Kognitive Neurologie: Ein umfassender Überblick

Die kognitive Neurologie ist ein faszinierendes und wichtiges Feld, das sich mit den neuronalen Grundlagen höherer Hirnleistungen befasst. Sie untersucht, wie Erkrankungen des zentralen Nervensystems kognitive Fähigkeiten wie Gedächtnis, Orientierung, Sprache, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Exekutivfunktionen beeinträchtigen können. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die kognitive Neurologie, einschließlich diagnostischer und therapeutischer Ansätze, relevanter neuroanatomischer Strukturen und aktueller Forschungsarbeiten.

Fokus auf frühe Diagnose und krankheitsmodifizierende Therapien

Ein besonderer Schwerpunkt der kognitiven Neurologie liegt auf der Früherkennung von kognitiven Beeinträchtigungen, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit leichter kognitiver Störung (MCI) und leichter Alzheimer-Demenz. Eine frühe Diagnose ist entscheidend, um rechtzeitig krankheitsmodifizierende Therapien einzuleiten, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung von Anti-Amyloid-Antikörpern (z.B. Lecanemab, Donanemab) zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit.

Eignungskriterien für Anti-Amyloid-Antikörper-Therapie

Geeignete Patientinnen und Patienten für eine Therapie mit Anti-Amyloid-Antikörpern befinden sich in einem frühen Stadium der symptomatischen Erkrankung (MMST ≥20/22), weisen eine nachgewiesene Amyloid-Pathologie (Liquor oder PET-CT) auf, sind Nichtträger oder heterozygot für ApoE ε4 und stimmen einer Aufnahme in das Programm für kontrollierten Zugang zu.

Ausschlusskriterien für Anti-Amyloid-Antikörper-Therapie

Nicht geeignet sind Patientinnen und Patienten mit MRT-Befunden einer zerebralen Amyloidangiopathie (Mikroblutungen, Makroblutungen, superfizielle Siderose), Einnahme von Antikoagulationen oder mit Gerinnungsstörungen sowie anderweitige schwerwiegende Begleiterkrankungen.

Diagnostische Verfahren in der kognitiven Neurologie

Zur umfassenden Abklärung kognitiver Störungen stehen verschiedene diagnostische Verfahren zur Verfügung:

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  • Neurologische Untersuchung: Eine detaillierte neurologische Untersuchung dient der Beurteilung des Nervensystems und des Ausschlusses anderer neurologischer Ursachen für die kognitiven Beeinträchtigungen.
  • Neuropsychologische Diagnostik: Die neuropsychologische Testung umfasst eine Reihe standardisierter Tests zur Erfassung verschiedener kognitiver Funktionen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprache, Exekutivfunktionen und visuell-räumliche Fähigkeiten.
  • Bestimmung von neurodegenerativen Biomarkern im Nervenwasser (Liquor): Die Analyse des Liquors ermöglicht die Bestimmung von Biomarkern wie Amyloid-β und Tau-Protein, die auf neurodegenerative Prozesse hinweisen können.
  • Bildgebende Verfahren: Moderne Methoden der strukturellen und funktionellen Bildgebung, wie Magnetresonanztomographie (MRT) und Positronenemissionstomographie (PET), werden eingesetzt, um Veränderungen im Gehirn zu visualisieren und neurobiologische Marker kognitiver Störungen zu charakterisieren.

Neuropsychologische Funktionen und ihre Störungen

Neurologische Erkrankungen können verschiedene neuropsychologische Funktionen beeinträchtigen. Zu den wichtigsten gehören:

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeitsstörungen gehören zu den häufigsten neuropsychologischen Folgen erworbener Hirnschädigungen. Verschiedene Teilfunktionen der Aufmerksamkeit können unabhängig voneinander beeinträchtigt sein:

  • Vigilanz: Reaktionsbereitschaft herstellen
  • Daueraufmerksamkeit: Längere Phasen konzentrierter Belastung durchhalten
  • Selektive Aufmerksamkeit: Informationen auswählen und irrelevante Informationen ignorieren
  • Geteilte Aufmerksamkeit: Mehrere Aufgaben gleichzeitig ausführen
  • Exekutive Aufmerksamkeit: Willentliche Steuerung von Aufmerksamkeit, Aufgabenwechsel

Diagnostisch werden Papier-Bleistift-Tests, Testbatterien (z.B. TAP, Wiener Testsystem) eingesetzt. Therapeutisch kommen Trainings einzelner Aufmerksamkeitskomponenten in Frage.

Neuroanatomie der Aufmerksamkeit

Das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS) und der Nucleus reticularis thalami sind wichtig für die Modulation der tonischen Alertness. Noradrenerge (Locus coeruleus) und cholinerge (Septum, Habenula) Strukturen sind wichtig für die selektive Aufmerksamkeit. Das rechtsseitige, frontoparietale Netzwerk ist dominant für die räumliche Aufmerksamkeit, Alertness und Vigilanz.

