Katheter bei Multipler Sklerose: Erfahrungen, Behandlung und Lebensqualität

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn, Rückenmark und Sehnerven betrifft. Sie ist durch Entzündungsherde gekennzeichnet, die schubweise oder kontinuierlich auftreten und verschiedene Symptome auslösen können. Blasenfunktionsstörungen sind ein häufiges, aber oft unterschätztes Symptom von MS, das die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von MS-Patienten mit Blasenfunktionsstörungen und die Rolle von Kathetern, insbesondere dem intermittierenden Selbstkatheterismus (ISK), bei der Behandlung und Verbesserung der Lebensqualität.

Blasenfunktionsstörungen bei MS: Ein Überblick

Bei MS-Patienten ist die Blase häufig eines der ersten Organe, an denen sich die Erkrankung bemerkbar macht. Neurogene Blasenfunktionsstörungen, wie eine überaktive oder spastische Blase, können sogar das alleinige Erstsymptom sein. Typische Anzeichen sind häufiges Wasserlassen, gesteigerter Harndrang und Dranginkontinenz, bei der sich der Blasenmuskel bereits bei geringer Füllmenge zusammenzieht. Nach etwa zehn Jahren Erkrankungsdauer entwickeln die meisten MS-Betroffenen begleitende Blasenfunktionsstörungen mit ungewolltem Harnverlust, Inkontinenz oder unvollständiger Blasenentleerung mit Restharnbildung. In manchen Fällen kann es auch zu einer Harnsperre oder Harnverhalt kommen.

Die Ursache für diese Blasenfunktionsstörungen liegt in der Schädigung des Rückenmarks durch die MS, wodurch die Ansteuerung der Blase gestört wird. Die Nervenhüllen, die die Nervenstränge schützen, werden angegriffen, was zu Entzündungen und Vernarbungen führt. Dadurch werden Nervensignale verlangsamt oder gar nicht mehr weitergeleitet, was zu Harninkontinenz oder erschwerter Blasenentleerung führen kann.

Auswirkungen von Blasenfunktionsstörungen auf die Lebensqualität

Blasenfunktionsstörungen können die Lebensqualität von MS-Patienten erheblich beeinträchtigen. Ungewollter Harnverlust und häufige Toilettengänge können zu sozialer Isolation und Schamgefühlen führen. Die Angst vor peinlichen Situationen kann dazu führen, dass Betroffene sich zurückziehen und spontane Treffen vermeiden.

Darüber hinaus können Blasenfunktionsstörungen das Risiko für wiederkehrende Harnwegsinfekte erhöhen, die mit Schmerzen, Brennen beim Wasserlassen und weiteren Beschwerden wie Unterbauchschmerzen einhergehen. Häufige Toilettengänge in der Nacht können zu Schlafstörungen führen, die wiederum andere MS-Symptome wie Spastiken oder Fatigue negativ beeinflussen können.

Lesen Sie auch: Schlaganfallbehandlung mit Katheter

Diagnose und Behandlung von Blasenfunktionsstörungen bei MS

Eine frühzeitige und sorgfältige Abklärung von Blasenfunktionsstörungen bei MS ist entscheidend. MS-Patienten sollten sich bereits im Frühstadium fachärztlich betreuen lassen. Eine urodynamische Untersuchung kann das komplexe Zusammenspiel von Nerven und Muskulatur der Blase sowie des Beckenbodens auf Funktionsstörungen untersuchen.

Die Behandlung der Blasenschwäche erfolgt in erster Linie medikamentös. Je nach Art der Funktionsstörung können unterschiedliche Wirkstoffe eingesetzt werden. Invasivere Therapiemethoden wie Injektionsbehandlungen mit Botox oder die sakrale Neuromodulation (ein Blasenschrittmacher) können ebenfalls in Betracht gezogen werden. Eine weitere Option ist der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK).

Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK): Eine Möglichkeit zur Kontrolle

Der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK) ist eine Methode, bei der ein dünner Schlauch (Katheter) in regelmäßigen Zeitabständen in die Blase eingeführt wird, um den Urin abzulassen. Dies ermöglicht eine vollständige Entleerung der Blase und reduziert das Risiko von Restharnbildung und Harnwegsinfekten. Der ISK wird in der Regel 4 bis 6 Mal täglich durchgeführt, was dem normalen Blasenentleerungsrhythmus entspricht. Unmittelbar nach der Entleerung wird der Katheter wieder entfernt.

Viele MS-Patienten empfinden den ISK als eine Möglichkeit, ihre Blase besser zu kontrollieren und ihre Lebensqualität zu verbessern. Cécilia Rousseau, bei der vor über 20 Jahren MS diagnostiziert wurde, berichtet, dass der ISK ihr so viel Freiheit gegeben hat. Sie kann ihre sozialen Kontakte pflegen und tun, was sie will, ohne sich Gedanken über Inkontinenz oder ungewollten Harnverlust machen zu müssen.

