Die Kommunikation mit neurologischen Patienten stellt eine besondere Herausforderung dar. Erkrankungen des Nervensystems können die Fähigkeit zur verbalen und nonverbalen Kommunikation erheblich beeinträchtigen. Umso wichtiger ist es, dass Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige über Strategien und Leitlinien verfügen, die eine effektive und würdevolle Kommunikation ermöglichen. Dieser Artikel fasst die wichtigsten Aspekte und Empfehlungen aus aktuellen Leitlinien zusammen, um die Versorgung von neurologischen Patienten in diesem Bereich zu verbessern.
Was sind Leitlinien?
Leitlinien sind systematisch entwickelte Aussagen, die dazu dienen, die Entscheidungsfindung von Ärzten, anderen im Gesundheitssystem tätigen Personen und Patienten zu unterstützen. Sie zielen darauf ab, eine angemessene gesundheitsbezogene Versorgung in spezifischen klinischen Situationen zu gewährleisten. Durch die Zusammenführung und Bewertung von Wissen aus verschiedenen Quellen sowie die Berücksichtigung unterschiedlicher Standpunkte und situativer Erfordernisse fördern Leitlinien die Transparenz medizinischer Entscheidungen. Lediglich Stufe 3 und S2e-Leitlinien sind als evidenzbasiert zu bezeichnen, wobei ein systematisches und transparentes Vorgehen bei allen Schritten der Entwicklung entscheidend ist.
Bedeutung der Kommunikation bei neurologischen Erkrankungen
Neurologische Erkrankungen können vielfältige Auswirkungen auf die Kommunikationsfähigkeit haben. Patienten können Schwierigkeiten haben, sich verbal auszudrücken, Sprache zu verstehen oder nonverbale Signale zu interpretieren. Dies kann zu Rückzug, Frustration und Missverständnissen führen, sowohl bei den Betroffenen als auch bei ihren Betreuern.
Im Verlauf einer neurologischen Erkrankung können Patienten nicht nur die Fähigkeit zur artikulierten Mitteilung, sondern auch das Verstehen von Sprache und die soziale Anschlussfähigkeit verlieren. In der klinischen Praxis resultieren daraus häufig Rückzug, Frustration und Missverständnisse - sowohl auf Seiten der Erkrankten als auch des betreuenden Umfelds.
Trotz dieser Herausforderungen ist Kommunikation weiterhin möglich, wenn sie an die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten angepasst wird.
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Empfehlungen für die Kommunikation mit neurologischen Patienten
Die Alzheimer Forschung Initiative e.V. hat sieben praxistaugliche Empfehlungen zusammengestellt, die es ermöglichen, die Verständigung auch im fortgeschrittenen Krankheitsstadium aufrechtzuerhalten. Im Fokus stehen dabei Empathie, situative Orientierung und sprachliche Vereinfachung - Maßnahmen, die gleichermaßen auf nonverbale Kommunikationskanäle wie auf eine bewusste Gesprächsführung abzielen.
Praktische Strategien zur Gesprächsführung im Pflegealltag
- Respektvolle Gesprächsebene schaffen: Ein ruhiger Tonfall, Blickkontakt und eine offene Körperhaltung stärken das Sicherheitsgefühl und fördern die Aufnahmebereitschaft. Es gilt, dem Patienten als gleichwertigem Gesprächspartner zu begegnen - auch bei eingeschränkter Reaktionsfähigkeit.
- Sprachliche Vereinfachung umsetzen: Kurze Sätze mit einer klaren Botschaft erleichtern das Verständnis. Ja/Nein-Fragen oder Auswahlmöglichkeiten (z. B. Getränke) reduzieren kognitive Anforderungen und fördern zugleich die Autonomie.
- Wirklichkeitsverzerrung nicht konfrontativ korrigieren: Zeitliche und inhaltliche Desorientierung gehören zum klinischen Bild. Statt korrigierend einzugreifen, empfiehlt sich ein validierender Umgang mit der subjektiven Realität des Patienten.
- Alltagsumgebung in die Kommunikation einbeziehen: Visuelle, olfaktorische oder akustische Reize aus der Umgebung können als kontextuelle Anker genutzt werden. Sie erleichtern das Verständnis gesprochener Inhalte deutlich.
- Kommunikative Geduld aufbringen: Langsame, wiederholte Sprache mit klarer Artikulation, ergänzt durch Pausen, erlaubt dem Patienten eine adäquate Verarbeitung und Reaktion - auch bei verzögerter Kognition.
