Knochenmarkuntersuchung in Neurologie und Orthopädie: Diagnostik, Verfahren und klinische Bedeutung

Die Knochenmarkuntersuchung, bestehend aus Knochenmarkaspiration und -biopsie, ist ein wichtiges diagnostisches Instrument in der Hämatologie und Onkologie. Obwohl sie nicht primär zur neurologischen oder orthopädischen Standarddiagnostik gehört, kann sie in bestimmten Fällen wertvolle Informationen liefern, insbesondere wenn systemische Erkrankungen mit neurologischen oder orthopädischen Manifestationen vermutet werden.

Einleitung

In der Neurochirurgie und Orthopädie werden Patienten mit einer Vielzahl von Beschwerden vorgestellt, die von akuten Verletzungen bis hin zu chronischen Erkrankungen reichen. Die rasche und zielgerichtete Diagnostik ist entscheidend für die Einleitung einer adäquaten Therapie. Während bildgebende Verfahren wie MRT und CT in diesen Fachbereichen eine zentrale Rolle spielen, kann die Knochenmarkuntersuchung in bestimmten Situationen ergänzende Informationen liefern.

Grundlagen der Knochenmarkuntersuchung

Die Knochenmarkuntersuchung umfasst zwei Hauptverfahren: die Knochenmarkaspiration und die Knochenmarkbiopsie.

Knochenmarkaspiration

Bei der Aspiration wird mit einer dünnen Nadel Knochenmarkflüssigkeit und -zellen aus dem Knochenmark entnommen. Die aspirierte Probe wird anschließend zytologisch, durchflusszytometrisch sowie molekular- und zytogenetisch untersucht. Dieses Verfahren ermöglicht die Beurteilung der Blutzellen und ihrer Vorläufer sowie die Identifizierung von abnormalen Zellen, wie sie bei Leukämien oder anderen hämatologischen Erkrankungen vorkommen.

Knochenmarkbiopsie

Bei der Biopsie wird mit einer speziellen Hohlnadel (Jamshidi-Nadel) ein Knochenmarkzylinder entnommen. Die histopathologische Untersuchung des Zylinders erlaubt die Beurteilung der Knochenmarkstruktur, der Verteilung der Zellen und der Knochenbälkchen. Dieses Verfahren ist besonders nützlich bei der Diagnose von Erkrankungen, die das Knochenmark diffus infiltrieren, wie z.B. Myelofibrose oder Lymphome.

Lesen Sie auch: Knochenmark und Rückenmark im Vergleich

Indikationen für eine Knochenmarkuntersuchung

Die Knochenmarkpunktion ist indiziert, wenn der Verdacht auf eine maligne hämatologische Erkrankung besteht, wie zum Beispiel auf eine akute Leukämie, ein Myelodysplastisches Syndrom oder ein Multiples Myelom. Auch bei unklaren Veränderungen des Blutbildes, die anderweitig nicht abgeklärt werden können, kann eine Punktion indiziert sein.

Durchführung der Knochenmarkuntersuchung

Die Knochenmarkpunktion wird meist in Seitenlage durchgeführt. Bevorzugter Punktionsort ist die Spina iliaca posterior superior am hinteren Beckenkamm. Nach Desinfektion der Haut erfolgt die örtliche Betäubung, wobei ein Depot an der Haut, im Gewebe und auf dem Periost gesetzt wird. Nach einer Wartezeit von 5-10 Minuten wird die Aspirationsnadel durch die Haut und bis auf das Periost eingeführt. Am Knochen wird die Nadel dann mit einer Drehbewegung durch das Periost, die Kortikalis und bis in die Spongiosa vorgeschoben. Erst wenn die Nadel festsitzt, liegt sie tief und sicher im Knochen. Dann kann die Spritze zur Aspiration aufgesetzt werden.

Nach der Aspiration kann eine Knochenmarkstanze erfolgen. Dazu wird mittels eines sterilen Skalpells eine kleine Hautinzision durchgeführt und die Jamshidi-Nadel eingeführt. Auch diese Nadel wird mittels Drehbewegung durch das Periost und die Kortikalis bis in die Spongiosa eingebracht. Sitzt sie dort fest, wird auch hier der innere scharfe Mandrin entfernt. Dann wird die äußere Hohlnadel unter Druck und leichten Drehbewegungen weitere 1-2 cm in den Knochen vorgeschoben.

Nach der Untersuchung wird die Punktionsstelle für 1-2 Minuten komprimiert und mit einem sterilen Pflaster und einem Kompressionsverband abgedeckt. Der Patient legt sich danach für 10-20 Minuten mit dem Rücken auf einen Sandsack, der unter der Punktionsstelle platziert wird.

Knochenmarkuntersuchung in der Neurologie

In der Neurologie wird die Knochenmarkuntersuchung selten als primäres diagnostisches Mittel eingesetzt. Sie kann jedoch in folgenden Situationen von Bedeutung sein:

Lesen Sie auch: Was ist der Unterschied?

