Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, von der viele Menschen in Deutschland betroffen sind. Die Forschung auf diesem Gebiet ist daher von großer Bedeutung, um die Diagnostik, Therapie und Prognoseeinschätzung von Epilepsien zu verbessern. Klinische Studien spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie neue Erkenntnisse über die Ursachen, den Verlauf und die Behandlungsmöglichkeiten dieser komplexen Erkrankung liefern.
Bedeutung klinischer Studien in der Epileptologie
Klinische Studien sind unerlässlich, um neue diagnostische und therapeutische Verfahren zu entwickeln und zu evaluieren. Sie tragen dazu bei, die Lebensqualität vonPatientinnen und Patienten mit Epilepsie zu verbessern und die bestmögliche Versorgung sicherzustellen. In der Epileptologie sind insbesondere prospektive Langzeituntersuchungen von großem Interesse, um den natürlichen Verlauf der Erkrankung, das Ansprechen auf Therapien, die Sterblichkeit, kognitive Defizite, psychiatrische Komorbiditäten und die psychosoziale Prognose zuverlässig zu beurteilen.
Die Berliner Epilepsie-Studie (BEST): Eine prospektive Langzeit-Kohorte
Ein vielversprechendes Beispiel für eine solche Langzeituntersuchung ist die "Berliner Epilepsie-Studie (BEST)". Diese Studie verfolgt über drei Jahre eine Gruppe von 600 Patientinnen und Patienten mit einem ersten epileptischen Anfall in den letzten drei Monaten. Ziel ist es, diese Patientinnen und Patienten langfristig nachzuverfolgen und wichtige Biomarker zu bestimmen.
Studienablauf und Untersuchungsmethoden
In die Studie werden Patientinnen und Patienten ab dem 14. Lebensjahr eingeschlossen, die in der Lage sind, über ihre Anfälle zu berichten und Fragebögen auszufüllen. Bei der ersten Studienvisite erfolgt eine detaillierte klinische Phänotypisierung des epileptischen Anfalls bzw. der Epilepsie durch Erhebung von Eigen- und Fremdanamnese. Zudem werden relevante Biomarker mithilfe von Untersuchungen wie Routine-EEG, cMRT (3 Tesla), Autoantikörper-Diagnostik (Liquor und Serum) sowie genetischen Tests, neuropsychologischen Evaluationen und Erhebungen zu depressiven und anderen psychiatrischen Störungen sowie zur Lebensqualität bestimmt. Die Patientinnen und Patienten werden 6 und 12 Monate nach der ersten Studienvisite und danach in jährlichen Abständen klinisch und - mit zum Teil längeren Zeitabständen - hinsichtlich Bestimmung einiger der genannten Biomarker nachverfolgt.
Ziele und erwartete Ergebnisse
Die BEST-Studie erhofft sich neue Erkenntnisse über den Langzeitverlauf von neu aufgetretenen Epilepsien, über das Ansprechen auf pharmakologische und chirurgische Therapieoptionen und über häufige komorbide Störungen wie Depression und Angst. Die Studie wird an der Charité am Campus Virchow-Klinikum durchgeführt. Studienleiter sind Verena Gaus, Martin Holtkamp und Alexander Kowski. Die Rekrutierung der Patientinnen und Patienten erfolgt über akut-neurologische Kliniken in Berlin und Brandenburg. Finanziert wird diese Studie in den ersten 5 Jahren durch die großzügige Überlassung eines Erbes an die Charité mit der expliziten Festlegung des Erblassers auf "Epilepsie-Forschung".
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Weitere Forschungsschwerpunkte in der deutschen Epileptologie
Neben der BEST-Studie gibt es in Deutschland eine Vielzahl weiterer Forschungsprojekte und klinischer Studien, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Epilepsie beschäftigen. Einige wichtige Schwerpunkte sind:
- Anwendbarkeit neuer antiepileptischer Medikamente: Die Erforschung und Erprobung neuer Medikamente ist ein zentrales Anliegen, um die Behandlungsmöglichkeiten für Patientinnen und Patienten mit Epilepsie zu verbessern.
- Epilepsiechirurgie: Bei Patientinnen und Patienten mit pharmakoresistenter fokaler Epilepsie wird die Möglichkeit eines epilepsiechirurgischen Eingriffs evaluiert. Die Entwicklung und Verbesserung chirurgischer Verfahren ist ein wichtiger Forschungsschwerpunkt.
