Spastische Syndrome, oft Folgen einer infantilen Zerebralparese (IZP), zeichnen sich durch stark angespannte, unkontrollierte Muskeln aus, die leicht verkrampfen und zu Lähmungen führen können. Diese Beeinträchtigungen des Muskelwachstums, insbesondere die Verkürzung und der Elastizitätsverlust der Muskulatur, erfordern spezielle Behandlungsansätze, um die Mobilität und Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Orthopädische Schuhe und Orthesen spielen dabei eine zentrale Rolle.
Orthopädische Schuhe nach Maß: Individuelle Lösungen für spastische Füße
Schmerzen, Fußfehlstellungen und eingeschränkte Mobilität können den Alltag von Menschen mit Spastik erheblich beeinträchtigen. Standard-Schuhe passen oft nicht richtig und verschlimmern die Beschwerden. Orthopädische Schuhe nach Maß bieten hier eine individuelle Lösung, die speziell auf die Bedürfnisse der Füße abgestimmt ist.
Vorteile maßgefertigter Schuhe
Maßgefertigte orthopädische Schuhe bieten optimalen Schutz und fördern - je nach Krankheitsbild - die Heilung. Die Form des Schuhs wird exakt auf das Krankheits- und Gangbild abgestimmt. So kann er beispielsweise nach einer Sprunggelenksverletzung für Stabilität sorgen oder geschädigte Nervenfüße bei Diabetes schonend betten, um Verletzungen und Druckgeschwüre zu vermeiden. Auch nach Amputationen können Maßschuhe die Funktion fehlender Gliedmaßen ersetzen und Mobilität zurückgeben, ohne dass eine Prothese benötigt wird.
Ein orthopädischer Straßenschuh ist ein individuell angefertigtes Hilfsmittel, das speziell auf die gesundheitlichen Bedürfnisse seiner Träger:innen abgestimmt ist. Verordnet vom Arzt, zeichnen sich maßgefertigte Schuhe durch besondere Merkmale aus, die gezielt Fußprobleme wie Fehlstellungen oder Verletzungen behandeln und präventiv wirken. Diese Gesundheitsschuhe werden in Handarbeit gefertigt und passen sich der individuellen Anatomie exakt an. Sie kommen zum Einsatz, wenn krankheitsbedingte Einschränkungen das Gehen erschweren oder wenn Maßnahmen wie Krankengymnastik oder orthopädische Einlagen nicht ausreichen. In manchen Fällen kann eine orthopädische Schuhzurichtung - also eine Anpassung an normalen Straßenschuhen - eine Alternative sein, ebenso wie orthopädische Einlagen, wenn der Gesundheitszustand dies zulässt.
Medizinische Funktionalität und ansprechendes Design
Orthopädische Schuhe (Maßanfertigungen) vereinen medizinische Funktionalität mit individuellem Komfort und ansprechendem Design. Durch eine exakte Vermessung und Fertigung passen sich die Schuhe perfekt an die Fußform an und bieten so optimalen Halt und Schutz. Medizinisch überzeugen sie durch ihre Fähigkeit, die Haltung zu verbessern, Schmerzen zu lindern und Fußfehlstellungen gezielt zu unterstützen. Dabei muss nicht auf Stil verzichtet werden: Modernes, ästhetisches Design zeigt, dass Funktion und Eleganz harmonieren können.
Lesen Sie auch: Ratgeber: Schuhe bei Parkinson
Der Weg zum passgenauen Schuh
- Persönliche Beratung und Bedarfsanalyse: In einem Sanitätshaus werden gemeinsam mit einem ausgebildeten Orthopädieschuhtechniker die Beschwerden und Anforderungen besprochen. Dabei wird genau ermittelt, welche Unterstützung die Füße benötigen.
- Vermessung mit modernster Technik: An den Füßen wird Maß genommen, ein Druckprofil erstellt und eine Gangbildanalyse durchgeführt. Diese Daten liefern die Grundlage für die passgenaue Fertigung der Maßschuhe.
- Handgefertigte Produktion durch erfahrenes Fachpersonal: Zunächst wird ein Holzleisten-Schuh gefertigt, der die genaue Form der Füße widerspiegelt.
- Anpassung und individuelle Nachbearbeitung: Sobald der Probeschuh perfekt sitzt, wird in sorgfältiger Handarbeit der finale orthopädische Schuh hergestellt. Die gesamte Produktionszeit beträgt etwa sechs Wochen.
