Viele junge Eltern kennen das Gefühl, sich am Limit zu fühlen, obwohl grenzenlose Liebe herrschen sollte. Statt „endlich angekommen" fühlen sie sich rastlos und gestresst. Erschöpfung, Hadern oder Überforderung in der Elternrolle gehen oft mit Scham und Schuld einher, Gefühle, die es schwer machen, darüber zu reden. Dieser Artikel bricht das Tabu und spricht offen über Burnout bei Eltern, wie man es erkennt, wer ein besonders hohes Risiko hat und was man tun kann, um wieder mehr Kraft für sich und die Familie zu schöpfen.
Die unsichtbare Arbeit: Care-Arbeit
Wenn wir über Arbeit sprechen, ist meist die Erwerbsarbeit gemeint. Dabei wissen viele Eltern nur zu gut, dass die sogenannte Care-Arbeit (also das Kümmern und Großziehen der Kinder) oft kräftezehrender, körperlich und emotional anstrengender ist als jeder Bürojob. Für manch einen fühlt sich der Weg zur Erwerbstätigkeit fast schon wie eine Auszeit an. Burnout wird per Definition als Erschöpfungszustand im Arbeitskontext verstanden. Viele Expert:innen stimmen jedoch darin überein, dass es sich hierbei nicht zwangsläufig um Erwerbstätigkeit im engeren Sinne handeln muss. Das macht auch bei genauerer Betrachtung Sinn. Schließlich ist Care-Arbeit vergleichbar mit vielen sozialen und pflegerischen Berufen - also genau jenen, die besonders häufig von Burnout betroffen sind.
Was ist Eltern-Burnout?
Eltern-Burnout bezeichnet einen Zustand der anhaltenden Erschöpfung und Überlastung in der Elternrolle. In den letzten Jahren ist immer mehr Forschung in diesem Bereich entstanden. So entwickelte die belgische Psychologin Dr. Isabelle Roskam gemeinsam mit ihren Kolleg:innen eine Methode zur Messung des Burnouts bei Eltern, das sogenannte Parental Burnout Assessment.
Anzeichen für Eltern-Burnout:
- Körperliche und emotionale Erschöpfung: Sich in der Elternrolle körperlich oder emotional erschöpft und ausgelaugt zu fühlen. Dieser Zustand ist nicht ein einzelner Moment oder Tag, sondern kann sich wie ein Dauerzustand der Energielosigkeit anfühlen.
- Rückzug von den Kindern: Als Reaktion auf die Erschöpfung kann es dazu kommen, dass sich Eltern von ihren Kindern zurückziehen. Das kann bedeuten, nicht mehr als notwendig mit ihnen zu unternehmen oder nicht mehr in der Lage zu sein, die eigene Liebe und Zuneigung auszudrücken. Dieser Rückzug ist oft der Versuch, Energie zu sparen und die eigenen inneren Akkus zu schonen.
- Verlust der Erfüllung: Eltern, die von Burnout betroffen sind, verspüren häufig keine Erfüllung mehr im Elternsein. Zum Teil kann sich sogar das Gefühl einstellen, es kaum noch zu ertragen, Eltern zu sein. Dazu kommen kann das Gefühl, sich überfordert zu fühlen oder das Zusammensein mit den Kindern nicht mehr genießen zu können.
- Diskrepanz zwischen Ideal und Realität: Oft haben Menschen ein Bild davon, wie sie als Eltern sein möchten oder eben auch gerade nicht sein möchten (zum Beispiel bloß nicht wie die eigenen Eltern). Bei einem Eltern-Burnout klaffen diese Vorstellung oder auch das frühere Elternselbst und die Realität plötzlich weit auseinander.
Wer ist besonders gefährdet?
Generell kann Burnout alle Eltern betreffen. Besonders häufig entwickeln jedoch Elternteile ein Burnout, die die Hauptlast der Care-Arbeit leisten. Die 40-Stunden-Woche kommt übrigens aus einer Zeit, in der in der Regel nur eine Person im Haushalt erwerbstätig war. Heute sieht es in vielen Beziehungen jedoch anders aus. Auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus, Hochsensibilität oder Versagensangst können das Risiko eines Eltern-Burnouts erhöhen. Studien zeigen zudem, dass besonders Eltern aus eher individualistischen (typischerweise westlichen) Ländern eine höhere Rate von Burnout bei Eltern aufweisen. Es kann davon ausgegangen werden, dass hier oft mehr Leistungsdruck, Perfektionismus, erhöhter Stress und weniger familiäre Unterstützung herrschen.
