Das Gehirn, das aus etwa 86 Milliarden Nervenzellen besteht, die durch hunderte Billionen von Verbindungen miteinander verknüpft sind, spielt eine zentrale Rolle im Nervensystem. Es steuert Körperfunktionen durch elektrische und biochemische Signale, wobei Signalmoleküle, sogenannte Transmitter, eine entscheidende Rolle spielen. Erkrankungen des Gehirns können sowohl eng umschriebene Hirnfunktionen wie Gedächtnis und Muskelkontrolle als auch übergeordnete Funktionen wie Stimmung und Bewusstsein beeinträchtigen. Diese Beeinträchtigungen werden als neurologische bzw. psychiatrische Symptome bezeichnet.
Häufige neurologische Erkrankungen und ihre Auswirkungen
Neurologische Erkrankungen stellen eine große Herausforderung für Medizin und Gesellschaft dar. In den Statistiken zu globaler Krankheitslast und vorzeitigen Todesfällen gehören fünf der zehn wichtigsten Krankheiten zu diesem Bereich. Die Krankheitsbilder und ihre Ursachen sind vielfältig. Im Folgenden werden einige der häufigsten neurologischen Erkrankungen und ihre Auswirkungen auf das Gehirn näher erläutert:
Kopfschmerzen und Migräne
Kopfschmerzen und Migräne sind weit verbreitete Beschwerden. Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung leiden unter immer wiederkehrenden Spannungskopfschmerzen, während 12 bis 17 Prozent von Migräne betroffen sind. Vier Prozent leiden unter chronischen Kopfschmerzen. Migräneattacken gehen oft mit einseitigen Kopfschmerzen, Übelkeit sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit einher.
Chronische Rückenschmerzen
Chronische Rückenschmerzen, die länger als zwölf Wochen andauern, sind ein weiteres häufiges Problem. Betroffen sind 22 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer. Obwohl nicht jeder Rückenschmerz neurologisch bedingt ist, ist eine neurologische Abklärung in jedem Fall ratsam.
Ischämischer Schlaganfall
Ein ischämischer Schlaganfall entsteht durch den Verschluss von Blutgefäßen, was zu einer plötzlichen Durchblutungsstörung im Gehirn führt. Dies kann Lähmungen, Sprach- und Bewegungsstörungen verursachen. Jährlich erleiden 1,6 bis 2,4 Prozent der Deutschen einen Schlaganfall. Mit 9,5 Prozent ist der Schlaganfall eine der häufigsten Todesursachen. Hinter einem Schlaganfall stecken in den meisten Fällen Gefäßverschlüsse in den hirnversorgenden Arterien. Sie führen zu einer plötzlichen Durchblutungsstörung im Gehirn.
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Hirnblutungen
Hirnblutungen, die durch das Platzen undichter Blutgefäße entstehen, können ebenfalls zu Lähmungen, Sprach- und Bewegungsstörungen führen und werden ebenfalls als Schlaganfall gezählt. Sie sind die zweithäufigste Ursache für Schlaganfälle. Ursachen sind meist Bluthochdruck, Rauchen, Alkohol und Drogen. Betroffen sind 0,07 bis 0,15 Prozent der Bevölkerung.
Schädel-Hirn-Trauma
Schädel-Hirn-Traumata, oft Folge von Unfällen, können zu schweren Hirnverletzungen führen. Bei schweren Traumata kann es zu einem längeren Koma kommen, wobei 30 bis 40 Prozent der Betroffenen versterben. Jährlich erleiden etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung ein Schädel-Hirn-Trauma. Die Gehirnerschütterung ist die wohl bekannteste Form eines Schädel-Hirn-Traumas. Durch ein Schädel-Hirn-Trauma kann es auch zu Hirnblutungen - an jeder Lokalisation - kommen.
Demenz
Infolge degenerativer Hirnerkrankungen kommt es bei der Demenz zu Gedächtnisstörungen und Einschränkungen des Denkvermögens. Häufigste Formen der Demenz sind Alzheimer- und Gefäßerkrankungen. Demenzen treten bei 2 bis 3 Prozent der über 65-jährigen und 24 bis 50 Prozent der über 85-jährigen auf. In Deutschland leben ca. 1,4 Millionen Demenzkranke.
Parkinson-Krankheit
Durch fortschreitenden Ausfall des Gehirnbotenstoffs Dopamin kommt es bei der Parkinson-Krankheit zu Bewegungsstörungen in Form von Zittern, Muskelstarre oder Bewegungsarmut. Hierzulande gibt es 0,1 bis 0,2 Prozent Erkrankte, bei den über 65-jährigen steigt die Häufigkeit auf bis zu 1,8 Prozent an. 0,1 bis 0,2 Prozent der Deutschen leiden unter Parkinson, das sind bis zu 400.000 Menschen.
