Einführung
Kinderneurologische Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) sind ambulante Einrichtungen, die sich auf die interdisziplinäre Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Entwicklungsstörungen, Behinderungen, Verhaltensauffälligkeiten oder seelischen Störungen spezialisiert haben. Sie arbeiten eng mit niedergelassenen Kinderärzten, Therapeuten, Frühförderstellen, Schulen, Kindergärten und dem öffentlichen Gesundheitssystem zusammen, um eine umfassende und individuelle Versorgung zu gewährleisten. Das Ziel ist es, die Ressourcen und Stärken der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien zu fördern und ihnen ein bestmögliches Aufwachsen zu ermöglichen.
Aufgaben und Schwerpunkte der SPZ
Ein SPZ ist ein anerkanntes Zentrum nach § 119 SGB V und bietet ein breites Spektrum an Leistungen an. Das Behandlungsteam besteht aus Ärzten (Neuropädiatern), Psychologen, Ergo-, Physio- und Logopäden sowie Sozialpädagogen. Zu den zentralen Aufgaben gehören:
- Umfassende Diagnostik: Die Ursachen für Entwicklungsstörungen und Behinderungen können vielfältig sein. Daher ist eine umfassende Erhebung der Vorgeschichte, eine genaue körperliche und neurologische Untersuchung sowie die Beurteilung des Entwicklungsstandes von großer Bedeutung. Ergänzend werden weitere diagnostische Maßnahmen im Team der Ärzte und Therapeuten sowie mit anderen Abteilungen des Klinikums durchgeführt. Es werden individuell abgestimmte Untersuchungen durchgeführt, wie z.B. die Untersuchung des Verhaltens und der Emotionen, Entwicklungs- und Intelligenz-Diagnostik, Diagnostik von Teilleistungsschwächen, Untersuchung der Aufmerksamkeit und Konzentration sowie Untersuchung bei Verdacht auf Autismus-Spektrum-Störung.
- Interdisziplinäre Behandlung: Auf Grundlage der Diagnostik wird ein individueller Behandlungs- und Hilfeplan erstellt, der umfassende Fördermöglichkeiten wie Krankengymnastik, Sprachförderung, Ergotherapie und Pädagogik beinhaltet.
- Beratung und Begleitung: Das SPZ bietet Beratung und Unterstützung für Kinder, Jugendliche und ihre Familien in allen Fragen rund um die Entwicklung, Erziehung und Förderung. Dies umfasst auch die Vermittlung von Hilfen und Maßnahmen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, Hilfestellung im Aufzeigen von Konfliktlösungsmöglichkeiten, Hilfe zur Selbsthilfe und Krisenintervention.
- Netzwerkarbeit: Das SPZ arbeitet eng mit anderen Institutionen und Fachkräften zusammen, um eine optimale Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Dazu gehören niedergelassene Ärzte, Therapeuten, Schulen, Kindergärten, Frühförderstellen und Jugendhilfeeinrichtungen.
Zu den Schwerpunkten der SPZ gehören die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit:
- Verzögerung oder Störung der motorischen, sprachlichen, geistigen Entwicklung
- Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)
- Autistischen Störungen
- Kindlichen Regulations- und Verhaltensstörungen
- Nachsorge von Risiko-Frühgeborenen bis zum Schulalter
- Zerebralparesen
- Neurometabolischen Erkrankungen/Stoffwechselerkrankungen
Diagnostische Verfahren im SPZ
Die Diagnostik im SPZ umfasst eine Vielzahl von Verfahren, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden. Dazu gehören:
- Kinderneurologische Untersuchung: Beurteilung der neurologischen Funktionen und Entwicklung des Kindes.
- Hirnstromkurve (EEG): Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns zur Diagnose von Epilepsie, Verhaltensstörungen, Kopfschmerzen, Migräne, ADHS, Fieberkrämpfen und unklaren Entwicklungsstörungen.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Bildgebendes Verfahren zur Darstellung von Gehirnstrukturen und zur Diagnose von Erkrankungen des Nervensystems.
- Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG): Untersuchung der Funktion der peripheren Nerven.
- Computersehbahnprüfung (VEP): Untersuchung der Funktion der Sehbahn.
- Psychologische Diagnostik: Untersuchung des Verhaltens und der Emotionen, Entwicklungs- und Intelligenz-Diagnostik, Diagnostik von Teilleistungsschwächen, Untersuchung der Aufmerksamkeit und Konzentration sowie Untersuchung bei Verdacht auf Autismus-Spektrum-Störung.