- Nonverbale Kanäle nutzen: Gestik, Mimik und Berührungen kompensieren fehlende verbale Ausdrucksfähigkeit. Besonders im Spätstadium kann ein stabiler Blickkontakt entscheidend sein, um Beziehung erlebbar zu machen.
- Soziale Teilhabe ermöglichen - auch ohne Sprache: Alte Fotos, Musik oder gemeinsames Verweilen im Freien schaffen Verbindung jenseits des gesprochenen Wortes. Emotionale Resonanz bleibt oft bis zuletzt erhalten.
Palliativversorgung und Kommunikation
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat eine neue S2k-Leitlinie zur Palliativversorgung bei neurologischen Leiden vorgestellt. Eine palliativmedizinische Mitbehandlung sollte laut der Leitlinie spätestens dann erfolgen, wenn Patientinnen und Patienten sich mit einer nicht heilbaren, lebenszeitverkürzenden neurologischen Erkrankung und belastenden körperlichen, psychischen, sozialen oder spirituellen Problemen in ihrem letzten Lebensjahr befinden. Sie könne aber bereits früher sinnvoll sein, um Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Wichtig sei, rechtzeitig Regelungen für einen künftigen Verlust der Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeit zu treffen und zu dokumentieren. „Das gilt insbesondere im Hinblick auf die Therapie, aber auch die Fortsetzung oder mögliche Beendigung medizinischer Maßnahmen, die im Rahmen einer partizipativen Entscheidungsfindung mit den Patientinnen und Patienten getroffen werden sollte, gegebenenfalls auch mit Einbeziehung der Angehörigen“, hieß es aus der Leitliniengruppe.
Spezielle Aspekte der palliativmedizinischen Versorgung von neurologischen Patientinnen und Patienten umfassen laut der Leitlinie unter anderem die Therapie von Kommunikationsstörungen, Dysphagie und Atemnot aufgrund neuromuskulärer Ursachen. Weitere Gesichtspunkte seien Prinzipien der Arzneimitteltherapie bei Schluckstörungen.
Besonders wichtig ist laut der Leitliniengruppe, die Selbstbestimmung möglichst lange zu erhalten. „Der Leidensdruck sollte ernst genommen werden. Bei geäußertem Todeswunsch sollten palliativmedizinische Therapiemöglichkeiten bis hin zur gezielten palliativen Sedierungstherapie angeboten werden“, so die Empfehlung.
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Die DGN hat bei der Arbeit an der Leitlinie mit verschiedenen Fachgesellschaften und Fachverbänden zusammengearbeitet.
Patienten-Leitlinie "Neuropalliative Versorgung"
Leiden lindern, Lebensqualität verbessern - das ist auch für neurologisch Schwerkranke möglich. Die neue Patienten-Leitlinie klärt darüber ausführlich und laienverständlich auf. Wie versorgt man neurologisch schwer Erkrankte mit begrenzter Lebenserwartung am besten? Dazu gibt es umfangreiche medizinische Empfehlungen. Diese wurden jetzt mit der Patienten-Leitlinie „Neuropalliative Versorgung“ in eine verständliche Form für Erkrankte und Angehörige übersetzt. Sie können die Leitlinie kostenfrei herunterladen.
Die Empfehlungen der Patienten-Leitlinie sollen Erkrankten und Angehörigen helfen, sich aktiv an medizinischen Entscheidungen zu beteiligen. Denn Menschen mit schweren Erkrankungen des Nerven- und Muskelsystems leiden oft unter starken Beeinträchtigungen wie Lähmungen, kognitiven Störungen oder Kommunikationsschwierigkeiten. Ziel der neuropalliativen Versorgung ist es, die Lebensqualität der Erkrankten umfassend zu verbessern. Obwohl in den letzten Jahren Fortschritte in der neurologischen Therapie (etwa bei Multipler Sklerose, Schlaganfall oder Parkinson) erzielt wurden, nimmt der Bedarf an palliativ-medizinischer Versorgung stetig zu. Weltweit leben heute etwa eine Milliarde Menschen mit einer neurologischen Erkrankung. Wie behandelt man eine neurologische Krankheit am besten? Verständliche Antworten geben Patienten-Leitlinien. Mit Ihrer Hilfe können wir unsere bundesweite Aufklärung zu neurologischen Erkrankungen ausweiten.
