Jeder kennt das Gefühl, den Hausschlüssel zu verlegen oder sich einen Namen nicht sofort erinnern zu können. Vergesslichkeit ist ein natürlicher Bestandteil des Lebens, und mit zunehmendem Alter ist es normal, dass wir etwas langsamer werden. Die Erfahrung eines langen Lebens gleicht diese Defizite jedoch oft mehr als aus. Doch wann wird Vergesslichkeit zum Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung wie Demenz? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Vergesslichkeit, ihre Ursachen und wie man sie von den ersten Anzeichen einer Demenz unterscheiden kann.
Vergesslichkeit im Alltag: Normal oder besorgniserregend?
Viele Menschen bemerken im Laufe ihres Lebens eine zunehmende Vergesslichkeit. Sie sind schusselig, verlegen Gegenstände oder vergessen, wohin sie gehen wollten. Auch kleine Fehler im Alltag, die früher nicht passiert sind, können auftreten. Das können Schwierigkeiten beim Einkaufen im Supermarkt, das Vergessen, die Suppe zu salzen, oder Konzentrationsprobleme beim Ausfüllen von Formularen sein.
Manche Betroffene lesen die Zeitung und wissen am Ende eines längeren Artikels nicht mehr, worum es am Anfang ging. Sie verheddern sich bei langen Sätzen oder haben Wortfindungsprobleme. Auch die Orientierung in ungewohnter Umgebung kann schwerer fallen. Zerstreutheit und Schwierigkeiten, Nachrichten im Fernsehen zu verfolgen, können ebenfalls auftreten. Nicht zuletzt kann ein Verlust von Freude und Schwung das Leben beeinträchtigen.
Es ist wichtig zu betonen, dass diese Beobachtungen allein noch nicht auf eine Demenz schließen lassen. Sie können auch andere Ursachen haben, wie beispielsweise eine Depression, die mit einer auffälligen Vergesslichkeit einhergehen kann.
Demenz: Mehr als nur Vergesslichkeit
Der Begriff Demenz ist ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen, die mit einem fortschreitenden Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit einhergehen. Dabei gehen Nervenzellen zugrunde, die für das Gedächtnis unverzichtbar sind. Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz, bei der Nervenzellen des Gehirns aus noch nicht völlig geklärter Ursache absterben. Ein solches fortschreitendes Absterben von Nervenzellen nennt man Neurodegeneration.
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Typisch für die Alzheimer-Demenz ist eine zunehmende Vergesslichkeit, die die Betroffenen zunächst auch selbst an sich bemerken. Im Gehirn der Betroffenen bilden sich sogenannte Eiweißplaques: Verklumpungen bestimmter Eiweißmoleküle, die bei Gesunden nicht in diesem Maße auftreten.
Die zweithäufigste Form der Demenz ist die vaskuläre Demenz. Hier ist die Ursache für das Absterben der Nervenzellen eine Unterversorgung, wie sie zum Beispiel durch Verstopfung von Blutgefäßen des Gehirns auftritt. Diese Form der Demenz kann durch einen Schlaganfall ausgelöst werden, sie kann aber auch durch Mikroverschlüsse von Hirngefäßen entstehen, ohne dass vorher ein „großer“ Schlaganfall aufgetreten wäre.
Weitere Formen der Demenz sind die Pick-Krankheit (frontotemporale Demenz) und andere neurodegenerative Demenzen.
Anzeichen einer Demenz: Eine Checkliste
Die US-amerikanische Alzheimer-Gesellschaft hat eine Checkliste mit zehn wichtigen Anzeichen einer Demenz zusammengestellt, die eine grobe Orientierung bieten kann:
- Vergesslichkeit: Häufiges Vergessen von Ereignissen, Terminen oder kürzlich erlernten Informationen. Betroffene erinnern sich oft gar nicht mehr daran.
- Planen und Handeln sind beeinträchtigt: Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und komplexe Handlungen durchzuführen. Betroffene können beispielsweise keine Reisen mehr planen oder ihre Finanzen nicht mehr regeln.