- Logopädische Diagnostik: Umfassende Untersuchung bei Auffälligkeiten der Sprachentwicklung sowie kindlichen Sprach- und Sprechstörungen.
- Physiotherapeutische Diagnostik: Beurteilung des aktuellen psychomotorischen Entwicklungsstandes des Kindes.
- Ergotherapeutische Diagnostik: Entwicklungsdiagnostik vom Säuglings- bis Jugendalter, Konzentrationsdiagnostik und Hilfsmittelberatung.
- Pädaudiologische und Phoniatrische Untersuchungen: Tonschwellenaudiometrie (Hörtest), Tympanometrie (Messung der Schwingungsfähigkeit des Trommelfells) und Otoakustische Emissionen (OAE, Hörtest ohne aktive Mitarbeit des Kindes).
Therapieangebote im SPZ
Neben der Diagnostik bietet das SPZ verschiedene Therapieangebote für Kinder und Jugendliche an. Diese werden individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt und können folgende Bereiche umfassen:
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- Medikamentöse Behandlung: Bei bestimmten Erkrankungen, wie z.B. Epilepsie, Spastik, Muskel- und Nervenkrankheiten, kann eine medikamentöse Behandlung erforderlich sein.
- Physiotherapie: Förderung der motorischen Entwicklung und Verbesserung der Bewegungsfähigkeit.
- Ergotherapie: Förderung der sensorischen Integration, der Feinmotorik und der Selbstständigkeit im Alltag.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Sprechstörungen.
- Psychotherapie: Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten, emotionalen Störungen und psychischen Belastungen.
- Sozialtraining: Aufbau von sozial erwünschtem Verhalten.
- Entspannungstraining: Vermittlung von Entspannungstechniken zur Stressbewältigung.
- Attentioner-Training: Verbesserung der Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistung.
- Gruppentherapie:
- Integrative Gruppentherapie mit Mädchen: Für Mädchen im Alter von acht bis zwölf Jahren zur Stärkung des Selbstbewusstseins, der Beziehungsfähigkeit und der emotionalen Stabilität.
- JuBel (Jungen mit Belastungen): Gruppentraining für Jungen im Alter von acht bis elf Jahren zum Aufbau von Selbstbewusstsein, Freude am Miteinander und Selbstwirksamkeit.
- Teen Spirit: Gruppentherapie mit kognitiv-verhaltenstherapeutischem Ansatz zur emotionalen Stabilisierung für Jungen und Mädchen ab zwölf Jahren mit Schwierigkeiten in der Stimmungsregulation.
Spezielle Angebote und Sprechstunden
Einige SPZ bieten spezielle Angebote und Sprechstunden für bestimmte Patientengruppen an:
- Risikoambulanz: Behandlung von Neugeborenen bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr, insbesondere Frühgeborene, Kinder nach einer komplizierten Geburt oder Neugeborenenzeit und Kinder mit begleitenden Erkrankungen.
- Leukodystrophie-Sprechstunde: Schwerpunktzentrum für Metachromatische Leukodystrophie (MLD) und Morbus Krabbe.
- Spina bifida-Sprechstunde: Interdisziplinäre Spezialsprechstunde für Patienten mit Spina bifida (angeborene Verschlussstörung des Neuralrohres).
- Kopfschmerzsprechstunde: Diagnostik und Therapie von Kopfschmerzen und Migräne im Kindesalter.
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit im SPZ. Durch die enge Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen, Therapeuten und Sozialpädagogen können die Patienten umfassend und individuell betreut werden. Dies ermöglicht eine ganzheitliche Sichtweise auf die Probleme des Kindes und seiner Familie und führt zu einer besseren Versorgung.
Kopfschmerzen im Kindesalter
Kopfschmerzen sind ein häufiges Problem im Kindesalter. Studien zeigen, dass ein erheblicher Prozentsatz der Kinder und Jugendlichen unter Kopfschmerzen leidet. Häufige Ursachen sind Nacken- und Schulterschmerzen sowie Verspannungen, die durch Bewegungsmangel und übermäßige Mediennutzung entstehen können. Kinder mit Kopfschmerzen haben auch häufiger soziale Probleme und ein höheres Risiko für Angststörungen oder Depressionen. Daher ist eine komplexe Diagnostik in einem multidisziplinären Team notwendig, um die Ursachen der Kopfschmerzen zu erkennen und eine geeignete Therapie einzuleiten.
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