Weitere relevante Leitlinien im Überblick
Im Laufe des Jahres wurden verschiedene Leitlinien zu neurologischen Erkrankungen aktualisiert oder neu veröffentlicht. Einige Beispiele sind:
- S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp: Die Leitlinie gibt ausschließlich Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp. Chronische Migräne, Hemicrania continua, Münzkopfschmerz sowie neu aufgetretener täglicher anhaltender Kopfschmerz werden in einer separaten Leitlinie behandelt.
- S1-Leitlinie Myotone Dystrophien, nicht dystrophe Myotonien und periodische Paralysen: Unter anderem empfiehlt die neue S1-Leitlinie die regelmäßige Kontrolle von Herz, Lunge und Augen und sie legt präzise symptomatische Therapien z. B. mit Modafinil und Physiotherapie dar. Eine genetische Beratung über den Erbgang der Erkrankung wird in jedem Fall empfohlen.
- S2k-Leitlinie COVID-19 und (Früh-) Rehabilitation: Die Leitlinie informiert zu Rehabilitations-Maßnahmen, einschließlich Früh-Rehabilitation. Sie beschreibt, wie Patientinnen und Patienten mittels medizinischer Rehabilitation sowie ambulanter und Langzeit-Betreuung nach Covid-19 versorgt werden, u. a. bei längerer Symptom-Persistenz (Long-Covid/Post-Covid).
- S2k-Leitlinie Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis Optica Spektrum und MOG-IgG-assoziierte Erkrankungen - Living Guideline: Die Neuerungen umfassen u. a. eine stärkere Gewichtung der Magnetresonanztomografie zur Beurteilung von Krankheitsaktivität und für Therapieentscheidungen. Zudem ordnet die Leitlinie (neu zugelassene) Substanzen für die Behandlung einer Multiplen Sklerose und einer Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung ein.
- S3-Leitlinie Demenzen: 1,6 Millionen Menschen sind in Deutschland aktuell an einer Demenz erkrankt. Ihnen die optimale Therapie zu ermöglichen, ist das Ziel der neuen S3-Leitlinie Demenzen. Sie umfasst 109 Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlung von Demenzen.
- S2e-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen bei neurologischen Erkrankungen im Erwachsenenalter: Die neue Leitlinie fasst zusammen, wie die Aufmerksamkeitsleistung erfasst und wie z. B. Fatigability, Einschlafneigung und Fatigue sinnvoll diagnostiziert werden. Die Therapie erfolgt dann abhängig von der Schwere der Aufmerksamkeitsstörung.
- S1-Leitlinie Crampi/Muskelkrampf: Die neue S1-Leitlinie fasst die Differenzialdiagnostik und Therapie von Muskelkrämpfen (Crampi) bei erwachsenen Menschen zusammen.
- S1-Leitlinie Ataxien des Erwachsenenalters: Die Leitlinie ist primär eine Diagnoseleitlinie. Die Datenlage zu Therapien ist sehr begrenzt, weshalb evidenzbasierte Aussagen kaum möglich sind. Daher finden sich in der Leitlinie zwar therapeutische Aspekte, allerdings ohne Angaben zu Evidenz- und Empfehlungsstärke.
- S2k-Leitlinie Parkinson-Krankheit: Neu in der S2k-Leitlinie zu Parkinson sind beispielsweise erstmals konkretere Empfehlungen für die humangenetische Diagnostik und eine Neubewertung bildgebender bzw. apparativer Zusatzuntersuchungen. Es gibt außerdem ein Update zu (nicht) medikamentösen Therapien und Behandlungsempfehlungen für Begleiterkrankungen- bzw. Symptome.
- S2k-Leitlinie Zerebrale Sinus- und Venenthrombose: Gemäß der Leitlinie sollen Menschen mit zerebraler Venen-/Sinusthrombose (CVST) in der Akutphase mit niedrigmolekularem statt mit unfraktioniertem Heparin behandelt werden. Nach der Akutphase werden direkte orale Antikoagulanzien empfohlen. Auch Empfehlungen zur Behandlung von Frauen, z. B. in Schwangerschaft und Wochenbett, gibt die Leitlinie.
- S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Trigeminusneuralgie: Neurologinnen und Neurologen können die Trigeminusneuralgie (TN) aufgrund ihrer prägnanten Symptomatik relativ leicht diagnostizieren. In den letzten Jahren wurden neue Erkenntnisse zur Symptomatik, Pathophysiologie und Behandlung der TN gewonnen, die u. a. zu einer geänderten Klassifizierung der Erkrankung geführt haben.
