Jere Ikongio ist ein Künstler, der in Lagos und Berlin lebt und arbeitet. Seine Arbeit kombiniert neue Medien, Performance und immersive Kunst, um Infrastruktur, Identität und marginalisierte Geschichten zu beleuchten. Seine interdisziplinären Installationen rekontextualisieren Archive, um interaktive Erzählungen über die sozio-politische Realität von Städten zu schaffen, insbesondere von Lagos und Berlin.
Artist in Residency am Ligeti Zentrum
Das Ligeti Zentrum lobte im Rahmen des Programms „Artist and Scientists in Residency“ eine Ausschreibung unter dem Titel „Where Technology meets the Arts“ aus. Diese Ausschreibung sah eine explizite Beschäftigung mit den im Ligeti Zentrum angewandten Technologien vor. Ursprünglich war nur ein Stipendium für den sechswöchigen Zeitraum von März bis Mitte April vorgesehen. Das interdisziplinäre Auswahlkomitee entschied sich jedoch, zwei Bewerbungen zu berücksichtigen und vergab ein zweites Stipendium.
Jere Ikongios Vorschlag „Sonic Fabrics - Lagos to Hamburg Networks“ überzeugte das Komitee. Ausschlaggebend war nicht nur der geplante partizipative Einsatz des Record-o-mat von Joana Naomi Welteke und Nadja Rix, sondern auch die Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte Harburgs. Wie auch Moisés Horta Valenzela setzte Jere Ikongio ein individuelles partizipatives Format um.
Sonic Fabrics: Lagos to Hamburg Networks
Ikongios Projekt „Sonic Fabrics - Lagos to Hamburg Networks“ thematisiert die koloniale Geschichte Harburgs und die Handelsnetzwerke, die Westeuropa mit Westafrika verbanden. Um 1880 wurde fast ein Drittel des gesamten Überseehandels nach Westafrika im Hamburger Hafen umgeschlagen, darunter auch die sogenannten „Dutch Wax Fabrics“.
Die Technik, Textilien zu färben, stammte ursprünglich aus Indonesien und gelangte über Händler der East India Trading Company nach Europa. Die traditionellen Muster wurden kopiert, industriell vervielfältigt und schließlich von den Niederlanden aus insbesondere an die Goldküste (das heutige Ghana) und nach Benin (das heutige Nigeria) exportiert.
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Der Record-o-mat als interaktives Element
Zentrales Element von Ikongios Projekt war der Record-o-mat. Der Record-o-mat ist eine interaktive Klanginstallation, die von Joana Naomi Welteke und Nadja Rix entwickelt wurde. Er verbindet einen Algorithmus mit einem Aufnahme- und Abspielgerät. Mithilfe einer eigens entwickelten Software fragmentiert der Record-o-mat Tonaufnahmen und setzt sie in zufälliger Reihenfolge wieder zusammen. Die Installation befindet sich entweder in einer tragbaren Box oder in einer umgestalteten Telefonzelle und lädt Passanten zur Teilhabe ein.
Partizipatorische Installation im Gloriatunnel
Im Rahmen der SuedLese fand am 9. April im Gloriatunnel am Bahnhof Harburg eine partizipatorische Installation und Performance statt. Direkt vor dem Kulturwohnzimmer e.V. entstand ein öffentlicher Begegnungsraum, in dem Passanten eingeladen waren, sich mit ihrer Stimme aktiv an der multimedialen Darbietung zu beteiligen. Zentraler Bestandteil war der Record-o-mat.
Interweaving Borderlands: Abschluss des Residenzprogramms
Den Abschluss des Residenzprogramms bildete die Veranstaltung „Interweaving Borderlands“. Zunächst stellte Moisés Horta Valenzuela seine während des sechswöchigen Aufenthalts am Ligeti Zentrum entwickelte Spatial-Audio-Komposition vor. Im Anschluss präsentierte Jere Ikongio eine multimediale Performance, in der sich historische Bezüge, Klang und visuelle Elemente miteinander verbanden.
Dutch Wax Fabrics, die sowohl im Raum ausgebreitet als auch vor den Fenstern arrangiert waren, stellten vor der Kulisse Harburgs eine sichtbare Verbindung zwischen Hamburg und Lagos her. Ikongio kombinierte verschiedene Klangerzeuger mit dem Record-o-mat, wobei er eigene Klänge mit historischen und aktuellen Tonaufnahmen verwob, deren Herkunft sich nicht immer eindeutig bestimmen ließ. Die Projektion von Archivbildern aus Harburg und aktuellen Aufnahmen aus Nigeria ergänzte die Klanglandschaft und unterstrich die thematische Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart. In einem performativen Teil setzte sich Ikongio mit kolonialer Geschichte, Erinnerung und Öffentlichkeit auseinander.
