Schmerzsyndrome sind keine Seltenheit bei Kleinkindern. Migräne tritt auch bei Kindern und Jugendlichen auf. Die pathophysiologischen Zusammenhänge sind bisher kaum verstanden. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte von Kopfschmerzen und Migräne bei Kindern, von den Ursachen und Diagnosemethoden bis hin zu Therapieansätzen und potenziellen Risiken, wie dem Reye-Syndrom.
Kopfschmerzen bei Kindern: Ein Überblick
Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Problem bei Kindern und Jugendlichen. Weltweite Studien zeigen, dass etwa 60 % der Schulkinder zwischen dem 5. und 20. Lebensjahr unter Kopfschmerzen leiden. Aktuelle Daten aus Deutschland deuten darauf hin, dass mehr als zwei Drittel der Schüler regelmäßig Kopfschmerzen haben. Nach der Pubertät entwickeln sich die Kopfschmerzprävalenzen für Jungen und Mädchen auseinander, wobei Mädchen häufiger betroffen sind.
Eine Umfrage an Dresdner Schulen ergab, dass über 36 % der Schüler in den letzten drei Monaten an mindestens einem Tag unter Kopfschmerzen litten. Mehr als 30 % hatten sogar an mehr als zwei Tagen pro Monat Beschwerden. Mädchen waren mit 73 % häufiger betroffen als Jungen mit gut 63 %. Das Auftreten von Kopfschmerzen nahm mit steigendem Alter, Klassenstufe und Schulart zu.
Ursachen und Diagnose von Kopfschmerzen
Die Ursachen für Kopfschmerzen bei Kindern sind vielfältig. Schulstress, familiäre Probleme, Bewegungsmangel und der Lebensstil, einschließlich Alkohol-, Koffein- oder Nikotinkonsum, können Auslöser sein.
Die Diagnose von Kopfschmerzen bei Kindern basiert in erster Linie auf einer ausführlichen Anamnese und einer umfassenden neurologischen Untersuchung. Dabei wird versucht, Risikofaktoren zu identifizieren und die Kopfschmerzen in primäre oder sekundäre Kopfschmerzen einzuordnen. Sekundäre Kopfschmerzen, die seltener auftreten, können in Zusammenhang mit verschiedenen Erkrankungen stehen, wie Arachnoidalzysten, Sinusitis oder Hirntumoren.
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Es gibt bestimmte Warnzeichen ("Red Flags"), die eine weiterführende Diagnostik erfordern:
- Systemische Symptome
- Neurologische Defizite
- Akuter Beginn
- Okzipitale Lokalisation
- Kopfschmerzinduktion im Valsalva-Manöver
- Positionsabhängiger Kopfschmerz
- Progressiver Kopfschmerz
- Leere Familienanamnese der Eltern für Kopfschmerz
- Alter unter 6 Jahren
Ein routinemäßiges MRT des Schädels wird nicht empfohlen.
Migräne bei Kindern
Migräne ist eine häufige Ursache für akute und chronische Kopfschmerzen bei Kindern. Die Diagnose wird klinisch gestellt. Laboranalysen und bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie sind nur zum Ausschluss anderer Ursachen, etwa Hirntumoren, angezeigt.
Unterschiede zur Migräne bei Erwachsenen
Im Kindesalter unterscheidet sich die Migräne oft von der bei Erwachsenen:
- Die typische Einseitigkeit des Migräneschmerzes tritt erst im späten Jugend- oder frühen Erwachsenenalter auf. Bei Kindern variiert die Lokalisation häufig oder konzentriert sich eher auf die Stirnmitte.
- Bei Erwachsenen beginnen Attacken oft früh am Morgen, bei Schul- und Kindergartenkindern eher am Nachmittag.
- Kleinkinder fallen häufig durch plötzliche Blässe und Bewegungsarmut auf.
- Kleinere Kinder reagieren besonders deutlich mit einer Verhaltensänderung, unterbrechen das Spiel, ziehen sich zurück und möchten liegen.
- Typisch ist, dass Kinder mit Migräne einschlafen und kopfschmerzfrei aufwachen.
- Migräneattacken bei Kindern dauern häufig nur 1 oder 2 Stunden an.
Therapie der Migräne bei Kindern
Bei leichteren Migräneattacken sind bei Kindern vorrangig Allgemeinmaßnahmen wie Kühlung, Reizabschirmung und Schlaf sinnvoll. Reicht dies nicht aus, sollten die Kinder bei einem Anfall frühzeitig Ibuprofen erhalten (10 mg/kg Körpergewicht als Einzeldosis).
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Ergänzend können bei Kindern über 12 Jahre Triptane zum Einsatz kommen (Sumatriptan, Zolmitriptan, Rizatriptan).
