Rheuma und Migräne: Ein komplexer Zusammenhang

Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Sie ist eine neurologische Erkrankung, die den Alltag und die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Rheuma umfasst eine Vielzahl von Erkrankungen, die oft mit chronischen Entzündungen und Schmerzen einhergehen. In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend den Zusammenhang zwischen diesen beiden Krankheitsbildern beleuchtet. Dieser Artikel fasst die aktuellen Erkenntnisse zusammen und gibt Betroffenen einen Überblick über mögliche Ursachen, Diagnose und Therapieansätze.

Migräne: Eine eigenständige neurologische Erkrankung

Migräne ist durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet, die zwischen 4 Stunden und 3 Tagen anhalten können. Die Kopfschmerzen sind oft pulsierend-pochend oder hämmernd und verschlimmern sich bei Bewegung. Vielfach treten Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit (Photophobie) und Geräuschempfindlichkeit (Phonophobie) auf. Bei manchen Menschen kündigt sich die Migräne durch eine Aura an, die neurologische Reiz- und Ausfallerscheinungen wie Sehstörungen oder Sensibilitätsstörungen umfasst.

Die chronische Migräne ist eine eigenständige Krankheitsform, bei der seit mindestens 3 Monaten an 15 oder mehr Tagen im Monat Kopfschmerzen bestehen, davon an 8 oder mehr Tagen mit Migräne.

Mögliche Auslöser (Trigger) für Migräneattacken sind vielfältig und individuell verschieden. Dazu gehören Stress, Entspannungsphasen nach Stress, Schlafmangel, hormonelle Veränderungen, bestimmte Lebensmittel, Wetterumschwünge, Düfte und Licht.

Rheuma: Ein Überbegriff für vielfältige Erkrankungen

Rheuma ist ein Sammelbegriff für über 100 verschiedene Erkrankungen, die den Bewegungsapparat betreffen. Dazu gehören entzündliche Gelenkerkrankungen wie die rheumatoide Arthritis, Arthrose, Wirbelsäulenerkrankungen wie Morbus Bechterew und Weichteilrheuma.

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Die rheumatoide Arthritis (RA) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper die Innenhaut der Gelenke (Synovialmembran) angreift. Betroffene Gelenke wie Handgelenk, Fingergelenke oder Schulter sind meist beidseits warm, geschwollen, schmerzhaft und steif (vor allem am Morgen). Allerdings haben diese Medikamente bei etwa einem Fünftel der Betroffenen keinen nennenswert schmerzlindernden Effekt, obwohl die Gelenke sichtbar geschwollen - und somit allem Anschein nach entzündet - sind. Den Grund dafür nennt Professor Dr. Bei den Betroffenen fühlten sich die Gelenke »dick und weich« an, schildert Orange. Dies rühre von einem übermäßigen Gewebewachstum her, nicht von einer Entzündung. Dennoch hätten die Patienten so starke Schmerzen wie jene, deren Gelenke extrem stark entzündet seien. Mithilfe eines KI-basierten Ansatzes, den sie selbst entwickelt und validiert hatten, suchten sie unter den rund 15.000 Genen, die in den Gewebeproben exprimiert wurden, nach solchen, durch die sich die 39 Patienten mit fibroider RA vom Rest der Studienkohorte unterschieden. Dies waren insgesamt 815 Gene - »eine Herausforderung, denn wir haben eine große Zahl an Genen, aber nur wenige Betroffene«, verdeutlicht Professor Dr. Mithilfe von Einzelzell-Sequenzierung fanden die Forschenden heraus, dass von den verschiedenen Zellen des Synovialgewebes ganz bestimmte diese 815 Gene besonders stark exprimierten: CD55+-Fibroblasten. Diese Zellen exprimierten außerdem das Gen NTN4, das für ein Protein namens Netrin-4 codiert. Die detaillierte Untersuchung des Synovialgewebes von Patienten mit fibroider RA zeigte, dass sehr viele Blutgefäße dort hineingewachsen waren. Diese Gefäße waren von CGRP+-Nervenzellen umgeben. Dies sei wahrscheinlich der Grund für die Schwellung der Gelenke, die bislang fälschlicherweise auf eine Entzündung zurückgeführt worden sei, so die Forschenden.

Die Schuppenflechten-Arthritis (Arthritis psoriatica) ist eine chronisch entzündliche Gelenkerkrankung, die zusammen mit einer Schuppenflechte (Psoriasis) auftritt. Auch Wirbelsäule und Sehnenansätze können von der entzündlichen Reaktion betroffen sein.

Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans) ist eine chronisch entzündlich-rheumatische Erkrankung, die vorwiegend die Wirbelsäule befällt. Die entzündlichen Vorgänge an der Wirbelsäule können zu Verfestigungen, Bewegungseinschränkungen und zur Fehlstellung führen.