- Schwierigkeiten bei Alltagstätigkeiten: Probleme, alltägliche Aufgaben wie Anziehen oder Bedienen der Dusche zu bewältigen.
- Die Orientierung geht verloren: Sich plötzlich in vertrauter Umgebung nicht mehr zurechtfinden oder sich an einem Ort wiederfinden, ohne zu wissen, wie man dorthin gelangt ist.
- Die Fähigkeit zu abstraktem Denken leidet: Das Gefühl für Geld verlieren oder die Bedeutung von Zahlen nicht mehr verstehen.
- Sprachverarmung: Zunehmende Wortfindungsstörungen und Verarmung der Sprache. Betroffene vergessen sogar Bezeichnungen für Alltagsgegenstände.
- Verlegen von Gegenständen: Gegenstände werden häufiger verlegt als früher und an ungewöhnlichen Orten wiedergefunden.
- Situationen werden nicht mehr richtig beurteilt: Unangemessene Kleidung tragen oder das Aufpassen auf ein Kind vergessen.
- Sozialer Rückzug: Gesellschaftliche und andere Aktivitäten werden zur Last, Betroffene bleiben lieber zu Hause.
- Veränderung von Stimmung und Persönlichkeit: Plötzliche Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Misstrauen oder Distanzlosigkeit.
Es ist wichtig zu beachten, dass selbst wenn mehrere dieser Symptome vorliegen, diese auch andere Ursachen haben können. Eine ärztliche Abklärung ist daher unerlässlich.
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Abgrenzung zur normalen Altersvergesslichkeit
Besonders am Anfang ist es schwer, eine "normale Vergesslichkeit" von einer Demenz abzugrenzen. Jeder Mensch vergisst einmal etwas. Sich etwas merken zu können, ist auch abhängig von der momentanen seelischen und geistigen Belastung, der Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit. Auch das Alter spielt natürlich eine Rolle, da jeder von uns körperlich und geistig mit zunehmenden Jahren immer weniger wendig und flexibel wird.
Nicht jede Vergesslichkeit ist also mit einer beginnenden Demenz gleichzusetzen. Und solange keine weiteren Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit hinzukommen, gibt es keinen Grund zur Sorge.
Im Gegensatz zur "normalen" Vergesslichkeit weisen Menschen, die tatsächlich an einer Demenz erkrankt sind, einige typische Merkmale auf. Vor allem treten im Verlauf der Erkrankung immer mehrere und zunehmend stärker ausgeprägte Symptome in Erscheinung.
Beispiele zur Verdeutlichung
- Vergesslichkeit: Jeder vergisst mal etwas und erinnert sich dann wieder. Menschen mit einer Demenz vergessen häufig, erinnern sich nicht mehr und stellen immer wieder die gleichen Fragen, obwohl sie die Antwort schon (mehrfach) erhalten haben.
- Verlegen von Gegenständen: Verlegt jemand einen Gegenstand wie z.B. seinen Schlüssel, ist das gesunde Gehirn in der Lage ihn zu finden, indem es Schritt für Schritt zurückdenkt. Menschen mit Demenz erinnern sich nicht an das letzte Mal, als sie ihre Schlüssel in der Hand hielten. Oder sie stricken sich ihre eigene Geschichte, wie sie die Schlüssel verloren haben könnten. Ein Betroffener kann auch Dinge an völlig ungeeignete Plätze "aufräumen", z. B. ein Bügeleisen in die Tiefkühltruhe oder eine Armbanduhr in die Zuckerdose - und wird sie nicht wiederfinden.
- Probleme bei der Beurteilung von Situationen: Auch ein gesunder Erwachsener kann für einen Moment vergessen, auf ein Kind unter seiner Obhut aufzupassen. Ein Mensch mit Demenz vergisst das Kind möglicherweise völlig und verlässt das Haus. Oder er zieht an einem warmen Tag mehrere Hemden und Pullis an und kann nicht mehr mit Geld umgehen.
