Multiple Sklerose Prävention: Strategien zur Beeinflussung des Krankheitsverlaufs

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems, die Gehirn und Rückenmark betrifft. Die Ursache ist bis heute unbekannt. Diese Krankheit, auch Encephalomyelitis disseminata genannt, bezieht sich auf die im Nervensystem verstreuten Entzündungsherde. Die Symptome sind sehr unterschiedlich und variabel. Häufige erste Anzeichen sind Lähmungen der Gliedmaßen oder Gefühlsstörungen am Rumpf oder an den Extremitäten, oft auch Sehstörungen in Form von Verschwommensehen oder Doppelbildern. MS ist nicht heilbar, aber behandelbar. Ziel ist es, den Verlauf der Erkrankung zu verlangsamen und die Lebensqualität bestmöglich zu erhalten.

Bedeutung der Früherkennung

Der Früherkennung der MS kommt eine immense Bedeutung zu. Eine frühzeitige Diagnosestellung und dementsprechend frühe Therapieeinleitung können einen sehr positiven Einfluss auf den gesamten weiteren Krankheitsverlauf haben. Die Diagnosemethoden und -kriterien werden international regelmäßig von Expertenteams überprüft und angepasst. Dadurch ist man heutzutage in der Lage, eine MS zu einem viel früheren Zeitpunkt zu diagnostizieren und eine geeignete Therapie einzuleiten, als noch vor 10 Jahren.

Risikofaktoren und Präventionsansätze

Da die Ursachen der MS multifaktoriell und zum Teil noch nicht ausreichend erforscht sind, ist eine generelle Aussage zur Krankheitsprävention schwierig zu treffen. Es gibt jedoch einige bekannte Risikofaktoren, die beeinflusst werden können.

Nikotinkonsum und Übergewicht

Nikotinkonsum und massives Übergewicht können bereits vor Ausbruch der Krankheit einen begünstigenden Faktor darstellen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass viele Menschen mit diesen Risikofaktoren keine MS entwickeln.

Bewegung und körperliche Aktivität

Studien haben gezeigt, dass Bewegung, einschließlich Kraft- und Ausdauertraining, Yoga und Pilates, einen positiven Effekt auf den Verlauf der MS, die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten und auch den Umgang mit Begleitsymptomen wie Schmerzen haben kann. Ein kombiniertes Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining in der Gruppe kann zur Verbesserung von Mobilität und Stabilität im Alltag beitragen.

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Ernährung und Darmflora

Eine entzündungsfördernde Darmflora scheint Einfluss auf die Entzündungsaktivität der MS zu haben. Über die Ernährung ist eine Beeinflussung möglich, zum Beispiel durch ballaststoffreiche Kost, Vollkornprodukte, viel Gemüse, Nüsse und Reduktion von "leeren" Kohlenhydraten. Insgesamt ist eine mediterrane Kost uneingeschränkt bei Menschen mit MS (wie auch bei allen anderen) zu empfehlen.

Vitamin D

Der Vitamin D Spiegel sollte untersucht und ggf. angepasst werden.

Individuelle Therapieentscheidung

Wichtig ist die individuelle Therapieentscheidung für die Patientinnen und Patienten, je nach Krankheitsverlauf und Bedürfnissen. Zum Beispiel ist die Familienplanung eine wichtige Frage. Je nachdem, wie die Lebenspläne sind, kann auch die Therapie angepasst werden. Von großer Bedeutung ist dabei der vertrauensvolle Kontakt zur Neurologin oder zum Neurologen. Denn wenn eine Therapie zum Beispiel unangenehme Nebenwirkungen verursacht, die die Lebensqualität beeinträchtigt, muss man diese heutzutage nicht aushalten. Besser ist es dann, über einen Therapiewechsel zu sprechen.

Umgang mit der Erkrankung im Alltag

Ergänzend wird allen Patientinnen und Patienten geraten, ihre individuellen Ressourcen zu entdecken, zu nutzen, aber sich auch immer wieder Pausen zu gönnen. Das kann eine Sportart sein, die einem Freude bereitet, die Natur, oder auch mal einfach Zeit für sich. Das ist dann auch ein Punkt, bei dem Angehörige unterstützen können. Oft ist Zuhören und einfaches "zur Seite stehen" schon hilfreich. Auch Verständnis für "unsichtbare" Symptome wie die Fatigue, die einen oft aus heiterem Himmel überfällt, kann für die Patientinnen und Patienten entlastend sein. Auf der anderen Seite ist es auch von Bedeutung, die Patientinnen und Patienten in ihrer Selbstständigkeit zu fördern.