Mark Webb, ein PR-Manager und Redner mit MS, wehrte sich zunächst gegen den Gedanken, einen Katheter zu verwenden. Aber als er sich schließlich dazu entschloss, war es gar kein Problem. Er beschreibt das Gefühl der Erleichterung nach einer richtig entleerten Blase als unglaublich.

Lesen Sie auch: Leitfaden zur Katheterisierung bei MS

Erfahrungen mit dem ISK: Herausforderungen und Lösungen

Obwohl der ISK für viele MS-Patienten eine wertvolle Unterstützung darstellt, kann die Anwendung auch mit Herausforderungen verbunden sein. Sarah, bei der MS diagnostiziert wurde, fand den ISK anfangs entmutigend. Sie konnte nicht einschätzen, was diese für sie wirklich bedeuten würde.

Einige Patienten haben Schwierigkeiten, den Katheter einzuführen, insbesondere wenn sie unter eingeschränkter Fingerfertigkeit oder Beweglichkeit der Hände leiden. In solchen Fällen können spezielle Katheter mit einer hydrophilen Beschichtung, die die Harnröhre schont und die Reibung reduziert, hilfreich sein. Es gibt auch Katheter mit einer dreieckigen Form, die die Öffnung erleichtern, sowie kompakte Versionen für Reisende.

Wichtig ist, dass Patienten von kompetenten Fachleuten, wie Neuro-Urologen, MS-Nurses oder Kontinenzexperten, individuell beraten und in die richtige Anwendung des ISK eingewiesen werden. Eine gute Anleitung und Übung sind entscheidend, um den ISK als Routine zu beherrschen.

Tipps und Ratschläge für den Umgang mit dem ISK

  • Sprechen Sie mit Ihrem Arzt: Scheuen Sie sich nicht, Ihre Blasenprobleme mit Ihrem Arzt zu besprechen. Neurologen sind zwar auf MS spezialisiert, aber Urologie ist nicht ihr Fachgebiet. Wenn Sie Ihre Probleme ansprechen, kann Ihr Arzt Sie an einen Spezialisten überweisen.
  • Suchen Sie Unterstützung: Wenden Sie sich an andere MS-Patienten, die Erfahrungen mit dem ISK haben. Der Austausch über bewährte Praktiken kann sehr hilfreich sein.
  • Finden Sie den richtigen Katheter: Es gibt verschiedene Arten von Einmalkathetern. Probieren Sie einige aus, um herauszufinden, welcher für Sie am besten funktioniert.
  • Üben Sie regelmäßig: Je öfter Sie den ISK durchführen, desto einfacher wird er.
  • Seien Sie geduldig: Es kann einige Zeit dauern, bis Sie sich an den ISK gewöhnt haben. Geben Sie nicht auf!
  • Achten Sie auf Hygiene: Führen Sie den ISK aseptisch durch, um Harnwegsinfektionen zu vermeiden.
  • Trinken Sie ausreichend: Auch wenn Sie unter Inkontinenz leiden, sollten Sie ausreichend trinken, um Ihre Blase zu spülen.
  • Nehmen Sie sich Zeit: Vermeiden Sie Stress und Eile bei der Durchführung des ISK.
  • Akzeptieren Sie Ihre Erkrankung: Der ISK ist eine Möglichkeit, ein Stück Unabhängigkeit zu bewahren und Ihr Leben trotz MS aktiv zu gestalten.

Darmprobleme bei MS

Neben Blasenfunktionsstörungen können auch Darmprobleme bei MS auftreten. Verstopfung, Durchfall und Blähungen sind häufige Beschwerden. Die Ursache liegt in der gestörten Nervenleitung, die die Darmfunktion beeinflusst. In einigen Fällen kann auch eine veränderte Darmflora (Mikrobiom) eine Rolle spielen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Darmprobleme bei MS zu behandeln. Eine ballaststoffreiche Ernährung, ausreichend Flüssigkeit und regelmäßige Bewegung können helfen, die Verdauung zu regulieren. In manchen Fällen können auch Medikamente oder eine transanale Darmspülung (TAI) erforderlich sein.

Lesen Sie auch: Demenz und Krankenhausaufenthalt: Was Sie wissen sollten

Der Euroschlüssel: Barrierefreie Toiletten für unterwegs

Für Menschen mit MS und Blasen- oder Darmfunktionsstörungen kann der Euroschlüssel eine wertvolle Hilfe sein. Er öffnet behindertengerechte Toiletten in vielen öffentlichen Einrichtungen und ermöglicht es Betroffenen, auch unterwegs eine geeignete Toilette zu finden.

tags: #katheter #bauchdecke #multiple #sklerose