Trauer ist eine natürliche Reaktion auf Verluste, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens erfährt. Ob der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust der Gesundheit oder der Verlust von Fähigkeiten - Trauer ist ein wichtiger Prozess, um das Erlebte zu verarbeiten und sich an die neue Situation anzupassen. Doch was passiert, wenn ein Mensch an Demenz erkrankt ist? Können traumatische Erlebnisse oder andauernde Trauer Demenz auslösen oder verstärken? Dieser Frage soll im folgenden Artikel nachgegangen werden, wobei sowohl die Perspektive der Betroffenen als auch die der Angehörigen und des sozialen Umfelds berücksichtigt wird.
Demenz und Trauer: Eine komplexe Beziehung
Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns, die mit einem Abbau der kognitiven Fähigkeiten einhergeht. Betroffen sind vor allem das Gedächtnis, das Denkvermögen, die Sprache und die Orientierung. Die Erkrankung verläuft individuell unterschiedlich und kann sich in verschiedenen Formen äußern.
Trauer hingegen ist ein emotionaler Ausnahmezustand, der durch den Verlust eines geliebten Menschen oder einer wichtigen Bezugsperson ausgelöst wird. Sie kann sich in vielfältigen Symptomen äußern, wie z.B. Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Angst, Schuldgefühle, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten.
Obwohl Demenz und Trauer zwei unterschiedliche Phänomene sind, können sie sich gegenseitig beeinflussen und verstärken. So kann eine Demenzerkrankung die Fähigkeit zu trauern beeinträchtigen, während traumatische Erlebnisse oder andauernde Trauer das Risiko für eine Demenzerkrankung erhöhen können.
Trauer bei Demenz: Eine besondere Herausforderung
Trauer bei Menschen mit Demenz stellt eine besondere Herausforderung dar, da die Erkrankung die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten der Betroffenen beeinträchtigt. Im frühen Stadium der Demenz zeigen Betroffene oft normale Trauerreaktionen, doch mit fortschreitender Erkrankung verändern sich die Reaktionen auf Verlusterlebnisse.
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Veränderte Trauerreaktionen
Menschen mit Demenz nehmen oft wahr, dass etwas nicht stimmt, können aber den Grund dafür nicht benennen. Dies kann zu Verhaltensauffälligkeiten wie Unruhe, innerer Erregung oder Angst führen. Reaktionen wie Weinen oder verbaler Austausch kommen im fortgeschrittenen Stadium seltener vor. Stattdessen kann es vorkommen, dass Betroffene aktuelle mit vergangenen Verlusten verwechseln oder wiederholt nachfragen, wo die verstorbene Person ist.
Einflussfaktoren auf das Trauererleben
Das Erleben und die Reaktion auf ein Verlusterlebnis bei Demenzkranken werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören der Fortschritt der Erkrankung, die Fähigkeit, den Verlust bewusst wahrzunehmen, und die Erinnerung an die Beziehung zur verstorbenen Person. Wenn ein Demenzkranker Schwierigkeiten hat, sich zu erinnern, können Fotos oder Musikstücke helfen, die Erinnerung an die Person wachzurufen.
Umgang mit Trauer bei Demenz
Es gibt keine festen Regeln dafür, wie man Demenzkranken die Nachricht vom Tod eines Angehörigen überbringt oder ihnen hilft, sich daran zu erinnern. Angehörige sollten ausprobieren und beobachten, welche Strategien hilfreich sind. In jedem Fall haben die Erkrankten das Recht zu erfahren, dass jemand verstorben ist. Solange es die Erkrankung zulässt, sollten sie auch an der Trauerfeier teilnehmen und am familiären Trauerprozess teilhaben.
Demenzfreundliche Bestattungen: Ein würdevoller Abschied
Angesichts der besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz bei Trauerfällen haben sich sogenannte demenzfreundliche Bestattungen entwickelt. Diese berücksichtigen die kognitiven und emotionalen Einschränkungen der Betroffenen und ermöglichen ihnen einen würdevollen Abschied.
Schulungen für Bestatter
Bestatter wie Eric Wrede von „Lebensnah Bestattungen“ bieten Fortbildungen für demenzfreundliche Bestattungen an. Dabei lernen sie, wie sie auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz eingehen und sie in die Trauerfeier einbinden können.