Ursachen und Belastungen junger Eltern
Junge Eltern stehen heutzutage unter enormem Druck. Sie müssen weitaus mehr leisten als ihre Eltern und Großeltern. In der Nachkriegszeit arbeiteten Männer durchschnittlich 48 Stunden pro Woche, heute beträgt die Arbeitszeit einer verheirateten Mutter 30 Stunden, Ehemänner arbeiten im Mittel etwa 42 Stunden in der Woche. Gemeinsam ist das Elternpaar also pro Woche 72 Stunden lang im Beruf aktiv. Da sich diese Zeit auf zwei Menschen verteilt, erhöht sich automatisch für eine Familie der Aufwand, den Alltag zu organisieren.
Lesen Sie auch: Früher Schlaganfall: Was Sie wissen müssen
Weitere Belastungsfaktoren:
- Spontaneität vs. Planung: Alles, was früher ohne Kind spontan möglich war, bedarf jetzt einer Planung.
- Kinderbetreuung: Die Kinderbetreuung ist anstrengend und das 24 Stunden am Tag.
- Pflichten: Die Tage sind geprägt von vielen Pflichten wie Arbeitsorganisation, Kind zur Betreuung bringen, abholen, betreuen, kochen, putzen und einkaufen.
- Schlafmangel: Zudem sind die Nächte kurz, der Schlafmangel raubt immer mehr Energie.
- Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse: Da bleiben die eigenen Bedürfnisse schnell auf der Strecke.
- Ungleichgewicht in der Beziehung: Mütter stecken beruflich zurück oder arbeiten in Teilzeit, während Väter vielleicht noch ihr Arbeitspensum erhöhen.
- Finanzielle Belastung: Auch die Finanzen können ein belastendes Thema sein.
Warnsignale und Symptome eines Burnouts
Die Dauerbelastung, gepaart mit Stress und Sorgen, kann zu innerer Unruhe und schlaflosen Nächten und letztendlich zu gesundheitlichen Beschwerden führen. Als Folge der ständigen Anspannung leiden viele Eltern zudem unter erhöhter Reizbarkeit, Antriebsschwäche und Konzentrationsschwierigkeiten, denn die notwendige Erholung und Entspannung ist kaum gegeben.
Erste Warnsignale sind:
- Schlafstörungen
- Konzentrationsprobleme
- Das Gefühl, im sprichwörtlichen Hamsterrad gefangen zu sein
- Sich den Anforderungen des Alltags nicht mehr gewachsen zu fühlen
Oft kommen körperliche Symptome hinzu, etwa:
- Rücken- und Kopfschmerzen
- Magen-Darm-Probleme
- Tinnitus
- Schwindel
- Gelenkprobleme
Was tun gegen den Stress? Tipps für den Alltag
Wie kann man Burnout als Eltern vorbeugen oder Beschwerden lindern? Überforderung ist oft immer noch ein Tabuthema unter Eltern. Dabei kann es bereits enorm entlasten, mit anderen über die eigene Erschöpfung, Gereiztheit, Ungeduld oder fehlende Erfüllung in der Elternrolle zu sprechen. Denn ein solches Eingeständnis öffnet Türen: für andere Eltern, die merken, dass sie nicht allein sind. Und die sich dann vielleicht trauen, über ganz ähnliche Gefühle oder eigene Selbstzweifel zu sprechen. Deine Chance zu erfahren, dass alle anderen es doch gar nicht so viel besser hinkriegen als du.
Tipps zur Stressbewältigung und Entlastung:
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie mit Ihrem Partner, Freunden oder anderen Eltern über Ihre Gefühle und Belastungen.
- Akzeptanz von Ambivalenz: Erlauben Sie sich, widersprüchliche Gefühle zu haben.
- Selbstfürsorge: Nehmen Sie sich bewusst Zeit für sich selbst und Ihre Bedürfnisse.
- Gemeinsame Zeit, aber nicht immer alles zusammen: Schaffen Sie sich auch immer wieder Zeiten, in denen Sie nicht zuständig sind.