Wichtige Hinweise zur Eingewöhnung
Wie jeder andere Schuh auch, müssen orthopädische Spezialschuhe „eingetragen“ werden. Um für Stabilität und Druckentlastung zu sorgen, haben viele orthopädische Maßschuhe eine höhere Sohle als üblich. Patientinnen sollten sich nicht verunsichern lassen, falls sich zu Beginn doch noch Druckstellen an den Füßen entwickeln. Gerade Diabetikerinnen sollten allerdings gezielt auf die Orthopädie ihrer Füße achten und besondere Vorsicht walten lassen. Bleiben die Druckstellen bestehen, muss der Schuh ggf. angepasst werden. Es ist ratsam, sich von den Orthopädieschumacherinnen beraten zu lassen, die den Schuh gefertigt haben, und auch bei weiteren Fragen mit den qualifizierten Orthopädieschuhtechnikerinnen in Kontakt zu bleiben.
Kosten und Erstattung
Maßgefertigte Schuhe sind in der Herstellung natürlich weitaus teurer als Konfektionsschuhe. Die Kosten für orthopädische Maßschuhe werden von den gesetzlichen Kassen erstattet, wenn vor dem Kauf eine entsprechende Bewilligung erfolgt ist. Dazu braucht es die ärztliche Verordnung und den Kostenvoranschlag des Sanitätshauses. Beide müssen beim zuständigen Sachbearbeiter der Kasse vorab eingereicht werden. Viele Krankenkassen haben Sanitätshäuser als feste Kooperationspartner. Dies kann die organisatorischen und finanziellen Abläufe wesentlich erleichtern.
Orthesen: Unterstützung und Korrektur bei Spastik
Orthesen dienen in erster Linie der Fixierung oder Korrektur bei Gliedmaßendeformitäten und Haltungsfehlern. Sie ermöglichen durch die Unterstützung der Gelenkfunktion ein physiologisches Gehen. Entscheidend dafür sind Verarbeitungsqualität, Funktion und Passgenauigkeit.
Ziel der orthetischen Versorgung
Ziel einer orthetischen Versorgung bei Patienten mit Spitzfuß und Kniebeugekontrakturen ist es, die Streckung im Kniegelenk zu erreichen, um einen möglichen Kauergang zu verhindern und die Spastik zu hemmen. Wichtig bei einer Spastik ist das Erreichen einer Spastikhemmung durch redressive informative Orthetik.
Der Hessingschuh
Das Hauptelement bei dieser Form der Spastikhemmung ist der sogenannte Hessingschuh. Der Hessingschuh ist ein knöchelübergreifender Leder- oder Kunststoffschuh. Es werden zwei Ausführungen des Hessingschuhs hergestellt: mit einer kurzen oder mit einer langen Sohlenplatte. Um einen Kauergang zu verhindern bzw. zu reduzieren, kann der Hessingschuh eingesetzt werden.
Lesen Sie auch: Parkinson-Schuhe für verbesserte Lebensqualität
- Hessingschuh mit kurzer Sohlenplatte: Führt zur Extension in den Zehengrundgelenken in der terminalen Standphase. Dadurch schwingt die Tibia nach vorn über die Vertikale hinaus. Die Beweglichkeit im OSG hängt von der eingestellten Beweglichkeit der Knöchelgelenke an der Orthese ab.
- Hessingschuh mit langer Sohlenplatte: Führt zur Extension des Kniegelenkes in der Standphase. Wenn das Körperlot über das OSG nach vorne verschoben wird, erfolgt keine Flexion in den Zehengrundgelenken, und die Kraft der Tibia wird auf die Ferse zurückverlagert. Der Abrollvorgang des Fußes bricht somit ab, da die Ferse kurz nach der Anhebung wieder auf den Boden zurückgedrückt wird. Bei weiterer Verlagerung des Rumpfes nach vorn zur Einleitung der kontralateralen Standbeinphase muss das Kniegelenk gestreckt werden.
Unterschenkelorthesen bei spastischem Spitzfuß
Eine Studie von Dr. med. Amuthalingam S, Diedrichs V. untersuchte die unterschiedliche Funktionalität von kurzer und langer Sohlenplatte bei Unterschenkelorthesen zur Versorgung eines spastischen Spitzfußes.
