Die Hemiparese, eine unvollständige Halbseitenlähmung, stellt besonders im Kindesalter eine Herausforderung dar. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und vielfältigen Therapieansätze, um betroffenen Kindern und ihren Familien bestmöglich zu helfen.
Was ist Hemiparese?
Der Begriff Hemiparese leitet sich von den griechischen Wörtern "hemi" (halb) und "paresis" (Erschlaffung) ab. Er beschreibt eine leichte oder unvollständige Lähmung einer Körperhälfte. Es handelt sich dabei nicht um eine eigenständige Krankheit, sondern um ein Symptom einer zugrunde liegenden Erkrankung.
Ursachen der Hemiparese bei Kindern
Im Kindesalter können verschiedene Faktoren zu einer Hemiparese führen:
- Schlaganfall: Obwohl seltener als bei Erwachsenen, können auch Kinder einen Schlaganfall erleiden. Ein arteriell ischämischer Schlaganfall (AIS) tritt mit einer Inzidenz von 1-8/100.000 Kindern pro Jahr auf und ist mit hoher Morbidität und Mortalität verbunden. Ursachen können Arteriopathien, kardiale Probleme, Infektionen oder Blutgerinnungsstörungen sein.
- Angeborene Hirnschädigungen: Diese können bereits während der Schwangerschaft oder Geburt entstehen, beispielsweise durch Sauerstoffmangel, Infektionen oder Hirnfehlbildungen.
- Infektionen: Entzündungen des Gehirns oder der Hirnhäute (Meningitis, Enzephalitis) können ebenfalls eine Hemiparese verursachen. Auch Infektionen wie die (Post‑)Varizellen-Arteriopathie (Varicella-zoster-Virus[VZV]-Arteriopathie) können eine Rolle spielen.
- Traumata: Schädel-Hirn-Verletzungen durch Unfälle können zu einer Hemiparese führen.
- Tumore: Bösartige Tumore im Gehirn können Nervengewebe schädigen und eine Hemiparese auslösen.
- Genetische Faktoren: Genetische Veranlagung kann ebenfalls eine Rolle spielen.
Symptome der Hemiparese
Die Symptome einer Hemiparese können vielfältig sein, abhängig vom betroffenen Hirnareal und dem Schweregrad der Schädigung. Zu den häufigsten Anzeichen gehören:
- Muskelschwäche: Verminderte Muskelkraft auf einer Körperseite.
- Bewegungseinschränkungen: Schwierigkeiten beim Gehen, Greifen oder anderen Bewegungen.
- Spastik: Erhöhte Muskelspannung, die zu Steifheit und unkoordinierten Bewegungen führen kann.
- Sensibilitätsstörungen: Beeinträchtigung der Wahrnehmung von Berührungen, Schmerz oder Temperatur auf der betroffenen Körperseite.
- Gleichgewichtsstörungen: Probleme beim Halten des Gleichgewichts.
- Fazialisparese: Lähmung der Gesichtsmuskulatur, die zu einem hängenden Mundwinkel oder Schwierigkeiten beim Sprechen führen kann.
- Sprachstörungen: Schwierigkeiten beim Sprechen oder Verstehen von Sprache.
- Kognitive Einschränkungen: In manchen Fällen kann die Hemiparese auch mit Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit einhergehen.
Bei Säuglingen und kleinen Kindern können Krampfanfälle und Kopfschmerzen weitere unspezifische Symptome sein.
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Diagnose der Hemiparese
Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung. Der Diagnoseprozess umfasst in der Regel:
- Anamnese und körperliche Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte und untersucht die Muskelkraft, Reflexe und Koordination.
- Bildgebende Verfahren: MRT (Magnetresonanztomographie) oder CT (Computertomographie) des Gehirns, um die Ursache der Hemiparese zu identifizieren. Die kraniale Magnetresonanztomographie (cMRT) gilt als Goldstandard in der Diagnostik des kindlichen Schlaganfalls.
- Elektrophysiologische Tests: Messung der Nerven- und Muskelaktivität.
- Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen, um mögliche Ursachen wie Infektionen oder Blutgerinnungsstörungen zu identifizieren.
- Kardiologische Abklärung: Bei Verdacht auf eine kardiale Ursache.
- Genetische Untersuchung: In bestimmten Fällen, insbesondere bei Hinweisen auf eine genetische Prädisposition.