- Probleme beim abstrakten Denken: Jeder vergisst mal eine Telefonnummer, aber er kann sie nachschauen. Ein fortgeschritten Betroffener weiß nicht mehr, was diese Nummern bedeuten und was er mit ihnen machen kann. Die Fähigkeit zur Erarbeitung von Lösungsmöglichkeiten und -strategien geht zunehmend verloren.
- Schwierigkeiten bei Alltagsaktivitäten: Auch Menschen mit Demenz können in frühen Phasen z.B. ein Essen kochen, vergessen dann aber möglicherweise, es zu servieren oder dass sie es überhaupt gekocht haben.
- Geschichten und Geschehnisse: Während viele Menschen Abschnitte von Geschichten oder unwichtige Fakten eines Geschehnisses vergessen, erinnern sich Menschen mit einer Demenz weder an die Geschichten noch an die Geschehnisse selbst.
- Kurzzeitgedächtnis: In der Regel vergisst das Gehirn eher Ereignisse, die vor langer Zeit passierten, als Ereignisse, die vor kurzem stattfanden. Dagegen vergessen Menschen mit Demenz meistens, was einige Minuten zuvor geschah.
- Gedächtnishilfen: Normal vergessliche Menschen nutzen Gedächtnisstützen und Merkzettel besser als Menschen mit Demenz.
- Orientierung: Normal Vergessliche verlieren nie die Fähigkeit, sich selbst zu orientieren. Auch in einer fremden Umgebung finden sie Anhaltspunkte, um sich zurecht zu finden. Menschen mit Demenz verlieren die Fähigkeit zu suchen und Hinweise zu verwenden, die sie bei der Orientierung unterstützen. Auch die zeitliche Orientierung geht zunehmend verloren.
- Wiederholungen: Es kann vorkommen, dass "normal" vergessliche Menschen entfernten Freunden noch einmal die gleiche Geschichte erzählen. Menschen mit Demenz erzählen die gleiche Geschichte unter Umständen mehrmals innerhalb einer Stunde derselben Person.
- Mangel von Antrieb und Initiative: Betroffene verlieren oft ihre Energie, werden inaktiv und nehmen nur noch widerwillig an gesellschaftlichen oder anderen Aktivitäten teil. Sie können beispielsweise über Stunden teilnahmslos vor dem Fernseher sitzen. Dahinter stecken allerdings häufig Selbstzweifel, Versagensängste etc.
Was tun bei Verdacht auf Demenz?
Wenn Sie bei sich oder jemandem in Ihrer Familie Sorgen über Gedächtnisprobleme machen, lassen Sie diese ärztlich abklären. Erste Anlaufstelle sollte der Hausarzt sein, mit dem Sie das weitere diagnostische Vorgehen besprechen können. Sollten Sie sich beim Besuch in der Praxis nicht ernst genommen fühlen, geben Sie bitte nicht auf. Suchen Sie eine andere Ärztin oder einen anderen Arzt auf oder machen Sie einen Termin in einer sogenannten Gedächtnissprechstunde aus. Dort finden Sie Spezialistinnen und Spezialisten, die Ihnen helfen und zum Beispiel abklären können, ob Ihre Vergesslichkeit ein erstes Anzeichen einer Alzheimer-Krankheit oder einer anderen Demenzform ist. Anlaufstellen in Ihrer Nähe finden Sie bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V. oder im Verzeichnis der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e. V. (DGGPP).
Zum einen, weil Vergesslichkeit oder Orientierungsprobleme immer auch andere Ursachen haben können, zum Beispiel einen Altershirndruck, einen Tumor oder eine Depression.
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Leben mit Demenz: Was ist möglich?
Die Demenz ist derzeit nicht heilbar. Mit den sogenannten Cholinesterase-Hemmern und den NMDA-Rezeptorblockern gibt es allerdings zwei Medikamentenklassen, die die Abnahme der Leistungsfähigkeit des Gehirns für eine gewisse Zeit verlangsamen können. Der Effekt ist aber nur vorübergehend. Eines der Probleme bei der Demenztherapie ist die meist zu späte Diagnose. Wenn die betroffenen Menschen ausgeprägte Symptome zeigen, sind viele Nervenzellen bereits irreversibel geschädigt. Welche Medikamente für eine gezielte Frühtherapie in Frage kommen, wird derzeit intensiv erforscht.