- Bewusste Pausen: Finden Sie Aktivitäten, nach denen Sie sich ausgeruhter und erholter fühlen.
- Fokus auf positive Momente: Suchen Sie sich am besten einen festen Zeitpunkt, zum Beispiel kurz vor dem Zubettgehen oder beim Zähneputzen. Überlegen Sie sich: Was war heute gut oder schön?
- Professionelle Hilfe: Wenn Ihre eigenen Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen, ist es wichtig, sich bei Eltern-Burnout Hilfe zu suchen.
Konkrete Maßnahmen zur Aufgabenverteilung und Organisation:
- Gemeinsamer Familienplaner: Ein Familienplaner ist hilfreich, in dem alle anstehenden Aufgaben übersichtlich aufgelistet sind und abgehakt werden können.
- Klare Zuständigkeiten: Verteilen Sie klar die Zuständigkeiten: Wer kümmert sich verlässlich um was, inklusive daran zu denken?
- Mental-Load-Checkliste: Um sich überhaupt erstmal klar zu werden, wer wie viel trägt, kann eine Mental-Load-Checkliste helfen.
- Digitale Tools: Nutzen Sie einen synchronisierten digitalen Familienkalender sowie eine ToDo-Liste und einen digitalen Einkaufszettel.
Selbstfürsorge im Alltag integrieren:
- Bewusst machen, dass Selbstaufopferung niemandem einen Gefallen tut.
- Gesunde Selbstfürsorge ist die Basis eines wertschätzenden Familienlebens.
- Eine sanfte, großzügige innere Stimme.
- Ordentliche Mahlzeiten und Pausen.
- Unterstützung durch Babysitter und Co.
Die Rolle der Partnerschaft
Die Geburt eines Kindes ist per se eine Krise, die ein Paar bewältigen muss. Es spielt eine große Rolle, wie die Beziehung vorher gestaltet war und wie jede(r) für sich auch mit der neuen Rolle als Mutter und als Vater klar kommt. Eine lebendige Paarbeziehung ist eine gute Kraftquelle - Sexualität, Zärtlichkeit und Nähe stärken und geben dem Paar Halt, das rahmt die Familie.
Unterstützungsmöglichkeiten für Paare:
- Beratungsangebote der Kirchen
- Psychologische Beratung bei pro familia
- Paartherapie
- Psychologische Ratgeberbücher zum Thema Rettung der Partnerschaft
Gesellschaftlicher Druck und unrealistische Erwartungen
Immer mehr Eltern fühlen sich durch die unrealistische Darstellung von Familienleben in den sozialen Medien unter Druck gesetzt. Machen Sie sich bewusst, dass auf Social Media Inszenierungen stattfinden, die lebensecht wirken, es aber oft nicht sind. Viele bekannte Influencer leben zudem sehr privilegierte Leben mit jeder Menge Personal - natürlich sieht es bei ihnen dann anders aus als bei anderen Familien.
Professionelle Hilfe und Anlaufstellen
Wenn Sie merken, dass Ihre eigenen Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen, ist es wichtig, sich bei Eltern-Burnout Hilfe zu suchen. Professionelle Unterstützung und Beratung bekommen Sie unter anderem in Familienzentren, aber auch in Ihrer hausärztlichen Praxis. Hier können Sie beispielsweise mit Ihrer Hausärztin besprechen, ob eine Eltern-Kind-Kur oder vielleicht auch eine Psychotherapie für Sie in Frage kommt. Kostenfreie Soforthilfe bei Burnout bietet Ihnen der Online-Therapiekurs HelloBetter Stress und Burnout. Das Online-Therapieprogramm können Sie sich von Ihrem Arzt oder Ihrer Psychotherapeutin einfach auf Rezept verordnen lassen und in Ihrem eigenen Tempo durchlaufen. Ganz ohne Wartezeit und bequem von zu Hause aus ohne feste Termine. In dem Online-Therapiekurs erlernen Sie viele wirksame Strategien zur Stressbewältigung. Zum Beispiel kraftgebende Aktivitäten in Ihrem Alltag einzubauen, Probleme systematisch anzugehen oder ein bewährtes Entspannungsverfahren.
Lesen Sie auch: Erkennung und Erste Hilfe bei Krampfanfällen
Lesen Sie auch: Neuronen und Wachstum im fötalen Gehirn