Die Funktion der Steißbeinnerven: Anatomie, Funktion und klinische Bedeutung

Das Nervensystem des Menschen ist ein komplexes Netzwerk, das in das zentrale Nervensystem (ZNS) und das periphere Nervensystem (PNS) unterteilt wird. Das ZNS besteht aus Gehirn und Rückenmark, während das PNS die neuronalen Komponenten umfasst, die sich aus dem ZNS fortsetzen und sich außerhalb des ZNS befinden. Die 31 bis 33 Spinalnervenpaare sind ein wesentlicher Bestandteil des PNS und spielen eine entscheidende Rolle bei der Verbindung des Rückenmarks mit der Peripherie.

Die Spinalnerven: Eine Übersicht

Der Mensch besitzt variabel 31 bis 33 Spinalnerven, die zwischen den einzelnen Wirbeln durch die Zwischenwirbellöcher treten. Diese Nerven sind (fast) analog zur Rückenmarkseinteilung auf jeder Seite angeordnet:

  • 8 Halsnerven (Nervi cervicales)
  • 12 Brustnerven (Nervi thoracales)
  • 5 Lendennerven (Nervi lumbales)
  • 5 Kreuzbeinnerven (Nervi sacrales)
  • 1 Steißbeinnerv (Nervus coccygeus)

Die Spinalnerven werden auch als Rückenmarksnerven bezeichnet und können grob in zwei Gruppen unterteilt werden: efferente und afferente Nerven. Efferente Nerven tragen Informationen vom Rückenmark nach peripher und leiten beispielsweise den im zentralen Nervensystem entstandenen „Auftrag“ der Bewegung eines Muskels bis zu diesem weiter. Auch Informationen zur Regulation von Organfunktionen werden über efferente Nerven weitergeleitet. Afferente Nerven leiten Informationen in die Gegenrichtung, also von peripher in Richtung Rückenmark, und dienen beispielsweise der Weiterleitung von sensiblen Wahrnehmungen wie Berührung, Temperatur, Schmerz und Lagesinn in Richtung des zentralen Nervensystems.

Aufbau und Funktion eines Spinalnervs

Jeder Spinalnerv tritt durch das Zwischenwirbelloch aus und teilt sich in verschiedene Äste auf:

  • Einen vorderen Ast (Ramus anterior / ventralis) zur Versorgung von Haut und Muskeln der Körpervorderseite.
  • Einen hinteren Ast (Ramus posterior / dorsalis) zur Versorgung von Haut und Muskeln der Körperrückseite.
  • Einen „verbindenden“ Ast (Ramus communicans), der vegetative Informationen leitet.
  • Einen kleinen sensiblen Ast (Ramus meningeus) zur Versorgung der schmerzempfindlichen Rückenmarkshäute.

Der Spinalnerv enthält somit auch Nervenanteile, die der Regulation des autonomen (vegetativen) Nervensystems - dem Sympathikus und dem Parasympathikus - dienen. Grundsätzlich gilt, dass jedes Spinalnervenpaar sensibel ein bestimmtes Körpersegment versorgt. So ist die Innervation der Haut insbesondere am Rumpf streifenförmig, diese Streifen werden als Dermatome bezeichnet.

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Die Steißbeinnerven (Nervi coccygei)

Von den 31 bis 33 Spinalnervenpaaren ist der Steißbeinnerv der letzte und kleinste. Er entspringt dem Conus medullaris, dem kaudalen Ende des Rückenmarks, und verlässt den Wirbelkanal durch das Foramen sacrococcygeum. Aufgrund seiner geringen Größe und der begrenzten Region, die er innerviert, wird dem Steißbeinnerv oft weniger Aufmerksamkeit geschenkt als anderen Spinalnerven.

Anatomie

Der Steißbeinnerv ist ein gemischter Nerv, der sowohl sensorische als auch motorische Fasern enthält. Er ist der letzte Spinalnerv und entspringt dem Steißbeinsegment des Rückenmarks. Er verläuft zusammen mit dem Nervus sacralis 5 und bildet den Plexus coccygeus. Dieser Plexus ist ein kleines Nervengeflecht, das sich vor dem Steißbein befindet.

