Kreativität trotz Krankheit: Wie Parkinson und Huntington das künstlerische Schaffen beeinflussen können

Parkinson und Huntington sind neurodegenerative Erkrankungen, bei denen Nervenzellen im Gehirn nach und nach absterben. Dies betrifft insbesondere Regionen, die für Bewegung, Denken und Stimmung entscheidend sind. Beide Krankheitsbilder greifen tief in das Nervensystem ein, verändern Motorik und Wahrnehmung und stellen Betroffene sowie Angehörige vor große Herausforderungen. Doch inmitten dieser schweren Symptome tritt ein überraschendes Phänomen auf: Manche Patientinnen oder Patienten berichten von einem neuen Drang, kreativ tätig zu werden. Sie beginnen zu malen, zu musizieren oder Gedichte zu schreiben. Andere wiederum erleben das Gegenteil: ihre Kreativität versiegt.

Die Rolle des Gehirns bei Parkinson und Huntington

Das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes Netzwerk, in dem verschiedene Areale miteinander verschaltet sind und in Schleifen arbeiten, die Bewegungen planen, Motivation steuern und Gedanken flexibel machen. Besonders wichtig sind dabei Botenstoffe, die zwischen Nervenzellen vermitteln. Einer dieser Botenstoffe ist Dopamin, der eine Schlüsselrolle für Antrieb, Belohnung und Flexibilität spielt. Bei Parkinson und Huntington werden genau jene Nervenzellen geschädigt, die Dopamin produzieren oder mit ihm arbeiten. Dies bringt die fein abgestimmte Balance der Netzwerke ins Wanken - und damit auch viele Fähigkeiten, die wir für selbstverständlich halten.

Parkinson: Dopaminmangel und seine Folgen

Bei Parkinson sterben schrittweise Nervenzellen in der Substantia Nigra ab, einer Region im Mittelhirn, die entscheidend für die Produktion des Neurotransmitters Dopamin ist. Fehlt dieses Dopamin nun, geraten die Schaltkreise der Basalganglien aus dem Gleichgewicht. Die Basalganglien sind eine Gruppe von Hirnstrukturen, die sich tief im Inneren unseres Gehirns befinden. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist die Initiierung und Steuerung von Bewegungsabläufen, die Entscheidung darüber, was ausgeführt, was gestoppt wird. Sie sorgen so dafür, dass wir gezielt und kontrolliert handeln können. Damit das gelingt, benötigen die Basalganglien Dopamin. Dopamin verstärkt die Signale für Bewegungen, die ausgeführt werden sollen und schwächt gleichzeitig jene, die unterdrückt bleiben sollen. Ist nicht ausreichend Dopamin vorhanden, kommen gewollte Bewegungen schwer in Gang, laufen stockend ab oder lassen sich nicht rechtzeitig stoppen. Bei Betroffenen von Parkinson äußert sich dies in Symptomen wie Zittern, Bewegungsverlangsamung oder Muskelsteifheit.

Das Dopamin in den Basalganglien beeinflusst allerdings nicht nur den Bewegungsapparat. Es ist auch eng mit Motivation, Belohnung und geistiger Flexibilität verknüpft. Es hilft uns Entscheidungen zu treffen, Neues auszuprobieren und unser Verhalten an veränderte Gegebenheiten anzupassen. Hinzu kommen daher häufig Symptome wie Antriebslosigkeit, depressive Verstimmungen und eine kognitive Rigidität - das Festhalten an Denk- und Handlungsmustern.

