Kältebäder in der Spastiktherapie: Eine umfassende Betrachtung

Spastik, auch Spastizität genannt, betrifft weltweit über zwölf Millionen Menschen und kann durch Erkrankungen wie Zerebralparese, Multiple Sklerose (MS) oder Querschnittlähmung verursacht werden. Sie entsteht durch Schäden oder Störungen in den Bereichen des Gehirns und/oder des Rückenmarks, die die Muskel- und Dehnungsreflexe steuern, was zu unwillkürlichen Muskelkrämpfen und -kontraktionen führt. Diese können so stark sein, dass sie Stürze verursachen können, obwohl sie bei Menschen mit Querschnittlähmung auch gewisse Vorteile haben können.

Eine der vorgeschlagenen Therapiemöglichkeiten bei Spastik sind Kälteanwendungen, wie z. B. Kältebäder. Es stellt sich jedoch die Frage, ob Kälte tatsächlich eine sinnvolle Behandlungsoption darstellt, da Wärme im Allgemeinen als entspannend für die Muskulatur gilt. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Kältebädern bei Spastik, untersucht die zugrunde liegenden Mechanismen und wägt die potenziellen Vor- und Nachteile ab.

Spastik: Ursachen, Symptome und Therapieansätze

Spastik wird als Plussymptom des „Upper Motor Neuron Syndrom“ / UMNS und auf der Grundlage der Lance`schen Definition als geschwindigkeitsabhängiger Widerstand bei passiver Bewegung definiert. Der passive Widerstand setzt sich aus neuronalen (Spastik, Hyperreflexie, extrapyramidale und zentrale Aktivierung) und biomechanischen (Viskositätsänderung, Sarkomerverlust, Verkürzung Muskel-Sehneneinheit) Komponenten zusammen. Grundsätzlich muss davon ausgegangen werden, dass Spastik und Parese unterschiedliche Komponenten der Läsion des oberen motorischen Neurons sind und die funktionelle motorische Behinderung nicht allein aus der Spastik, sondern auch aus der gleichzeitig auftretenden Parese resultiert.

Die Symptome der Spastik können sehr unterschiedlich sein und reichen von leichter Muskelsteifheit bis hin zu schweren, unkontrollierbaren Krämpfen. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Erhöhter Muskeltonus
  • Unwillkürliche Muskelkontraktionen
  • Gelenksteifheit
  • Schmerzen
  • Eingeschränkte Bewegungsfreiheit

Die Behandlung von Spastik zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Bewegungsfähigkeit zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen. Zu den gängigen Therapieansätzen gehören:

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  • Physiotherapie: Langsame Muskeldehnungen, Dehnungen unter Gewichtsbelastung (Stützen, Stehen), Lagerung in Schienen, Zirkuläre Gipse, reziprokes Bewegen (z.B. Fahrradbewegungstrainer)
  • Medikamentöse Behandlung: Medikamente zur Muskelentspannung
  • Injektionen: Botulinumtoxin-Injektionen zur gezielten Entspannung einzelner Muskeln
  • Chirurgische Eingriffe: In schweren Fällen können operative Eingriffe zur Muskelverlängerung oder Nervenblockade in Betracht gezogen werden.

Kälteanwendungen in der Spastiktherapie: Theorie und Praxis

Die Anwendung von Kälte in der Spastiktherapie basiert auf der Annahme, dass Kälte die Nervenleitgeschwindigkeit verringert und dadurch die Muskelspannung reduziert. Die Idee dahinter ist, dass die Kälte die überaktiven Nerven beruhigt, die für die Spastik verantwortlich sind.