Funktion

Die genaue Funktion des Steißbeinnervs ist noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass er eine Rolle bei der sensorischen Innervation der Haut über dem Steißbein und der motorischen Innervation des Musculus coccygeus spielt. Der Musculus coccygeus ist ein kleiner Muskel, der sich im Beckenboden befindet und bei der Stabilisierung des Steißbeins und der Unterstützung der Beckenorgane hilft.

Klinische Bedeutung

Verletzungen des Steißbeinnervs sind selten, können aber zu Schmerzen im Steißbeinbereich (Coccygodynie) führen. Ursachen für eine Schädigung des Steißbeinnervs können Traumata, Operationen oder Tumore sein. Die Diagnose einer Steißbeinnervenläsion kann schwierig sein, da die Symptome oft unspezifisch sind. Bildgebende Verfahren wie MRT können jedoch helfen, andere Ursachen für Steißbeinschmerzen auszuschließen.

Behandlung

Die Behandlung von Steißbeinnervenläsionen hängt von der Ursache und dem Schweregrad der Symptome ab. Konservative Maßnahmen wie Schmerzmittel, Physiotherapie und Sitzkissen können helfen, die Beschwerden zu lindern. In einigen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den Nerv zu dekomprimieren oder das Steißbein zu entfernen (Coccygectomie).

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Plexusbildung der Spinalnerven

Ein Teil der Spinalnerven bilden in ihrem Verlauf sogenannte Plexus, also Nervengeflechte. Hier vermischen sich mehrere Spinalnerven und ziehen weiter nach peripher. Daher gilt diese streng streifenförmige und segmentale Innervation für sensible Wahrnehmungen nicht für alle Bereiche des Körpers; insbesondere an Armen und Beinen findet eine solche Plexus-Bildung statt. Die Innervation der Muskeln ist ebenfalls zumeist nicht allein von einem Spinalnervensegment getragen. Die einzelnen Segmente haben ihre sogenannten Kennmuskeln. Die wichtigsten Plexus sind der Plexus brachialis, das Armnervengeflecht, und der Plexus lumbosacralis für den Lenden- und Beinbereich.

Erkrankungen und Beeinträchtigungen der Spinalnerven

Die häufigste Form der Beeinträchtigung von Spinalnerven ist die Beteiligung im Sinne eines Wurzelsyndroms, was bedeutet, dass im Rahmen verschiedener Erkrankungen eine (oder mehrere) Nervenwurzeln in welcher Art auch immer in Mitleidenschaft gezogen werden und dann Ausfälle entsprechend der ihnen eigenen Leitungsqualitäten auftreten. Dies sind, bezogen auf einen bestimmten Körperabschnitt (entsprechend einem Segment), vor allem:

  • Schmerzen
  • Missempfindungen wie Kribbeln (= Parästhesien)
  • Gefühlsstörungen bis hin zur Taubheit
  • Muskelschwäche (Lähmungen) und Reflexabschwächung

Ursachen für eine Reizung einer Spinalnervenwurzel (Rückenmarksnervenwurzel) gibt es sehr viele, insbesondere im Zusammenhang mit degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule wie z.B. dem Bandscheibenvorfall oder der Spinalkanalstenose, wo eine Wurzel letzten Endes zusammengedrückt und dadurch gereizt wird. Die andauernde Reizung einer Nervenwurzel im Bereich der Wirbelsäule kann zu einer Nervenwurzelentzündung führen, welche sich in den oben genannten Symptomen äußert. Dies ist meist in den unteren Segmenten (Lendenbereich) oder aber auch in den Halssegmenten der Fall.

Krankheiten, die eine Spinalwurzel oder einen Spinalnerven (Rückenmarksnerven) DIREKT, also nicht im Sinne eines Kompressionssyndroms betreffen, sind eher entzündlicher Natur und meist von „neurotropen“ (d.h. „nervenliebenden“) Erregern verursacht. Darüber hinaus gibt es meist eine Mitbeteiligung des peripheren Nervensystems im Sinne einer Radikulopathie / Neuropathie (d.h. krankhaftes Geschehen ohne Entzündung) bei Vergiftungen (z.B. Blei) oder Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes mellitus), die aber meist keine eindeutige Symptomatik verursachen.

