Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom von viralen Infekten wie COVID-19 und können auch nach einer COVID-19-Impfung auftreten. Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bei der Entstehung von Post-COVID-Kopfschmerzen und Migräne entzündliche Prozesse und das angeborene Immunsystem eine Rolle spielen.
Post-COVID-Kopfschmerz: Eine Herausforderung
Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom von fieberhaften, viralen Infekten wie COVID-19 und können auch über die akute Erkrankung hinaus persistieren oder nach einer COVID-19-Impfung auftreten. Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bei der Entstehung von Post-COVID-Kopfschmerzen und Migräne entzündliche Prozesse und das angeborene Immunsystem von Bedeutung sind.
Bei Patientinnen und Patienten mit einer Kopfschmerzvorgeschichte wie Migräne treten Kopfschmerzen während und nach einer akuten COVID-19-Erkrankung intensiver und länger auf. Die Schmerzintensität während der akuten Erkrankung scheint der wichtigste Prädiktor für die Kopfschmerzdauer im folgenden Verlauf zu sein.
Prof. Dr. med. Andreas Straube wird auf dem Kopfschmerzkongress neue Daten zur Pathophysiologie des Post-COVID-Kopfschmerzes und zu Migräne vorstellen: „Es ist kürzlich entdeckt worden, dass das angeborene Immunsystem an der Entstehung und Chronifizierung der Migräne beteiligt ist. Das angeborene Immunsystem spielt eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Infektionen, aber auch bei der Regulation von Entzündungsreaktionen im Körper. Bei Migränepatientinnen und ‑patienten sind bestimmte entzündungsfördernde Substanzen im Blut erhöht.“
Interessanterweise zeigte sich in einigen Untersuchungen, dass das frühe Auftreten von Kopfschmerzen im Prodromalstadium einer SARS-CoV-2-Infektion mit einer besseren Prognose der COVID-Erkrankung korrelierte. Kopfschmerzen nach einer COVID-19-Impfung waren sogar mit einer robusteren Immunantwort assoziiert, was darauf hindeutet, dass der physiologische Mechanismus komplex ist. „Spannend ist, welche Mechanismen für eine Entstehung von Kopfschmerzen innerhalb von Stunden nach einer Impfung verantwortlich sein könnte. Das sind ganz neue Überlegungen, die bisher noch nicht untersucht wurden“, erklärt Prof. Straube.
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Kopfschmerzen nach COVID-19-Impfung: Ein Überblick
Kopfschmerzen können nach einer COVID-19-Impfung auftreten. Göbel et al. untersuchten in einer aktuellen Studie mit 18.544 Teilnehmern Kopfschmerzen nach COVID-19-Impfungen. Dabei traten die Kopfschmerzen je nach Impfstoff zu unterschiedlichen Zeiten und mit variierender Intensität auf. Im Durchschnitt begannen Kopfschmerzen 12 Stunden nach der Impfung und dauerten etwa 23 Stunden. Besonders schnell eintretende Kopfschmerzen wurden bei Sputnik V (17 Stunden) festgestellt, während die mRNA-Impfstoffe Comirnaty (26 Stunden) und Spikevax (22 Stunden) später wirkten. Die Ergebnisse helfen, Kopfschmerzen nach Impfungen besser von anderen, möglicherweise gefährlichen Ursachen wie Thrombosen zu unterscheiden.
Es bedarf ärztlicher Beurteilung, ob eine übliche Impfreaktion oder eine darüberhinausgehende Impfkomplikation vorliegt, was eine ärztliche Konsultation und eine entsprechende Beschwerdeangabe voraussetzt. Kopfschmerzen können als reversible Allgemeinreaktion auf eine Corona-Schutzimpfung mit dem Impfstoff Comiraty innerhalb von 12 bis 48 Stunden auftreten, isoliert anhaltende Kopfschmerzen werden als Nebenwirkung in der Fachinformation nicht beschrieben. Kopfschmerzen können als Symptom zahlloser Erkrankungen auftreten und auch ohne Zusammenhang zu einer Schutzimpfung Anlass für medizinische Untersuchungen sein.