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Einbeziehung der Betroffenen
Es ist wichtig, auch Menschen mit Demenz nach ihren Wünschen zu fragen und die passende Form der Ansprache zu finden. Angehörige sollten intensive Gespräche führen, um herauszufinden, worauf der Betroffene aggressiv reagiert, zu welcher Tageszeit er besonders fit ist und was er vor der Erkrankung gerne gemacht hat. So kann man ihn beispielsweise Blumen für die Trauerfeier aussuchen lassen oder sein Lieblingslied spielen.
Gestaltung der Trauerfeier
Um Überforderungen zu vermeiden, kann es hilfreich sein, die Trauerfeier zu splitten: ein kleiner Rahmen mit wenig Reizen, ganz auf den demenzveränderten Menschen abgestimmt, und anschließend die große Trauerfeier für alle.
Umgang mit Schuldgefühlen
Viele Angehörige haben Schuldgefühle, wenn sie einem dementen Menschen die Todesnachricht ersparen möchten oder auf Nachfragen ausweichend antworten. Demenzfreundliche Bestattung bedeutet auch, den Angehörigen die Angst vor dem Miteinander in der Trauer zu nehmen.
Trauer als Risikofaktor für Demenz?
Obwohl Demenz die Fähigkeit zu trauern beeinträchtigen kann, gibt es auch Hinweise darauf, dass traumatische Erlebnisse oder andauernde Trauer das Risiko für eine Demenzerkrankung erhöhen können.
Anhaltende Trauerstörung
Mediziner sprechen von einer „anhaltenden Trauerstörung“, wenn der Schmerz kein Ende nimmt, das Gefühl von Benommenheit nicht nachlässt oder Hinterbliebene anderen Menschen nicht mehr vertrauen können. Diese ist eine eigenständige Diagnose und von einer Depression zu unterscheiden, die sich durch Trauer ebenfalls entwickeln kann. Auch psychosomatische Erkrankungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schlafstörungen können die Folge sein.
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Unerkannte Trauer
Carmen Birkholz, Vorsitzende des Bundesverbandes Trauerbegleitung, betont in ihrem Buch „Trauer und Demenz“, dass unerkannt bleibende Trauer bei Menschen mit Demenz zu einer traumatischen Trauer führen kann, die sie weiter und schneller in das dementierende Erleben flüchten lässt.
Psychosozialer Verlust
Angehörige und Freunde von Demenzkranken erleben oft einen psychosozialen Verlust, da sich die Persönlichkeit des Erkrankten verändert und die gemeinsame Vergangenheit in den Hintergrund rückt. Dieser Verlust kann Trauer auslösen, obwohl die Person noch lebt.
Abschied auf Raten
Das Leben mit einem Demenzkranken ist oft ein Abschied auf Raten. Mit jeder verlorengegangenen Fähigkeit rückt der Tod des Erkrankten ein Stückchen näher. Wenn der Mensch letztlich stirbt, sind die Reaktionen unterschiedlich. Obwohl der Schmerz über den Tod überwiegt, mischt sich nicht selten ein wenig Erleichterung hinein.
Unterstützung für Trauernde und Demenzkranke
Sowohl für Trauernde als auch für Demenzkranke gibt es vielfältige Unterstützungsangebote.
Trauerbegleitung
Trauerbegleitung, Trauercafés oder Trauergruppen können für Hinterbliebene hilfreich sein, um ihre Trauer zu verarbeiten und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.
Angehörigengruppen
Angehörigengruppen können zu Lebzeiten des Demenzerkrankten, aber auch darüber hinaus, große Unterstützung leisten. Hier kommt man mit Menschen zusammen, die in der gleichen Situation sind, die wissen, was man gerade durchmacht. Und hier kann man über seine zwiespältigen Gefühle sprechen und wird verstanden.
Hospizdienste
Hospizdienste bieten Unterstützung in der letzten Lebensphase von Demenzkranken und begleiten auch die Angehörigen in ihrer Trauer.
Professionelle Hilfe
Bei anhaltenden oder schweren Trauerreaktionen sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Psychologen, Psychotherapeuten oder Fachärzte können helfen, die Trauer zu verarbeiten und den Weg zurück in ein normales Leben zu finden.