Huntington: Genetische Ursache und zweiphasiger Verlauf

Bei Huntington liegt die Ursache etwas tiefer, denn die Krankheit ist genetisch bedingt. Durch eine Mutation im sogenannten Huntingtin-Gen beschädigt ein fehlerhaftes Protein Nervenzellen. Besonders betroffen ist zunächst das Striatum, ein zentraler Teil der Basalganglien, welches eng mit der Substantia Nigra aber auch der Großhirnrinde zusammenarbeitet. Später weitet sich diese Neurodegeneration - die Rückbildung von Nervenzellen - auch auf andere Hirnregionen aus. Das Striatum erfüllt im Zusammenspiel mit den übrigen Strukturen der Basalganglien eine Art Schaltfunktion. Es bewertet, welche Handlungen sinnvoll sind, filtert unnötige Bewegungen heraus und passt unser Verhalten an Ziele und Situationen an. Die Nervenzellen im Striatum sind besonders empfindlich gegenüber der Mutationen, die Huntington verursacht. Sie gehen besonders früh im Krankheitsverlauf verloren, was weitreichende Folgen für Motorik, Stimmung und Denken hat. Betroffene entwickeln unwillkürliche Bewegungen, die als Chorea bezeichnet werden. Arme, Beine oder Gesichtsmuskeln bewegen sich plötzlich, ruckartig und unwillkürlich. Auch hier steckt dahinter eine Fehlsteuerung im dopaminergen Gleichgewicht. In den frühen Stadien der Erkrankung herrscht häufig eine Überaktivität von Dopamin. Bewegungen entgleiten der Kontrolle, Betroffene wirken unruhig, manchmal auch reizbar und euphorisch.

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Mit Fortschreiten der Krankheit kippt das Bild. Das Dopamin ist erschöpft, die Nervenzellen sterben weiter ab und es kommt zum Dopaminmangel. Bewegungen verlangsamen sich, Antrieb und Motivation schwinden, ebenso nehmen kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit oder Gedächtnis ab. Auch Huntington betrifft somit nicht bloß die Motorik. Auch emotionale Regulation und kognitive Flexibilität geraten durch die Beteiligung von Striatum und Kortex aus dem Gleichgewicht. Viele Betroffene erleben starke Stimmungsschwankungen, von Reizbarkeit bis Depression, sowie zunehmende Schwierigkeiten, Handlungen zu planen oder sich auf Neues einzustellen.

Die beiden Erkrankungen sind zwar durchaus ähnlich. Doch während bei Parkinson von Beginn an ein Mangel an Dopamin besteht, der Bewegungen verlangsamt und das Denken zum Stocken bringt, zeigt Huntington einen zweiphasigen Verlauf mit einem anfänglichen Dopaminüberschuss mit überschießenden Bewegungen und Unruhe, gefolgt von einem Mangel durch den fortschreitenden Zelltod dopaminerger Neuronen, der zu Antriebslosigkeit und kognitiven Abbau führt.

Kreativität im Wandel: Die Rolle des Dopamins

Kreativität ist schwer zu greifen, doch allgemein wird sie beschrieben als die Fähigkeit, etwas Neues zu schaffen. Dieses „Neue“ kann ein Bild oder ein Gedicht sein, aber ebenso gut auch eine Idee im Alltag oder eine Lösung für ein Problem. Es geht also nicht nur um das Schaffen von Kunstwerken, sondern vielmehr um den kreativen Ansatz, die Art und Weise wie an ein Vorhaben herangegangen wird. Kreativität ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die essentiell mit unserer Wahrnehmung, unserem Denken und unserer Motivation verbunden ist. Eine Schlüsselrolle dabei spielt erneut: der Neurotransmitter Dopamin!

Dopaminerge Nervenzellen feuern nicht einfach zufällig, sondern mit einer besonderen Logik: Sie reagieren auf Vorhersagefehler - also auf die Differenz zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was tatsächlich eintritt. So signalisiert Dopamin dem Gehirn, wie wichtig eine neue Information ist und ob es sich lohnt, unser Modell der Welt anzupassen. Man könnte sagen: Dopamin entscheidet, ob wir offen für Neues sind oder lieber beim Bekannten bleiben. Ist die dopaminerge Aktivität zu schwach, werden Vorhersagefehler kaum beachtet. Unser Denken verharrt in alten Mustern, Neues dringt nicht durch - Kreativität nimmt ab. Bei einem mittleren, ausgewogenen Maß jedoch werden Vorhersagefehler präzise gewichtet: Das Gehirn ist flexibel, bewertet Überraschungen als bedeutsam, probiert neue Verknüpfungen und bringt so kreative Ideen hervor. Gerät die dopaminerge Aktivität aber ins andere Extrem, werden selbst kleinste Abweichungen als bedeutsam markiert. Alles wirkt plötzlich wichtig, die Gedanken überschießen, Ideen sprudeln unkontrolliert und verlieren leicht ihre innere Kohärenz.

