Viele Kaninchenbesitzer und sogar Tierärzte sind sich der Vielfalt der neurologischen Erkrankungen bei Kaninchen nicht bewusst. Oft wird bei Symptomen wie Kopfschiefhaltung oder Gleichgewichtsstörungen vorschnell auf Enzephalitozoonose (EC) geschlossen, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass in etwa 70 % der Fälle andere Ursachen vorliegen. Eine umfassende Diagnostik ist daher unerlässlich, um die richtige Behandlung einzuleiten und unnötiges Leid zu verhindern.
Häufige Ursachen und Differentialdiagnosen
Es ist wichtig zu beachten, dass Symptome wie Gleichgewichtsprobleme, Nystagmus (Augenzittern) und insbesondere Kopfschiefhaltungen oft durch Ohrenentzündungen verursacht werden, insbesondere bei Widderkaninchen und Tieren mit chronischem Schnupfen. Daher sollte bei solchen Symptomen immer eine gründliche Untersuchung erfolgen. Ein einfacher Blick in die Ohren reicht nicht aus, da Veränderungen hinter dem Trommelfell möglicherweise nicht sichtbar sind. Röntgenaufnahmen des Schädels oder noch besser eine Computertomographie können pathologische Veränderungen der inneren Gehörgänge aufdecken.
Gleichzeitig sollte bei unbekanntem EC-Status eine Blutuntersuchung durchgeführt werden, um festzustellen, ob das Kaninchen EC-Träger ist und entsprechend behandelt werden sollte. Da Ohrenentzündungen aufgrund der Schwächung des Immunsystems häufig zu einem EC-Ausbruch führen können (oder umgekehrt durch EC-bedingte Behinderungen wie Kopfschiefhaltung entstehen), treten beide Krankheitsbilder regelmäßig kombiniert auf. Daher ist eine umfassende Diagnostik in beide Richtungen unerlässlich.
Neurologische Symptome und ihre Ursachen
Ein eingeklemmter Nerv kann verschiedene neurologische Symptome bei Kaninchen verursachen. Es ist wichtig, diese Symptome zu erkennen und die zugrunde liegende Ursache zu ermitteln, um eine angemessene Behandlung einzuleiten.
Akute Symptome
- Kopfschiefhaltung: Eine unterschiedlich stark ausgeprägte Kopfschiefhaltung, die in schweren Fällen fast 180° betragen kann, beeinträchtigt die Koordination des Kaninchens erheblich.
- Ataxien (Gleichgewichtsstörungen), Koordinationsstörungen: Das Kaninchen bewegt sich torkelnd oder krabbelnd fort, rollt sich über den Boden, läuft im Kreis, dreht sich beim Laufen pausenlos um die eigene Achse und/oder fällt beim Hoppeln um. In weniger schweren Fällen verliert es beim Putzen und Männchenmachen das Gleichgewicht, stolpert gelegentlich über Hindernisse und macht insgesamt einen tollpatschigen Eindruck.
- Nystagmus: Schnelle, zwanghafte Hin- und Herbewegungen der Pupillen (Augenflackern), bei EC (und auch bei Otitis!) meist horizontal von links nach rechts oder umgekehrt.
- "Scannen": Chronische Enzephalitozoonose-Patienten sowie Kaninchen kurz vor oder unmittelbar während eines Schubes führen manchmal Kopfbewegungen aus, die harmlos aussehen, aber einen deutlichen Hinweis auf EC liefern: Der Kopf wird hierbei langsam, ohne ersichtlichen Grund immer wieder nach rechts oder links bewegt, ehe das Kaninchen die Position zügig wieder korrigiert.
- Epilepsie: Mehr oder weniger häufig auftretende epileptische Anfälle, während derer das Kaninchen plötzlich spastisch zu krampfen beginnt, unwillkürlich auf dem Boden wälzt und weder ansprechbar ist noch beruhigt werden kann. Manche Kaninchen schreien währenddessen.
- Opisthotonus: Selten kommt es zu starren Krämpfen der Nacken- und Rückenmuskulatur, was sich in einem Aufreißen des Mäulchens, einem Biegen des Kopfes in den Nacken und einer bewegungslosen Körperhaltung äußert.
- Lähmungen: Befällt E. cuniculi das Rückenmark, kommt es dort zu Entzündungen und in der Folge zu Lähmungen. Besonders häufig sind Lähmungen der Hintergliedmaßen zu beobachten. Das Kaninchen verdreht dann häufig beim Sitzen seinen Hinterleib, sodass beide Beine auf derselben Seite zu liegen kommen, und schleift die Beine beim Laufen hinter sich her. Dieses Symptom kann sich auch schleichend entwickeln.