Ernährungsempfehlungen im Detail

Obwohl MS-Patienten häufiger spezielle Diätformen angeraten werden, existiert keine wissenschaftlich fundierte MS-Diät. Die momentanen Ernährungsempfehlungen konzentrieren sich in Analogie zu anderen entzündlichen Erkrankungen vorrangig auf die Beeinflussung des Entzündungsgeschehens.

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Vermeidung von Entzündungsfördernden Stoffen

Unbedingt einzuschränken ist der Fleischkonsum, denn insbesondere rotes Fleisch und Wurst enthalten viele entzündungsfördernde Stoffe. Zu hoher Zuckerkonsum fördert Entzündungen. Daher ist es sinnvoll, den Verzehr von Kohlenhydraten (etwa Weißbrot, Nudeln) und vor allem von Zucker- und Knabberkram zu begrenzen. Das betrifft auch zum Beispiel Eis oder gesüßte Joghurts und Müslis.

Förderung einer gesunden Darmflora

Ein weiterer Ansatz ist, für mehr gute Darmbakterien zu sorgen: und zwar mit Pro- und Präbiotika. Denn aus ballaststoffreichen Lebensmitteln stellen Darmbakterien wertvolle kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat und Propionat her. Sie werden zur Reparatur der Nervenzellen gebraucht.

Mediterrane Kost

Die mediterrane Kost orientiert sich an den traditionellen Ernährungsgewohnheiten der Bewohner im Mittelmeergebiet. Die Grundbausteine sind vor allem Gemüse, pflanzliche Öle (vor allem Olivenöl) und Fisch. Abgerundet werden diese durch Früchte, Nüsse und Käse. Fleisch und Fleischwaren werden nur in kleinen Mengen verzehrt; tierische Fette sind eher unbekannt. Gleichzeitig werden die Speisen in der Regel roh bzw. Nudeln gehören zwar traditionell vor allem bei der italienischen Küche zum täglichen Speiseplan, werden hier aber in geringeren Mengen verzehrt als in Deutschland und beschränken sich auf etwa 50-100 g Rohware. Die mediterrane Kost vereint zwei Faktoren, die für MS-Patienten empfehlenswert ist. Zum einen wird durch das Bevorzugen von Pflanzenölen und Fisch Fettsäure-Zufuhr modifiziert. Die Arachidonsäure-Aufnahme ist eher gering, die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren erhöht. Gleichzeitig werden über rohes bzw. schonend gegartes Gemüse reichlich Vitamine und Antioxidantien zugeführt, die das Entzündungsgeschehen beeinflussen können.

Omega-3-Fettsäuren

Positiv wirken sich die entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren aus. Omega-3-Fettsäuren finden sich in Leinöl oder sogenanntem Algenöl, außerdem in fettreichem Fisch wie Lachs, Hering und Makrele. In einer Studie zeigte sich, dass MS-Patienten, die regelmäßig Fisch konsumierten, weniger unter neurologischen Beschwerden litten. Dies wird auf die antiinflammatorische (entzündungshemmende) Wirkung der Omega-3-Fettsäuren zurückgeführt. Interessanterweise profitierten nicht nur jene Patienten, die fettreiche Kaltwasserfische wie Makrele, Lachs, Thunfisch oder Forellen mit hohem Omega-3-Gehalt aßen, sondern auch diejenigen, die häufig magere Fischarten wie Kabeljau, Pollack, Schellfisch oder Zander verzehrten. Es wird vermutet, dass neben den Omega-3-Fettsäuren auch die Aminosäure Taurin eine Rolle bei der schützenden Wirkung spielt. Walnüsse mit ihrem hohen Gehalt an Alpha-Linolensäure könnten ebenfalls protektiv wirken. Fischöl senkt weder das MS-Risiko noch die Aktivität der Multiplen Sklerose. Fisch schon.

Vegetarische Ernährung

MS-Patienten, die sich vollständig fleischlos ernähren möchten, können von der vegetarischen Ernährungsform durchaus profitieren. Durch den Verzicht von Fleisch und Wurstwaren wird die Arachidonsäure-Aufnahme bereits erheblich reduziert. Wird neben Fleisch auch Fisch vermieden, sollte bei der Auswahl von Ölen besonders auf die Qualität und das Fettsäurespektrum geachtet werden. Raps-, Walnuss-, Hanf- und Leinöl.

