Die Frage, ob die Nutzung kabelloser Geräte, insbesondere Mobiltelefone und Bluetooth-Geräte, das Risiko für Hirntumore erhöht, ist seit der breiten Einführung dieser Technologien ein Thema von öffentlichem Interesse und wissenschaftlicher Forschung. Dieser Artikel untersucht die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema und berücksichtigt sowohl Studien, die potenzielle Risiken aufzeigen, als auch solche, die keinen Zusammenhang finden. Dabei werden auch die methodischen Herausforderungen und Unsicherheiten in diesem Forschungsbereich beleuchtet.
Studienergebnisse im Überblick
INTERPHONE-Studie
Die INTERPHONE-Studie, eine internationale Fall-Kontroll-Studie, die in 13 Ländern durchgeführt wurde, untersuchte den Zusammenhang zwischen der Nutzung von Mobiltelefonen und dem Risiko für Hirntumore. Die Studie umfasste die Auswertung von Daten zu 2.708 Patienten mit einem Gliom und 2.409 Patienten mit Meningeomen sowie den jeweils passenden gesunden Kontrollpersonen. Die Ergebnisse zeigten kein erhöhtes Risiko für die Entstehung einer der beiden Hirntumorarten aufgrund der Nutzung eines Handys. Auch für Tumoren des Hörnervs (Akustikusneurinom) wurde kein erhöhtes Risiko festgestellt.
Allerdings ergab die Studie bei Nutzern von Mobiltelefonen mit einer Gesamtnutzungsdauer von mehr als 1.640 Stunden ein statistisch signifikant erhöhtes Risiko sowohl für Gliome als auch für Akustikusneurinome. Diese Ergebnisse wurden jedoch aufgrund von Ungereimtheiten in den Angaben zur Nutzungshäufigkeit in Frage gestellt. Es wurde auch festgestellt, dass sich die Tumore bei diesen Nutzern eher in den Regionen befanden, die sich nahe am Ohr befinden und auf der Kopfseite, die als bevorzugte Seite zum Telefonieren angegeben wurde. Es wurde jedoch vermutet, dass Probanden mit Hirntumoren die Häufigkeit der Handynutzung auf der Tumorseite überschätzt haben könnten.
MOBI-Kids-Studie
Die MOBI-Kids-Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen Hirntumoren und der Nutzung von drahtlosen Telefonen bei jungen Menschen zwischen 10 und 24 Jahren. Die Studie umfasste fast 900 Kinder und Jugendliche mit Hirntumoren und 1900 Kinder und Jugendliche ohne Hirntumorerkrankung. Die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, dass die Benutzung von Mobiltelefonen bzw. schnurlosen Telefonen das Risiko für Hirntumoren bei Jugendlichen nicht erhöht. Eine in der Studie beobachtete vermeintliche Abnahme des Hirntumorrisikos, je länger und öfter mobile Kommunikationsgeräte genutzt wurden, deutet auf ein mögliches methodisches Artefakt hin. Die Autoren vermuten als Gründe für den beobachteten Effekt Unsicherheiten bei den Angaben zur Nutzung, wenn diese von den Eltern statt von den Kindern und Jugendlichen selbst stammen, und Änderungen im Nutzungsverhalten bei erkrankten Personen bereits vor der Diagnose.
COSMOS-Studie
Die COSMOS-Studie (Cohort Study of Mobile Phone Use and Health) ist eine epidemiologische Langzeitstudie, die in mehreren europäischen Ländern durchgeführt wird. Die Studie untersucht nicht nur Hirntumoren, sondern auch andere mögliche Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson. Die Höhe der Exposition gegenüber hochfrequenten elektromagnetischen Feldern soll durch eine genaue Erfassung von Häufigkeit und Dauer der Telefonate ermittelt werden.
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Eine aktuelle Veröffentlichung der COSMOS-Studie mit 264.000 Personen aus Dänemark, Finnland, den Niederlanden, Schweden und Großbritannien zeigte, dass Handys auch bei starker Nutzung nicht häufiger zu Gliomen, Meningeomen oder Akustikusneurinomen führen. Die Studie startete 2008 und soll voraussichtlich bis 2037 laufen.
Weitere Studien
Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2015 ergab, dass die Nutzung von Mobiltelefonen das Risiko, an einem Gliom zu erkranken, leicht erhöht. Das größte Risiko ergab sich demnach für die Gruppe mit einer Latenzperiode von mehr als 25 Jahren. Auch die Nutzung von schnurlosen Telefonen führe zu einem erhöhten Risiko. Dieselben Forscher fanden keinen Zusammenhang zwischen Mobiltelefongebrauch und dem Auftreten von Meningeomen.
Eine australische Langzeitstudie, die knapp 30 Jahre lief, konnte keinen Anstieg der Neuerkrankungsrate feststellen. Eine Studie des National Toxicology Program (NTP) in den USA berichtete 2016 über einen Zusammenhang von Mikrowellen-Bestrahlung und Tumorerkrankungen in Tierversuchen.
Elektromagnetische Felder und ihre Wirkung
Mobiltelefone und kabellose DECT-Telefone sind Quellen hochfrequenter elektromagnetischer Felder und niederfrequenter Magnetfelder. Diese werden von der Weltgesundheitsorganisation WHO als "möglicherweise krebserregend" eingestuft (Gruppe 2b). Bei Mobiltelefonen und DECT-Telefonen stellt sich vor allem die Frage nach einem möglichen Risiko für Hirntumoren, da die Exposition im Kopfbereich am stärksten ist.