- Zentrale Blind- und Taubheit: Das Kaninchen kann plötzlich weder hören noch sehen und verhält sich in der Folge entweder ungewohnt teilnahmslos und apathisch oder aber stark verunsichert, orientierungslos und schreckhaft. Auch plötzliche Panikattacken sind möglich.
- Anfälle: Das Kaninchen rennt ohne ersichtlichen Grund panisch umher, springt gegen Wände, Gitter und Gegenstände, ist nicht ansprechbar und nicht zu beruhigen. Nicht zu verwechseln mit Kaninchen, die einen heftigen Schrecken bekommen und in der Folge in Panik geraten!
- "Trance"-Zustände: Einige erkrankte Kaninchen verfallen regelmäßig in „Trance“-Zustände, in welchen sie reglos und offenbar völlig in sich gekehrt verharren. Durch Berührungen oder akustische Reize können sie i.d.R. "wachgerüttelt" werden.
Chronische Symptome
Bei einem chronischen Krankheitsverlauf können die Symptome weniger das Gehirn als vielmehr die Nieren, die Augen, die Leber oder die Lungen betreffen. Neurologische Auffälligkeiten sind hierbei also keineswegs zwingend.
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- Harninkontinenz: Kaninchen, die sich chronisch "einnässen", sind immer als potenzielle E.cuniculi-Patienten zu betrachten. Insbesondere, wenn Röntgen-, Ultraschall-, Urin- und Blutuntersuchungen keinen Hinweis auf eine anderweitige Ursache (z.B. Blasenentzündung, Harngrieß, Wirbelsäulenerkrankung, Gebärmuttertumor) liefern, ist eine EC-bedingte Inkontinenz sehr wahrscheinlich.
- Nierenschädigungen: Neben Augen und Gehirn am häufigsten betroffen von E. cuniculi sind die Nieren. Der Krankheitsverlauf erfolgt im Falle einer chronischen Niereninsuffizienz, oft durch Kalziumeinlagerungen, i.d.R. schleichend.
- Linsentrübung (Grauer Star, Katarakt): Die Linsentrübung gehört zu den häufigen durch Enzephalitozoonose verursachten Organschäden, kann beim chronischen Krankheitsverlauf unabhängig von neurologischen Ausfällen auftreten und sollte daher auch bei älteren, scheinbar gesunden Tieren grundsätzlich abgeklärt werden.
- Phakoklastische Uveitis: Eine Besiedelung der Augenlinse durch E. cuniculi erfolgt nur im Mutterleib. Das Symptom tritt also ausschließlich bei Kaninchen auf, die sich bereits vor der Geburt infiziert haben.
- Schnupfen: Schnupfen ist kein direktes Symptom von EC. Allerdings kommt es vor, dass EC das Immunsystem so stark schwächt, dass Schnupfenerreger in der Folge leichtes Spiel haben.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung eines eingeklemmten Nervs beim Kaninchen hängt von der Ursache und dem Schweregrad der Symptome ab. Zu den möglichen Behandlungsansätzen gehören:
- Medikamentöse Therapie:
- Schmerzmittel: Zur Linderung von Schmerzen und Entzündungen können Schmerzmittel wie Meloxicam oder Metamizol eingesetzt werden. Es ist wichtig, die Dosierung mit dem Tierarzt abzustimmen, da Kaninchen höhere Dosen benötigen als Hunde oder Katzen.
- Antiparasitika: Bei einer Enzephalitozoonose werden Antiparasitika wie Fenbendazol (Panacur) eingesetzt, um den Erreger zu bekämpfen.
- Antibiotika: Bei bakteriellen Infektionen, wie z.B. Ohrenentzündungen, werden Antibiotika eingesetzt.
- Kortikosteroide: In einigen Fällen können Kortikosteroide wie Kortison zur Reduktion von Entzündungen und Schwellungen eingesetzt werden.
- Vitamin B: Vitamin B-Präparate können zur Unterstützung der Nervenfunktion eingesetzt werden.
- Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Beweglichkeit zu verbessern, Muskelverspannungen zu lösen und die Koordination zu fördern.
- Chirurgischer Eingriff: In seltenen Fällen, z.B. bei einem Bandscheibenvorfall oder einer Wirbelsäulenverletzung, kann ein chirurgischer Eingriff erforderlich sein.
- Unterstützende Maßnahmen:
- Anpassung der Umgebung: Die Umgebung des Kaninchens sollte an seine Bedürfnisse angepasst werden. Dazu gehört z.B. die Bereitstellung einer weichen Unterlage, die Vermeidung von Hindernissen und die Sicherstellung eines einfachen Zugangs zu Futter und Wasser.
- Pflege: Kaninchen mit Lähmungen oder Inkontinenz benötigen möglicherweise zusätzliche Pflege, wie z.B. regelmäßige Reinigung des Hinterteils, um Hautirritationen zu vermeiden.
