Zucker und Polyneuropathie: Ernährungsempfehlungen und Therapieansätze

Die Polyneuropathie (PNP), eine generalisierte Erkrankung des peripheren Nervensystems, kann vielfältige Ursachen haben. Häufige Ursachen sind Diabetes mellitus oder übermäßiger Alkoholkonsum. In einigen Fällen wird die PNP als idiopathisch klassifiziert. Die Erkrankung beeinträchtigt die Wahrnehmung von Reizen und Empfindungen sowie die Funktion von Organen und damit auch die Lebensqualität. Die Behandlung zielt darauf ab, den Verlauf zu verlangsamen, Folgeerkrankungen entgegenzuwirken und die Schmerzen zu lindern. Neben medikamentösen Therapien spielen auch Ernährungsumstellung und die Zufuhr bestimmter Nährstoffe eine wichtige Rolle.

Die Rolle von Zucker bei Polyneuropathie

Etwa die Hälfte der Menschen mit Diabetes entwickelt eine diabetische Polyneuropathie, bei der über längere Zeit erhöhte Blutzuckerwerte nach und nach periphere Nerven schädigen. Die diabetische Polyneuropathie ist eine der wichtigsten Folgeerkrankungen des Diabetes. Die über längere Zeit erhöhten Blutzuckerwerte schädigen nach und nach periphere Nerven (außerhalb von Gehirn und Rückenmark). Die Neuropathie oder Nervenschädigung ist eine der gefürchteten Folgen jahrelang überhöhter Blutzuckerspiegel.

Symptome und Diagnose

Typische Symptome der diabetischen Polyneuropathie sind Schmerzen, die sich beispielsweise brennend, stechend oder elektrisierend anfühlen, sowie Missempfindungen und Taubheitsgefühle. Am häufigsten ist die distal-symmetrische Polyneuropathie (DSP), bei der einerseits teils quälende neuropathische Schmerzen und andererseits schmerzlose Fußgeschwüre die Lebensqualität einschränken.

Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine neurologische Untersuchung, bei der die Empfindungsfähigkeit der Haut, das Vibrationsempfinden, die Muskelreflexe und die Nervenleitgeschwindigkeit überprüft werden.

Prävention und Behandlung

Durch einen gut eingestellten Blutzucker kann man diabetesspezifische Folgeerkrankungen wesentlich verzögern oder weitgehend verhindern. Ohne die konsequente Einstellung des Blutzuckers leben Diabetiker mit einer Vielzahl von Erkrankungsrisiken. Für jeden Diabetiker ist eine ausgewogene Ernährung von wichtiger Bedeutung.

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Ernährungsempfehlungen bei Polyneuropathie

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung stellt eine ganzheitliche Maßnahme dar, um die Beschwerden einer Polyneuropathie dauerhaft zu lindern. Sind Sie Diabetiker, können Sie mit der geeigneten Ernährung nicht nur die Beschwerden der Polyneuropathie besser in den Griff bekommen, sondern auch zur Regulierung des Blutzuckerspiegels beitragen. Achten Sie auf eine geeignete Ernährung, benötigen Sie häufig weniger Schmerzmittel, die durch starke Nebenwirkungen gekennzeichnet sind.

Ballaststoffreiche Ernährung

Bei einer diabetischen Polyneuropathie ist eine ballaststoffreiche Ernährung von Bedeutung. Der Energiebedarf sollte etwa zur Hälfte mit Kohlenhydraten wie Ballaststoffen gedeckt werden, die einen niedrigen glykämischen Index aufweisen. Der glykämische Index informiert darüber, wie schnell und wie stark ein Lebensmittel zum Anstieg des Blutzuckerspiegels beiträgt. Ballaststoffe haben einen niedrigen glykämischen Index und sorgen dafür, dass Kohlenhydrate langsamer ins Blut gehen. Daher sollte die Ernährung bei diabetischer PNP einen hohen Anteil an Vollkornprodukten, Nüssen, Obst und Gemüse enthalten. Reich an Ballaststoffen sind Vollkornprodukte, Nüsse, Obst und Gemüse. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine tägliche Menge von mindestens 30 g Ballaststoffen. Bei einer diabetischen Polyneuropathie werden sogar 40 Gramm Ballaststoffe täglich empfohlen. Um diese Ballaststoffmenge zu erreichen, müssten am Tag z. B. drei Scheiben Vollkornbrot, drei Kartoffeln, drei Portionen Gemüse (z. B. 200 g Blumenkohl, eine Karotte, 100 g Blattsalat) und zwei Portionen Obst (z. B. ein Apfel, 150 g Beeren) verzehrt werden. Aus Beobachtungsstudien ist bekannt, dass unlösliche Ballaststoffe das Risiko für Typ-2-Diabetes und entzündliche Erkrankungen senken können.

