Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch plötzliche, unkontrollierte Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Obwohl Epilepsie in jedem Alter auftreten kann, gibt es zwei Häufigkeitsgipfel: im Kindesalter und bei älteren Menschen. Im Kindesalter sind etwa 5 von 1000 Kindern betroffen, was Epilepsie zur häufigsten neurologischen Erkrankung in dieser Altersgruppe macht.
Was ist Epilepsie?
Epileptische Anfälle sind kurze Störungen der elektrochemischen Signalübertragung im Gehirn. Sie können sich auf Bewegungen, Empfindungen und das Bewusstsein auswirken. Epilepsie wird definiert als eine erhöhte Anfallsneigung, bei der Anfälle ohne bekannten Auslöser auftreten. Es gibt jedoch auch Reflexepilepsien, bei denen normale Alltagssituationen wie flackerndes Licht, bestimmte Musik oder Essen Anfälle auslösen können.
Ursachen von Epilepsie bei Kindern
Die Ursachen für Epilepsie im Kindesalter sind vielfältig. In einigen Fällen kann eine genetische Veranlagung, eine Störung im Gehirnstoffwechsel oder eine Hirnschädigung zugrunde liegen. Selten, aber gut behandelbar sind Anfälle, die auf Stoffwechselerkrankungen basieren, die auf einem Defekt im Pyridoxin-, Pyridoxalphosphat- oder Folinsäurestoffwechsel beruhen. Diese lassen sich durch entsprechende Vitamingaben bessern.
Weitere mögliche Ursachen sind:
- Genetische Faktoren: Epilepsie kann durch vererbte genetische Defekte verursacht werden, die das Gehirn übererregbar machen.
- Hirnschäden: Verletzungen des Gehirns, wie z.B. durch Sauerstoffmangel während der Geburt, ZNS-Fehlbildungen oder eine tuberöse Sklerose, können zu Epilepsie führen.
- Infektionen: Hirnhautentzündungen oder andere Infektionen des Gehirns können ebenfalls Epilepsie verursachen.
- Stoffwechselstörungen: Stoffwechselstörungen, wie z.B. ein Mangel an bestimmten Vitaminen oder Mineralstoffen, können das Risiko für Epilepsie erhöhen.
- Unbekannte Ursachen: In vielen Fällen bleibt die Ursache für Epilepsie unbekannt.
Symptome von Epilepsie bei Kindern
Die Symptome von Epilepsie können sehr unterschiedlich sein, je nach Art des Anfalls und dem betroffenen Bereich des Gehirns. Nicht immer äußern sich frühkindliche Epilepsien eindeutig mit Krampfanfällen. Manche Kinder wirken eher abwesend oder sind nicht ansprechbar.
Lesen Sie auch: Meningitis bei Kindern: Vorbeugung
Häufige Symptome sind:
- Krampfanfälle: Krampfanfälle sind das bekannteste Symptom von Epilepsie. Sie können sich in Form von Zuckungen, Muskelverspannungen oder Bewusstseinsverlust äußern.
- Absencen: Absencen sind kurze Abwesenheitszustände, während derer die Kinder nicht ansprechbar sind und sich hinterher nicht mehr daran erinnern können. Diese Zustände werden oft als Verträumtheit oder Verstocktheit interpretiert.
- Myoklonische Anfälle: Myoklonische Anfälle sind kurze, unwillkürliche Muskelzuckungen.
- Fokale Anfälle: Fokale Anfälle beginnen in einem bestimmten Bereich des Gehirns und können sich auf einen Teil des Körpers beschränken oder sich auf das gesamte Gehirn ausbreiten. Die Symptome hängen vom betroffenen Bereich des Gehirns ab und können sich in Form von Zuckungen, Empfindungsstörungen, Sprachstörungen oder Halluzinationen äußern.
- Atonische Anfälle: Atonische Anfälle führen zu einem plötzlichen Verlust der Muskelspannung, wodurch die Kinder stürzen können.
- Verhaltensänderungen: Epileptische Anfälle können auch zu Verhaltensänderungen wie Angst, Wut oder Halluzinationen führen.
Einige spezifische Epilepsieformen im Kindesalter sind:
- Dravet-Syndrom: Das Dravet-Syndrom macht sich meist im Alter von etwa sechs bis zwölf Monaten zum ersten Mal bemerkbar. Dann führt ein genetischer Defekt, der das Gehirn übererregbar macht, meist bei Fieber erstmals zu einem epileptischen Anfall. Die Anfälle treten im weiteren Verlauf meist mehrmals monatlich auf, fast alle betroffenen Kinder bleiben außerdem in ihrer geistigen und motorischen Entwicklung zurück.