Unabhängig davon kann jeder Mensch sein Demenzrisiko zumindest etwas senken. Eine Reihe von Studien zeigt beispielsweise, dass regelmäßige körperliche Betätigung mit einer geringeren Häufigkeit von Demenz im Alter einhergeht. Bei Patientinnen und Patienten mit erhöhtem Blutdruck geht eine gute medikamentöse Einstellung mit einem geringeren Demenzrisiko einher. Auch wer auf seine Ernährung achtet und starkes Übergewicht vermeidet, kann die Demenzentwicklung im Alter positiv beeinflussen: Ein Body Mass Index (BMI) von über 30 ist aktuellen Daten zufolge mit einem vierfach höheren Demenzrisiko verbunden. Auch ein geistiges Training kann dazu beitragen, dass sich das Demenzrisiko vermindert. Wissenschaftliche Studien legen darüber hinaus nahe, dass körperliche Aktivitäten und gezielte Trainingsverfahren, die die geistigen Fähigkeiten stärken, den Krankheitsverlauf verlangsamen können.
Trotz Demenz ist mit entsprechender Begleitung lebenswertes Leben möglich.
Tipps für ein gesundes Gehirn
Auch wenn Vergesslichkeit nicht immer ein Zeichen von Demenz ist, kann man einiges tun, um sein Gehirn fit zu halten:
- Viel trinken: Wer zu wenig trinkt, wird rasch müde und kann sich nicht mehr gut konzentrieren. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen, täglich mindestens 1,5 Liter zu trinken.
- Ausgewogen ernähren: Essen Sie vielfältig, achten Sie auf eine fettarme, möglichst regionale Ernährung mit frischen Zutaten, vielen Gewürzen, viel Gemüse und wenig Fleisch.
- Ausreichend schlafen: Erholsamer Schlaf ist nicht nur für die Leistungsfähigkeit wichtig, sondern auch für das Erinnerungsvermögen.
- Regelmäßig bewegen: Von Bewegung profitiert nicht nur der Körper, sondern auch der Geist. Gedächtnis, Konzentration und Stimmung verbessern sich. Besonders gut ist es zu tanzen. Beim Tanzen werden alle Formen von Motorik, Koordination und Aufmerksamkeit trainiert.
- Neues probieren: Lernen hält unser Gehirn fit. Egal ob Fremdsprache, Musikinstrument, PC-Anwendungen oder Stricken - ungewohnte Herausforderungen sind wichtige Impulse für unser Gehirn und können sich positiv auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirken. Auch in hohem Alter können neue Hobbys ausprobiert werden.
Alltagshilfen bei Vergesslichkeit
Viele Menschen erleben im Alter normale Gedächtnisveränderungen - hier können kleine Alltagshilfen spürbar entlasten:
- Einkaufs- und To-do-Listen nutzen: Das Aufschreiben unterstützt das Gedächtnis und gibt im Tagesablauf Orientierung und Sicherheit.
- Handyalarme oder Wecker stellen: Erinnerungen für Termine oder die Medikamenteneinnahme sind eine einfache und zuverlässige Stütze.
- Feste Plätze für wichtige Dinge etablieren: Wenn Schlüssel, Brille oder Geldbeutel immer am gleichen Ort liegen, erspart dies lästiges Suchen und verringert Stress.
- Routinen entwickeln: Wiederkehrende Abläufe - zum Beispiel bestimmte Aufgaben regelmäßig am selben Wochentag oder zur gleichen Uhrzeit - entlasten das Gedächtnis und erleichtern die Orientierung.
Diese Hilfen sind einfach und können sowohl bei normaler Altersvergesslichkeit als auch in frühen Phasen einer Demenz den Alltag erleichtern.