Moderne Neuro-Orthesen: Innovative Lösungen für neurologische Erkrankungen
Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose (MS), Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Rückenmarksverletzungen, Bandscheibenvorfälle und Parkinson können zu vielfältigen Einschränkungen führen, darunter Paresen, Fußheberschwächen, Taubheitsgefühle, Muskelsteifheit, Gangunsicherheiten und Spastiken. Um die Therapie und Rehabilitation zu unterstützen, kommen technische Lösungen wie orthopädische Hilfsmittel infrage, die speziell auf die Bedürfnisse von Neurologie-Patienten abgestimmt sind.
Neuro-Orthetik: Unterstützung und Verbesserung der Funktionalität
Der Begriff „Neuro-Orthetik“ bezieht sich auf die Verwendung von orthopädischen Hilfsmitteln (Orthesen) zur Unterstützung und Verbesserung der Funktionalität bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Orthesen können Muskelschwäche kompensieren, Gelenke stabilisieren, das Gleichgewicht verbessern und die Beweglichkeit fördern. Es gibt verschiedene Arten von Orthesen, darunter Fußorthesen (auch Ankle Foot Orthosis (AFO) / Unterschenkelorthese bzw. Knöchel-Fuß-Orthese), Knieorthesen, Rückenorthesen, Schulterorthesen und Handgelenksorthesen.
Funktionsweise von Neuro-Orthesen
Neuro-Orthesen bieten innovative Lösungen zur Unterstützung und Verbesserung motorischer Funktionen bei neurologischen Erkrankungen, indem sie modernste Technik und medizinische Expertise kombinieren. Sie können sowohl passive als auch aktive Komponenten enthalten:
- Passive Unterstützung: Stabilisierung, Positionierung und Druckverteilung zur Vermeidung von Druckstellen und Geschwüren.
- Aktive Unterstützung: Elektrostimulation (FES) zur Förderung der Muskelkontraktion, motorisierte Komponenten zur Unterstützung von Bewegungen und Sensoren zur Überwachung von Bewegungen und Muskelaktivitäten.
Einsatzgebiete von Neuro-Orthesen
- Fußheberschwäche (z.B. bei Schlaganfallpatienten oder Menschen mit Multipler Sklerose)
- Spastik und Muskeltonusstörungen
- Lähmungen (z.B. nach Rückenmarksverletzungen)
- Rehabilitation nach Verletzungen oder Operationen
Beispiele für Neuro-Orthesen
- Peroneus-Orthese: Speziell für Patienten mit einer Fußheberschwäche.
- Redressionsorthese: Zur Korrektur von Fehlstellungen oder Deformitäten.
- Leichte dynamische Fußheberunterstützung per Orthese: Geeignet bei freier Beweglichkeit des Fußes und fehlender Spastik.
- Dynamische mittlere Fußheberunterstützung per Orthese: Voraussetzung ist ein Schnürschuh, guter Einfluss bei leichter Supination/Pronation.
- Mittlere bis starke Unterstützung der Fußhebung per Carbonorthese: Energierückgewinnung durch hohe Flexibilität, fördert Restfunktionen.
- Starke Unterstützung der Fußhebung per Carbonorthese: Unterstützt die Kniestreckung durch hohe Stabilität, starke Energierückgewinnung.
- Ganzbeinversorgungen: Individuelle Maßanfertigungen mit verschiedenen Gelenken zur individuellen Versorgung, auch bei geringer/keiner Restfunktion im Kniestrecker.
Moderne Technologien in der Neuro-Orthetik
Moderne Orthesen sind "smarter" geworden. Systeme wie KEEOGO, eine mit KI betriebene Knieorthese, ermöglichen Menschen mit neurologischen Erkrankungen, im Alltag frei und sicher zu gehen. Der Patient hat durchgehend die Kontrolle und wird bei Bedarf durch Motoren in den Knien unterstützt. Die KI lernt und passt sich an das Bewegungsmuster des Patienten an.
Lesen Sie auch: Die richtige Schuhwahl bei Fußschmerzen
Auch Anzüge wie das „Exopulse“ Mollii-System (zur Entspannung von Spastiken und Aktivierung schwacher Muskeln sowie Schmerzlinderung) oder die C-Brace ermöglichen eigenständiges Gehen. Hydraulikwiderstände unterstützen die Beugung und Streckung des Knies, wodurch ein dynamischer und feinfühliger Bewegungsablauf ermöglicht wird.
