Die Hirnstammaudiometrie (BERA), auch bekannt als Brainstem Evoked Response Audiometry, ist ein wertvolles diagnostisches Verfahren in der Neurologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Sie dient zur objektiven Beurteilung der Hörfähigkeit und kann insbesondere bei der Diagnostik von Hirntumoren, insbesondere Akustikusneurinomen, eine wichtige Rolle spielen.
Was ist die Hirnstammaudiometrie (BERA)?
Die BERA ist eine elektrophysiologische Untersuchung, bei der akustisch evozierte Hirnstammpotentiale (AEHP) gemessen werden. Diese Potentiale entstehen als Reaktion auf akustische Reize und geben Aufschluss über die Funktion der Hörbahn vom Hörnerv bis zum Mittelhirn. Ein wesentlicher Vorteil der BERA ist ihre Unabhängigkeit von der subjektiven Wahrnehmung des Patienten. Die AEHP sind bereits nach 18 Lebensmonaten voll ausgereift und werden kaum von Mitarbeit oder Wachheitsgrad beeinflusst, was die Anwendung auch bei Säuglingen und Kleinkindern ermöglicht.
Zielsetzung der BERA
Das Hauptziel der BERA besteht darin, die objektive Hörfähigkeit elektrophysiologisch zu beurteilen. Durch die Messung von AEHP kann eine präzise Aussage über die Hörleistung getroffen werden, unabhängig von der subjektiven Wahrnehmung des Patienten.
Anwendungsbereiche der BERA
Die BERA findet in verschiedenen Bereichen Anwendung:
- Neugeborenen-Screening: Die BERA ist aufgrund ihrer hohen Spezifität ein geeignetes Verfahren zur Erkennung von Hörstörungen bei Neugeborenen und ist den otoakustischen Emissionen (akustische Aussendungen) als Screeningverfahren überlegen.
- Hörschwellenbestimmung: In der Pädaudiologie, bei unkooperativen Patienten oder unter Sedierung/Narkose kann die BERA zur Hörschwellenbestimmung eingesetzt werden. Durch Reizfilterverfahren kann eine frequenzspezifische Hörschwellenbestimmung erreicht werden.
- Diagnostik von Akustikusneurinomen: Die BERA kann zur Untersuchung bei Verdacht auf ein Akustikusneurinom eingesetzt werden, obwohl bildgebende Verfahren wie die MRT zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Akustikusneurinom: Ein Überblick
Ein Akustikusneurinom (auch Vestibularis-Schwannom genannt) ist ein gutartiger Tumor, der sich an den Schwann'schen Zellen des achten Hirnnervs (Nervus vestibulocochlearis) bildet. Dieser Nerv besteht aus dem Gleichgewichtsnerv (Nervus vestibularis) und dem Hörnerv (Nervus cochlearis). Akustikusneurinome sind in der Regel gutartig und bilden keine Metastasen.
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Symptome eines Akustikusneurinoms
Die Symptome eines Akustikusneurinoms entwickeln sich oft schleichend über Jahre. Erste Anzeichen können sein:
- Hörverlust: Meist einseitig und schleichend, oft beginnend mit Schwierigkeiten, hohe Frequenzen wahrzunehmen. Ein Hörsturz kann ebenfalls auftreten.
- Tinnitus: Ohrgeräusche, oft im Hochtonbereich.
- Gleichgewichtsstörungen: Schwindel, Gangunsicherheit, Übelkeit.
- Weitere Symptome: Bei größeren Tumoren können Gesichtslähmungen (Fazialisparese), Taubheitsgefühle im Gesichtsbereich (Hypästhesien) oder Schluckstörungen auftreten. In seltenen Fällen kann es zu einem erhöhten Hirndruck mit Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Sehstörungen kommen.
Diagnose eines Akustikusneurinoms
Zur Diagnose eines Akustikusneurinoms werden verschiedene Untersuchungen eingesetzt:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Beschwerden.
- Hörtest: Überprüfung des Hörvermögens, oft zeigt sich eine Hörminderung.
- Hirnstammaudiometrie (BERA): Testet den Hörnerv, ohne dass der Patient aktiv mitwirken muss.
- Magnetresonanztomografie (MRT): Unumgänglich zur eindeutigen Diagnose und zur Beurteilung der Tumorgröße. Es werden Dünnschicht-MRT-Bilder (mit 1 mm oder weniger Schichtdicke mit Kontrastmittel-, Nativ- und T2- sowie CISS-Spezialsequenzen) zur Darstellung der Hirnnerven mit unterschiedlichen Hervorhebungen benötigt.
- Weitere Untersuchungen: Audiogramm, Sprachverständnis, sowie elektrophysiologische Untersuchungen lassen eine Einschätzung der Funktionsbeeinträchtigung des Nervus vestibulocochlearis (8. Hirnnerv, der aus dem Gleichgewichts- sowie Hörnerven besteht) zu.