Der Zusammenhang zwischen Rheuma und Migräne

Frühere Studien hatten bereits auf einen Zusammenhang zwischen Migräne und chronisch-entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (ERE) hingewiesen. Eine Studie mit Daten der Korean National Health Insurance Service zeigte, dass Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA) ein höheres Risiko für Migräne haben als Personen ohne RA. Dieses erhöhte Risiko wurde sowohl bei Patienten mit seropositiver als auch seronegativer RA festgestellt.

Mehrere Studien haben beobachtet, dass 34 % der getesteten Rheuma-Patienten auch an Migräne litten. Risikofaktoren hierfür waren vermehrte Ängste, das weibliche Geschlecht, junges Alter und die Rheuma-Behandlung mit TNF-Inhibitoren. Eine populationsbasierte Kohorten-Studie ergab, dass das Risiko von Rheuma bei Migränepatienten 1,9-fach höher war als bei Teilnehmern ohne rheumatische Erkrankung.

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Es wird vermutet, dass Migräne-assoziierte Entzündungswerte die Bildung komorbider Krankheiten mit hohen Entzündungswerten unterstützen können. Bestimmte Biomarker von Entzündungen, die bei Rheuma, CED und MS erhöht vorkommen, können die Blut-Hirn-Schranke überwinden und in Nervenzellen Entzündungen auslösen. Auch der Einfluss des Darm-Mikrobioms auf Entzündungswerte und -mediatoren spielt eine Rolle.

Autoimmunaktivität bei Migräne

Bei Kopfschmerzerkrankungen wurden vermehrt Hinweise auf Antikörper gegen körpereigene Phospholipide gefunden. Eine Studie, die verschiedene Datenbanken durchsuchte, ergab, dass sich bei Migränepatienten häufiger Antikörper gegen körpereigene Substanzen fanden als bei gesunden Kontrollen. Fast jeder 10. Migränepatient hatte Antikörper gegen die Cardiolipine der Mitochondrien, und jeder 7. hatte Anzeichen einer Immunantwort gegen die körpereigenen Glykoproteine. 4 % der Migränepatienten hatten das für verschiedene Autoimmunerkrankungen typische Lupus-Antikoagulans.

Dies deutet darauf hin, dass die Immunabwehr eines Teils der Migränepatienten körpereigene Substanzen angreift, was darauf hindeuten könnte, dass auch die Migräne eine Autoimmunerkrankung ist.

Fibroide RA und Migräne

Die detaillierte Untersuchung des Synovialgewebes von Patienten mit fibroider RA zeigte, dass sehr viele Blutgefäße dort hineingewachsen waren. Diese Gefäße waren von CGRP+-Nervenzellen umgeben. Dies sei wahrscheinlich der Grund für die Schwellung der Gelenke, die bislang fälschlicherweise auf eine Entzündung zurückgeführt worden sei, so die Forschenden. Das Stichwort CGRP lässt bei Pharmazeuten ein Glöckchen mit der Aufschrift »Migräne« sturmläuten. Das Neuropeptid spielt in der Pathophysiologie der Migräne eine entscheidende Rolle und ist - selbst beziehungsweise sein Rezeptor - auch der Angriffspunkt der therapeutischen Antikörper Erenumab (Aimovig®), Fremanezumab (Ajovy®) und Galcanezumab (Emgality®).

Therapieansätze

Manche Medikamente, die gegen Migräne wirken, werden auch bei rheumatischen und anderen Autoimmunerkrankungen erfolgreich eingesetzt. Mit einem besseren Verständnis der Erkrankung eröffnen sich auch neue Therapieansätze.

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Die Behandlung von Migräne umfasst sowohl die Akuttherapie von Attacken als auch die Prophylaxe, um die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren. Zu den Akutmedikamenten gehören Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Triptane. Zur Prophylaxe werden unter anderem Betablocker, Antidepressiva oder Antiepileptika eingesetzt. In den letzten Jahren sind auch CGRP-Antikörper zur Migräneprophylaxe zugelassen worden.

Die Therapie von rheumatischen Erkrankungen zielt darauf ab, Entzündungen zu reduzieren, Schmerzen zu lindern und dieFunktionsfähigkeit der Gelenke zu erhalten. Zu den eingesetzten Medikamenten gehören Schmerzmittel, nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), Kortikosteroide und krankheitsmodifizierende Antirheumatika (DMARDs).

Leben mit Rheuma und Migräne

Für Menschen, die sowohl an Rheuma als auch an Migräne leiden, ist es wichtig, einen individuellen Therapieplan zu entwickeln, der beide Erkrankungen berücksichtigt. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachärzten, wie Rheumatologen, Neurologen und Schmerztherapeuten.

Zusätzlich zur medikamentösen Therapie können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Physiotherapie, Ergotherapie, Entspannungsverfahren und eine gesunde Lebensweise dazu beitragen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Es ist wichtig, die eigenen Trigger für Migräneattacken zu kennen und zu vermeiden. Ein Kopfschmerztagebuch kann dabei helfen, Auslöser zu identifizieren. Auch Stressmanagement und regelmäßige Bewegung können sich positiv auf beide Erkrankungen auswirken.

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