  • Abklärung unklarer neurologischer Symptome: Wenn neurologische Symptome wie Polyneuropathie, Myopathie oder Enzephalopathie auftreten und der Verdacht auf eine systemische Erkrankung besteht, kann die Knochenmarkuntersuchung helfen, die Diagnose zu sichern. Beispielsweise können bestimmte Formen der Polyneuropathie durch eine Amyloidose verursacht werden, die sich im Knochenmark nachweisen lässt.
  • Diagnose von neurologischen Komplikationen hämatologischer Erkrankungen: Patienten mit Leukämien, Lymphomen oder Multiplen Myelomen können neurologische Komplikationen wie Meningitis, Hirnblutungen oder Nervenkompressionen entwickeln. Die Knochenmarkuntersuchung kann helfen, die Grunderkrankung zu identifizieren oder den Progress der Erkrankung zu beurteilen.
  • Differenzialdiagnose von Muskelerkrankungen: In seltenen Fällen können Muskelerkrankungen durch eine Infiltration des Knochenmarks mit Tumorzellen oder Entzündungszellen verursacht werden. Die Knochenmarkuntersuchung kann in diesen Fällen zur Diagnosefindung beitragen.
  • Diagnostik bei Vaskulitiden: Bei bestimmten Vaskulitiden, die das Nervensystem betreffen können, kann die Knochenmarkuntersuchung Hinweise auf die zugrunde liegende Erkrankung liefern.

Knochenmarkuntersuchung in der Orthopädie

Auch in der Orthopädie spielt die Knochenmarkuntersuchung eine eher untergeordnete Rolle. Sie kann aber in folgenden Fällen indiziert sein:

  • Abklärung unklarer Knochenschmerzen: Wenn Knochenschmerzen unklarer Ursache auftreten und der Verdacht auf eine maligne Erkrankung des Knochens besteht, kann die Knochenmarkuntersuchung zur Diagnosefindung beitragen. Insbesondere bei Verdacht auf ein Multiples Myelom oder Knochenmetastasen kann die Knochenmarkuntersuchung wertvolle Informationen liefern.
  • Diagnose von Knochenmarkinfektionen: Bei Verdacht auf eine Osteomyelitis oder andere Knochenmarkinfektionen kann die Knochenmarkuntersuchung helfen, den Erreger zu identifizieren und die Therapie zu steuern.
  • Differenzialdiagnose von Knochennekrosen: Bei Knochennekrosen unklarer Ursache kann die Knochenmarkuntersuchung helfen, die zugrunde liegende Ursache zu identifizieren. Beispielsweise können bestimmte Formen der Knochennekrose durch eine Sichelzellanämie oder andere hämatologische Erkrankungen verursacht werden.
  • Beurteilung der Knochenheilung: In bestimmten Fällen kann die Knochenmarkuntersuchung zur Beurteilung der Knochenheilung nach Frakturen oder orthopädischen Eingriffen eingesetzt werden.

Fallbeispiele

Neurologie

Ein 65-jähriger Patient stellt sich mit einer seit einigen Wochen bestehenden Polyneuropathie vor. Die neurologische Untersuchung zeigt eine distal-symmetrische Sensibilitätsstörung und Muskelschwäche. Die üblichen Ursachen für eine Polyneuropathie, wie Diabetes mellitus oder Alkoholabusus, können ausgeschlossen werden. Aufgrund des Verdachts auf eine systemische Erkrankung wird eine Knochenmarkuntersuchung durchgeführt. Diese zeigt eine Infiltration des Knochenmarks mit Amyloid, was die Diagnose einer Amyloidose-assoziierten Polyneuropathie sichert.

Orthopädie

Eine 55-jährige Patientin klagt über seit Monaten bestehende Knochenschmerzen im Bereich der Wirbelsäule. Die Röntgenuntersuchung zeigt multiple osteolytische Läsionen. Aufgrund des Verdachts auf Knochenmetastasen wird eine Knochenmarkuntersuchung durchgeführt. Diese zeigt eine Infiltration des Knochenmarks mit Plasmazellen, was die Diagnose eines Multiplen Myeloms sichert.

Risiken und Komplikationen

Die Knochenmarkuntersuchung ist ein relativ sicheres Verfahren, birgt aber wie jede invasive Maßnahme gewisse Risiken. Zu den häufigsten Komplikationen gehören:

  • Schmerzen: Während der Aspiration und Biopsie kann es zu Schmerzen kommen, trotz lokaler Betäubung.
  • Blutungen: An der Punktionsstelle kann es zu Blutungen kommen, insbesondere bei Patienten mit Gerinnungsstörungen.
  • Infektionen: In seltenen Fällen kann es zu Infektionen an der Punktionsstelle kommen.
  • Verletzungen von Nerven, Muskeln oder Knochen: In sehr seltenen Fällen kann es zu Verletzungen von Nerven, Muskeln oder Knochen kommen.

Alternative diagnostische Verfahren

In vielen Fällen können alternative diagnostische Verfahren die Knochenmarkuntersuchung ersetzen oder ergänzen. Dazu gehören:

Lesen Sie auch: Neurologie vs. Psychiatrie

  • Bildgebende Verfahren: MRT, CT und Röntgenuntersuchungen können wertvolle Informationen über den Zustand des Knochens und des umliegenden Gewebes liefern.
  • Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen, Urinuntersuchungen und Liquordiagnostik können Hinweise auf systemische Erkrankungen oder Infektionen liefern.
  • Muskel- oder Nervenbiopsie: Bei Verdacht auf eine Muskelerkrankung oder Polyneuropathie kann eine Muskel- oder Nervenbiopsie zur Diagnosefindung beitragen.

tags: #knochenmark #neurologie #oder #orthopadie