Die Studie Optimal Fibre Trial for Diabetes Prevention (OptiFiT) untersuchte erstmals die Effekte ­unlöslicher Ballaststoffe zur Diabetesprävention. Insgesamt wurden 180 Probanden mit einem ­Prädiabetes ­eingeschlossen. Die Interventions­gruppe nahm zweimal täglich über zwei Jahre ein Ballaststoffpräparat ein. Es handelte sich um ein Trinkpulver, das v. a. auf Hafer beruht. Nach zwei Jahren konnten die positiven Auswirkungen auf den Langzeitblutzucker HbA1c mit statistischer Signifikanz im Vergleich zu Placebo festgestellt werden. Weitere präventive Effekte ­waren nicht signifikant. Dennoch zeigt die Studie positive Trends bei der Diabetesprävention auf und eine Post-hoc-Analyse wies die Dosisabhängigkeit der positiven Effekte nach.

Eine ballaststoffreiche Ernährung mit vielen Vollkornprodukten liefert zusätzlich Mineralstoffe, Vitamine und Proteine und fördert ein gesundes Darmmikrobiom. Darmbakterien verstoffwechseln langkettige Kohlenhydrate zu kurzkettigen Fettsäuren wie Butter- oder Propionsäure. Diese Fettsäuren weisen antiinflammatorische Eigenschaften auf. Aktuelle Studienergebnisse zeigen, dass Propionsäure Nervenzellen schützt und deren Regeneration unterstützen kann. Im Modellversuch wurde eine Aktivierung des Free fatty acid Receptors 3 (FFAR3) auf der Oberfläche von Nerven- und Schwann-Zellen sowie eine Histonacetylierung durch Propionat beobachtet. Dies führt zu einer erhöhten Resistenz gegenüber oxidativem Stress und einer erhöhten Neuroregeneration.

Gesunde Fettsäuren

Bei einer Polyneuropathie sind gesunde Fettsäuren wichtig für die Nerven. Alpha-Liponsäure ist als schwefelhaltige Fettsäure in jeder Körperzelle enthalten. Sie liefert Energie und ist ein Antioxidans. Alpha-Liponsäure wird häufig zur Behandlung einer peripheren Nervendegeneration verwendet. Sie ist in Brokkoli, Spinat und Tomaten enthalten. Gesunde Fettsäuren mit entzündungshemmender Wirkung sind Omega-3-Fettsäuren. Sie dienen als Nahrung für das Nervensystem und können helfen, Nervensignale besser zu übertragen. Sie sind in fetten Fischen wie Heringen, Makrelen und Lachs, aber auch in Chia- und Leinsamen enthalten. Die in vielen Pflanzenölen enthaltene Alpha-Linolensäure hilft leider kaum gegen Polyneuropathie. Die in Fischöl enhaltenen Docosahexaensäure sowie die Eicosapentaensäure nutzen hingegen mehr. Da man nicht täglich Fisch essen kann, aber eine tägliche Einnahme von Fischölen notwendig ist, um die Polyneuropathie zu bremsen ist es am sinnvollsten, Fischölkapseln zu sich zu nehmen.