Der Fall einer jungen Frau aus dem Allgäu
Wenige Wochen nach einer Corona-Schutzimpfung traten bei einer jungen Frau aus dem Allgäu starke Kopfschmerzen auf. Der für Impfschadensfälle zuständige 6. Senat des Landessozialgerichts Baden-Württemberg (LSG) hat über den Fall einer 1990 geborenen Frau entschieden, die Entschädigungsleistungen wegen Kopfschmerzen geltend machte, die sie auf eine Corona-Schutzimpfung zurückführte. Die Klägerin, die bereits seit langem unter Migräne litt, erhielt am 12. Mai 2021 die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff.
Das LSG entschied, dass zur Anerkennung eines Gesundheitsschadens als Folge einer Impfschädigung zwar die Wahrscheinlichkeit des ursächlichen Zusammenhangs genüge, jedoch bei der Klägerin keine über übliche Impfreaktionen hinausgehende Impfkomplikation nachgewiesen werden konnte. Insbesondere habe sie bei Arztbesuchen kurz nach der Impfung noch keine entsprechenden Kopfschmerzen berichtet. Auch nach dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand träten Kopfschmerzen nur im Rahmen einer harmlosen, reversiblen Allgemeinreaktion innerhalb von 12 bis 48 Stunden nach der Impfung auf, könnten in einem weitergehenden Zeitraum aber nicht mit Wahrscheinlichkeit auf die Impfung zurückgeführt werden. Zudem habe die behandelnde Psychiaterin dargelegt, dass die Zunahme der Problematik eine Nebenwirkung der Dauerbehandlung mit Methylphenidat sein könne, welches die Klägerin seit zehn Jahren zur Behandlung von ADHS einnehme.
Post-Vac-Syndrom: Länger anhaltende Beschwerden nach COVID-19-Impfung
Laut dem Bundesministerium für Gesundheit wird der Begriff „Post-Vac-Syndrom“ im Zusammenhang mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen nach einer COVID-19-Schutzimpfung verwendet. Die Beschwerden sind zum Teil vergleichbar mit den Symptomen bei Long COVID und bisher noch wenig erforscht. Unter dem Begriff Post-Vac-Syndrom werden verschiedene länger andauernde Beschwerden nach einer COVID-19-Impfung beschrieben. Diese sind zum Teil vergleichbar mit den Symptomen bei Long COVID. Auch eine Ursache für die Entstehung des Erkrankungsbildes Post-Vac-Syndrom ist bisher nicht erforscht.
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Einige Autoren unterscheiden, abhängig von der Dauer, ein Akutes- und ein Post-Akutes-COVID-19-Vakzinationssyndrom (ACVS/PACVS). Typisch ist, dass die Beschwerden mit mehreren Wochen Latenz nach der Impfung ihren Höhepunkt erreichen und jahrelang persistieren. Das Krankheitsbild ist, ähnlich wie LC, mit einer Vielzahl an Symptomen verbunden, bei denen häufig Fatigue, kardiovaskuläre und neurologische Symptome im Vordergrund stehen. Oft führen körperliche oder geistige Beanspruchung zur Beschwerdezunahme, der sogenannten Post-Exertional-Malaise. Phasenweise bestehen zudem Gelenk-, Glieder- und Kopfschmerzen.
Angelehnt an die LC-Definition von der Weltgesundheitsorganisation bietet sich für die klinische Praxis an, von einem PVS auszugehen, wenn innerhalb von drei Monaten nach einer COVID-19-Impfung Beschwerden auftreten, die mindestens zwei Monate andauern und nicht anders erklärt werden können.
Auffällig ist, dass per 1. Mai 2024 in der Nebenwirkungsdatenbank der European Medicines Agency (EMA) europaweit 424.177 Fälle von Fatigue nach Impfung verzeichnet sind. Bei mehr als zwei Dritteln davon (68 Prozent) ist keine vollständige Erholung dokumentiert. Daneben finden sich auch 339.903 Fälle von Muskelschmerzen. Alleine in der Marburger Post-Vac-Ambulanz waren 2023 über 7.000 PVS-Patienten auf der Warteliste und an anderen Zentren dürften es ähnlich hohe Zahlen sein.
Angesichts der nahezu identischen Antigensequenz des Spike-Proteins bei Impfung und Infektion scheint ein gemeinsamer Pathomechanismus von LC und PVS plausibel. Es wird diskutiert, ob die Spikes in Zellen persistieren, selbst pathogen wirken oder eine veranlagte AIE auslösen könnten. Zur Pathogenese von PVS bzw. LC werden international mehrere Theorien diskutiert und erforscht.