Neurodegeneration und Kreativität: Ein komplexes Zusammenspiel

Genau hier setzt die aktuelle Forschung zu Parkinson und Huntington an. Beide Erkrankungen betreffen Hirnregionen, in denen Dopamin eine Schlüsselrolle spielt - vor allem die Basalganglien und das Striatum. Wird dieses Gleichgewicht gestört, geraten nicht nur Bewegungen aus dem Takt, sondern auch die Balance zwischen Stabilität und Flexibilität im Denken - und damit die Grundlagen kreativen Handelns. Studien zeigen: Ein Dopaminmangel, wie er bei unbehandeltem Parkinson typisch ist, führt zu kognitiver Starrheit, verminderter Aufmerksamkeit und einem Verlust kreativer Offenheit. Ein Dopaminüberschuss, etwa durch Medikamente oder in frühen Stadien von Huntington, kann dagegen einen regelrechten kreativen Drang auslösen - oft jedoch begleitet von Zwanghaftigkeit oder Überproduktion. Gross und Schooler beschreiben dies als „atypische Salienz“: Das Gehirn markiert plötzlich auch eigentlich nebensächliche Eindrücke als bedeutsam, was in milder Form neue Verknüpfungen und Ideen begünstigt, in extremer Ausprägung jedoch ins Chaotische kippen kann.

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Kreative Therapie als Fenster ins Gehirn

Ein spannender Ansatz kommt aus Wien: Das Artis-Lab unter der Leitung von Matthew Pelowski schlägt vor, Kreativität bei neurodegenerativen Erkrankungen nicht bloß als Nebenprodukt gestörter Neurochemie zu betrachten, sondern als Fenster in die Funktionsweise des Gehirns. Forschende wie Pelowski und Spee betonen, dass Kreativität in diesem Kontext nicht nur ein Symptom ist, sondern eine Ressource. Gerade dort, wo Sprache oder Motorik versagen, eröffnen künstlerische Tätigkeiten neue Wege des Ausdrucks. Sie helfen Patient:innen, ihre Identität zu bewahren, Resilienz aufzubauen und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Gleichzeitig bietet die Auseinandersetzung mit Kreativität der Wissenschaft ein einzigartiges Modell, um zu verstehen, wie neurobiologische Veränderungen schöpferische Prozesse beeinflussen - und wie man diese vielleicht gezielt therapeutisch fördern kann.

Julia Sternheimer-Völcker: Ergotherapie und Tipps für den Alltag mit Parkinson

Die Ergotherapeutin Julia Sternheimer-Völcker hat sich auf die Betreuung von Parkinson-Patienten spezialisiert und weiß, wo deren Schwierigkeiten im Alltag liegen. Ihre speziell entwickelten Tipps und Tricks für den Alltag helfen, schwierig gewordene Bewegungen richtig auszuführen und selbstständig zu bleiben. Das Programm ermöglicht es Patienten, komplizierte Bewegungsabläufe (z. B. Schuhe binden) selbstständig auszuführen, Kniffe anzuwenden, die Alltagssituationen erleichtern, wie die Spülmaschine auszuräumen oder mit der Computermaus zu arbeiten, und so lange wie möglich ein unabhängiges Leben zu führen. Die Zusammenarbeit mit ihren Patienten ist immer durch einen intensiven Austausch geprägt, damit die Ziele und Bedürfnisse des Menschen in der Therapie berücksichtigt werden können. Die Grundlage für viele Tipps ist in der Tatsache begründet, dass das menschliche Gehirn bis ins hohe Alter die Fähigkeit zum Lernen besitzt.