- Genetische und immunvermittelte Epilepsien: Die Diagnostik, Therapie und Erforschung seltener genetisch und autoimmun verursachter Epilepsien ist ein weiteres wichtiges Forschungsfeld.
- Biomarker epileptischer Anfälle: Die Identifizierung und Untersuchung von Biomarkern, die auf epileptische Anfälle hinweisen, ermöglicht ein tieferes Verständnis der zugrundeliegenden Anfallsmechanismen und kann für die Unterscheidung von epileptischen und nichtepileptischen Anfällen nützlich sein.
- Anfallsdetektion und -prädiktion: Die Entwicklung mobiler, technischer Systeme für die automatische Erkennung und Dokumentation epileptischer Anfälle ist ein wichtiger Schritt, um die Anfallskontrolle objektiv zu beurteilen und die Wirkung neuer Therapien zu evaluieren.
- Kognitiv-behaviorale Aspekte bei Anfallserkrankungen: Die Untersuchung der Auswirkungen von Epilepsie und ihrer Behandlung auf Leistungsvermögen, Befinden und Persönlichkeit ist ein wichtiger Aspekt, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Zentren für Epilepsie in Deutschland
Deutschland verfügt über eine Reihe von spezialisierten Epilepsiezentren, die eine umfassende Versorgung für Patientinnen und Patienten mit Epilepsie anbieten. Diese Zentren sind oft an Universitätskliniken angesiedelt und bieten eine multimodale Diagnostik, spezifische Therapieprogramme und Komplexbehandlungen unter Einbeziehung edukativer und psychosozialer Aspekte. Einige Beispiele für solche Zentren sind:
- Das Epilepsiezentrum am Universitätsklinikum Freiburg: Dieses Zentrum ist ein Zentrum der Maximalversorgung in Deutschland und bietet für Epilepsien und insbesondere für seltene Epilepsieformen eine umfassende multimodale Diagnostik zu differentialdiagnostischen Zwecken sowie spezifische Diagnostikprogramme zur Planung spezieller Therapien.
- Die Klinik und Polklinik für Epileptologie am Universitätsklinikum Bonn: Diese Klinik verfügt über eine besondere Expertise in der Diagnostik, Therapie und Erforschung seltener genetisch und autoimmun verursachter Epilepsien.
Diese Zentren sind oft Teil nationaler und internationaler Netzwerke und arbeiten eng mit anderen Forschungseinrichtungen zusammen, um die bestmögliche Versorgung für Patientinnen und Patienten mit Epilepsie sicherzustellen.
Aktuelle klinische Studien in Deutschland
Es gibt eine Vielzahl von klinischen Studien, die derzeit in Deutschland durchgeführt werden und die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Epilepsie beschäftigen. Einige Beispiele sind:
- ARISE-Studie (EP0091, NCT03373383, EudraCT Number 2017-003200-48): Diese Studie untersucht die Wirksamkeit und Sicherheit von Padsevonil als Zusatzbehandlung bei Erwachsenen mit schwer behandelbarer fokaler Epilepsie.
- Studie zum Entzug von Antiepileptika im Langzeit-Video-EEG-Monitoring zur prä-chirurgischen Evaluation (NTR6623): Diese Studie analysiert die Sicherheit und Wirksamkeit des Entzugs von Antiepileptika im Rahmen der prä-chirurgischen Evaluation von Epilepsiepatientinnen und -patienten.
- Prospektive multizentrische Studie zur Lokalisationsgenauigkeit und klinischen Nützlichkeit der automatisierten Visualisierung elektrischer Quellen in der prä-chirurgischen Evaluation (NCT04218812): Diese Studie untersucht die Genauigkeit und Nützlichkeit eines neuen Verfahrens zur Lokalisierung der Anfallsursprungszone im Gehirn.
- STARS-Studie: Doppelblinde, randomisierte, placebo-kontrollierte Phase 3-Studie mit Alprazolam (Staccato®) zur Beurteilung, Wirksamkeit und Sicherheit von Alprazolam (Staccato®) 2 mg bei Patienten mit stereotypen, prolongierten Anfällen. Die STARS-Studie richtet sich an Menschen (ab 12 Jahre) mit Epilepsie, die immer wieder anhaltende epileptische Anfälle (d. h. Anfälle, die länger als 3 Minuten dauern) haben.