Konkret kann die Reduktion der Spastik durch folgende Maßnahmen erreicht werden:

  • Thermische Reize (Eistauchbad)

In der Praxis kann die Kälteanwendung in verschiedenen Formen erfolgen:

  • Eispackungen: Auflegen von Eispackungen auf die betroffenen Muskeln für 10-20 Minuten.
  • Kältesprays: Aufsprühen von Kältesprays auf die Haut über den spastischen Muskeln.
  • Kältebäder: Eintauchen der betroffenen Körperteile in kaltes Wasser (ggf. mit Eiswürfeln) für kurze Zeit.
  • Ganzkörper-Kältetherapie (Kryotherapie): Aufenthalt in einer Kältekammer bei extrem niedrigen Temperaturen (-85 °C bis -110 °C) für wenige Minuten.

Christina erwähnt, dass auch Eistauchbäder/Wärmeapplikation zur Reduktion der Spastik führen können und Sterr A, Freivogel S. haben die Kälteanwendung schon vor über 25 Jahren gelernt und sie hin und wieder angewandt. Wichtig ist sicher die gute Vorbereitung, in dem man dem Patienten gut erklärt, was da passiert.

Kontroverse um Kälteanwendungen bei Spastik

Obwohl Kälteanwendungen in einigen Fällen eine positive Wirkung auf Spastik haben können, gibt es auch Bedenken und kontroverse Meinungen zu dieser Therapieform.

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Einige Patienten berichten, dass Kälte ihre Spastik sogar verschlimmert. Dies könnte daran liegen, dass Kälte bei manchen Menschen eine reflektorische Muskelanspannung auslöst, was den Muskeltonus zusätzlich erhöht. Es wurde beobachtet, dass sich die Spastiksymptome bei fast 70 % der Befragten verschlimmerten, wenn sie Kälte ausgesetzt waren (Cheung, 2021). Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob es sich um einen Kältereiz durch geringe Außentemperaturen oder durch eine Klimaanlage in Innenräumen (auch im Auto) handelt. Menschen mit Querschnittlähmung haben oft mit einer Temperaturregulationsstörung zu kämpfen (siehe: Temperaturdysregulation bei Querschnittlähmung), weshalb ihnen Temperaturextreme besonders zusetzen können.

Nirtak merkt an, dass die Kälteanwendung bei Spastik eher kontraproduktiv ist, es sei denn, der Patient kommt vom Nordpol und kann sich dabei entspannen. Um dem auf den Grund zu gehen, muss man wissen, wieso so eine Spastik entsteht. Wie du sicher weisst, ist dabei das erste Alphamotoneuron nicht mehr intakt, bzw. kommunikation funktioniert nicht mehr vollständig. Am Ende kann der Muskeldehnreflex nicht mehr durchgeführt werden. Es handelt sich in erster Linie also um einen fehlenden Reflex. Reflektorisch handelt man immer unwillkürlich. Jetz überleg mal bei dir, wie ist das, wenn jemand dich erschrickt oder dir plötzlich Eis dranhält? Du ziehst vielleicht zurück, du verkrampfst, du Spannst die Muskulatur an, es kommt also zu einer Tonuserhöhung. Das ist ja keinesfalls der gewünschte Effekt der Spastizitätsbehandlung. Eher im Gegenteil. Eis kann man ggf. zur Tonuserhöhung nutzen, wenn richtig angewandt, bei schlaffen Paresen. Hier aber bitte auch obacht ob der Patient ggf. an Gefäßerkrankungen o.ä. leidet, da es durch die Kälte ja wie gesagt zu einem Zusammenziehen, verkleinern kommt.

Ein weiteres Problem ist, dass Menschen mit Spastik oft auch an Sensibilitätsstörungen leiden. Dies bedeutet, dass sie möglicherweise nicht in der Lage sind, die Kälte richtig wahrzunehmen und sich so einer potenziellen Schädigung des Gewebes auszusetzen.

Es ist daher wichtig, dass Kälteanwendungen bei Spastik nur unter Aufsicht von qualifiziertem Fachpersonal durchgeführt werden. Vor Beginn der Behandlung sollte eine sorgfältigeEvaluation erfolgen, um festzustellen, ob die Kälteanwendung für den jeweiligen Patienten geeignet ist.