Therapie eines Akustikusneurinoms
Die Therapieoptionen bei einem Akustikusneurinom umfassen:
- Kontrolliertes Abwarten ("Wait and Scan"): Bei kleinen, symptomlosen Tumoren kann eine regelmäßige Überwachung mittels MRT ausreichend sein.
- Operation: Entfernung des Tumors, in der Regel mikrochirurgisch. Ziel ist die vollständige Entfernung des Tumors unter Schonung der Nerven.
- Stereotaktische Radiochirurgie (Bestrahlung): Hochpräzise Bestrahlung des Tumors, um das Wachstum zu stoppen oder den Tumor zu verkleinern. Hier ist eine hochdosierte Präzisionsbestrahlung, wie zum Beispiel die Gamma Knife- oder CyberKnife-Bestrahlung (Radiochirurgie), notwendig.
Die Wahl der Therapie hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie der Tumorgröße, dem Alter und Gesundheitszustand des Patienten sowie den individuellen Symptomen.
Durchführung der BERA-Untersuchung
Vor der BERA-Untersuchung findet ein ausführliches Aufklärungsgespräch mit Verhaltensanleitung statt. Der Patient sollte entspannt liegen, um Muskelaktivität zu minimieren.
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Grundprinzip
Das Verfahren basiert auf der Abbildung elektrischer Potentiale in Wellenform bei erfolgreicher Verarbeitung eines akustischen Reizes. Die dargestellten Potentiale zeigen die Aktivität der Hörbahn zwischen Hörnerv und Mittelhirn.
Ableitung der Potentiale
Die Potentiale werden durch auf der Elektroenzephalographie (EEG) basierenden Ableitungen gemessen. Eine Elektrode wird am Vertex (Scheitel) und eine am Mastoid (Teil des Schläfenbeins) platziert. Eine dritte Elektrode auf der Stirn dient als Referenzelektrode.
Auswertung
Die über das EEG ermittelten Potentiale werden in frühe, mittlere, späte und sehr späte Potentiale unterteilt. Die Analyse der Wellenformen und Latenzzeiten ermöglicht Rückschlüsse auf die Funktion der Hörbahn.
Nach der Untersuchung
Im Anschluss an die Untersuchung sind in der Regel keine besonderen Maßnahmen erforderlich. In Abhängigkeit vom Ergebnis werden gegebenenfalls weitere diagnostische oder therapeutische Schritte eingeleitet.
Tinnitus und Hörverlust: Begleiterscheinungen, die behandelt werden müssen
Tinnitus und Hörverlust sind häufige Begleiterscheinungen bei Erkrankungen des Hörsystems, einschließlich Akustikusneurinomen.
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Tinnitus
Tinnitus äußert sich als Ohrgeräusch, das von Betroffenen als Pfeifen, Brummen, Rauschen oder Zischen wahrgenommen wird. Es kann akut oder chronisch sein und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Diagnostik und Therapie von Tinnitus
Die Diagnostik umfasst eine HNO-ärztliche Untersuchung, Hörtests, Gleichgewichtsprüfung und gegebenenfalls eine Kernspintomographie, um organische Ursachen auszuschließen.
Die Therapie ist vielfältig und richtet sich nach der Ursache. Mögliche Behandlungen sind:
- Behandlung der Grunderkrankung (z.B. Bluthochdruck, CMD)
- Kortison bei akutem Hörverlust mit Tinnitus
- Tinnitus-Counseling (Erlernen von Strategien zum Umgang mit dem Geräusch)
- Hörgeräte bei Hörverlust
- Kognitive Verhaltenstherapie
- Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT)
Hörverlust
Hörverlust kann verschiedene Ursachen haben, wie Altersschwerhörigkeit, Lärmbelastung, Infektionen oder genetische Faktoren. Es wird zwischen Schallleitungs- und Schallempfindungsschwerhörigkeit unterschieden.
Diagnostik und Therapie von Hörverlust
Die Diagnostik umfasst verschiedene Hörtests (Tonaudiometrie, Sprachaudiometrie, Stimmgabelprüfung) und objektive Hörprüfungen (Impedanzmessung, BERA, otoakustische Emissionen).
Die Therapie richtet sich nach der Art und Ursache des Hörverlusts. Mögliche Behandlungen sind:
- Hörgeräte
- Medikamentöse Behandlung (z.B. bei Mittelohrentzündung)
- Chirurgische Eingriffe (z.B. bei Otosklerose)
Pädaudiologie: Hörstörungen bei Kindern
Die Pädaudiologie befasst sich mit der Diagnostik und Therapie von Hörstörungen bei Kindern. Eine frühzeitige Erkennung und Behandlung von Hörstörungen ist entscheidend für die Sprachentwicklung.
Diagnostische Verfahren in der Pädaudiologie
- Otoakustische Emissionen (OAE)
- Tympanometrie
- Stapediusreflexprüfung
- Verhaltensbeobachtung im freien Schallfeld
- Spielaudiometrie
- Tonaudiometrie
- BERA
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