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Natürliche Fette bevorzugen

Natürliche Fette sind bei Polyneuropathie und bei Diabetes gesund. Pflanzliche Fette sind den tierischen Fetten vorzuziehen. Hervorragend geeignet sind Öle in Form von Olivenöl, Rapsöl oder Sonnenblumenöl. Mit diesen Ölen sparen Sie Kohlenhydrate ein, was sich positiv auf den Blutzuckerspiegel auswirkt. Besonders gesund sind kaltgepresste Öle, beispielsweise kaltgepresstes Olivenöl. Verarbeitete und harte Fette enthalten verschiedene Zusätze und sind daher nicht empfehlenswert. Als Ersatz für Margarine und industriell gehärtete Fette können Sie Butter verwenden. Auch wenn es sich um ein tierisches Fett handelt, ist Butter reiner als Margarine und daher gesünder. Leiden Sie unter einem erhöhten Cholesterinspiegel, sollten Sie weitgehend auf tierische Fette verzichten.

B-Vitamine

Vitamine des B-Komplexes, vor allem Vitamin B1 und Vitamin B12, sind bei einer Polyneuropathie unerlässlich. Bei einer alkoholbedingten Polyneuropathie kommt häufig eine Mangelernährung hinzu, bei der es an B-Vitaminen und anderen Vitaminen mangelt. Diese Mangelernährung kann die Beschwerden verstärken und das Fortschreiten der Polyneuropathie begünstigen. Auch bei einer diabetischen Polyneuropathie kommt es darauf an, genügend B-Vitamine aufzunehmen. B-Vitamine sind in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Spinat und anderem Gemüse enthalten. Reich an Vitamin B12 sind Fisch, Fleisch, Eier und Milch. Menschen, die sich vegan ernähren, leiden häufig unter einem Mangel an Vitamin B12 und können dieses Vitamin als Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. In geringen Mengen kommt dieses B-Vitamin in Hülsenfrüchten vor. Bei einer diabetischen Polyneuropathie wählen Sie magere Milchprodukte wie mageren Frischkäse, Quark oder mageren Joghurt. Mageres Fleisch wie Geflügel ist wertvoller als Schweinefleisch und andere fettreiche Fleisch- oder Wurstsorten.

Antioxidantien

Antioxidantien - Vitamin C und E, Alpha-Liponsäure, Zink, sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole und Beta-Carotin reduzieren oxidativen Stress, wirken protektiv und entzündungshemmend. Gute Quellen sind Karotten, Tomaten, Spinat, Brokkoli, Vollkorngetreide, Hafer und fermentierte Lebensmittel.

Zu vermeidende Lebensmittel

Verschiedene Lebensmittel können die Beschwerden bei einer Polyneuropathie verstärken und das Fortschreiten der Erkrankung begünstigen. Unabhängig davon, ob es sich um eine diabetische Polyneuropathie oder eine andere Form der Polyneuropathie handelt, stellen zuckerhaltige Getränke wie Cola und Limonaden eine Gefahr für einen steigenden Blutzuckerspiegel dar. Stattdessen greifen Sie zu Mineral- oder Leitungswasser, ungesüßten Früchte- oder Kräutertees oder Saftschorlen. Auch Weißmehlprodukte und Fertiggerichte wirken sich negativ auf die Erkrankung aus. In Fertiggerichten sind versteckte Fette und Zucker enthalten. Auch Geschmacksverstärker, die in Fertigprodukten enthalten sind, schaden der Gesundheit. Handelt es sich um eine alkoholtoxische Polyneuropathie, ist Alkohol für Sie tabu. Auch bei anderen Formen der Polyneuropathie ist Alkohol schädlich. Auch viele Formen der Polyneuropathie sind entzündlicher Natur.