Alternativen und ergänzende Therapien

Neben Kälteanwendungen gibt es eine Reihe anderer Therapieansätze, die bei Spastik eingesetzt werden können. Dazu gehören:

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  • Wärmetherapie: Wärme kann helfen, die Muskeln zu entspannen und die Durchblutung zu fördern. Anwendungsgebiete der Wärmetherapie sind: allgemeine Muskelverspannungen, unvollständige Lähmungen mit krampfhaft erhöhter Muskelspannung (spastische Paresen), Verschleißbedingte (degenerative) Erkrankungen wie Arthrose, Bandscheibenvorfall, Spinalkanalstenose, chronische Gelenkentzündungen (wie bei Rheuma), aber nicht im akuten Stadium!, funktionelle Organbeschwerden wie Bauchschmerzen bei Reizdarm.
  • Bewegungstherapie: Regelmäßige Bewegung kann helfen, die Muskeln zu stärken, die Beweglichkeit zu verbessern und die Spastik zu reduzieren.
  • Medikamentöse Therapie: Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Behandlung von Spastik eingesetzt werden können, wie z. B. Muskelrelaxantien und Antispastika.
  • Botulinumtoxin-Injektionen: Botulinumtoxin kann in die betroffenen Muskeln injiziert werden, um die Muskelspannung zu reduzieren.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, die Aktivitäten des täglichen Lebens trotz der Spastik zu erleichtern.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation und progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und die Muskelspannung zu reduzieren.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Behandlung von Spastik oft einen multidisziplinären Ansatz erfordert, bei dem verschiedene Therapieformen kombiniert werden, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.

Persönliche Erfahrungen und Fallbeispiele

Die Erfahrungen mit Kälteanwendungen bei Spastik sind sehr unterschiedlich. Einige Patienten berichten von einer deutlichen Linderung ihrer Symptome, während andere keine Verbesserung feststellen oder sogar eine Verschlechterung erleben.

Einige Beispiele aus den bereitgestellten Informationen:

  • Ein Patient berichtet, dass ihm Kältebäder (Regentonne auf dem Balkon) zu einer deutlich besseren Durchblutung und Wärmeregulation verholfen haben.
  • Ein anderer Patient stellt fest, dass sich seine Blasenspastik bei Kälte verschlimmert und ihm Thermounterwäsche und Wärmflaschen helfen.
  • Eine Person mit Multipler Sklerose empfindet die Kältekammer als "Jungborn" und berichtet von einer beflügelnden Wirkung, die jedoch nur für 2-3 Monate anhält.

Diese Beispiele zeigen, dass die Wirkung von Kälteanwendungen bei Spastik sehr individuell sein kann. Es ist daher wichtig, die Therapie sorgfältig zu evaluieren und die individuellen Bedürfnisse und Reaktionen des Patienten zu berücksichtigen.

Fazit

Die Anwendung von Kältebädern in der Spastiktherapie ist ein kontroverses Thema. Während einige Patienten von einer Linderung ihrer Symptome berichten, kann Kälte bei anderen die Spastik sogar verschlimmern.

Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Kälteanwendungen bei Spastik ist begrenzt. Es gibt einige Studien, die positive Effekte zeigen, aber auch Studien, die keine oder sogar negative Ergebnisse liefern.

Es ist daher wichtig, dass Kälteanwendungen bei Spastik nur unter Aufsicht von qualifiziertem Fachpersonal durchgeführt werden. Vor Beginn der Behandlung sollte eine sorgfältige Evaluation erfolgen, um festzustellen, ob die Kälteanwendung für den jeweiligen Patienten geeignet ist.

Darüber hinaus sollte die Kälteanwendung immer Teil eines umfassenden Therapiekonzepts sein, das auch andere Therapieformen wie Wärme, Bewegung, Medikamente und Entspannungstechniken umfasst.

Letztendlich muss die Entscheidung für oder gegen Kälteanwendungen bei Spastik individuell getroffen werden, basierend auf den Bedürfnissen und Reaktionen des jeweiligen Patienten.

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