Multiple Sklerose (MS)
Bei der Multiplen Sklerose (MS) greift das eigene Immunsystem Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark an und zerstört sie. MS schreitet meist schubförmig mit zunehmenden Lähmungen fort und ist die häufigste neurologische Erkrankung mit bleibender Behinderung im jungen Erwachsenenalter. In Deutschland gibt es etwa 120.000 Erkrankte. Bei der Multiplen Sklerose (MS) reagiert das Immunsystem fehlerhaft und Nervenscheiden entzünden sich. Insgesamt ist sie die häufigste neurologische Erkrankung mit bleibenden Behinderungen im jungen Erwachsenenalter.
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Hirnhautentzündung (Meningitis)
Als Hirnhautentzündung (Meningitis) wird eine Entzündung der Rückenmarkshäute und Hirnhäute bezeichnet. Ist zusätzlich das Rückenmark entzündet, spricht man von einer Meningomyelitis.
Epilepsie
Krampfanfälle, die mit starken Entladungen von Nervenzellen im Gehirn einhergehen und auf einzelne Hirnregionen oder das gesamte Gehirn übergreifen, sind ein Kennzeichen der Epilepsie. An dieser schweren neurologischen Erkrankung leidet 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung, und bis zu 5 Prozent erleben einmalig auftretende epileptische Anfälle. Als epileptischer Anfall wird ein vorübergehender Zustand des Gehirns bezeichnet, bei dem es aufgrund einer pathologischen neuronalen Aktivität des Gehirns zu klinischen Symptomen kommt.
Polyneuropathien
Unter Polyneuropathien versteht man generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems. Zum peripheren Nervensystem gehören alle Strukturen, die außerhalb des Zentralnervensystems, d. h. Gehirn und Rückenmark, liegen: die motorischen, sensiblen und autonomen Nerven sowie ihre bindegewebigen Hüllstrukturen und die versorgenden Blut- und Lymphgefäße. Polyneuropathien machen sich oft durch ein an den Füßen beginnendes Taubheitsgefühl, Schmerzen und Lähmungen bemerkbar. Die Ursachen von Polyneuropathien sind vielfältig. Am häufigsten sind sie durch Zuckerkrankheit oder Alkoholmissbrauch verursacht.
Hirntumore
Auch im Gehirn können sich wie in anderen Organen Tumore bilden. Generell wird unterschieden zwischen primären Hirntumoren (bilden sich aus gut- oder bösartiger Hirnsubstanz bzw. Hirnhäuten) und sekundären Hirntumoren (Tochtergeschwülste bzw. Metastasen, die aus anderen Krebserkrankungen entstehen). Häufige Hirntumore sind Gliome, bestehend aus Bindegewebszellen des Gehirns, Meningeome, die von sich aus den Hirnhäuten heraus entwickeln, und Lymphome, die aus lymphatischem Gewebe entstehen.
Autoimmune Enzephalopathien
Autoimmune Enzephalopathien sind Hirnentzündungen, die durch fehlgeleitete Antikörper entstehen. Diese Antikörper, die eigentlich Krankheiten bekämpfen sollen, greifen das Gehirn an und zerstören es. Es gibt etliche Ausprägungen der Entzündungen, die sich an den Strukturen unterscheiden, gegen die sich die Antikörper richten. Die Symptome sind vielfältig, und jede Ausprägung ruft eine eigene Erkrankung hervor.
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Auswirkungen von COVID-19 auf das Gehirn
SARS-CoV-2 gehört nach jetzigem Wissensstand nicht zu den Viren, die bevorzugt Nervenzellen befallen, im Gegensatz etwa zum Herpesvirus. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass COVID-19 neurologische Symptome verursachen kann.
Mögliche Mechanismen
Es wird vermutet, dass das Virus ausgehend von den Schleimhäuten der oberen Atemwege den Riechnerven befällt und von dort aus das Gehirn erreicht. Auch infizierte Blutzellen könnten das Virus ins Nervensystem tragen.
Häufige neurologische Symptome
Zu den häufigen neurologischen Symptomen von Corona-Patienten zählen:
- Riechstörungen
- Kopfschmerzen
- Muskelschmerzen
- In schweren Fällen auch schwere Muskelentzündungen
- Bewusstseinsstörungen und Delir
- Erhöhtes Schlaganfallrisiko
- Entzündungen Gehirn und Rückenmark
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS)
Langzeitfolgen
Viele der neurologischen Symptome klingen wieder ab. Allerdings berichten Studien, dass ein kleinerer Teil der Betroffenen über anhaltende Riechstörungen, Muskelschmerzen oder Schwächeklagen. Folgen eines Schlaganfalls können hingegen lebenslang spürbar sein und bleiben. Selbiges gilt für die entzündlichen Komplikationen.