Bluetooth-Geräte nutzen ebenfalls elektromagnetische Strahlung im Bereich der Mikrowellen. Diese Strahlung existiert sowohl in nichtionisierender Form, die weniger gesundheitsschädlich ist, als auch in ionisierender Form, die Krebs durch die Zerstörung von Gewebe und DNA verursachen kann. Bluetooth verwendet jedoch nichtionisierende Strahlung und gilt daher als nicht krebserregend.
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Die einzige bisher wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung der hochfrequenten elektromagnetischen Felder auf den Körper ist eine Erwärmung. Unser Körper besteht zu 60 bis 70 Prozent aus Wassermolekülen. Und diese Felder können die Wassermoleküle zu einer stärkeren Bewegung bringen - also erwärmen. Um eine übermäßige Erwärmung des Gehirns zu vermeiden, gibt es Grenzwerte, die eingehalten werden müssen.
Methodische Herausforderungen und Unsicherheiten
Die wissenschaftliche Untersuchung der Frage, ob Telefonieren mit dem Mobiltelefon oder DECT-Telefon das Risiko für Hirntumoren erhöht, ist eine besondere Herausforderung. Hirntumoren treten bei Kindern und Jugendlichen glücklicherweise nur sehr selten auf. Aussagekräftige Ergebnisse sind jedoch nur von einer Studie mit einer großen Anzahl an Hirntumor-Fällen zu erwarten. Hierbei ist es aber rein methodisch schwierig, rückwirkend zuverlässige Informationen über das Nutzungsverhalten zu erhalten, da sich alle Teilnehmenden an ihr zum Teil jahrelang zurückliegendes Verhalten erinnern müssen.
Fall-Kontroll-Studien, die häufig zur Untersuchung dieses Themas eingesetzt werden, sind anfällig für Verzerrungen wie den "Recall Bias" (Erinnerungsverzerrung) und den "Selection Bias" (Stichprobenverzerrung). Kohortenstudien sind zwar weniger anfällig für diese Verzerrungen, jedoch deutlich aufwändiger.
Fazit
Die vorliegenden Studienergebnisse zum Zusammenhang zwischen der Nutzung kabelloser Geräte und dem Risiko für Hirntumoren sind nicht eindeutig. Während einige Studien ein erhöhtes Risiko bei intensiver oder langjähriger Nutzung nahelegen, finden andere keinen Zusammenhang. Die Ergebnisse der INTERPHONE-Studie zeigen insgesamt kein erhöhtes Risiko für Hirntumoren oder Tumoren des Hörnervs durch langandauernden Gebrauch von Mobiltelefonen. Trotzdem bleiben Unsicherheiten bei intensiver oder langer Handynutzung. Die MOBI-Kids-Studie liefert ebenfalls keinen Hinweis auf einen entsprechenden Zusammenhang bei Kindern und Jugendlichen. Die COSMOS-Studie bekräftigt, dass auch eine intensive Handynutzung nicht mit einem erhöhten Risiko für Hirntumoren einhergeht.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Forschung in diesem Bereich weiterhin andauert und dass zukünftige Studien möglicherweise neue Erkenntnisse liefern werden. Bis dahin ist es ratsam, die individuelle Belastung durch elektromagnetische Felder bei der Handynutzung zu verringern, beispielsweise durch die Verwendung von Freisprecheinrichtungen oder das Schreiben von Textnachrichten anstelle von Telefonaten.
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Möglichkeiten der Expositionsverringerung
Obwohl die wissenschaftliche Beweislage für einen Zusammenhang zwischen der Nutzung kabelloser Geräte und Hirntumoren nicht eindeutig ist, gibt es dennoch Möglichkeiten, die individuelle Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern zu verringern:
- Verwendung von Freisprecheinrichtungen: Durch die Verwendung von Freisprecheinrichtungen wie Kopfhörern oder Headsets wird der Abstand zwischen dem Mobiltelefon und dem Kopf vergrößert, wodurch die Exposition reduziert wird.
- Kurze Telefonate: Die Begrenzung der Gesprächsdauer kann die kumulative Exposition verringern.
- Textnachrichten: Das Schreiben von Textnachrichten anstelle von Telefonaten reduziert die Expositionszeit.
- Telefonieren bei gutem Empfang: Bei schlechtem Empfang muss das Mobiltelefon mit höherer Leistung senden, um eine Verbindung aufrechtzuerhalten.
- Vermeidung von Telefonaten in Bewegung: In Fahrzeugen oder Zügen wechselt das Mobiltelefon häufig die Funkzelle, was ebenfalls zu einer höheren Sendeleistung führen kann.
- Informationen des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS): Das BfS bietet umfassende Informationen und Tipps zur Minimierung der Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern.
Laufende Studien
Derzeit werden potenzielle Auswirkungen elektromagnetischer Felder auf die Gesundheit in verschiedenen Studien weiter untersucht, wie etwa der noch laufenden COSMOS-Studie. Diese Studien sollen dazu beitragen, bestehende Unsicherheiten bezüglich des Gesundheitsrisikos von Kindern und Jugendlichen durch Nutzung von drahtlosen Telefonen weiter zu verringern.
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