Sensomotorische Einlagen: Aktive Unterstützung für den Fuß
Sensomotorische Einlagen sind individuell angepasste Schuheinlagen mit Druckpolstern (Pelotten). Sie können je nach Bedarf der Muskelaktivierung oder -entlastung dienen. Dazu sind die Pelotten so in die Einlage eingearbeitet, dass sie Druck auf ganz bestimmte Muskel- und Sehnengruppen ausüben. Das Nervensystem verarbeitet diese gezielt gesetzten Druckimpulse und aktiviert bzw. deaktiviert die entsprechenden Muskeln oder Muskelgruppen. So lassen sich u.a. Fehlhaltungen korrigieren und das Gangbild stabilisieren.
Wirkungsmechanismen
Die Wirkungsmechanismen sensomotorischer Einlagen basieren auf bekannten physiologischen Mechanismen: Die Druckelemente der Einlage wirken auf die Rezeptoren der Muskeln, Sehnen und Gelenke. Sind Muskeln zum Beispiel zu wenig aktiv, ist die Einlage so gestaltet, dass die Strecke vom Muskelursprung bis zum -ansatz verkürzt wird. Dadurch registriert das sensomotorische System eine zu geringe Muskelspannung und sendet einen Nervenbefehl zur Aktivierung des Muskels. Andersherum kann das Relief der Einlage bei überaktiven Muskeln die Sehnenstrecke verlängern.
Einsatzgebiete
Sensomotorische Einlagen werden z.B. bei neurologischen Erkrankungen, bei Trisomie 21, Paresen und Spastiken eingesetzt. Sie können motorisch eingeschränkten Patienten helfen, den Gang zu stabilisieren und sich dadurch sicherer und selbständiger zu bewegen. Auch Patienten mit orthopädischen Beschwerden oder Schmerzpatienten erzielen mithilfe der Einlagen eine Schmerzlinderung und Ausbalancierung des gesamten Körpers. Verspannungen vom Kiefergelenk bis zur Hüfte lassen sich vorbeugen. Der Einsatz sensomotorischer Einlagen ist besonders bei Kindern im Wachstum sinnvoll, da sich die Formentwicklung des Fußes nach der Fußfunktion richtet. Eine besonders wirkungsvolle Therapie zeigen die Einlagen beim kindlichen Knickfuß. Auch bei Sportverletzungen, wie z.B. Bandinstabilitäten oder lokalen Entzündungen haben sensomotorische Einlagen eine positive Wirkung.
Anpassung und Fertigung
Die Anpassung sensomotorischer Einlagen ist aufwendiger als bei herkömmlichen Einlagen und erfordert u.a. eine intensive Vordiagnostik, Ganganalyse und Palpation des Fußes. Da der Begriff „Sensomotorik“ nicht geschützt ist, ist es wichtig, auf eine qualifizierte Anpassung durch Fachleute zu achten.
Konservative und operative Behandlung des spastischen Spitzfußes
Neben orthopädischen Hilfsmitteln stehen verschiedene Therapiemethoden zur Behandlung des Spitzfußes zur Verfügung:
- Medikamentöse Therapie: Muskelrelaxantien (z. B. Botulinumtoxin) zur Lockerung der spastischen Muskelverkrampfungen.
- Krankengymnastik: Manuelle Redression zur Dehnung der verkürzten Muskeln oder Sehnen.
- Orthesen: Dehnung durch Orthesen, die über viele Stunden tagsüber und nachts getragen werden können.
- Operative Behandlung: Verlängerung der Achillessehne oder der Wadenmuskulatur, um die Steh- und Gangfähigkeit zu verbessern.
Ganganalyse bei übermäßiger Plantarflexion
Eine übermäßige Plantarflexion (Spitzfußstellung) kann die Fortbewegung einschränken und zu Kompensationsbewegungen führen. Die Ganganalyse hilft, die verschiedenen Formen des Bodenkontakts und die Kompensationsmechanismen zu verstehen:
- Formen des Bodenkontakts: Flacher Fersenkontakt, Fußsohlenkontakt oder Vorfußkontakt.
- Gewichtsübernahme: Bei beweglichem Sprunggelenk fällt die Ferse schnell zu Boden, bei starrer Plantarflexion bleibt die Ferse abgehoben oder es kommt zu einer Hyperextension des Kniegelenks.
- Vorwärtsbewegung der Tibia: Wird gehemmt, was zu Kompensationsbewegungen wie vorzeitiger Fersenanhebung, Hyperextension des Kniegelenks oder vorwärts geneigtem Rumpf führen kann.
- Schrittlänge: Verkürzt sich, wenn der Patient keine Fersenanhebung erreicht.
- Schwungphase: In der mittleren Schwungphase ist eine übermäßige Plantarflexion gut sichtbar und führt zum Schleifen der Zehen über den Boden.