Jere Ikongio und Jeremias: Einblick in die Musikszene
Ein Interview mit Jere Ikongio und Olli von Jeremias gibt Einblicke in ihren musikalischen Werdegang und die Musikszene Hannovers.
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Musikalische Anfänge und gegenseitige Inspiration
Olli erzählt, dass seine Musiksozialisation mit einer alten VHS begann, auf der jemand Akustikgitarre spielte. Daraufhin bearbeitete er seine Eltern so lange, bis er eine E-Gitarre bekam. Jere hingegen wuchs in einem musikalischen Haushalt auf.
Die beiden lernten sich 2015 über eine gemeinsame Freundin kennen. Am Anfang war es ein Abtasten, dann wurden sie gute Freunde und irgendwann hatten sie Lust, Musik zu machen. Mit Ben und Jonas, den anderen beiden Bandmitgliedern, war es pragmatischer: Sie brauchten einen Bassisten und einen Schlagzeuger, und plötzlich waren die passenden Leute da.
Die Musikszene in Hannover
Hannover ist zwar keine riesengroße Stadt, aber es gibt viele kreative Menschen. Die Band lernte ihren Bassisten Benni über die Musikszene in Hannover kennen. Ihren Proberaum haben sie in einem großen Komplex in Herrenhausen, in dem etwa zehn Bands proben, mit denen sie befreundet sind. Die vielen jungen, musikalisch talentierten Leute, die alle Lust auf die weite Welt haben, befruchten sich gegenseitig.
Jere beschreibt die aktuelle Situation in Hannover als sehr positiv. Sie haben alle viel zu tun, haben ihren Raum, kennen die Leute und können sich gut konzentrieren. Er glaubt, dass es gut ist, noch hier zu wachsen, so behütet.
Durchbruch und Corona-bedingte Zwangspause
2019 war ein erfolgreiches Jahr für die Band. Sie veröffentlichten ihre Debüt-EP, spielten auf Festivals und als Support für andere Bands. Anfang 2020 spielten sie sogar ihre eigene Headliner-Tour.
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Olli sagt, dass keiner von ihnen das schon so richtig realisiert hat. Wenn man selbst so tief drin steckt und jeden Tag neun Stunden arbeitet, kommt einem alles kleinschrittiger vor, als es vielleicht nach außen wirkt.
Jere ergänzt, dass er es überhaupt nicht realisiert, dass sie eine Deutschland-Tour gespielt haben, die zu 90 % ausverkauft war. Er findet, dass man durch Corona wieder so sehr in seiner eigenen Blase ist, dass man vergisst, was schon alles war.
Trotz der Corona-bedingten Absagen von Konzerten und Festivals waren sie privilegiert, 18 Shows in diesem Jahr spielen zu können.
Ziele und musikalische Einflüsse
Von Anfang an war es das Ziel der Band, die Musik ganz oder gar nicht zu machen. Keiner von ihnen hatte Lust auf etwas anderes. Es war immer der Drang da, das Ganze so weit wie möglich zu bringen und die Chance zu ergreifen.
Die Texte schreibt Jere alleine. Sie sind autobiografisch, weil es für ihn wahrscheinlich am einfachsten ist und er ein Mitteilungsbedürfnis hat. Die Kombination mit seinem Hang zur deutschen Poesie formt das Ganze. Er feiert Maeckes und Clueso und ist von den Texten von Matze von Heisskalt stark geprägt.
Musikalisch entsteht alles im Proberaum. Sie jammen viel und probieren Sachen aus. Inzwischen hat jeder seinen Arbeitsflow und weiß, was zu tun ist, um ihren Sound zu konstruieren.
Olli findet es wichtig, dass Songs eine Atmosphäre schaffen, einen Vibe. Er hört gerade das neue Album von Tom Misch „What Kinda Music“ rauf und runter. Keiner von ihnen ist auf ein Genre festgelegt. Jere findet es geil, eine gute Hook zu haben, die nicht nur eingängig ist, sondern einen Charakter hat.
Zukunftspläne und Ratschläge
Die Band weiß noch nicht genau, was die Zukunft bringt. Sie wollen durchziehen und nicht hängen bleiben. Es gibt so viele Hänger, gerade in ihrer Generation. Das Problem ist, dass viele eigentlich gute Musiker sind, aber der gute Musiker in ihnen am Hänger verloren geht.