- Lennox-Gastaut-Syndrom: Das Lennox-Gastaut-Syndrom ist eine weitere seltene Epilepsieform, die auf frühkindliche Gehirnschädigung unterschiedlichster Ursachen zurückgeht.
- West-Syndrom: Das West-Syndrom, auch Blitz-Nick-Salaam (BNS)-Epilepsie genannt, ist gekennzeichnet durch charakteristische Anfälle mit einschießenden Streck- und Beugebewegungen, bestimmte Ausschläge im Elektroenzephalogramm (EEG) sowie eine verzögerte Entwicklung des Säuglings.
- Rolando-Epilepsie: Die Rolando-Epilepsie beginnt häufig im Grundschulalter und macht etwa 15 Prozent der Epilepsien im Kindesalter aus. Die meist nächtlichen fokalen Anfälle können sekundär generalisieren. Die Kinder zeigen sensible und motorische Symptome: Es kommt zu Gefühlsstörungen und Zuckungen vor allem im Bereich des Mundes.
- Absence-Epilepsie: Kinder mit einer Absence-Epilepsie wirken im Anfall für kurze Zeit wie »weggetreten« und sind oft auch darüber hinaus unaufmerksam und verlangsamt. Diese Form der Epilepsie tritt meist zwischen dem fünften und achten Lebensjahr zum ersten Mal auf.
Diagnose von Epilepsie bei Kindern
Die Diagnose von Epilepsie basiert auf einer sorgfältigen Anamnese, einer körperlichen Untersuchung und verschiedenen diagnostischen Tests.
Wichtige diagnostische Maßnahmen sind:
- Anamnese: Der Arzt wird die Eltern ausführlich nach der Krankengeschichte des Kindes, den beobachteten Symptomen und dem Auftreten von Anfällen befragen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt wird das Kind körperlich untersuchen, um andere mögliche Ursachen für die Symptome auszuschließen.
- Elektroenzephalogramm (EEG): Das EEG misst die Hirnströme und kann zeigen, ob eine Neigung zu epileptischen Anfällen besteht.
- Bildgebende Verfahren: Mittels Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) können neurologische Veränderungen im Gehirn dargestellt werden.
- Blutuntersuchung: Die Blutuntersuchung kann helfen, mögliche Ursachen für einen Krampfanfall oder eine Epilepsieerkrankung aufzuspüren.
- Genetische Testung: In manchen Fällen wird eine genetische Testung veranlasst, um genetische Ursachen für die Epilepsie zu identifizieren.
Behandlung von Epilepsie bei Kindern
Das Ziel der Behandlung von Epilepsie ist die Verhinderung weiterer Anfälle. In den meisten Fällen kann dies durch eine medikamentöse Therapie erreicht werden.
Lesen Sie auch: Behandlung von Hirnhautentzündung bei Kindern
Medikamentöse Therapie
Antikonvulsiva sind Medikamente, die die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn reduzieren und so das Auftreten von Anfällen verhindern. Es gibt viele verschiedene Arten von Antikonvulsiva, und der Arzt wird das am besten geeignete Medikament für das jeweilige Kind auswählen. Rund 75 Prozent der Kinder werden mit dem ersten oder zweiten Medikament anfalls- und beschwerdefrei.
Bei der Auswahl des Medikaments berücksichtigt der Arzt verschiedene Faktoren, wie z.B.:
- Art der Epilepsie
- Alter des Kindes
- Nebenwirkungen des Medikaments
- Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Es ist wichtig, die Medikamente regelmäßig und in der vorgeschriebenen Dosierung einzunehmen, auch wenn das Kind keine Anfälle hat. Eine plötzliche Unterbrechung der Medikamenteneinnahme kann zu einem Anfall führen.
Einige Kinder haben jedoch mit Nebenwirkungen wie starker Müdigkeit, Fieber, Appetitlosigkeit und Durchfall zu kämpfen gehabt - bei einem Teil der Kinder habe Cannabidiol deshalb oder aufgrund erhöhter Leberwerte wieder abgesetzt werden müssen.
Ketogene Diät
Bei Patienten, bei denen auch das dritte und vierte Medikament nicht anschlägt, können Mediziner eine modifizierte Atkins-Diät oder ketogene Diät verordnen. Bei einer pharmakoresistenten Epilepsie versagen zwei geeignete Behandlungsversuche mit vertragenen sowie angemessen ausgewählten und eingesetzten Antiepileptika.