Visuelle Wahrnehmung

Neurovisuelle Störungen treten häufig nach Hirnschädigungen auf. Sie können verschiedene Aspekte des Sehens betreffen:

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  • Gesichtsfelddefekte: Homonyme Gesichtsfeldausfälle sind häufig nach Schlaganfällen.
  • Visuelle Explorationsstörungen: Das visuelle Absuchen von Vorlagen ist zeitaufwendig und ineffizient.
  • Fusionsstörungen: Störungen der Verschmelzung der beiden Seheindrücke zu einem räumlichen Bild.
  • Farbwahrnehmungsstörungen: Störungen der Farbtonunterscheidung.
  • Bewegungswahrnehmungsstörungen: Probleme beim Einschätzen von Geschwindigkeit und Lageveränderungen bewegter Objekte.
  • Visuelle Agnosien: Unfähigkeit, Objekte, Bilder oder Gesichter visuell zu erkennen, trotz intakter elementarer visueller Funktionen.

Die Diagnostik umfasst eine strukturierte Anamnese und spezifische Testverfahren zur Erfassung der verschiedenen visuellen Funktionen.

Sprache und Sprechen

Sprachliche Beeinträchtigungen können sich in verschiedenen Formen äußern:

  • Dysarthrie: Sprechstörung aufgrund von Störungen der Sprechmuskulatur.
  • Sprechapraxie: Störung der Planung und Programmierung von Sprechbewegungen.
  • Aphasie: Sprachstörung aufgrund einer Schädigung des Sprachzentrums im Gehirn.

Die Diagnostik umfasst die Analyse der Sprachproduktion im freien Gespräch und spezifische Tests zur Erfassung der verschiedenen sprachlichen Funktionen. Therapeutisch kommen Sprachtherapie und alternative Kommunikationsmittel in Frage.

Gedächtnis

Gedächtnisstörungen können verschiedene Gedächtnisbereiche betreffen:

  • Orientierung: Störungen der zeitlichen, örtlichen, situativen und personalen Orientierung.
  • Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis: Schwierigkeiten beim kurzfristigen Halten und Manipulieren von Informationen.
  • Langzeitgedächtnis: Schwierigkeiten beim Lernen und Behalten neuer Informationen.
  • Altgedächtnis: Schwierigkeiten beim Abrufen von Informationen aus der Vergangenheit.

Die Diagnostik umfasst die Befragung der Patienten und Angehörigen sowie spezifische Gedächtnistests. Therapeutisch kommen übende Funktionstherapie und Kompensationstherapie in Frage.

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Exekutivfunktionen

Exekutivfunktionen umfassen höhere kognitive Prozesse, die für zielgerichtetes Verhalten notwendig sind:

  • Arbeitsgedächtnis: Kurzfristiges Speichern und Verarbeiten von Informationen.
  • Planungsfähigkeit: Entwicklung und Umsetzung von Handlungsplänen.
  • Kognitive Flexibilität: Fähigkeit, sich an veränderte Bedingungen anzupassen.
  • Doppelaufgaben: Fähigkeit, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten.

Die Diagnostik umfasst spezifische Tests zur Erfassung der verschiedenen exekutiven Funktionen. Therapeutisch kommt das Training einzelner Komponenten wie Planung, Aufgabenwechsel, Flexibilität und Arbeitsgedächtnis in Frage.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte

Die kognitive Neurologie ist ein sich ständig weiterentwickelndes Feld. Aktuelle Forschungsschwerpunkte umfassen:

  • Neurobiologische Grundlagen kognitiver Prozesse: Untersuchung der neuronalen Mechanismen von Aufmerksamkeit, Motorik und anderen kognitiven Funktionen.
  • Entwicklung innovativer Therapiestrategien: Entwicklung neuer Ansätze zur Behandlung kognitiver Störungen, einschließlich verhaltensmodifizierender, technischer und pharmakologischer Ansätze.
  • Identifizierung von Biomarkern: Suche nach sensitiven Biomarkern zur Früherkennung und Verlaufsbeobachtung von neurodegenerativen Erkrankungen.
  • Untersuchung von Lernprozessen: Untersuchung der neuronalen Korrelate von Lernprozessen im gesunden und geschädigten Gehirn.
  • Schlaf und Gedächtniskonsolidierung: Erforschung der Rolle des Schlafs bei der Gedächtniskonsolidierung und Entwicklung von Interventionen zur Verbesserung der Schlafqualität und Gedächtnisleistung.
  • Kognitives Training und Hirnstimulation: Untersuchung der Effekte von kognitivem Training in Kombination mit nicht-invasiver Hirnstimulation auf kognitive Leistung.
  • Einfluss von Ernährung auf kognitive Funktionen: Untersuchung der Wirkung von Nahrungsinhaltsstoffen auf die Funktion von Nervenzellen und geistige Fähigkeiten.
  • Herz-Hirn-Interaktionen: Erforschung der neuronalen Mechanismen, die dem visuellen Bewusstsein und der visuomotorischen Koordination zugrunde liegen, sowie des Einflusses von Herzsignalen auf die kortikale Dynamik.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die kognitive Neurologie ist ein interdisziplinäres Feld, das die Zusammenarbeit von Neurologen, Neuropsychologen, Sprachtherapeuten, Radiologen und anderen Fachleuten erfordert. Durch die Kombination verschiedener Expertisebereiche können Patientinnen und Patienten mit kognitiven Störungen optimal diagnostiziert und behandelt werden.

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