Eine medikamentöse Prophylaxe ist bei Kindern meist nicht erforderlich. Ein Kopfschmerzkalender kann helfen, vermeidbare Auslöser zu entdecken.
Therapieansätze bei Kopfschmerzen
Zur Behandlung von Kopfschmerzen stehen verschiedene OTC-Arzneimittel zur Verfügung. Häufig werden Kopfschmerzen daher in der Selbstmedikation behandelt. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sollte die Ursache jedoch genau abgeklärt werden. Eine häufige Einnahme auf eigene Faust kann zu Fehlbehandlungen oder Folgeschäden wie gastrointestinalen Beschwerden oder medikamenteninduziertem Kopfschmerz führen.
Medikamentöse Therapie
Für Kinder stehen verschiedene Analgetika zur Verfügung:
- Ibuprofen: Wird in Abhängigkeit von Körpergewicht und Alter dosiert. Als Faustregel gelten 7 bis 10 mg/kg als Einzeldosis und maximal 20 bis 30 mg/kg als Tagesgesamtdosis. Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren und Erwachsene nehmen somit als Einzeldosis 200 bis 400 mg Ibuprofen, die Tageshöchstdosis beträgt 1200 mg. Für jüngere Kinder ist Ibuprofen in zwei Stärken mit zwei beziehungsweise vier Prozent als flüssige Zubereitung erhältlich.
- Paracetamol: Steht für Kinder als Saft oder Zäpfchen zur Verfügung. Dosiert wird auch hier nach Alter und Körpergewicht: 10-15 mg/kg als Einzeldosis und bis maximal 60 mg/kg als Tagesgesamtdosis gelten als Standarddosierung. Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren und einem Körpergewicht von mindestens 43 kg nehmen 500 bis 1000 mg Paracetamol als Einzeldosis in Tablettenform.
- Acetylsalicylsäure (ASS): Ist für Kinder kontraindiziert, da der Wirkstoff bei Kindern das sogenannte „Reye-Syndrom“ auslösen kann. Die Einnahme wird daher erst ab einem Alter von zwölf Jahren und einem Körpergewicht von mindestens 40 kg empfohlen.
Bei Bedarf können Antiemetika eingesetzt werden (Dimenhydrinat, Domperidon, Metoclopramid).
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Nicht-medikamentöse Therapie
Neben der medikamentösen Therapie gibt es verschiedene nicht-medikamentöse Ansätze, die bei Kopfschmerzen helfen können:
- Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung, Biofeedback und andere Entspannungstechniken können helfen, Muskelverspannungen zu lösen und Stress abzubauen.
- Verhaltenstherapie: Ein solches Programm wird in der Gruppe durchgeführt und findet freiwillig statt.
- Akupunktur: Es gibt Studien, die die Wirksamkeit von Akupunktur bei Kopfschmerzen zeigen, allerdings gibt es letztlich zu wenige Spezialisten für Akupunktur bei Kindern.
- Ernährungsumstellung: Eine Ernährungsumstellung kann bei ca. 90% der Kinder zum Erfolg führen, insbesondere wenn mehrere Stoffe reagieren.
Reye-Syndrom: Ein Risiko bei der Anwendung von ASS
Acetylsalicylsäure (ASS) ist für Kinder kontraindiziert, da der Wirkstoff bei Kindern das sogenannte "Reye-Syndrom" auslösen kann. Das Reye-Syndrom ist eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung, die vor allem Kinder und Jugendliche nach einer Virusinfektion betrifft. Die Einnahme von ASS während einer solchen Infektion erhöht das Risiko, am Reye-Syndrom zu erkranken.
Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz (MOH)
Bei NSAR, die gegen Kopfschmerzen eingesetzt werden, droht ab 15 Einnahmetagen pro Monat ein Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz (MOH), bei Kombinationsanalgetika bereits ab zehn Tagen. In Deutschland ist etwa ein Prozent der Bevölkerung von einem MOH betroffen. Die Ursachen für den Analgetika-induzierten Kopfschmerz sind im Detail nicht bekannt. Bei Verdacht auf einen MOH ist ein Arztbesuch indiziert.
Die Bedeutung eines Kopfschmerzkalenders
Ein Kopfschmerzkalender kann ein wertvolles Instrument sein, um Kopfschmerzen zu dokumentieren und mögliche Auslöser zu identifizieren. Durch das Führen eines solchen Kalenders können Betroffene und Ärzte einen besseren Überblick über die Häufigkeit, Intensität und Begleitumstände der Kopfschmerzen erhalten. Dies kann dazu beitragen, die richtige Diagnose zu stellen und eine gezielte Therapie einzuleiten.