Lesen Sie auch: Behandlung der Hirnhautentzündung im Kindesalter
Telemedizin
Eine Möglichkeit, um die Epilepsie-Diagnose zu beschleunigen und die therapeutische Betreuung gerade in ländlichen Gebieten zu verbessern, sieht die DGKN in der Telemedizin: EEG-Ableitungen und andere diagnostisch bedeutsame Untersuchungsergebnisse werden vom behandelnden Arzt an das nächstgelegene Epilepsiezentrum weitergeleitet, wo sie von Spezialisten bewertet werden. Per Tele-EEG haben auch Patienten fernab der Zentren Zugang zu einer qualifizierten epileptologischen Betreuung, ohne lange Wege auf sich nehmen zu müssen.
Neue Behandlungsmöglichkeit mit Cannabidiol
Seit Kurzem besteht für Kleinkinder mit zwei verschiedenen, schweren Formen der Epilepsie eine neue Behandlungsmöglichkeit: Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat vor einigen Wochen den Wirkstoff Cannabidiol der Cannabis-Pflanze für die Therapie des Dravet-Syndroms und des Lennox-Gastaux-Syndroms zugelassen. Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung e. V. (DGKN) begrüßt prinzipiell die Erweiterung der Therapieoptionen für die schwer erkrankten Kinder - warnt jedoch zugleich vor übersteigerten Erwartungen und weist auf die relevanten Nebenwirkungen hin. Unter fünf Prozent der von Epilepsie betroffenen Kinder können gegebenenfalls von dem Cannabis-Wirkstoff profitieren.
Operative Eingriffe
In seltenen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Anfälle zu kontrollieren. Dies ist in der Regel nur dann der Fall, wenn die Anfälle von einem bestimmten Bereich des Gehirns ausgehen, der operativ entfernt werden kann.
Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall
Es ist wichtig, zu wissen, wie man bei einem epileptischen Anfall Erste Hilfe leistet.
Folgende Maßnahmen sind wichtig:
- Ruhe bewahren! Der Anfall endet in der Regel von selbst.
- Patienten schützen, aber nicht gewaltsam festhalten! Patienten möglichst aus dem Gefahrenbereich bringen; gefährliche Gegenstände außer Reichweite bringen.
- Nach dem Anfall: flache Seitwärtslagerung, um eine Aspiration zu vermeiden.
- Arzt rufen, wenn der Betroffene nach 15 Minuten noch ohne Bewusstsein ist oder sich verletzt hat. (Notrufnummer: 112)
- Auf die Uhr schauen und Notfallmedikamente erst nach der ärztlich angegebenen Zeit geben, weil sie erhebliche Nebenwirkungen haben. Normalerweise enden epileptische Anfälle von allein während 2 bis höchstens 3 Minuten. Notfallmedikamente sind dafür da, einen Status epilepticus bzw. eine Anfallsserie zu beenden.
- Dauer und Begleiterscheinungen des Anfalls beobachten. Auf die Augen achten: Sind sie geschlossen, offen, starr oder verdreht?
- Unbedingt dabeibleiben, bis die betroffene Person wieder vollständig orientiert ist. Dies ist durch einfache Fragen, wie z.B. "Wie heißt du? Wo bist du? Wenn möglich den Anfall dokumentieren: Wann ist er passiert? Wie lange hat er gedauert? Wie ist er abgelaufen? Waren die Augen offen, geschlossen, starr oder verdreht?
- Wenn der Mensch vorher noch nie einen epileptischen Anfall hatte, nach dem 3. Anfall einer Anfallsserie (siehe oben) und/oder bei Verletzungen bzw.
- 112) rufen - auch, wenn schon ein Notfallmedikament gegeben wurde! Das gilt auch, wenn ein 2.
Leben mit Epilepsie
Die Diagnose Epilepsie kann für Kinder und ihre Familien eine große Herausforderung darstellen. Es ist wichtig, sich umfassend über die Erkrankung zu informieren und sich Unterstützung zu suchen.
Folgende Maßnahmen können helfen, das Leben mit Epilepsie zu erleichtern:
- Regelmäßige Arztbesuche: Regelmäßige Arztbesuche sind wichtig, um die Behandlung zu überwachen und anzupassen.
- Einnahme der Medikamente: Die Medikamente müssen regelmäßig und in der vorgeschriebenen Dosierung eingenommen werden.
- Gesunder Lebensstil: Ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Schlaf, regelmäßiger Bewegung und einer ausgewogenen Ernährung kann helfen, Anfälle zu vermeiden.
- Vermeidung von Auslösern: Bestimmte Faktoren, wie z.B. Schlafmangel, Stress oder Alkohol, können Anfälle auslösen. Diese Auslöser sollten möglichst vermieden werden.
- Unterstützung suchen: Es gibt viele Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen für Menschen mit Epilepsie und ihre Familien.
- Anfallskalender verwenden, um ggf. vorhandene Anfallsauslöser zu erkennen und die Behandlung zu verbessern.
tags: #kind #appetitlosigkeit #epilepsie