatisiert, geschieht die Dekodierung so schnell, dass dafür praktisch kein zusätzlicher Aufwand mehr nötig ist. Ab diesem Zeitpunkt sind beide Medien von Aufwand und Leistung her wieder gleichauf.
Hörbücher können sogar zu einem besseren Memory-Effekt führen als Print, wenn anhaltende Probleme bei der Dekodierung bestehen, beispielsweise bei Menschen mit einer Leseschwäche. Der Lerneffekt hängt auch davon ab, wie schwer der Text ist. Bei schwierigen Texten bietet ein gedrucktes Buch Vorteile, da das Auge zurückspringen und einen Satz oder Absatz nochmals lesen kann.
Allerdings kann das Hörbuch mit seiner Prosodie punkten: Tonfall, Melodie, Rhythmus und Gefühl können besser transportiert werden. Gedichte werden beispielsweise viel besser verstanden, wenn sie vorgelesen werden. Auch der soziale Aspekt des Mediums spielt eine Rolle: Ein Mensch transportiert die Emotionen, anstatt dass wir sie selbst erst zwischen den Zeilen herauslesen müssen.
Eine Studie der Universität von Berkeley aus dem Jahr 2019 hat gezeigt, dass die Erfassung der Bedeutung eines Textes an denselben Stellen, beim selben Prozess und mit derselben Kraft geschieht, egal ob der Text gehört oder gelesen wird. Diese Erkenntnisse haben nicht nur Auswirkungen auf die Bewertung von Hörbüchern, sondern auch auf die Therapie von neurologischen Erkrankungen und Hirnverletzungen sowie auf den Einsatz von Hörbüchern im Unterricht, insbesondere für Schüler mit Leseschwäche.
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Die Gefahren von Lärm und die Bedeutung von Stille
Lärm ist heutzutage allgegenwärtig und kann nicht nur stressen, sondern auch Gehör und Gesundheit beeinträchtigen. Er kann die Härchen der Haarsinneszellen zerstören und damit das Gehör schädigen. Permanenter Lärm macht krank und zieht das Herz-Kreislauf-System in Mitleidenschaft. Krach beeinträchtigt die Gehirnentwicklung, insbesondere die Hörrinde, und kann auch kognitive Leistungen beeinträchtigen.
Forscher der Universität Münster haben in einer Studie Anzeichen dafür gefunden, dass durch laute Geräusche Nervenzellen geschädigt werden. Betroffen ist offenbar das Vermögen des Gehirns, akustische Signale aus Hintergrundrauschen herauszufiltern. Dies könnte langfristig zur Entstehung von Hörbeeinträchtigungen, Geräuschüberempfindlichkeit und Tinnitus beitragen.
Um sich vor Schäden zu schützen, ist es wichtig, die Lautstärke nicht zu hoch aufzudrehen und moderne Kopf- und Ohrhörer mit Antischall-Technologie zu verwenden. Wer sich für klassische Kopfhörer entscheidet, sollte zu geschlossenen Bauformen greifen, die Störgeräusche mechanisch wirksam passiv dämpfen.
Stille hingegen ist wichtig für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Sie ermöglicht es uns, uns zu entspannen, unsere Gedanken zu sammeln und unsere kognitiven Fähigkeiten zu verbessern.
Musik hören und das Gehirn
Bildgebende Verfahren können zeigen, was im Gehirn beim Musikhören passiert. Beim Musizieren oder Musik hören werden Endorphine ausgeschüttet, körpereigene Glückshormone. Welche Musik wir hören, verrät das Muster unserer Hirnaktivität. Komplexe Musikstücke lösen eine höhere Aktivität im rechten Schläfenlappen aus. In Musikerhirnen ist die Verbindung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte, das sogenannte Corpus callosum, deutlich kräftiger ausgebildet.
Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass einige Menschen völlig immun gegen jede Wirkung von Musik sind. Die Forscher sprechen von Anhedonie - der Unfähigkeit, Freude zu empfinden. Musik aktiviert die unterschiedlichsten Hirnregionen gleichzeitig. Bei der Verarbeitung von Musik ist sogar das Broca-Areal beteiligt, eines der beiden Sprachzentren.