Zimt und Curcumin

Pflanzen wie Zimt und Pflanzeninhaltsstoffe wie ­Curcumin zeigen vorteilhafte Effekte bei Chemotherapie-induzierter Polyneuropathie (CIPN). Dazu zählen der Schutz vor Degeneration der Axone, Verbesserung der endogenen antioxidativen Abwehr und Regulation der Apoptose von Nervenzellen. Cassia-Zimt (Chinesischer Zimt, Cinnamomum ­cassia) wird traditionell bei neurologischen Erkrankungen eingesetzt. Vor allem im ätherischen Öl ist Zimtaldehyd enthalten. Dieser reguliert iNOS, COX-2 und NF-KB bei neuroinflammatorischen Prozessen. Wässrige Extrakte von Zimtrinde und -zweigen zeigen analgetische Effekte. Die orale Gabe von Zimtrindenextrakten an Ratten mit CIPN reduzierte spinale Tumornekrosefaktor(TNF)-Spiegel und deaktivierte dosisabhängig spinale Astrozyten und Mikroglia - die Aktivierung der Sphingosin-1-phosphat-Rezeptor [S1PR1]-Signalisierung in den Astrozyten ist an der Entwicklung von neuropathischen Schmerzen beteiligt; Mikroglia werden bei Neuropathie übermäßig aktiviert. Coumarin aus C. cassia-Extrakten weist analgetische Effekte auf und kann Chemotherapie-induzierte Kälteallodynie lindern [9]. Echter Zimt (Ceylon-Zimt, Cinnamomum verum) wird aufgrund seiner antidiabetischen Eigenschaften in der traditionellen Phytotherapie begleitend zum Diabetesmanagement eingesetzt. Der Hauptbestandteil von Extrakten aus Rindenöl ist Zimtaldehyd, der Plasma-Glucosewerte zu senken scheint. Die Food and Drug Administration (FDA) führt Zimt als „substance generally recognized as safe (GRAS)“ auf. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) legte die täglich tolerierbare Menge bei einem Teelöffel Zimt pro Tag bzw. 0,1 mg/kg Körpergewicht fest. Neben der oralen Anwendung kann Zimt äußerlich bei PNP angewendet werden. Erfahrungen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zeigen, dass warme Fußbäder bei PNP Linderung verschaffen können. Der wärmende Effekt auf das Gewebe kann durch Zusätze von Zimtöl verstärkt werden.

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Weitere Therapieansätze

Neben der Ernährungsumstellung gibt es weitere Therapieansätze, die bei Polyneuropathie eingesetzt werden können:

  • Medikamentöse Therapie: Bei Missempfindungen und Schmerzen können bestimmte Medikamente, die direkt auf das Nervensystem wirken, wie Pregabalin oder Duloxetin, helfen, die Symptome zu lindern. Übliche Schmerzmittel gegen Kopf-, Gelenk- oder Magenschmerzen (Aspirin, Ibuprofen und weitere) sind nicht geeignet.
  • Bewegungstherapie: Eine ausreichende Bewegung im Alltag und spezielle kräftigende Übungen können helfen, die Symptome einer Polyneuropathie zu lindern. Sensomotorisches Training verbessert das Gleichgewicht sowie die Gangsicherheit.
  • Alpha-Liponsäure: Die Alpha-Liponsäure ist das einzige Nahrungsergänzungsmittel, das in den neurologischen Leitlinien zur Behandlung der PNP aufgelistet ist, und somit in der Regel von den Krankenkassen erstattet wird. Der Naturstoff ist sehr gut wirksam bei diabetischer PNP in Kombination mit entsprechender Diät und Sport. Bei anderen Formen der PNP ist die Wirkung derα- Liponsäure meistens geringer.
  • B-Vitamine: Zur Förderung der Nervengeneration von Patienten mit PNP setze ich B-Vitamine, insbesondere B1 und B12, aber auch Omega-3-Fettsäuren und bei entzündlicher Ursache hochdosiert Vitamin C und Zink ein. Zu Beginn der Behandlung bestimme ich den B-Vitaminspiegel im Blut und behandele bei niedrigem oder normalem Spiegel, um hier einen Spiegel am oberen Bereich oder leicht darüber zu erreichen. Denn die Normwerte für B-Vitamine sind Richtlinien für gesunde Patienten. Ich substituiere B-Vitamine nicht durchgängig, sondern 1 x im Quartal über einen Monat ­(1 x täglich 1 Tbl.).
  • Weitere: Zur Schmerzlinderung kommenα-Lipon­säure, CBD-Öl und medizinischer Cannabis zum Einsatz.

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