Theorien zur Pathogenese des PVS nach COVID-19-Impfungen
- Entzündung des Gefäßendothels (Endotheliitis)
- Störungen ACE-abhängiger vaskulärer und metabolischer Regelkreise
- Persistenz von Spike-Proteinen in Geweben
Therapieansätze und Versorgung von PVS-Patienten
Zu den Therapieansätzen, die teilweise denen von LC entsprechen, existieren derzeit nur kleinere Studien oder Expertenmeinungen. Heilversuche werden hierzulande nach ausgiebiger Diagnostik unter anderem an der Marburger Post-Vax-Ambulanz, den Post-Vac- bzw. LC-Ambulanzen der Unikliniken in Augsburg, Hannover, Göttingen, Erlangen und weiteren Hochschulen unternommen. Sie erfolgen teilweise im Rahmen von Studien. Zum Einsatz kommen international derzeit unter anderem Statine und AT1-Antagonisten (Uni Marburg), Triple-Antikoagulation (Uni Stellenbosch, Südafrika) oder extrakorporale Blutwäscheverfahren. In den USA sind zudem Maraviroc, Ivermectin, Nattokinase und andere Substanzen verbreitet. Diese werden auch hierzulande in einigen Praxen eingesetzt. Die meisten Therapien werden durch ein personalisiertes Energiemanagement (sogenanntes Pacing) und Diäten ergänzt. Leider liegen derzeit für keinen der Therapieansätze Daten aus größeren, placebokontrollierten Studien vor.
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Seit Kurzem regelt eine neue Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses die Versorgung von LC-, CFS- und PVS-Patienten, unter anderem mit einer Behandlungskoordination und einem Behandlungsplan. Betroffene sollen sich dazu mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt auf dessen koordinierende Funktion verständigen. Solange diese Strukturen jedoch noch im Aufbau sind, ist eine effiziente Versorgung selten und die Patienten mit der Koordination meist auf sich alleine gestellt.
PVS-Patienten sind meist körperlich, kognitiv und sozial erheblich eingeschränkt, viele dauerhaft berufsunfähig. Wegen der Unkenntnis über das Krankheitsbild werden weiterhin viele Patienten von ihren Behandlern psychiatrisiert und damit zusätzlich belastet. Betroffene haben einen finanziellen Versorgungsanspruch nach dem am 1. Januar 2024 eingeführten Sozialgesetzbuch XIV. Derzeit werden Versorgungsanträge jedoch von den Landesversorgungsämtern in der Regel abgelehnt, weil sich deren Gutachter noch immer auf die oben genannte unzureichende Stellungnahme des PEI stützen.
Wichtig ist für viele Betroffene in dieser Gemengelage die Selbsthilfe. Bundesweit existieren zahlreiche Gruppen, deren Bundesverband CoVeRSE e. V. ihnen ehrenamtlich Hilfestellung und Interessenvertretung in der Politik bietet.
Die Rolle des angeborenen Immunsystems bei Migräne und Post-COVID-Kopfschmerzen
Das angeborene Immunsystem spielt eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Infektionen und der Regulation von Entzündungsreaktionen im Körper. Bei Migränepatientinnen und -patienten sind bestimmte entzündungsfördernde Substanzen im Blut erhöht. Es ist kürzlich entdeckt worden, dass das angeborene Immunsystem an der Entstehung und Chronifizierung der Migräne beteiligt ist.
Kopfschmerzkongress der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
Der erste Kopfschmerzkongress der Deutschen Migräne und Kopfschmerzgesellschaft e. V. (DMKG) bietet ein umfassendes Fortbildungsprogramm. Neben dem Post-COVID-Kopfschmerz informieren Vorträge über Cannabis und Kopfschmerz, neue Impulse aus der Forschung und den aktuellen Stand der Kopfschmerzversorgung in Deutschland. In Workshops kann tiefergehendes Praxiswissen zur multimodalen Therapie bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen, Entspannungstechniken oder den biopsychosozialen Ursachen und Folgen von Schmerz erlernt werden. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachgruppen, die in der Regel die erste Anlaufstelle für Betroffene sind, können sich beim Kopfschmerzkongress auf den neuesten Wissensstand bringen.