Therapieansätze bei Hemiparese
Die Therapie der Hemiparese ist ein interdisziplinärer Ansatz, der verschiedene Fachbereiche umfasst. Ziel ist es, dieFunktionalität der betroffenen Körperseite zu verbessern, die Selbstständigkeit zu fördern und die Lebensqualität zu steigern. Zu den wichtigsten Therapiebausteinen gehören:
- Akutbehandlung: Bei einem akuten Schlaganfall ist eine schnelle Behandlung entscheidend, um das blockierte Hirngefäß wieder zu öffnen. Dies kann medikamentös durch Thrombolyse oder mechanisch durch Thrombektomie erfolgen.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit. Im kbo-Kinderzentrum München wird die Bedeutung der Physiotherapie hervorgehoben, um Bewegungsmuster einer Halbseitenlähmung frühzeitig entgegenzuwirken.
- Ergotherapie: Training der Feinmotorik und alltagsrelevanten Fähigkeiten, um die Selbstständigkeit im Alltag zu verbessern.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
- Botulinumtoxin (Botox): Injektionen in die betroffenen Muskeln zur Reduktion von Spastik.
- Orthesen: Hilfsmittel zur Stabilisierung von Gelenken und Unterstützung der Bewegung. Beispiele sind Handorthesen, die die Greif-, Halte- und Bewegungsfunktionen der Hand unterstützen können. Eine myoelektrische Orthese kann in Kombination mit einer Oberarmschiene zur mechanischen Ellenbogenunterstützung genutzt werden.
- Robotergestützte Therapie: Einsatz von Robotern zur Unterstützung des Trainings von Bewegungsabläufen. Im kbo-Kinderzentrum München werden bereits Gangroboter und Handrobotik eingesetzt.
- Spiegeltherapie: Nutzung eines Spiegels, um dem Gehirn vorzugaukeln, dass die betroffene Extremität sich normal bewegt.
- Forced-Use-Therapie: Intensives Training der betroffenen Extremität, während die gesunde Extremität eingeschränkt wird.
- Psychologische Betreuung: Unterstützung bei der Bewältigung der emotionalen Belastung durch die Hemiparese.
- Medikamentöse Therapie: Einsatz von Medikamenten zur Reduktion von Spastik oder zur Behandlung von Begleiterkrankungen.
Spezielle Therapiekonzepte
Es gibt verschiedene spezielle Therapiekonzepte, die bei der Behandlung von Hemiparese eingesetzt werden können:
- Bobath-Konzept: Ein ganzheitlicher Ansatz, der darauf abzielt, normale Bewegungsabläufe anzubahnen und den Muskeltonus zu normalisieren.
- Magic Moves: Ein personalisiertes ergotherapeutisches Intensivprogramm, das auf die Verbesserung der Arm-Hand-Funktion im Alltag abzielt. Es kombiniert zielorientiertes Training mit dem Erlernen von Zaubertricks und Neurostimulation.
Rehabilitation und Hilfsmittel
Nach der Akutbehandlung ist eine umfassende Rehabilitation wichtig, um dieFunktionalität und Selbstständigkeit des Kindes zu verbessern. Dabei können verschiedene Hilfsmittel zum Einsatz kommen:
- Rollstühle oder Scooter: Zur Unterstützung der Mobilität.
- Treppenlifte oder Treppensteiger: Zur Überwindung von Treppen.
- Handorthesen: zur Unterstützung der Handfunktion.
Pädiatrischer Schlaganfall: Ein neurologischer Notfall
Der Schlaganfall im Kindesalter ist ein zeitkritischer Notfall, der eine rasche Diagnose und Behandlung erfordert. Trotz klarer Leitsymptome wie Hemiparese, faziale Parese und Sprachstörung wird die Diagnose oft durch unspezifische Symptome erschwert. Die Pediatric Stroke Arbeitsgruppe des LMU Klinikums in München hat die MERCS(Munich Early Recognition of Childhood Stroke)-Pocketcard entwickelt, um die frühzeitige Erkennung des kindlichen Schlaganfalls zu verbessern.
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Rolle der Eltern und Familie
Die Unterstützung der Eltern und der Familie ist für den Therapieerfolg von entscheidender Bedeutung. Im kbo-Kinderzentrum München wird großer Wert darauf gelegt, die Eltern in den Behandlungsprozess einzubeziehen und ihnen zu helfen, mit der Problematik umzugehen und die Entwicklung ihres Kindes zu fördern.
Langzeitbetreuung
Kinder mit Hemiparese benötigen oft eine langfristige interdisziplinäre Betreuung, um ihre Entwicklung optimal zu fördern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Diese Betreuung umfasst medizinische, therapeutische, psychologische und soziale Aspekte.
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