- S3-Leitlinie Versorgung peripherer Nervenverletzungen: Wesentliche Neuerungen der Leitlinie umfassen die Epidemiologie peripherer Nervenverletzungen, iatrogene Nervenverletzungen und die bildgebende Diagnostik mittels Magnetresonanz-Neurografie. Zudem haben sich therapeutisch Nerventransfers zu einer fest etablierten Technik entwickelt.
- Neue S2k-Leitlinie: Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter: Die neu konzipierte S2k-Leitlinie Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter beschreibt neben den diagnostischen Schritten nach einem ersten epileptischen Anfall das gesamte therapeutische Spektrum.
- S2k-Leitlinie Ärztliche Begutachtung von Menschen mit chronischen Schmerzen: Die S2k-Leitlinie zur Schmerzbegutachtung wurde aktualisiert. Sie soll Hilfestellung bei Begutachtungen geben, die im Auftrag von Institutionen oder Gerichten über von Gesundheitsproblemen - hier chronische Schmerzen - Betroffenen erstellt werden.
- S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie des postpunktionellen und spontanen Liquorunterdruck-Syndroms: Im klinischen Alltag kommt ein Liquorunterdruck-Syndrom nach diagnostischer Lumbalpunktion oder spinaler Anästhesie häufig vor. Das spontane Liquorunterdruck-Syndrom wird hingegen häufig fehlinterpretiert. Die Leitlinie möchte präzise diagnostische Kriterien an die Hand geben und nennt Therapieoptionen abhängig von der Genese des Syndroms.
- S2k-Leitlinie Riech- und Schmeckstörungen: Neu in der Leitlinie ist u. a. der aktuelle Wissensstand zu SARS-CoV-2 assoziierten Riech- und Schmeckstörungen und ein Kapitel zu Therapien mit Biologika hinsichtlich sinunasaler Riechstörung.
- S2k-Leitlinie Ambulant erworbene bakterielle Meningoenzephalitis im Erwachsenenalter: Die Leitlinie gibt einen Überblick zu notwendigen diagnostischen Maßnahmen und aktuellen Therapieempfehlungen bei ambulant erworbener bakterieller Meningoenzephalitis. Bei Verdacht sollten beispielsweise umgehend Blutkulturen entnommen, eine lumbale Liquor-Entnahme durchgeführt und Dexamethason und Antibiotika verabreicht werden.
- S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Neglect und andere Störungen der Raumkognition: In der Leitlinie finden sich neue Vorschläge zum therapeutischen Vorgehen für verschiedene Neglect-Schweregrade. Zudem wird auf derzeit interessante Erweiterungen durch den Einsatz von „Augmented Reality“- und von „Virtual Reality“-Verfahren eingegangen.
- S1-Leitlinie Intrakranieller Druck (ICP): Die S1-Leitlinie beinhaltet kleine Änderungen, Aktualisierungen und Anpassungen zur Therapie des erhöhten intrakraniellen Drucks, gegenüber der letzten Version Stand 2017.
- S2k-Leitlinie Rehabilitation von sensomotorischen Störungen: Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumoren, Multiple Sklerose und Neuromuskuläre Erkrankungen: Die neue Leitlinie fasst für diverse Krankheitsbilder zusammen, worauf bei einer Rehabilitation sensomotorischer Störungen zu achten ist.
- S1-Leitlinie Pädiatrische Multiple Sklerose: Die Leitlinie zur pädiatrischen Multiple Sklerose (MS) umreißt Unterschiede zur adulten MS und gibt Empfehlungen zur Diagnostik bei der Erstuntersuchung, zu Immuntherapien und zur Therapie akuter Schübe.
- S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Störungen der Stimmfunktion (Dysphonien): Viele Menschen sind in ihrer täglichen Berufstätigkeit stark auf ihre Stimme angewiesen. Die neue Leitlinie trägt die aktuelle Evidenz von diagnostischen und therapeutischen Methoden zur Behandlung von Störungen der Stimmfunktion zusammen.
- S1-Leitlinie Zerebrale Gefäßmalformationen (arteriovenöse Malformationen, arteriovenöse Fisteln, Kavernome): Zu verschiedenen zerebralen Gefäßmalformationen umreißen die Autorinnen und Autoren der aktualisierten S1-Leitlinie die Evidenzlage und geben wichtige Empfehlungen zur Therapiewahl.
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