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Gluten und Casein

Forschende haben Hinweise darauf, dass Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) häufiger zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen wie etwa MS auftritt. Der Zusammenhang ist jedoch nicht klar und noch nicht ausreichend erforscht. Einzelnen Betroffenen kann ein Glutenverzicht Linderung verschaffen, dasselbe gilt für einen Verzicht auf Milchprodukte: Forschende haben gezeigt, dass Casein (Kuhmilcheiweiß) in Mäusen eine Autoimmunreaktion triggern kann, die die Nervenzellen schädigt. Bei der Umstellung auf eine entzündungshemmende Ernährung und insbesondere beim Weglassen/Wiedereinführen von Gluten und Casein sollten MS-Betroffene am besten Ernährungs- und Symptomtagebuch führen.

Genetische und Umweltfaktoren

MS ist eine komplexe, multifaktorielle Erkrankung mit bislang unbekannter Ätiologie. Diskutierte Ursachen sind bislang Spekulationen. Wahrscheinlich erhöhen genetische Veranlagungen die Empfindlichkeit mancher Menschen gegenüber bestimmten Umweltfaktoren bzw. MS tritt familiär gehäuft auf, was für eine Beteiligung bestimmter Erbanlagen an der Krankheitsentstehung spricht. Multiple Sklerose tritt in der Familie eines Erkrankten mit 15 % auch bei Familienangehörigen auf. Verschiedene Familienstudien an ein- bzw.

Da die Häufigkeitsverteilung der MS zwischen den einzelnen Klimazonen stark variiert, wird auch die Beteiligung von Umwelteinflüssen an der Krankheitsentstehung angenommen. Dabei scheinen besonders Faktoren eine Rolle zu spielen, denen wir in der Kindheit ausgesetzt sind. Beobachtungen bei Auswanderern beispielsweise zeigten, dass Menschen, die vor ihrem 15. Lebensjahr von einer Hochrisikoregion in eine Niedrigrisikoregion umsiedelten, ein geringeres Risiko im Vergleich zu den Altersgenossen in ihrem Heimatland aufweisen. Ältere Jugendliche und Erwachsene profitierten hingegen nicht mehr von der neuen Heimat [McL 2011].

Als Auslöser werden ähnlich wie bei anderen Autoimmunerkrankungen Virusinfektionen in der Kindheit diskutiert, in deren Zuge sich fehlerhafte, gegen körpereigene Strukturen gerichtete Antikörper entwickeln. Mit einer MS wurden bereits verschiedenste Erreger in Zusammenhang gebracht, mit denen Betroffene in ihrer Vergangenheit häufiger infiziert waren als die restliche Bevölkerung.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

Frauen erkranken bis zum 50. Lebensjahr häufiger an einer MS als Männer. Später gleicht sich die Häufigkeit zwischen den Geschlechtern aus [Com 1997]. Warum es in jüngeren Jahren zu dieser ungleichen Verteilung kommt, ist nicht bekannt. Denkbar sind vor allem hormonelle Einflüsse auf die Krankheitsentstehung bzw. deren Verlauf.

MS-Behandlungsmethoden: Frühzeitige Intervention im Fokus

Lange Zeit wurde in der Behandlung der Multiplen Sklerose die Eskalationsstrategie verfolgt: Die Therapie begann mit besonders verträglichen, aber auch vergleichsweise schwachen Medikamenten. Erst wenn der MS-Verlauf sich verschlechterte, wurde der Behandlungsplan überarbeitet, und stärkere Wirkstoffe kamen zum Einsatz. Das klingt zwar sinnvoll, um Betroffene vor unnötigen Nebenwirkungen zu schonen. Allerdings stehen heute für die MS-Therapie auch hocheffektive Therapien (HET) mit verbessertem Sicherheitsprofil zur Verfügung. Diese modernen Therapien sind einer der Gründe, warum sich die Empfehlungen für die MS-Behandlung gerade verändern: weg von der Eskalationsstrategie, hin zur proaktiven Behandlung mit hocheffektiven Medikamenten. Das Credo lautet nun: Hit hard and early - die MS-Behandlung soll also die MS früh und hart treffen. Denn je früher die medikamentöse Therapie der Multiplen Sklerose beginnt und je effektiver sie den Entzündungen entgegenwirkt, desto besser.

Auswirkungen der Therapie auf die Lebensqualität

MS kann die Lebensqualität von Patienten stark negativ beeinflussen. Als besonders belastend werden dabei nicht nur die körperlichen Einschränkungen, sondern vor allem Symptome wie Fatigue, kognitive Probleme, Depressionen oder Angst erlebt. Kognitive Symptome der MS werden in der ärztlichen Praxis häufig unterschätzt oder bleiben unerkannt; für die Betroffenen haben sie jedoch eine hohe Relevanz [1].

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