- ToSEE-Studie: Prospektive, multizentrische, doppelblinde, randomisierte Medikamentenvergleichsstudie (Valproat vs. Levetiracetam) zur Identifikation einer wirksamen und sicheren Therapie (2. Therapiestufe) des Status epilepticus in der älteren Bevölkerungsgruppe.
- X-TOLE2-Studie: Multizentrische, randomisierte, doppelblinde, placebo-kontrollierte Phase 3-Studie zur Bewertung der klinischen Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit von XEN1101 als Zusatztherapie bei erwachsenen Patienten mit der Diagnose einer therapierefraktären fokalen Epilepsie, die 1 bis 3 anfallssuppressive Medikamente (ASM) einnehmen.
- X-ACKT-Studie: Multizentrische, randomisierte, doppelblinde, placebo-kontrollierte Phase 3-Studie zur Bewertung der klinischen Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit von XEN1101 als Zusatztherapie bei erwachsenen Patienten mit primär generalisierten tonisch-klonischen Anfällen.
Diese Studien bieten Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, an der Entwicklung neuer Therapien teilzunehmen und von innovativen Behandlungsansätzen zu profitieren.
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German Registry of Antiepileptic Drugs in Pregnancy with Epilepsy (GRAPE)
Das German Registry of Antiepileptic Drugs in Pregnancy with Epilepsy (GRAPE) ist Teil des Internationalen Schwangerschaftsregisters European Registry of Antiepileptic Drugs in Pregnancy (EURAP). Das Ziel des Schwangerschaftsregisters ist ein Vergleich der Sicherheit der verschiedenen Antiepileptika für das ungeborene Kind bezüglich der Häufigkeit von kongenitalen Fehlbildungen und von pränatalen Wachstumsverzögerungen.
Innovative Ansätze in der Epilepsieforschung
Die Epilepsieforschung in Deutschland zeichnet sich durch innovative Ansätze und interdisziplinäre Zusammenarbeit aus. Einige Beispiele sind:
- PerEpi: Dieses Projekt befasst sich mit Verfahren, die ohne physisches Eindringen in den Körper der Patientinnen und Patienten auskommen (sogenannte nicht-invasive Verfahren). Die in diesem Vorhaben erforschten Methoden sollen die Grundlage für weitere Entwicklungsarbeiten sein, die langfristig dazu dienen, die Anfallsursprungszone im Gehirn von einzelnen Patientinnen und Patienten besser zu bestimmen. Außerdem könnte die hier erforschte Elektrostimulation Patientinnen und Patienten helfen, deren Epilepsie-Erkrankung weder durch Medikamente noch durch eine Operation behandelt werden kann.
- Einsatz von KI-Methoden: In der Analyse von Anfällen im EEG-Video-Monitoring werden zunehmend KI-Methoden eingesetzt, um die Anfälle besser zu verstehen und vorherzusagen.
- Mobile Gesundheitstechnologien: Die Entwicklung und Anwendung mobiler Gesundheitstechnologien ermöglicht die automatische Erkennung und Dokumentation epileptischer Anfälle sowie die Untersuchung von Biomarkern im Blut und physiologischen Markern.
Herausforderungen und zukünftige Perspektiven
Trotz der großen Fortschritte in der Epilepsieforschung gibt es noch viele Herausforderungen. Eine wichtige Aufgabe ist die weitere Verbesserung der Diagnostik, um die Anfallsursprungszone im Gehirn genauer zu lokalisieren und die geeignete Therapieform auszuwählen. Auch die Entwicklung neuer Medikamente und Therapieverfahren, die besser wirksam sind und weniger Nebenwirkungen haben, ist von großer Bedeutung. Darüber hinaus ist es wichtig, die psychosozialen Aspekte der Epilepsie stärker zu berücksichtigen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Die Epilepsieforschung in Deutschland ist gut aufgestellt, um diese Herausforderungen anzugehen und weitere Fortschritte in der Diagnostik und Therapie der Epilepsie zu erzielen. Durch die enge Zusammenarbeit von Klinikern, Forschern und Patienten können neue Erkenntnisse gewonnen und innovative Behandlungsansätze entwickelt werden, die das Leben von Menschen mit Epilepsie nachhaltig verbessern.
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