Mögliche Ursachen für Spinalnervenläsionen

  • Raumfordernde Prozesse wie ein Bandscheibenvorfall, Abszess, Hämatom oder Tumorgeschehen
  • Entzündliche Ursachen (Radikulitis), hier unterscheidet man:
    • Erregerbedingte Entzündungen z.B. im Rahmen der durch das Bakterium Borrelia burgdorferi verursachte Neuroborreliose (Borreliose) oder die Gürtelrose (Zoster), bei der das Varizella-Zoster-Virus die sensiblen Ganglienzellen befällt und sich entlang des zugehörigen Spinal- (oder Gesichts-) nerven ausbreitet und Schmerzen verursacht
    • Autoimmunologisch verursachte Entzündungen z.B. das Guillain-Barré-Syndrom mit symmetrischen, von den Beinen aufsteigenden Lähmungen (bis hin zur Atemlähmung) mit Zerstörung der isolierenden Myelinscheiden durch die Bildung von gegen Nervenbestandteile gerichteten Antikörpern (Autoantikörper).

Eine direkte Entzündung des Rückenmarksnervs (Spinalnervs) ist kein eigenständig beschriebenes Krankheitsbild, jedoch kann eine Entzündung einer Nervenwurzel im Bereich des Rückenmarks auftreten. Der Spinalnerv entsteht durch Vereinigung beider Nervenwurzeln, der Vorder- und Hinterwurzel; liegt eine Entzündung einer solchen Nervenwurzel vor, ist auch der entsprechende Spinalnerv betroffen. Man spricht bei der Entzündung einer Nervenwurzel von einer Radikulitis, sind mehrere Nervenwurzeln betroffen, ist von einer Polyradikulitis die Rede.

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Symptome und Diagnose einer Spinalnervenläsion

Mögliche Symptome einer Entzündung der Nervenwurzel sind Schmerzen und Sensibilitätsstörungen. Dabei ist jeweils mit Ausstrahlungen in das Gebiet zu rechnen, welches von der entsprechenden Wurzel beziehungsweise dem nachfolgenden Spinalnerven versorgt wird. So kann eine Nervenwurzelirritation im Bereich des zehnten thorakalen Spinalnerven zu Beschwerden im Bereich der Bauchwand auf Höhe des Bauchnabels führen. Ist der fünfte lumbale Spinalnerv betroffen, so führt dies typischer Weise zu ins Bein einschießenden Schmerzen oder Missempfindungen die bis in den großen Zeh ausstrahlen.

Ein weiteres Symptom einer Radikulitis kann eine Abschwächung der Funktion des Muskels sein, der von der entsprechenden Nervenwurzel versorgt wird. So wäre beispielsweise bei einer Wurzelläsion der fünften zervikalen Nervenwurzel eine Abschwächung der Kraft des Bizepsmuskels (Musculus biceps brachii) möglich. Eine vollständige Lähmung würde jedoch nicht auftreten, da der Bizepsmuskel auch von Anteilen des sechsten zervikalen Spinalnerven versorgt wird. Auch Störungen der Reflexe und der Schweißsekretion im betroffenen Segment oder Muskel sind mögliche Symptome einer Radikulitis.

Therapie von Spinalnervenläsionen

Die Therapie ist vollständig abhängig von der Ursache. Bei mechanischen Ursachen ist eine operative Beseitigung des Auslösers eine Möglichkeit. Handelt es sich um infektiöse Erreger, ist oftmals eine medikamentöse (v.a. antibiotische) Therapie vonnöten. Relativ bekannt ist auch die als "Gürtelrose" bezeichnete Erkrankung, die durch das Varicella-zoster-Virus (VZV) ausgelöst wird. Es erkranken nur Menschen, die im Laufe ihres Lebens bereits ein Windpockeninfektion durchgemacht haben, da es sich bei dem auslösenden Virus um dasselbe handelt, welches lebenslang in den sogenannten Spinalganglien im Körper verweilt und in Phasen einer Immunschwäche den Herpes zoster auslösen kann. Hierbei ist meist primär besagtes Spinalganglion betroffen und da die Nervenwurzel sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet, breitet sich das Virus hierüber in die Peripherie aus. Typisch für einen Herpes zoster sind einseitige Beschwerden, wie Schmerzen und Missempfindungen im betroffenen Spinalnervensegment, sowie eine ebenfalls streng auf dieses Gebiet begrenzte einseitige Bläschenbildung. Auch Sensibilitätsstörungen im betroffenen Segment sind nicht selten.

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