Neurodegenerative Erkrankungen
Neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und Chorea Huntington zeichnen sich durch eine fortschreitende Schädigung und den Tod von Nervenzellen aus. Im Verlauf der Erkrankung bilden sich Ansammlungen von fehlgefalteten Eiweißen im Gehirn, die man als Einschlusskörperchen oder Plaques bezeichnet. Diese Eiweißablagerungen stören die Funktion der Nervenzellen und beeinträchtigen die Gehirnfunktion.
Eiweißablagerungen und Proteostase
Eiweißablagerungen sind eine Folge von Eiweißfehlfaltung, durch die sich die dreidimensionale Struktur der Eiweiße verändert. Jede Zelle ist mit einem Abwehrsystem gegen Eiweißfehlfaltung ausgestattet, das als Proteostase bezeichnet wird. Es wird angenommen, dass die Fähigkeiten dieses Abwehrsystems mit dem Alter nachlassen, was zu Proteostasestörungen und zur Eiweißablagerung führt und somit neurodegenerative Erkrankungen begünstigt.
Defekte Abfallentsorgung in Nervenzellen
Eiweißablagerungen stören auch die Kommunikation der Nervenzellen untereinander innerhalb der neuronalen Netzwerke. Mithilfe von hochauflösender Elektronenmikroskopie wurden Veränderungen der Lysosomen, den zellulären Strukturen, die für die Abfallentsorgung zuständig sind, festgestellt. In Anwesenheit von Eiweißablagerungen waren die Lysosomen angeschwollen und schienen unverdautes Material zu enthalten.
Hyperaktivität der Nervenzellen
Überraschenderweise konnte bereits vor dem Eintreten der krankheitsbedingten Verhaltensänderungen eine erhöhte Aktivität der Nervenzellen festgestellt werden. Histologische Untersuchungen in Chorea Huntington-Mäusen und in humanem Chorea Huntington-Gehirngewebe sowie biochemische Analysen wiesen darauf hin, dass diese Hyperaktivität der Nervenzellen möglicherweise mit unzureichender synaptischer Hemmung im Zusammenhang steht.
Zusammenspiel von Körper und Psyche
Psychische Gesundheit und körperlicher Zustand sind eng miteinander verwoben. Chronische körperliche Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Schmerzen oder Autoimmunerkrankungen wirken sich nachweislich auf die psychische Gesundheit aus. Die körperlichen Beschwerden erzeugen oft Stress, Angstzustände, depressive Verstimmungen und Erschöpfungszustände. Umgekehrt beeinflussen psychische Belastungen körperliche Gesundheit negativ, etwa durch Stresshormone, die Entzündungen fördern und Heilungsprozesse verzögern.
Achtsamkeit für Körper und Geist
Achtsamkeit, also eine bewusste, nicht wertende Wahrnehmung aller körperlichen und psychischen Prozesse, ist ein Schlüssel, um die Wechselwirkungen von Körper und Psyche besser zu verstehen und zu bewältigen. Achtsamkeit hilft dabei, Symptome frühzeitig wahrzunehmen, Differenzen zwischen körperlichen und psychischen Ursachen zu erkennen und den Umgang mit Beschwerden insgesamt zu verbessern.
Selbstfürsorge für Körper und Geist
Selbstfürsorge ist ganzheitlich und umfasst Körper, Geist und Emotionen gleichermaßen. Kleine, praktikable Übungen und Achtsamkeitspraktiken können helfen, das Wohlbefinden langfristig zu stärken und Warnsignale frühzeitig zu erkennen. Dazu gehören:
- Achtsamkeit für den Körper im Alltag (Bodyscan, bewusstes Atmen, achtsames Gehen)
- Regelmäßige Bewegung und körperliche Aktivität
- Bewusste Pausen und Regeneration
- Grundhaltung der Selbstakzeptanz
Risikofaktoren für Demenz
Neben genetischen Faktoren spielen auch beeinflussbare Risikofaktoren eine Rolle bei der Entstehung von Demenz. Dazu gehören:
- Schwerhörigkeit
- Einnahme von Schlafmitteln und Co.
- Einnahme von Säureblockern
- Vitamin-D-Mangel
- Stress
- Unstabile Persönlichkeit (Neurotizismus)
- Einsamkeit
- Diabetes und Bluthochdruck
- Rauchen
- Luftverschmutzung
- Über- oder Untergewicht
- Depression
Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Bewegung, Normalgewicht, Verzicht auf Nikotin und maßvollem Alkoholkonsum kann das Demenzrisiko senken.