- Ernährung: Eine ausgewogene und faserreiche Ernährung ist wichtig für die Gesundheit des Kaninchens. Bei Nierenerkrankungen kann eine spezielle Diät erforderlich sein.
Schmerzerkennung und -behandlung
Die Erkennung von Schmerzen bei Kaninchen ist oft schwierig, da sie ihre Schmerzen instinktiv verbergen. Es ist wichtig, auf subtile Verhaltensänderungen zu achten, die auf Schmerzen hindeuten können.
Anzeichen von Schmerzen
- Gesichtsausdruck:
- Augen schließen und einziehen
- Backen-Abflachung
- V-Nasenform
- Tasthaar-Position verändert
- Ohrenposition verändert
- Körperhaltung:
- Rückenkrümmung
- Angespannte Körperhaltung
- Häufige Veränderung der Körperhaltung
- Verhalten:
- Rückzug
- Weniger Aktivität/Bewegung
- Aggressionen & Unverträglichkeiten
- Veränderte Nahrungsaufnahme
- Aufmerksamkeit auf die schmerzhafte Körperstelle
- Veränderte Körperpflege
- Körperliche Auffälligkeiten:
- Zähneknirschen
- Erhöhte Atemfrequenz
- Verstärkter Speichelfluss
- Ungepflegtes oder eingespeicheltes Fell, Kahlstellen durch Lecken oder Beißen
- Verschmutzte Afterregion
Schmerzmittel
Kaninchen benötigen oft höhere Schmerzmitteldosen als Hunde und Katzen. Es ist wichtig, die Dosierung mit dem Tierarzt abzustimmen und die Schmerzmittel richtig anzupassen, um eine effektive Schmerzlinderung zu erreichen.
Häufig verwendete Schmerzmittel für Kaninchen sind:
- Meloxicam: Ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAID) mit entzündungshemmender und schmerzlindernder Wirkung.
- Metamizol: Ein Schmerzmittel mit fiebersenkender und krampflösender Wirkung.
- Buprenorphin: Ein starkes Schmerzmittel, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.
- Tramadol: Ein Opioid-Schmerzmittel, das bei starken Schmerzen eingesetzt werden kann.
- Gabapentin: Ein Medikament, das bei neuropathischen Schmerzen und Epilepsie eingesetzt wird.
Rehabilitation und Physiotherapie
Physiotherapie kann eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Kaninchen mit neurologischen Problemen spielen. Sie kann helfen, die Beweglichkeit zu verbessern, Muskelverspannungen zu lösen und die Koordination zu fördern.
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Passive Bewegungstherapie
Die passive Bewegungstherapie umfasst das sanfte Durchbewegen aller Gelenke, um diesen mehr Beweglichkeit zu verschaffen und den Bewegungsapparat geschmeidiger zu machen bzw. zu erhalten und somit Schmerzen zu lindern.
Aktive Bewegungstherapie
Die aktive Bewegungstherapie umfasst Übungen, die das Kaninchen selbstständig ausführt, um seine Muskeln zu stärken und seine Koordination zu verbessern.
Massagen
Massagen können helfen, Muskelverspannungen zu lösen und die Durchblutung zu fördern.
Weitere physiotherapeutische Maßnahmen
- Wärmebehandlung: Wärmebehandlungen können helfen, Muskelverspannungen zu lösen und Schmerzen zu lindern.
- Kältebehandlung: Kältebehandlungen können helfen, Entzündungen zu reduzieren.
- Elektrotherapie: Elektrotherapie kann helfen, Muskeln zu stimulieren und Schmerzen zu lindern.
- Lasertherapie: Lasertherapie kann helfen, Entzündungen zu reduzieren und die Heilung zu fördern.
Prävention
Einer Nachhand-Lähmung beim Kaninchen lässt sich nicht direkt vorbeugen. Generell empfiehlt es sich, umsichtig mit dem Kaninchen umzugehen. Das bedeutet, es also möglichst weder zu erschrecken noch hochzuheben, wenn sich das Kaninchen heftig wehrt. Wenn Kinder mit dem Kaninchen spielen, ist es wichtig, sie dabei möglichst zu beaufsichtigen. Einer Infektion mit Toxoplasmen oder dem Parasiten Encephalitozoon cuniculi lässt sich nicht sicher vorbeugen - und damit indirekt auch nicht einer Nachhand-Lähmung. So ist die Mehrzahl aller Kaninchen mit den Erregern infiziert und sie können die Parasiten somit auch übertragen. Wichtig ist daher, dass Sie Ihrem Kaninchen eine möglichst artgerechte Tierhaltung mit viel Auslauf und guter Hygiene sowie eine hochwertige, faserreiche Ernährung bieten.
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