Das Parkinsonnetzwerk Münsterland+: Verbesserte Versorgung durch Vernetzung

Das Parkinsonnetzwerk Münsterland+ (PNM+) will eine interdisziplinäre Versorgung nach einheitlichen Standards etablieren, und das digital gestützt. Der Informationsfluss zwischen allen Beteiligten soll einfacher und schneller werden, dadurch sollen sich Diagnose und Therapie verbessern. Vorbild ist das holländische ParkinsonNet, das seit 2004 existiert. Diverse Standards haben seitdem nachweisbar zu positiven Effekten bei der Versorgungsqualität und der Lebensqualität der Betroffenen geführt. Innerhalb des PNM+ sieht man, dass Patienten leichteren Zugang zu Therapien haben und davon profitieren. Die Beteiligten loben die Struktur, die AbbVie in den Prozess gebracht hat. AbbVie unterstützt organisatorisch und inhaltlich die Projekttreffen. Dabei geht es vorrangig um die Besprechung konkreter Maßnahmen, also das Schließen von regionalen Versorgungslücken. Unter anderem werden zur Behebung der Schnittstellenproblematik sogenannte Quickcards entwickelt, jeweils eine Karte für eine Schnittstelle und ein Thema. Die Quickcards helfen, die richtigen Informationen weiterzugeben, das kann so banal wie zum Beispiel das konkrete Symptom sein, weshalb ein Patient Physiotherapie verschrieben bekommt. Gleichzeitig sind auf diesen Karten aktuelle medizinische Informationen zu Symptomen, Screening- und Behandlungsmöglichkeiten zusammengefasst, was zu einer konstanten Weiterbildung führt und das Wissen unter den Versorgungsexperten in der Region standardisiert. Das hilft, den Versorgungsstandard flächendeckend zu optimieren und gleichzeitig zu vereinheitlichen.

Offene Fragen und aktuelle Forschung

Die bisherigen Befunde sind allerdings uneindeutig. Einige der von Parkinson Betroffenen berichten von einem kreativen Aufschwung - teils durch Medikamente angestoßen -, andere fühlen sich geistig starrer und weniger ideenreich. Auch bei Huntington ist das Bild vielschichtig: Während einige Betroffene in frühen Stadien mehr Ausdruckslust zeigen, verlieren andere im Verlauf die Fähigkeit zu kreativem Denken und Handeln. Diese Spannbreite macht deutlich: Kreativität ist kein einheitliches Symptom, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Neurobiologie, Persönlichkeit, Krankheitsverlauf und sozialem Umfeld. Hinzu kommt, dass die Forschungslage bislang noch dünn ist. Viele Erkenntnisse stammen aus Einzelfallberichten oder kleinen Stichproben. Größere, kontrollierte Studien werden derzeit von Forschenden etwa des Artis-Lab der Universität Wien durchgeführt. Erste Pilotarbeiten - etwa die von Spee und Kolleg:innen, die eine co-designte Kunsttherapie für Parkinson erprobten - deuten zwar auf positive Effekte hin, darunter weniger Angst, gesteigertes Wohlbefinden und leichte Verbesserungen kognitiver Flexibilität. Doch bleibt offen, ob diese Effekte stabil sind, ob sie für alle Patient:innen gelten und welche genauen Effekte im Zuge der medikamentösen Therapie entstehen. Die Wiener Forschung gibt hier noch weitere spannende Ausblicke: Neben der Arbeiten von Pelowski, Spee und Angermair untersuchen andere Forschende neurokognitive Modelle der Kreativität und testen ihre Tragfähigkeit für Krankheitsprozesse und Therapien. Schmid und Crone an der Universität Wien betrachten etwa, wie sich neurobiologische Mechanismen der Kreativität experimentell modellieren lassen - ein Ansatz, der langfristig auch helfen könnte, Kunsttherapien gezielter einzusetzen.

Entscheidende Fragen bleiben damit vorerst unbeantwortet: Wann, wie und für wen wird Kreativität zur Ressource? Inwiefern spiegelt sie Dysbalancen neurodegenerativer Prozesse wider? Und wie können die Erkenntnisse gezielt in kreativen Therapieansätzen genutzt werden? Es bleibt abzuwarten, was die aktuelle Forschung herausfindet.

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Fazit

Parkinson und Huntington sind komplexe Erkrankungen, die nicht nur die Motorik, sondern auch die Kreativität beeinflussen können. Die Forschung hat gezeigt, dass Dopamin eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Kreativität spielt und dass Störungen im Dopaminhaushalt, wie sie bei Parkinson und Huntington auftreten, sowohl zu einem Verlust als auch zu einem Aufschwung der Kreativität führen können. Kreative Therapien bieten einen vielversprechenden Ansatz, um Patient:innen zu helfen, ihre Identität zu bewahren, Resilienz aufzubauen und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Die aktuelle Forschung konzentriert sich darauf, die neurobiologischen Mechanismen der Kreativität besser zu verstehen und gezielte Therapieansätze zu entwickeln.

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